Morris, William. Kunde von Nirgendwo, ein utopischer Roman.
Morris, William. Kunde von Nirgendwo, ein utopischer Roman. Herausgegeben von Wilhelm Liebknecht. Stuttgart: J. H. W. Dietz, 1920. This document is also available in printer-friendly Rich Text format. [p. 2] Inhalts-Verzeichnis Einleitung zu dem Roman
[p. 3] Ja, wo liegt Nirgendwo? Nun, wo soll es liegen? Welches" Nirgendwo? Welches von den vielen Taufend und Hunderttausend, Millionen und Billionen Nirgendwo, die es gegeben hat, gibt und geben wird, solange der Mensch etwas anderes ist als eine selbsttätige Maschine, als ein Selfaktor von Fleisch und Blut? Hat doch jeder Mensch fein Nirgendwo --und die meisten nicht bloß eines, sondern mehrere, viele. Und das einzige, was wir über die Lage von Nirgendwo wissen, ist, daß es nicht da liegt, wo wir sind und wo wir glauben. Nirgendwo, das ist die Welt der Wünsche, der Träume, der Ideale. Die Fee, welche dem großäugigen Kind die Leidens- und Glücksgeschichte Schneewittchens und des Aschenputtels erzählt, sie kommt von Nirgendwo; die Musen, welche dem Jüngling den Hippogryphen satteln „zum Ritt ins alte romantische Land", sie kommen von Nirgendwo; der Halbgott, den die Jungfrau, die Halbgöttin--nein Göttin, die der Jüngling sich sehnsuchtsvoll zugesellt, sie wohnen in Nirgendwo; die Ruhe, die Sorgenlosigkeit, die dem arbeitenden Manne, dem arbeitenden Weibe während des nie rastenden Kampfes um das Dasein als Fata Morgana vorgaukelt, sie wohnt in Nirgendwo; und der Siegeslorbeer, nach dem der sterbende Fechter schaut--er winkt aus Nirgendwo. Nirgendwo, das Land der Wünsche, der Träume, der Ideale, der Zukunft. Das Land der Zukunft--die kommende Zeit. The good time coming--„die gute kommende Zeit" des gegenwartsmüden Arbeiters. In die Zukunft flüchten sich die Wünsche. Alles Schöne und Gute, das die Gegenwart mit rauher Hand zurückweist, flieht in die schrankenlose, unbegrenzte, allem und allen Raum bietende, schimmernde Zukunft. Immer weiter dringt der Menschengeist vor--Reich um Reich erobert er--, doch niemals hat er genug; ungeduldig--und wäre das Reich noch so groß--läßt er den Blick über die Grenze hinwegschweifen, will wissen, welche neuen Reiche der morgige Tag ihm erschließen wird. Aber ein Schleier verhüllt, was hinter der Grenze liegt. Mehr als ein Schleier--denn durch einen Schleier kann man doch wenigstens Umrisse ahnen--, es ist ein Vorhang, ein dicker, schwerer, eiserner Vorhang. Ihn zu heben, durch irgendeine Spalte hindurchzugucken, wen gelüstete es nicht? Bon der Köchin, die den zukünftigen sehen will, bis zum politisierenden Sancho Pansa, der vor Neu- [p. 4] gierde platzt, ob er im Zukunftsstaat auch sein Leibessen in genügender Menge und Güte bekommt, hat jeder und jede--wenigstens zu-zeiten, das heißt wenn Zeit dazu ist--ein brennendes Verlangen, den Schleier der Zukunft zu lüften, den dicken, schweren, eisernen Vorhang zu heben. Mancher hat gesagt, es sei ihm gelungen. Er nannte sich Prophet, und verlegte sich aufs Prophezeien. Im großen und ganzen haben sie kein Glück gehabt, die Propheten und Prophezeier. Indes ihr Geschlecht ist noch nicht ganz ausgestorben, wenn auch die Überbleibsel etwas auf den Hund gekommen sind wie so viele alte Herrschergeschlechter. Namentlich der Wetterprophet und der politische Prophet sind in argem Verruf; allein das Prophetentum hat eine geheimnisvolle Anziehungskraft, so daß die Zahl derer nicht alle wird, die das von ihm untrennbare Martyrium der Lächerlichkeit voll Heldenmut auf sich nehmen. Sich die Zukunft ausmalen--das Zukunftsland schauen, den Zukunftsstaat, die Wunderwelt von Nirgendwo, wen lockte es nicht? Aus der Vergangenheit die Zukunft herauslesen--wer hätte es nicht versucht? Und wer betrachtet gleichgültig die Versuche, auch wenn er die Unmöglichkeit kennt? Alle Schilderungen der mit dem Vorhang der Zukunft bedeckten Wunderwelt Nirgendwo haben deshalb einen magischen Reiz und erfreuen sich allezeit großer Beliebt-heit und Volkstümlichkeit. Und nun jetzt, in dieser brodelnden, gärenden Gegenwart, wo eine Welt in Kindes- und Todesnöten ist und eine neue Welt sich hervorringt--wer brennt nicht, zu wissen, was der morgige Tag bringt? Gerade in Zeiten der Auflösung, des Wechsels, der Umgestaltung, der gesellschaftlichen und staatlichen Neugeburt ist der Hang zu Wanderungen ins Land Nirgendwo, das auf Griechisch Utopia heißt, am lebhaftesten. Und einen Vorteil hat jeder Zukunftsstaat--ganz abgesehen von dem Vergnügen, das er uns bereitet--, er ist unser Staat, er ist so, wie wir ihn wollen und wünschen. Seit der Amerikaner Bellamy uns in seinem „Rückblick", der in Wirklichkeit ein Vorblick ist, das Jahr 2000 gezeigt hat, sind die „Utopien"--die Schilderungen des Landes Nirgendwo--wie Pilze aus dem Boden hervorgewachsen. Meistens schale, talentlose Nachahmungen. Indes auch tüchtige. Und die „Kunde von Nirgendwo" von allen wohl die tüchtigste. Ein Dichter hat sie geschrieben, ein echter Dichter; und der echte Dichter ist sprichwörtlich ein Seher, also gewissermaßen Prophet von Natur und Beruf. Und dazu ist William Morris, der Gründer der „Sozialistischen Liga", an welche sein Zu-kunftsgedicht sich anschließt, ein Sozialdemokrat vom Scheitel zur Sohle. Er gibt uns seinen „Zukunftsstaat", das heißt den Zukunfts- [p. 5] staal, wie er, aus einer Klubsitzung kommend, in einer geisianregen-den Wintersnacht mit Dichter- und Seherblick ihn geschaut hat. Über die Dichtung selbst nur zwei Worte. Sie hat ihre Erklärung in sich. Der Schauplatz ist das heutige London mit seiner Nachbarschaft--und wer sich in den Örtlichkeiten zurechtfinden will, dem raten wir, sich eine Karte der englischen Weltstadt, oder besser der Weltstadt--denn es gibt nur eine, und sie heißt London--nebst deren Umgebungen anzuschaffen. Das wäre ein trefflicher „Führer" für das „Nirgendwo" unseres William Morris. Und wer William Morris noch nicht kennt, der lernt ihn kennen aus seinem Nirgend-heim. Da ist er wie er leibt und lebt, mit seiner romantischen Liebe zum „präraffaelitischen" Mittelalter, mit seinem romantischen Haß gegen die Maschinen und seiner etwas „anarchistischen" Freiheit und Selbstherrlichkeit des Individuums. Auf diese letztere Eigen-schaft mache ich namentlich die manchesterlichen Leierkastenmänner mit der Gassenhauermelodie des „Zwangsstaats" aufmerksam. Im Nirgendwo unseres Morris herrscht der schönste „Individualismus"--da kann jeder nach feiner Fasson selig werden, und wem die Morris-schen Häuser und Einrichtungen nicht gefallen, der mache sich andere. Drüben in unserem Klub, berichtet ein Freund, erging man sich eines Abends in einer sehr lebhaften Diskussion über den „Zukunftsstaat"--wie es nach der Revolution in der Welt aussehen würde; und mehrere Genossen Zeichneten in mehr oder weniger kräf-tigen Umrissen die voll entwickelte sozialistische Gesellschaft, so wie sie sich dieselbe vorstellten. Verhältnismäßig--erzählt unser Freund--verlief die Diskussion ruhig genug und in schönster Ordnung) die Anwesenden waren sämtlich an öffentliche Versammlungen und an Debatten nach Vorträgen gewöhnt: und wenn sie auch nicht gerade aufeinander hörten (was von ihnen kaum zu verlangen war), so redeten sie doch auch nicht alle auf einmal, wie es in der gewöhnlichen guten Gesellschaft zu geschehen pflegt, wenn ein Thema, das sie interessiert, zur Sprache kommt. Es waren sechs Personen zugegen, die selbstverständlich ebenso viele Parteigruppen vertraten und von denen vier stark an-archistischen, aber sehr verschiedenen Anschauungen huldigten. Der Vertreter der einen „Gruppe", den unser Freund genau kennt, ver-hielt sich anfangs ziemlich einsilbig, ließ sich jedoch in das Gespräch [p. 6] hineinziehen und ereiferte sich allmählich derart, daß er schließlich in heftigem Tone jeden Andersdenkenden für einen Narren erklärte. Darob erhob sich ein großer Tumult, auf den nach einer Weile zur Abwechslung eine Ruhepause folgte. Diese ward von be-sagter „Person" dazu benutzt, den Anwesenden freundschaftlichst eine geruhsame Nacht zu bieten und sich alsdann auf den durch eine westliche Vorstadt führenden Heimweg zu machen, zu welchem Zweck sie sich des uns von der Kultur aufgenötigten und zur Gewohnheit gemachten Verkehrsmittels der unterirdischen Eisenbahn bediente. Als der erwähnte Parteimann mit seinen mürrischen Reisegefährten mißvergnügt in diesem Dampfbad, einem Wagen der unterirdischen Eisenbahn schmorte, ließ er, in selbstvorwurfsvoller Stimmung, alle unwiderleglichen und sieghaften Argumente vor sich aufmarschieren, von denen er in der Diskussion keinen Gebrauch gemacht hatte, obgleich sie vor der Nase lagen. Allein er war mit dieser Gemütsverfassung bereits zu vertraut, um sich lange von ihr quälen zu lassen, und nach einer flüchtigen Verstimmung über seinen--gleichfalls gewohnheitsmäßigen--Mangel an Selbstbeherrschung blieben seine Gedanken an dem Hauptgegenstand der Erörterungen haften, ohne daß seine Verdrossenheit und sein Mißbehagen gewichen wären. „Wenn ich nur einen Tag der neuen Zeit erleben könnte," sagte er sich, „nur einen einzigen Tag!" Er hatte diesen Wunsch noch nicht ausgewünscht, als der Iug an seiner Station hielt, von wo er fünf Minuten zu seinem oberhalb einer häßlichen Kettenbrücke am Themseufer gelegenen Hause zu gehen hatte. Er stieg aus und murmelte immer noch recht verdrießlich vor sich hin: „Wenn ich ihn nur erleben könnte! Nur einen einzigen Tag!" Er war aber noch nicht viele Schritte gegangen, so fühlte er--wie unser Gewährsmann berichtet--, daß alles Mißbehagen, alle Unruhe plötzlich von ihm wich. Es war eine schöne Frühwinternacht und die Luft gerade scharf genug, um nach der Hitze des Klublokals und dem muffigen Dunst des Eisenbahnwagens erfrischend und belebend zu wirken. Der Wind, der etwas nach Nordwest umgesprungen war, hatte den Himmel rein gefegt bis auf ein paar helle Lämmerwölkchen, die in schnellem Zuge dahinflatterten. Der junge Mond hing seine Sichel hinter die wirren Zweige einer stattlichen alten Nüster, und bei seinem Anblick wurde dem Wanderer zumute, als befände er sich gar nicht in einer rußigen Vorstadt Londons, sondern auf einem freundlichen, heiteren Stück Landes. Er wanderte geradeswegs zum Flußufer und verweilte ein wenig, um über die niedere Mauer nach dem mondbeschienenen Fluß zu schauen. Die häßliche Brücke gewahrte der Wanderer nicht oder [p. 7] achtete ihrer nicht, einen flüchtigen Augenblick ausgenommen, in welchem ihm auffiel, daß die Lichterreihe stromabwärts nicht zu bemerken war. Darauf schritt er seinem Hause zu und schloß auf, und sowie er die Türe hinter sich zudrückte, verschwand jede Erinnerung an die glänzende Logik und den Seherscharfsinn, durch welche die Zukunftsstaatsdiskussion sich ausgezeichnet hatte, und von dieser selbst blieb keine Spur, außer einer verschwommenen, wie eine Vorfreude empfundenen Hoffnung auf Tage der Ruhe, des Friedens, der Un-schuld und heiter lächelnder Menschenfreundlichkeit. Bon dieser Stimmung beherrscht zog er sich rasch aus und eilte ins Bett, um seiner Gewohnheit gemäß zwei Minuten später in Schlaf zu versinken. Seiner Gewohnheit zuwider erwachte er aber bald darauf in jener wunderlich munteren Verfassung, wie sie selbst gute Schläfer zuweilen kennen lernen, einer Verfassung, in der all unsere Lebensgeister sich aufs äußerste anspannen, während die ganzen Jäm-merlichkeiten, die uns je beunruhigt, jeder Schimpf, jeder Verlust, den wir je erfahren, sich der Erwägung unserer geschärften Lebensgeister aufdrängen. In diesem Zustand verharrte er so lange, bis er fast Freude daran hatte, bis die lange Reihe seiner verflossenen Torheiten ihn zu ergötzen begann und die deutlich von seinem inneren Auge geschauten Wirrnisse sich zu einer unterhaltenden Geschichte ordneten. Er hörte eins schlagen, dann zwei, dann drei, worauf er abermals einschlief. Bald jedoch erwachte er wiederum aus diesem Schlafe und erlebte nun dermaßen überraschende Abenteuer, daß unser Freund, dem er sie erzählte, sich verpflichtet glaubt, sie den Genossen und einem größeren Publikum mitzuteilen. Allein er zieht vor, sie in der ersten Person zu erzählen, als ob er sie selber erlebt hätte, und das wird ihm um so leichter, als er die Empfindungen und Wünsche des Kameraden, von dem ich rede, besser versteht als irgend jemand anders auf Erden. Gut also; ich erwachte und fand, daß ich die Bettdecke abgeworfen hatte, was in Anbetracht der Hitze und des brennenden Sonnenscheins nicht verwunderlich war. Flugs sprang ich auf, wusch mich und fuhr in die Kleider, aber in einer nebligen halbwachen Stimmung, als ob ich wer weih wie lange geschlafen hätte und das Ge-wicht des Schlafes nun nicht abzuschütteln vermöchte. Ich nahm es als selbstverständliche Tatsache an, daß ich mich zu Hause in meinem Zimmer befände, und dachte nicht daran, mich dessen zu vergewissern. Als ich angezogen war, fand ich es so heiß, daß ich nicht nur aus der Stube, sondern auch aus dem Hause flüchtete. Köstliche Erquickung durch die frische Luft und den angenehmen Wind war [p. 8] meine erste Empfindung, die zweite, als mein Bewußtsein zurückkehrte, maßloses Staunen, denn als ich mich abends zuvor zu Bette begab, war es Winter gewesen, und jetzt bekundeten die grünbelaubten Bäume am Ufer, daß es Sommer war, und zwar allem Anschein nach ein herrlicher, Heller Frühjunimorgen. Aber kein Zweifel, die Themse war da, glitzernd im Sonnenschein und mit nahezu höchstem Wasserstand wie abends zuvor, wo sie im Mondschein geglitzert Halle. Noch immer war ich meiner Schlaftrunkenheit nicht völlig Herr, und ich hätte mich deshalb überall schwer zurechtgefunden; und so kann man sich vorstellen, daß ich nicht wenig verdutzt war, trotz des vertrauten Anblicks der Themse. Mir war schwindlig und sonderbar zumute, und da ich mich erinnerte, daß viele Leute hier ein Boot zu mieten und in der Mitte des Stromes ein Schwimmbad zu nehmen pflegten, so beschloß ich desgleichen zu tun. Es scheint zwar sehr früh zu sein, sagte ich mir, aber bei Biffins finde ich doch wohl jemand, der mich überseht. Allein ich kam gar nicht bis zu Biffins, weil ich in diesem Augenblick gerade vor mir, meinem Hause gegenüber, eine Bootlände bemerkte, genau an der Stelle, wo mein Nachbar nebenan eine hingebaut hatte,’ freilich erkannte ich diese nicht recht wieder, so verändert schien sie mir. Indes ich ging stracks drauf zu, und richtig, zwischen den leeren Booten am Lande lag da ein Mann ausgestreckt, in einem breiten, bequemen Kahn, der entschieden für Badende bestimmt war. Er winkte mir zu und bot mir einen guten Morgen, als hätte er mich erwartet, und so sprang ich ohne weitere Redensart hinein und ging dran, mich für mein Schwimmbad hurtig aus den Kleidern zu schälen, während er ruhig fortruderte. Beim Dahinfahren blickte ich unwillkürlich in das Wasser und konnte nicht umhin zu bemerken: „Wie klar das Wasser heute morgen aussieht!" „So?" meinte er; „das ist mir nicht aufgefallen. Die Flut trübt es immer ein bißchen." „Na," sagte ich, „ich hab’s bei halber Ebbe schon recht schlammig gefunden." Er erwiderte nichts, sah aber überrascht aus, und da er gerade hielt und ich mich all meiner Kleider entledigt hatte, sprang ich ohne weiteres ins Wasser. Natürlich wandte ich den Kopf gegen die Flut, sobald ich ihn wieder über Wasser hatte. Meine Augen suchten unwillkürlich nach der Brücke, und was ich erblickte, brachte mich derart aus dem Gleichgewicht, daß ich mit den Armen auszuholen vergaß und pustend unter Wasser geriet. Als ich wieder in die Höhe kam, steuerte ich stracks auf das Boot zu, denn es drängte mich unwiderstehlich, ein paar Fragen an den Fährmann zu richten, so verblüfft hatte mich das, was ich vom Stromesspiegel aus erblickt [p. 9] hatte, als das Wasser mir aus den Augen war. Meine Schlaftrunkenheit hatte sich ganz gelegt, und ich war wieder im Vollbesitz meiner geistigen Spannkraft und Klarheit. Nachdem ich die Treppe, die der Fährmann niedergelassen hatte, heraufgeklettert war, wobei er mir die Hand helfend entgegenhielt, ließen wir uns von der starken Flut etwas nach Chiswick hintreiben. Bald aber ergriff er die Ruder, drehte das Boot herum und sagte: „Ein kurzes Schwimmvergnügen’: Sie finden das Wasser heute nach Ihrer Reise wohl zu kühl? Soll ich Sie sogleich ans Land bringen oder möchten Sie vor dem Frühstück lieber nach Putney hinunter?" Ich starrte ihn an; diese Sprache im Munde eines Fährmanns aus Hammersmith! Das war unbegreiflich. „Bleiben wir noch," antwortete ich, „ich möchte mich ein wenig umsehen." „Gut," erwiderte er; „in seiner Weise ist’s hier so schön wie weiter oben in Barn Elms, wie’s denn zu dieser Frühstunde überall schön ist. Es freut mich, daß Sie so zeitig aufgestanden sind; es ist kaum fünf." Wenn mich der Anblick der Stromufer in Erstaunen gesetzt hatte, so tat es der meines Fährmanns nicht minder, nun’ ich ihn mit klarem Verstand und offenen Augen zu mustern imstande war. Es war ein hübscher, stattlicher junger Mann, dessen Augen so liebenswürdig und freundlich blickten, wie ich es bis zur Stunde noch bei keinem Menschen gesehen hatte, so vertraut mir auch später dieser Ausdruck wurde. Im übrigen war mein Ferge dunkelhaarig, mit bräunlicher Gesichtsfarbe, wohlgebaut, stark und offenbar an Muskeltätigkeit gewöhnt, jedoch ohne irgendwelche Spur von Plump-heit und rohem Wesen, und dabei von einer Sauberkeit, die dem feinsten Gentleman Ehre gemacht hätte. Sein Anzug glich keiner mir bekannten Werktagstracht und hätte sich recht wohl auf einem Gemälde aus dem Leben des vierzehnten Jahrhunderts als Kostüm finden können; er bestand aus dunkelblauem, allerdings schlichtem Tuch, jedoch von feinstem Gewebe und ohne das kleinste Fleckchen. Ein brauner Ledergurt umschlang die Taille, den eine aus Damaszenerstahl kunstvoll ziselierte Schnalle schloß. Kurzum, mein Ferge glich auffallend einem kräftigen und feinen jungen Herrn, der zum Sport den Fährmann spielte; und dieser Annahme neigte ich mich auch zu. Ich fühlte, daß ich etwas sagen mußte, und so deutete ich auf ein paar helle, mit Flaschenzügen und Haken versehene Plankengerüste, welche längs des Ufers aufgerichtet waren, und fragte: „Was geschieht denn damit? Wenn wir uns auf dem Ian [Ein Fluß Schottlands] befänden, so [p. 10] würde ich glauben, daß da Netze für den Lachsfang gelegt werden, so aber--" [Die Themse ist so schmutzig, daß seit Menschenaltern kein Lachs mehr sich hineinwagt]. Er lächelte: „Nun, das geschieht ja eben. Wo Lachs ist, gibt’s auch Lachsnetze, ob’s nun Tay oder Themse ist; aber die Netze werden natürlich nicht immer gelegt. Man kann doch nicht alle Tage Lachs essen." Ich wollte fragen: „Ist denn dies wirklich die Themse?" war aber vor Staunen sprachlos und ließ meine Augen verdutzt nochmals oftwärts nach der Brücke und von da nach den Ufergestaden Londons schweifen, und da gab’s wahrlich zum Verwundern mehr als genug. Denn obwohl sich eine Brücke über den Strom spannte und Häuser am Strande waren, hatte sich doch über Nacht alles merkwürdig verändert. Die Seifensiedereien mit ihren rauchspeienden Schornsteinen waren verschwunden, die Bleiwerke fort, und der Westwind trug von Torneycroft kein Schmiede- und Hämmergetöse mehr herüber. Und die Brücke! Geträumt mochte ich wohl von solch einer Brücke haben, aber ihresgleichen hatte ich nie, auch nicht in einem Bilderprachtwerk gesehen, selbst der Ponte Vecchio in Florenz konnte sich mit ihr nicht vergleichen. Sie bestand aus massiven, kühn ge-schwungenen Steinbogen, reizvoll, ebenso leicht und anmutig wie stark, unter denen der gewöhnliche Schiffsverkehr leicht durchging. Über der Brüstung ragten zierliche und phantastische Bauten hervor, die wie Läden oder Marktbuden aussahen und mit gemalten und vergoldeten Wetterfahnen und Türmchen besetzt waren. Der Stein war etwas wettergefärbt, zeigte jedoch keine Spur jener Nuhschicht, mit der ich gewohnt war jedes Londoner Gebäude, das über ein Jahr alt ist, überzogen zu sehen. Mit einem Worte, die denkbar wundervollste und wunderbarste Brücke! Der Ruderer bemerkte, wie ich die Augen weit aufriß, und als wolle er meine Gedanken beantworten, sagte er: „Eine hübsche Brücke, was? Die Brücken stromaufwärts, die doch viel kleiner find, sehen kaum zierlicher aus und die stromabwärts kaum großartiger und stattlicher." „Aber wie alt ist sie denn?" fragte ich fast widerwillig, meine innere Scheu überwindend. „O, nicht sehr alt," erwiderte er, „sie ist im Jahre 2003 gebaut oder wenigstens eröffnet worden. Vorher stand nur eine einfache Holzbrücke da." Dieses Datum verschloß mir die Lippen, als wäre mir ein Schloß vorgehängt, denn ich begriff, daß etwas Unerklärliches vorgegangen war und daß ein unvorsichtiges Wort mich in ein Chaos von Kreuzfragen und krummen, gewundenen Antworten verwickeln würde. [p. 11] So versuchte ich denn möglichst unbefangen dreinzuschauen und meine Blicke gleichgültig über die Stromufer gleiten zu lassen, trotz der wunderbaren Veränderungen, die ich bis zur Brücke und darüber hinaus, sagen wir bis zu den Seifenfabriken wahrnahm. In einiger Entfernung vom Fluß erhob sich auf beiden Ufern eine Reihe reizender niedriger und nicht sehr großer Backsteinhäuser mit Ziegeldächern, die höchst wohnlich und behaglich aussahen und ganz den Eindruck machten, als ob sich ein recht frohgemutes Leben in ihnen tummle. Ein fortlaufender Garten erstreckte sich von ihnen bis an den Rand des Wassers, und ein üppiger Blumenflor sandte seine köstlichen Duftwellen über den sich kräuselnden Strom; hinter den Häusern ragten mächtige Bäume empor, meistens Platanen, und bis nach Putney zu sah der Strom aus wie ein von blumigen Wald-ufern umsäumter See, so dicht standen die Bäume. Unwillkürlich rief ich aus: „Wie froh bin ich, daß Barn Elms nicht verbaut ist!" Kaum waren jedoch die Worte dem Zaum meiner Jahne entflohen, so errötete ich über meine Albernheit, und mein Gefährte sah mich mit einem Halblächeln an, das ich zu verstehen glaubte. Um meine Verlegenheit zu bemänteln, sagte ich: „Fahren Sie mich jetzt gefälligst ans Ufer, ich möchte gerne frühstücken." Er nickte, drehte den Kahn mit einem scharfen Ruderstoß, und im Nu befanden wir uns wieder an der Bootlände. Er sprang hinaus, ich folgte ihm, und es wunderte mich keineswegs, als er stehen blieb, wie um das unvermeidliche Nachspiel zu erwarten, mit welchem jeder einem Mitbürger geleistete Dienst abzuschließen pflegt. Ich steckte auch sofort die Hand in meine Westentasche und fragte: „Wie viel?" obwohl ich mich des unbehaglichen Gefühls nicht erwehren konnte, daß ich mein Geld vielleicht einem Gentleman anbot. Mit erstaunter Miene fragte er zurück: „Wie viel? Ich verstehe nicht recht. Meinen Sie vielleicht die Flut? Sie muh bald um fein." Verlegen stotterte ich: „Bitte, nehmen Sie mir meine Frage nicht übel, ich wollte Sie nicht beleidigen, aber was bin ich Ihnen schuldig? Wie Sie sehen, bin ich ein Fremdling und kenne Ihre Gebräuche und Ihr Geld nicht." Damit holte ich eine Handvoll Geld aus der Tasche, wie man’s in fremden Ländern zu tun pflegt. Und bei dieser Gelegenheit wurde ich gewahr, daß die Silbermünzen die Farbe eines gußeisernen Ofens angenommen hatten. Er sah immer noch erstaunt aus, aber keineswegs beleidigt, und betrachtete das Geld mit offenbarer Neugierde. Nun, dachte ich, er ist also doch ein Fährmann und überlegt sich, wie hoch er gehen kann. Mag er mich immerhin ein bißchen übers [p. 12] Ohr hauen, einem so prächtigen Burschen nehm’ ich’s nicht übel. Ich wäre gar nicht abgeneigt, ihn mir auf einen oder zwei Tage zum Führer zu nehmen, weil er ein so aufgeweckter Mensch ist. Da sagte mein neuer Freund nachdenklich: „Jetzt weiß ich, was Sie meinen. Sie glauben, daß ich Ihnen einen Dienst geleistet habe, und dafür halten Sie sich für verpflichtet, mir etwas zu geben, was ich meinerseits einem Nachbarn auch nur dann zu geben habe, wenn er mir einen besonderen Dienst geleistet hat. Ich habe von so etwas gehört, aber nichts für ungut, uns erscheint das als ein recht lästiger und umständlicher Brauch. Wie Sie sehen, ist das übersetzen und Wasserfahren mein Beruf, den ich für einen jeden ausübe, der meine Dienste wünscht: mir dafür etwas schenken zu lassen, wäre doch mehr als sonderbar. Und wenn mir erst einer etwas gibt, will es der zweite und dritte auch tun, und Sie werden mir’s hoffentlich nicht verübeln, wenn ich Ihnen sage, daß ich nicht wüßte, wie ich so viel Freundschaftspfänder und Liebesgaben unterbringen sollte’!" Und er lachte so laut und lustig auf, als hielte er es für einen äußerst possierlichen Scherz, daß man ihm zumute, eine Bezahlung für seine Arbeit anzunehmen. Ich fragte mich, ob dieser Mensch, trotz seines gesunden, blühen-den Aussehens, etwa nicht ganz richtig im Kopfe sei, und angesichts des tiefen und reißenden Stromes, an dem wir uns befanden, hatte es etwas Tröstliches für mich, zu wissen, daß ich ein guter Schwimmer bin. Er fuhr jedoch sehr ruhig und gar nicht wie ein Tollhäusler fort: „Was Ihre Münzen betrifft, so sind sie wohl merkwürdig, aber nicht sehr alt. Sie scheinen aus den Regierungszeiten der Königin Viktoria zu stammen, und Sie könnten sie irgendeinem dürftig ausgestatteten Museum überlassen. Unseres hat solcher Münzen genug, und außerdem eine ziemlich reichhaltige Sammlung Münzen aus früherer Zeit, von denen viele recht hübsch sind, während die aus dem neunzehnten Jahrhundert sich durch plumpe Geschmacklosigkeit auszeichnen, nicht wahr? Wir besitzen eine Münze von Eduard III., die den König in einem Schiff darstellt mit kleinen Leoparden und einer Girlande von zart getriebenen Schwertlilien rings um den Vollbord. Wie Sie sehen," sagte er lächelnd, „bin ich Arbeiten aus Gold und edlen Metallen nicht abhold, diese Schnalle hier habe ich mir in jüngeren Jahren selber gefertigt." Ich mag ihn etwas scheu angesehen haben, denn ich konnte meine Zweifel an seiner Zurechnungsfähigst nicht unterdrücken. Genug--er brach kurz ab und sagte freundlich: „Aber ich sehe, daß ich Sie langweile, und bitte um Entschuldigung. Denn, geradeheraus gesagt, man merkt, daß Sie ein Fremder sind und aus einem Lande kommen, das dem unsrigen sehr unähn- [p. 13] lich sein muß. Deshalb scheint mir’s ratsam, daß Sie sich mit den Einrichtungen unseres Landes nicht in überstürzender Hast, sondern allmählich bekannt machen. Und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich zum Führer in dieser neuen Welt wählen möchten, da Sie der Zufall just auf mich stoßen ließ. Freilich mühte ich es als eine große Liebenswürdigkeit Ihrerseits auffassen, denn wohl ein jeder würde einen ebenso guten und gar mancher einen besseren Führer abgeben, als ich sein werde." Nach Irrsinn schmeckte diese Rede nun gerade nicht, und außerdem konnte ich ihn ja leicht abschütteln, wenn er schließlich sich dennoch als verrückt erweisen sollte. So erwiderte ich denn: „Ihr Anerbieten ist sehr gütig, aber ich könnte es nur annehmen, wenn Sie mich--" entsprechend bezahlen ließen,--wollte ich eigentlich fortfahren, da ich aber nicht an das Irrenhaus anstreifen wollte, so fuhr ich lieber fort, „wenn Sie mich nicht befürchten ließen, daß ich Sie Ihrer Arbeit--oder Ihrem Vergnügen entziehe." „Darüber seien Sie außer Sorge," erwiderte er. „Ich erweise im Gegenteil einem meiner Freunde, der meine Arbeit zu übernehmen wünscht, einen großen Gefallen. Es ist ein Weber aus Yorkshire, der sich einerseits mit Weben, andererseits mit mathematischen Studien--beides Hausbeschäftigungen--überarbeitet hat. Und da wir sehr befreundet sind, hat er sich, um Arbeit im Freien zu erlangen, an mich gewandt. Also, wenn Sie glauben, mich brauchen zu können, so bitte ich, über meine Dienste zu verfügen." „Freilich", fuhr er fort, „habe ich mich bei guten Freunden strömaufwärts zur Heuernte angesagt- bis dahin haben wir aber mehr als acht Tage Zeit, und überdies könnten Sie mich auch dahin begleiten. Sie würden die Bekanntschaft sehr angenehmer Menschen machen und hätten Gelegenheit, auf unseren Wanderfahrten in Oxfordshire allerhand Beobachtungen anzustellen. Wenn Sie das Land kennen zu lernen wünschen, ließe sich Ihnen schwerlich etwas Besseres vorschlagen." Ich konnte nicht umhin, ihm meinen Dank auszusprechen, wie immer die Sache ablaufen mochte, und er fügte eifrig hinzu: „Gut, das wäre abgemacht. Ich werde sofort bei meinem Freunde Vorsprechen, der wie Sie im Gasthaus wohnt, und wenn er noch nicht auf ist, so sollte er’s an diesem schönen Sommermorgen doch sein." Damit zog er ein kleines silbernes Jagdhorn aus dem Gürtel und blies zwei oder drei scharfe, aber wohlklingende Töne. Gleich darauf kam aus dem Hause, das an der Stelle meiner alten Wohnung stand (später mehr davon), ein anderer junger Mann und schlenderte auf uns zu. Er sah weder so wohl aus, noch besah er einen so stattlichen Wuchs wie mein Ruderfreund--sein Haar war rötlich, [p. 14] seine Gesichtsfarbe blaß, seine Gestalt nicht gerade kräftig, aber auch seinem Gesicht fehlte nicht der glückliche und freundliche Ausdruck, der mir bei seinem Freunde aufgefallen war. Als er lächelnd an uns herankam, entdeckte ich mit Vergnügen, daß ich meinen Fergen getrost von jedem Verdacht des Irrsinns freisprechen dürfe, denn niemals haben sich zwei Verrückte vor einem Gesunden so benommen, wie diese zwei es getan haben. Der Anzug des Neuangekommenen war vom selben Schnitt wie der meines Freundes, nur daß die hellgrüne Farbe des kurzen Oberrocks mit einem auf die Brust gestickten Goldzweig und ein Gürtel aus Silberfiligran dem Anzug einen noch heiterern Charakter verliehen. Der Neuangekommene bot mir sehr höflich guten Tag und, seinen Freund freudig begrüßend, sagte er: „Nun Dick, wie steht’s heut morgen? Werde ich meine Arbeit bekommen, oder vielmehr deine Arbeit? Ich träumte heut nacht, wir wären oben auf dem Strom und fischten." „Schon recht, Bob," sagte mein Ferge; „du nimmst meine Stelle ein, und wenn dir’s zu viel wird, so sieh dich nach George Helling um; er wohnt hier nebenan und hält Umschau nach einem ordentlichen Stück Arbeit. Dieser fremde Herr erweist mir die Ehre, mich zu seinem Führer in unserem Landstrich zu erwählen, und wie du dir denken kannst, lasse ich mir diese schöne Gelegenheit nicht entschlüpfen. Du könntest dich demnach gleich nach dem Boot aufmachen. Lange vorenthalten hätte ich dir’s ohnehin nicht, da ich mich in ein paar Tagen zur Heumahd zu stellen habe." Der andere rieb sich vergnügt die Hände, wandte sich zu mir und sagte freundlich: „Sie beide treffen es heute glücklich, Sie, Nachbar, und Dick--ein guter Tag steht Ihnen bevor wie mir. Sie täten aber beide gut, sogleich mit mir einzutreten und sich etwas vorsetzen zu lassen. Sie könnten vor lauter Vergnügen das Mittagbrot vergessen. Sie kamen wohl gestern abend im Gasthaus an, als ich schon zu Bette war?" Ich nickte zustimmend, um einer längeren Erklärung auszuweichen, die zu nichts geführt und, wie ich fühlte, meinen Zweifeln doch kein Ende gemacht hätte. Und so schritten wir drei der Tür des vor uns liegenden Gasthauses zu. Das Gästehaus und das Frühstück. Ich blieb etwas hinter den anderen zurück, um einen Blick auf das Haus zu werfen, das, wie ich bereits sagte, an der Stelle meiner ehemaligen Wohnung stand. Es war ein längliches Gebäude, das seinen Giebel von der Straße abwandte und dessen hohe, mit plastischem Schmuck versehene Fenster [p. 15] sich in der vor uns aufsteigenden Wand ziemlich lief hinabzogen. Es war ein sehr stattlicher Bau aus roten Ziegeln mit einem Bleidach, und hoch über den Fenstern lief ein Figurensims in Terrakotta, der vortrefflich ausgeführt und mit einer Kraft und Eindringlichkeit entworfen war, wie ich sie nie zuvor in der modernen Kunst bemerkt hatte. Ich erkannte augenblicklich den dargestellten Gegenstand, der mir wahrhaftig vertraut genug war. Eine Minute genügte, das alles in mir aufzunehmen, denn schon hatten wir die Schwelle überschritten und befanden uns in einer Halle mit marmornem Mosaikboden und einem offenen Holzdach. Auf der von dem Fluß abgewendeten Seite waren keine Fenster, doch unter Schwibbogen, durch deren einen mir ein Blick nach dem Garten entgegenlachte, gelangte man in andere Zimmer--und eine weite Wandfläche über diesen Bogen war mit heiteren Fresken bemalt, die ähnliche Gegenstände behandelten wie der Fries draußen. Die ganze Halle war stattlich gefügt und von gediegenem Material. In diesem angenehmen Aufenthalt, den ich sofort als Halle oder Saal des Gästehauses erkannte, schwebten drei junge Frauen hin und her. Da sie die ersten ihres Geschlechts waren, die ich an diesem ereignisreichen Morgen erblickte, betrachtete ich sie natürlich sehr genau und fand sie mindestens gleich gut wie die Gärten, die Bau-Kunst und die Männer. Auch ihr Anzug fesselte meine Aufmerksamkeit, und ich fand, daß sie sittsam in ihre Gewänder gehüllt, nicht mit Putzkram bepackt, kurz wie Frauen gekleidet und nicht wie Lehnstuhle aufgepolstert waren, wie ich dies bei den meisten Frauen unserer Zeit gesehen. Ihr Anzug bildete ein Mittelding zwischen der altklassischen Gewandung und den einfacheren Formen der Kleidung aus dem vierzehnten Jahrhundert, ohne indes eine Nachahmung beider zu sein. Die Stoffe waren der Jahreszeit angemessen leicht und hell. Die Frauen zu betrachten war ein Genuß, so heiter und glücklich strahlten ihre Gesichter, so wohlgebaut und ebenmäßig, so durchaus kräftig und gesund waren ihre Gestalten. Hübsch war jede, die eine sogar schön und von klassischen Zügen. Sie kamen sofort fröhlich auf uns zu, und ohne erheuchelte Schüchternheit reichten mir alle drei die Hand, als sei ich ein von langen Reisen heimgekehrter Freund. Freilich bemerkte ich, daß sie verstohlen meine Tracht musterten, denn ich hatte meine Kleider von gestern abend an und war mein Lebtag kein Mensch, der sich elegant anzuziehen verstand. Auf ein paar Worte Roberts, des Webers, entfernten sie sich, um geschäftig für die Befriedigung unserer Wünsche zu sorgen, kamen dann zurück und führten uns an der Hand zu einem Tische, den sie in dem behaglichsten Winkel des Saales für uns zum Frühstück gedeckt hatten. Als wir Platz genommen, schlüpfte die eine von ihnen durch eines der Schwibbogenzimmer und kehrte bald darauf mit [p. 16] einem üppigen Strauß Rosen zurück, die an Farbe, Duft und Größe mit denen, die in Hammersmith wuchsen, nicht zu vergleichen waren, sondern eher den Erzeugnissen eines alten Landgartens glichen. Von da eilte sie in die Speisekammer und erschien mit einem zartgeschliffenen Glase, in das sie die Rosen tat, um es in der Mitte unseres Tisches aufzustellen. Eine zweite, die gleichfalls davongeeilt war, brachte ein großes Kohlblatt mit Erdbeeren gefüllt, von denen einzelne kaum reif waren, und sagte, während sie dieselben auftrug: „Da, bevor ich heute früh aufstand, dachte ich noch dran. Als ich aber den Fremden in dein Boot steigen sah, Dick, vergaß ich’s wieder. Da sind mir denn ein paar Amseln zuvorgekommen, aber einige sehen immerhin so gut aus, wie sie in Hammersmith überhaupt zu finden sind." Robert streichelte ihr freundlich den Kopf, und wir machten uns über das Frühstück her, das wohl einfach, aber vortrefflich zubereitet und allerliebst hergerichtet und aufgetragen war. Das Brot zumal, das in allen Arten und Formen vor uns stand, vom etwas derben, schwarzen Landbrot, das ich am liebsten esse, bis zu den dünnen Stengeln von Weizenkruste, wie man sie in Turin vorgesetzt bekommt, mundete mir außerordentlich. Ich steckte die ersten Bissen in den Mund, als mein Blick auf eine geschnitzte und vergoldete Inschrift im Getäfel fiel; ein wohlbekannter Name fesselte mich und ich las: „Gäste und Nachbarn, an der Stelle dieser Gasthalle befand sich einst der Vortragssaal der Sozialisten von Hammersmith. Trinkt ihrem Gedächtnis ein Glas! Mai 1962." Wie ward mir, als ich diese Worte las! Meine Züge verrieten vielleicht, wie tief bewegt ich war, denn die beiden Freunde sahen mich neugierig an, und eine Weile herrschte Schweigen zwischen uns. Der Weber, dem der Fährmann an gesellschaftlichem Schliff entschieden überlegen war, unterbrach die Pause mit der etwas verlegenen Frage: „Wir wissen nicht, wie wir Sie nennen sollen, Gast. Ist es erlaubt. Sie nach Ihrem Namen zu fragen?" „Ei nun," erwiderte ich, „das zu entscheiden fällt mir selber schwer. Nennen Sie mich immerhin Gast, das ist ja auch ein Familienname, und fügen Sie den Vornamen William zu, wenn’s Ihnen recht ist." Dick nickte mir freundlich zu: über das Gesicht des Webers glitt aber ein Schatten von Unruhe und er sagte: „Sie nehmen meine Frage hoffentlich nicht übel, allein woher kommen Sie eigentlich? Meine Neugier beruht auf guten, auf wissenschaftlichen Gründen." Dick bearbeitete den Frager augenscheinlich unter dem Tische mit dem Fuß; er ließ sich jedoch nicht stören und wartete gespannt auf [p. 18] meine Antwort. Ich wollte schon mit „Hammersmith" herausplatzen, als ich mich noch besann, in welche Wirrnis von endlosen Erklärungen uns das verwickeln würde, und ich nahm mir die Zeit, eine mit etwas Wahrheit verbrämte Lüge zu erfinden. „Ich war, wie Sie bemerken können, so lange fern von Europa, daß mir alles wunderlich vorkommt; geboren und erzogen aber bin ich am Saume des Eppingforstes, nämlich in Walthamstow-Woodford." Verlegen hielt ich inne. Der eifrige Weber bemerkte meine Verlegenheit nicht, fragte jedoch hastig, als fühle er, daß er sich nicht ganz schicklich benehme: „Und wie all sind Sie denn?" Dick und das schöne Mädchen brachen in ein lustiges Gelächter aus, als wüßten sie, daß Roberts Benehmen nur auf Grund seines überspannten Wesens zu entschuldigen sei, und unter fortwährendem Lachen sagte Dick: „Nun halte endlich einmal ein, Bob! Man darf Gäste nicht so ausfragen. Die viele Gelehrsamkeit tut dir nicht gut. Wahrhaftig, es ist hohe Zeit, daß du wieder einmal in freier Luft arbeitest, um die Spinnweben in deinem Gehirn los zu werden." Der Weber lachte nur gutmütig, und das Mädchen ging zu ihm, streichelte ihm die Backe und sagte lachend: „Der arme Schlingel! So ist er nun einmal!" Was mich betrifft, so war ich etwas verdutzt, aber ich lachte gleichfalls, einmal zur Gesellschaft und sodann vor Vergnügen über ihren unbefangenen Frohsinn und ihr gutmütiges Naturell, und bevor Robert mir noch seine Entschuldigung vorbringen konnte, sagte ich: „Aber Nachbarn (das Wort hatte ich aufgefangen), ich habe nicht das geringste gegen eine Beantwortung Ihrer Fragen, sobald ich sie zu beantworten vermag. Fragen Sie also soviel Sie wollen, das macht mir Spaß. Was mein Alter anbetrifft, so bin ich ja keine Dame, warum sollte ich’s Ihnen also nicht verraten? Ich bin stark sechsundfünfzig." Trotz der soeben erhaltenen Lektion über Lebensart konnte der Weber nicht umhin, ein gedehntes „Ha" des Erstaunens auszustoßen, und die übrigen wurden durch seine Naivität so belustigt, daß ein Lächeln über ihr Gesicht huschte, wenn ihnen die Höflich-keit auch nicht gestattete, in lautes Lachen auszubrechen. Ich sah überrascht von einem zum anderen und sagte endlich: „Was ist denn los, bitte? Sie wissen, ich möchte von Ihnen lernen. Lachen Sie nur ruhig heraus, aber klären Sie mich auf!" Jetzt brach das Gelächter los--sie schüttelten sich vor Lachen. Schließlich sagte das schöne Weib schmeichelnd: [p. 19] „Nun, er ist ungezogen, der arme Bursche, doch wir dürfen Ihnen immerhin sagen, was er gedacht hat: er findet Sie ein bißchen alt aussehend für Ihre Jahre. Allein da Sie so viel gereist sind, kann man sich darüber nicht wundern, zumal aus Ihren Worten hervorgeht, daß Sie sich in unwirtlichen Ländern aufgehalten haben. Es heißt gewiß nicht mit Unrecht, daß man unter Unglücklichen schnell altert. Auch soll Südengland der Erhaltung der Jugend besonders zuträglich sein." Und errötend fügte sie hinzu: „Für wie alt halten Sie mich?" „Nun," sagte ich, „eine Frau ist nach dem Sprichwort so alt, wie sie aussieht, und danach würde ich Sie, ohne Sie beleidigen oder Ihnen schmeicheln zu wollen, für zwanzig Jahre halten." Sie lachte hell auf und sagte: „Es geschieht mir schon recht, wenn ich nach Komplimenten angle. Ich muß Ihnen der Wahrheit gemäß bekennen, daß ich zweiundvierzig bin." Ich starrte sie an, was ihr wiederum ein melodisches Lachen entlockte, und wohl konnte ich sie anstarren, denn keine Sorgenfalte durchfurchte ihr Gesicht, ihre Haut war glatt wie Elfenbein, die Wangen rund und voll, die Lippen rot wie die Rosen, die sie gepflückt hatte; ihre schönen Arme, die sie der Arbeit wegen entblößt hatte, waren fest und wohlgestaltet von der Schulter bis zum Handgelenk. Sie errötete ein wenig unter meinem Blick, wiewohl sie mich offenbar für einen Mann von achtzig Jahren gehalten hatte. Um der Sache ein Ende zu machen, sagte sie: „Sehen Sie, wie der alte Spruch sich wieder bewahrheitet; ich hätte mich nicht von Ihnen verleiten lassen sollen, eine unartige Frage zu stellen." Sie lachte wieder: „Nun, Genossen, alt und jung, ich muß jetzt an die Arbeit. Wir werden uns zu tummeln haben, und ich möchte schnell fertig sein, denn ich habe gestern ein hübsches altes Buch angefangen und möchte heute morgen darin weiterlesen, also leben Sie einstweilen wohl!" Sie winkte uns mit der Hand, und wie sie so leichten Fußes die Halle durchschritt, nahm sie (mit Walter Scott zu reden) wenigstens einen Teil des Sonnenscheins mit. Als sie fort war, bemerkte Dick zu mir: „Möchten Sie nun nicht die eine oder andere Frage an unseren Freund hier richten? Es ist nicht mehr als billig, daß Sie jetzt an die Reihe kommen." „Es soll mich freuen, Ihre Fragen beantworten zu können," sagte der Weber. „Die Fragen, die ich an Sie stellen möchte," erwiderte ich, „sind keineswegs schwieriger Natur. Ich möchte von Ihnen, der Sie [p. 20] Weber sind, einige Auskunft über dieses Gewerbe haben, da ich mich dafür interessiere--oder interessiert habe." „Ich fürchte, daß ich Ihnen darin nur von wenig Nutzen sein kann," meinte er. „Ich verrichte nur die mechanischste Art der Weberei und bin tatsächlich nichts weiter als ein armer Handwerker und nicht etwa mit meinem Freund Dick hier zu vergleichen. Außer mit Weben beschäftige ich mich noch mit Maschinendruck und Schriftsetzen, obgleich ich für die feineren Arten des Druckens schlecht zu gebrauchen bin. Außerdem geht es ja mit dem Maschinendruck zu Ende, wie auch die Plage des Büchermachens auf den Aussterbeetat gesetzt ist. So mußte ich mich denn anderen Gegenständen zuwenden, die meinem Geschmack zusagten, und habe mich zur Mathematik entschlossen. Auch verfasse ich ein geschicht-liches Werk über das--nun, wie sag’ ich gleich?--Friedensund Privatleben am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts--mehr um ein Bild des Landes zu geben, wie es aussah, bevor der Kampf begann, als zu irgendeinem anderen Zwecke. Darüber sprechen wir hoffentlich später einmal ausführlicher, wenn unser Freund Dick nicht zugegen ist. Er hält mich nämlich für einen Quälgeist und hat eine ziemlich geringe Meinung von mir, weil ich mit den Händen nicht sonderlich geschickt bin--so machen sie’s nämlich heutzutage. Soviel ich aus der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts entnommen habe (und ich lese viel), scheint sich die Dummheit jener Tage zu rächen, die jeden mißachtete, der seine Hände zu brauchen verstand. Aber Dick, alter Junge, ne quid nimis! Übertreib’s nicht!" „Schau her," sagte Dick, „sieht mir das wohl ähnlich? Bin ich nicht der duldsamste Mensch unter der Sonne? Bin ich nicht so lange zufrieden, als du mir keine Mathematik eintrichtern oder deine neue wissenschaftliche Ästhetik nicht aufdrängen willst, sondern mir mein bißchen praktische Ästhetik mit Gold und Stahl, mit meinem Löteisen und dem niedlichen kleinen Hammer gönnst? Aber holla! Da kommt ein neuer Fragesteller für Sie, mein armer Gast! Jetzt, Bob, muht du mir aber helfen, ihn zu verteidigen." „Hier, Boffin," rief er nach einer Pause, „hier sind wir, wenn’s denn nicht anders sein kann!" Den Kopf über die Achsel wendend, sah ich im Sonnenschein, der die Halle quer durchleuchtete, etwas flimmern und glitzern. Nun drehte ich mich um und konnte so eine glänzende Gestalt bequem betrachten, die langsam über das Pflaster schlenderte. Es war ein Mann in einem ebenso reich wie elegant mit Gold über-stickten Oberrock, in dem die Sonne sich wie in einer goldenen Rüstung spiegelte. Der Mann war groß, dunkelhaarig und von außergewöhnlicher Schönheit, und obgleich auf seinem Gesicht der- [p. 21] selbe freundliche Ausdruck lag wie auf dem der anderen, schritt er doch mit jener Art von Stolz einher, den das Bewußtsein hoher Schönheit Männern wie Frauen zu verleihen pflegt. Er kam zu uns heran, setzte sich mit lächelndem Antlitz an unseren Tisch, streckte seine langen Beine von sich und ließ den Arm mit jener gelassenen Anmut über den Stuhl hängen, die großen, wohlgebauten Leuten so wohl ansteht. Er befand sich auf der Scheitelhöhe des Lebens, sah aber harmlos glücklich drein wie ein Kind, dem man ein neues Spielzeug geschenkt hat. Er verbeugte sich liebens-würdig vor mir und sagte: „Sie sind entschieden der Gast, von dem mir Annie eben erzählt hat;--der aus fernem Lande kommt und uns und unsere Lebensweise nicht kennt? Unter solchen Umständen gestatten Sie mir wohl, Ihnen ein paar Fragen vorzulegen; denn sehen Sie--" Hier unterbrach ihn Dick. „Nichts da, Boffin, entschuldige, aber du mußt ihn jetzt in Ruhe lassen. Du willst doch sicher unseren Gast zufrieden und glücklich sehen, und wie kann er das sein, wenn man ihn mit allerhand Fragen belästigt, bevor er sich noch selber an die neuen Sitten und Menschen, die ihn umgeben, gewöhnt hat? Nein, nein, ich bringe ihn an einen Ort, wo er Fragen stellen kann und Antwort empfängt--nämlich zu meinem Urgroßvater in Bloomsbury--, und dagegen werdet ihr wohl kaum etwas einzuwenden haben. Anstatt ihn also zu drangsalieren, tätest du besser, dich zu James Allen zu verfügen und mir einen Magen zu bestellen, da ich selbst fahren will. Und bitte, sag’ Jim, er möchte mir den alten Grauschimmel einspannen, denn ich verstehe mich aufs Rudern besser als aufs Kutschieren. Mach’ dich auf die Beine, alter Junge, und laß dich’s nicht verdrießen. Unser Gast wird dir und deinen Geschichten nicht verloren gehen." Ich sah Dick erstaunt an, denn es verblüffte mich, ihn zu einer so würdevollen Persönlichkeit so vertraulich;" um nicht zu sagen: so kurz angebunden, sprechen zu hören. Meiner Meinung nach mußte dieser Mister Boffin trotz seines Charles Dickens entlehnten wohlbekannten Namens mindestens Senatorenrang bei diesem wunderlichen Volke bekleiden. Er war jedoch durchaus nicht beleidigt, stand auf und sagte: „Schon recht, alter Ruderwüterich, wie’s dir beliebt; ich habe sowieso nichts zu tun, und obgleich (mit einer herablassenden Verbeugung gegen mich) ich das Vergnügen eines Plauderstündchens mit diesem gelehrten Gast aufschieben muß, erkenne ich an, daß er deinem ehrwürdigen Verwandten nicht schnell genug zugeführt werden kann. Außerdem wird er vielleicht meine Fragen um so besser zu beantworten imstande sein, nachdem ihm die seinigen beantwortet worden." [p. 22] Damit drehte er sich um und schritt würdevoll aus dem Saale. Sobald er ganz draußen war, fragte ich: „Darf ich wissen, was Herr Boffin ist? Dessen Name mich übrigens an so manche vergnügliche Stunde erinnert, die ich über Dickens zugebracht." Dick lachte. „Ja, ja," sagte er, gerade wie uns. Die Anspielung ist Ihnen also nicht entgangen. Natürlich ist sein wirklicher Name nicht Boffin, einmal weil er der Kehrichtkärrner ist, und dann weil er sich so prächtig kleidet und soviel Gold an sich verschwendet wie ein Baron aus dem Mittelalter. Und warum soll er nicht, wenn’s ihm Spaß macht? Nur dass wir seine engeren Freunde sind und uns einen Scherz mit ihm erlauben dürfen." Nach dieser Eröffnung hielt ich eine Zeitlang den Mund; Dick aber fuhr fort: „Es ist ein prächtiger Bursche, und man muß ihn gern haben, aber eine Schwäche besitzt er: er verbringt seine Zeit mit dem Schreiben altertümlicher Romane und setzt seinen Stolz drein, die ‚örtliche Farbe’ herauszubekommen. Und da er meint, dass Sie aus irgendeinem verlorenen Erdenwinkel herkämen, wo die Leute unglücklich und folglich für einen Romanschreiber interessant sind, so glaubt er, allerhand Neues oder neues Altes aus Ihnen herauspumpen zu können. O, damit wird er nicht lange hinterm Berge halten. In Ihrem eigenen Interesse nehmen Sie sich vor ihm in acht!" „Na, Dick," widersprach eigensinnig der Weber, „ich halte seine Romane für sehr gut." „Natürlich tust du das," sagte Dick. „Gleich und gleich gesellt sich gern. Mathematik und altertümliche Romane stehen ungefähr auf derselben Stufe. Aber da kommt er zurück." Und richtig, der goldene Kehrichtskärrner rief uns von der Saaltüre zu sich heran. Wir erhoben uns und gingen zur Torgalle, vor der ein Einspänner mit einem kräftigen Grauschimmel in der Deichselgabel auf uns wartete. Das Wägelchen war außerordentlich leicht, handlich und bequem; es hatte nichts von der unerträglichen Plumpheit und platten Geschmacklosigkeit unserer, insonderheit der eleganten Gefährte, sondern sah äußerst zierlich und gefällig aus. Wir stiegen ein, Dick und ich. Die Mädchen oder Frauen, die in die Torhalle getreten waren, um uns abfahren zu sehen, winkten uns ihre Abschiedsgrüße zu, der Weber nickte freundlich und der Kehrichtkärrner verneigte sich mit der stolzen Anmut eines Troubadours. Dick ergriff die Zügel, und fort waren wir. [p. 23] Wir bogen sofort vom Flusse ab und befanden uns bald auf der Hauptstraße, die durch Hammersmith führt. Aber ich hätte nie er-raten, wo ich war, wenn wir nicht vom Ufer hergekommen wären, denn die Straße führte durch weite sonnige Wiesen und garten-gleich bewirtschaftetes Ackerland, und als wir über die hübsche Brücke fuhren, sahen wir den noch vom Flutwasser geschwellten Strom mit bunten Booten der verschiedensten Art und Größe be-lebt. Häuser standen ringsum--die einen am Wege, die anderen zwischen den Feldern; reizende Heckenpfade führten zu ihnen und üppige Gärten umschlossen sie. Alle diese Häuser waren zierlich und zugleich sehr fest ausgeführt, machten aber dabei einen ganz ländlichen Eindruck. Einige waren aus roten Backsteinen wie die Häuser am Flusse, die meisten jedoch aus Fachwerk und Gips-mörtel und glichen den mittelalterlichen Häusern aus demselben Baumaterial so sehr, daß ich mich beinahe ins vierzehnte Jahr-hundert versetzt glaubte--ein Eindruck, den die Tracht der Leute, an denen wir vorüberkamen, noch erhöhte. Sie hatte nichts „Mo-dernes". Fast alle gingen hell gekleidet, besonders die Frauen, die so anziehend und meist geradezu so reizend aussahen, daß ich mich kaum enthalten konnte, meinen Gefährten darauf aufmerksam zu machen. Verschiedene Gesichter hatten nachdenkliche Züge und zeichneten sich durch große Vornehmheit des Ausdrucks aus, aber ich erblickte keines, auf dem ein Schimmer von Sorge gelegen hätte, und die meisten--wir begegneten sehr vielen Leuten--trugen frank und frei die Freude am Leben zur Schau. Ich glaubte, den Broadway [Eine Straße des heutigen London] an der Lage der Straßen zu er-kennen, die dort immer noch zusammenliefen. An der Nordseite des Weges stand eine Reihe von Gebäuden und Höfen, die zwar niedrig, jedoch von so geschmackvoller Ausführung und so reich ver-ziert waren, daß sie zu der Anspruchslosigkeit der Häuser ringsum einen auffälligen Gegensatz bildeten. Aber diese Gebäude wurden überragt von dem bleigedeckten Dach, den Strebepfeilern und dem oberen Mauerwerk einer großen Halle in einem Schmuck- und Kunst-reichen Prachtstil, der die besten Eigenschaften der nordeuropäischen Gotik mit denen des sarazenischen und byzantischen Stiles zu ver-einigen schien, ohne sich sklavisch an eine dieser Stilarten zu binden. Auf der anderen, der Südseite der Straße, erhob sich ein von einer Kuppel gekröntes Achteck, das im Umriß an das Baptisterium in Florenz erinnerte, nur daß es von einem Anbau umschlossen war, der augenscheinlich einen Säulen- oder Kreuzgang enthielt; auch dieser Bau war auf das zarteste geschmückt. [p. 24] Die Masse der Baukunst, die inmitten der üppigen Felder so plötzlich vor uns aufstieg, bot nicht nur an sich ein erlesen schönes Bild, sondern strahlte auch eine so edle und verschwenderische Lebensfülle aus, daß ich mich in niegekanntem Grade von heiterem Frohmut durchdrungen fühlte. Ja, ich lachte hell auf vor lauter Wohlgefühl. Mein Freund schien das zu begreifen und sah mit freudig-herzlichem Anteil auf mich. Mir hielten unter einer Menge von Fuhrwerken an, in denen sich schöne, kräftige, gesunde Menschen befanden, Männer, Weiber und Kinder in den heitersten Trachten. Die Fuhrwerke muhten Marktwagen sein, denn sie waren mit äußerst appetitlichen Erzeugnissen der Land- und Gartenwirtschaft beladen. „Daß dies ein Markt ist, brauch’ ich nicht erst zu fragen," bemerkte ich; „aber was hat denn eine solche Pracht hier zu bedeuten? Und was für ein wundervolles Schloß ist denn das da drüben? Und was stellt das Gebäude auf der Südfeite vor?" „O," sagte er, „das ist ja unser Hammersmither Markt: es freut mich, daß er Ihnen gefällt, denn wir sind wirklich stolz auf ihn. Das Schloß da enthält unser Versammlungslokal für den Winter, denn sommers versammeln wir uns meist auf den Feldern unten am Flusse, Barn Elms gegenüber. Das Gebäude zu unserer Rechten ist das Theater, und ich hoffe, daß es Ihren Beifall findet." „Ich wäre ein Rüpel, wenn es mir nicht gefiele," sagte ich. Leicht errötend antwortete er: „Ich lege auch aus dem Grunde Wert auf Ihren Beifall, weil ich an dem Werke nicht ganz unbeteiligt bin. Die großen Türen aus damaszierter Bronze habe ich gearbeitet. Wir können sie später am Tage näher betrachten; jetzt müssen wir fort. Was den Markt betrifft, so gibt’s heute nicht viel zu schaffen, und somit tun wir besser, ein andermal herzukommen, wenn mehr Leute da sind." Ich erklärte mich einverstanden und fragte nur: „Sind das rich-tige Landleute? Was für reizende Mädchen es unter ihnen gibt!" Bei diesen Worten fiel mein Blick auf das Gesicht einer schönen Frau von hohem Wuchs, dunklem Haar und schneeweißem Teint, die der Jahreszeit und dem heißen Tage zu Ehren ein hübsches hellgrünes Kleid trug. Sie lächelte mich freundlich an, freundlicher jedoch noch, wie es mir vorkam, meinen Begleiter. Nach einer kleinen Pause fuhr ich fort: „Ich frage, weil ich keine eigentlichen Landleute sehe, wie man sie auf einem Markt anzutreffen erwartet--ich meine Leute, die etwas verkaufen." „Ich verstehe nicht recht, was für Leute Sie erwarten könnten und was Sie sich unter, Landleuten’ vorstellen. Das sind hier Nachbarn--so wie sie in den Themsetälern überall aussehen und zu [p. 26] finden sind. Es gibt in unserem Inselreich rauhere und regenreichere Gegenden; dort kleiden sich die Leute auch in gröbere Stoffe und sind selber rauher und wetterfester in ihrer Erscheinung als wir. Doch Ziehen gar viele ihr Aussehen dem unsrigen vor, es läge mehr Charakter darin, behaupten sie. Nun, das ist ja Geschmacksache.--Die Kreuzung zwischen ihnen und uns fällt gewöhnlich günstig aus," fügte er nachdenklich hinzu. Ich hörte ihm zu, trotzdem sich meine Augen von ihm abgewandt hatten, denn das hübsche Mädchen verschwand eben mit einem großen Korbe Früherbsen durch das Tor, und ich empfand das Bedauern, das uns erfaßt, wenn man auf der Straße ein liebliches oder interessantes Gesicht getroffen hat, dem man nicht hoffen darf wieder zu begegnen. So schwieg ich denn eine Weile, um endlich zu fragen: „Wie kommt es, daß ich nirgends einen Menschen erblickt habe, dem es schlecht geht--auch nicht einen einzigen?" Er zog erstaunt die Brauen zusammen und sagte: „Wie sollten Sie auch? Geht es jemandem schlecht, so bleibt er gern zu Haus oder kriecht höchstens ein bißchen im Garten umher, aber ich wüßte auch nicht, daß jemand krank wäre. Weshalb wollten Sie denn Leute auf der Straße treffen, denen es schlecht geht?" „Nicht doch," sagte ich; „nicht kranke Menschen meine ich. Arme Menschen,--die nichts besitzen, heruntergekommene Leute, die im Elend leben." „Nun," rief er lustig lachend, „von so etwas weiß ich wirklich nichts. Wir wollen nur machen, daß wir zu meinem Urgroßvater kommen, der wird Sie besser verstehen als ich. Hottehü, Grauschimmel!" Damit lockerte er die Zügel, und wir trabten wohlgemut gen Osten. Kinder auf der Straße. Nachdem wir den Broadway passiert hatten, verloren sich die Häuser zu beiden Seiten. Bald setzten wir über einen munteren kleinen Bach, der durch ein mit Bäumen überstreutes Stück Land floß, und kamen nach einer Weile auf einen Markt mit einem Rathaus, wie wir es nennen würden. Gleich darauf gelangten wir in eine kurze Häuserstraße oder vielmehr in eine Straße mit je einem langen Gebäude aus Holz und Mörtel und zierlichen Arkaden als Fußpfaden zu beiden Seiten. „Das ist das ehemalige Kenfington," sagte Dick. „Hier sammelt sich viel Volks an, der Waldromantik wegen--und Naturforscher halten sich gleichfalls mit Vorliebe in dieser Gegend auf, denn was Sie hier erblicken, ist ein Stück Wildnis. Der Teil, den wir soeben [p. 27] erreichen, heißt Kensington-Gärten [Der Name eines Londoner Parks. Der Dichter bewegt sich hier in London]; warum just Gärten, weih ich selber nicht." „Ich aber weiß es," hätte ich ihm gerne zugerufen; aber es gab so viele Dinge um mich her, von denen ich seiner offenbaren Annahme zum Trotz nichts wußte, daß es mir besser erschien, den Mund zu halten. Die Straße mündete plötzlich in einen prächtigen Wald, der sich zu beiden Seiten, jedoch nach Norden augenscheinlich viel weiter ausdehnte. Er bestand aus prächtigen Eichen und Edelkastanien, aber auch schneller wachsende Bäume (unter denen mir die Platanen und ägyptischen Feigenbäume fast zu zahlreich erschienen) waren in stattlichen Exemplaren vertreten. Es war wunderbar angenehm in dem wechselnden, von Sonnenstrahlen durchflimmerten Schatten des Waldes, denn der Tag wurde heiß; und die balsamische Frische und Kühle stimmte meinen aufgeregten Geist in eine so träumerisch wonnige Verfassung, daß ich Ewigkeiten hindurch an diesem Orte hätte verweilen mögen. Mein Begleiter schien diese Empfindung zu teilen, denn er ließ das Pferd immer langsamer ausschreiten, während er die Düfte des grünen Waldes in sich sog. Romantisch war dieser Wald von Kensington wohl, aber nicht einsam. Wir stießen auf zahlreiche Gruppen, die kamen und gingen oder in den Waldgängen herumwanderten oder spielten. Unter letzteren waren viele Kinder von sechs und acht bis hinauf zu sechzehn oder siebzehn Jahren. Sie erschienen mir als wahre Mustertypen ihres Alters und Geschlechts und vergnügten sich offenbar auf das allerbeste. Einige spielten um kleine, im Nasen befestigte Zelte, und vor mehreren dieser Zelte hingen Töpfe über einem Feuer, wie bei den Zigeunern. Dick erklärte mir, hier und da Stünden Häuser im Forsie--und wir erblickten auch im Fluge eines oder zwei. Die meisten sollten nach Dicks Schilderung ganz klein sein wie die Katen (Cottages) zur Zeit, da es noch Sklaven im Lande gab, aber gut eingerichtet und hübsch, und für den Wald wie geschaffen. „An Kindern scheint hier gerade kein Mangel zu sein," bemerkte ich, auf die vielen umherschwärmenden Kinder deutend. „O," rief er, „glauben Sie etwa, daß diese Kinder nur aus den in der Nähe liegenden Waldhäuschen kommen? Bon nah und fern kommen sie hierher. Sie machen oft Ausflüge und treffen sommers auf Wochen in den Wäldern zusammen, und leben in Zelten, wie Sie hier sehen. Wir muntern die Kinder dazu auf; sie lernen so selbständig denken und handeln, beobachten die Natur und die [p. 28] Tiere des Waldes, und je weniger sie in den Stuben zu hocken und die dumpfe Stubenluft zu atmen haben, desto besser ist’s für sie. Selbst Erwachsene bringen häufig den Sommer im Walde zu, nur begeben sie sich zu diesem Zwecke meist in die größeren Wälder: in die bei Windsor oder den Dean-Wald oder in die Einöden des Nordens. Abgesehen von den sonstigen Vergnügungen und Annehmlichkeiten, die solch ein Aufenthalt gewährt, finden sie dort noch Gelegenheit zu schwerer körperlicher Arbeit, die in den letzten fünfzig Jahren einigermaßen selten geworden ist." Er brach ab und bemerkte dann erklärend: „Ich sage Ihnen das alles, weil ich sehe, daß Sie Fragen denken, wenn auch nicht aussprechen, und weil ich mich verpflichtet fühle, Ihre stummen Fragen zu beantworten; mein Verwandter wird Ihnen bessere Auskunft geben." Mir schwante, daß ich auf dem Sprunge sei, mich zu verraten, und so sagte ich, bloß um mir über meine Verlegenheit hinweg-zuhelfen: „Nun, das junge Volk ist dann um so frischer für die Schule, wenn der Sommer vorbei ist und es zurück muß." „Schule?" fragte er erstaunt, „ja, was meinen Sie mit diesem Wort? Ich wüßte nicht, in welchen Zusammenhang es mit Kindern zu bringen ist. Wir sprechen wohl von einer Philosophen schule, von einer Malerschule, von einer Dichterschule--wie man aber von einer Kinderschule reden kann, das"--und er begann zu lachen--, „das geht über meinen Horizont." Zum Henker! dachte ich, ich kann kaum den Mund auftun, ohne eine neue Verwicklung heraufzubeschwören. Ich wollte gar nicht versuchen, meinem Freund in seinen etymologischen Forschungen auf die Sprünge zu helfen; und über die Knabenställe, wie ich die Schulen zu nennen pflegte, zog ich gleichfalls vor zu schweigen, da mir ziemlich klar war, daß sie verschwunden waren. Nach etwelchem Umhertappen stotterte ich denn heraus: „Ich brauchte das Wort im Sinne einer Erziehungsanstalt." „Erziehung--?" fragte er nachdenkend. „Ich habe das Wort schon anwenden hören, bin aber niemandem begegnet, der mir eine deutliche Erklärung des Sinnes zu geben vermocht hätte." Man kann sich vorstellen, wie bei diesem offenen Bekenntnis meine Freunde in meiner Achtung sanken; und nicht ohne einen etwas geringschätzigen Ton sagte ich: „Nun, Erziehung bedeutet ein System, nach welchem man junge Leute lehrt, unterweist." „Warum nicht auch alte Leute?" fragte er mit einem schelmischen Zwinkern. „Aber ich kann Sie immerhin versichern, daß unsere Kinder etwas lernen, ohne daß sie durch ein Lehr- oder Unter-[p. 29] Weisungssystem zu gehen haben. Ei, nicht eines dieser Kinder sollten Sie finden, Junge oder Mädchen, das nicht schwimmen, nicht eines, das sich nicht auf den kleinen Waldponies zu tummeln verstände--da sehen Sie gleich eins! Kochen können sie durch die Bank, die größeren Jungen können nähen, viele können dachdecken und verrichten allerhand Tischlerarbeit oder sie verstehen sich auf sonst eine Hantierung. Ich kann Ihnen versichern, sie haben eine große Menge von Sachen gelernt." „Ja doch, aber ihre Erziehung des Geistes und Charakters, die Bildung des Gemüts?" sagte ich. „Lieber Gast," sagte er, „Sie haben vielleicht die Dinge nicht gelernt, von denen ich sprach, und wenn das der Fall ist, so glauben Sie ja nicht, daß keine Geschicklichkeit dazu gehöre und daß der Geist und das Gemüt nicht ihre Nahrung dabei finden. Sie würden Ihre Meinung augenblicklich ändern, wenn Sie zum Beispiel einen Jungen aus Dorsetshire beim Dachdecken beobachteten. Allein ich begreife wohl, daß Sie von Büchergelehrsamkeit reden, und die ist doch eine einfache Sache. Die meisten Kinder, welche Bücher umherliegen sehen, bekommen es schon mit vier Jahren fertig, zu lesen, obgleich es heißt, daß dies nicht immer so gewesen sei. Was das Schreiben betrifft, so lassen wir die Kinder nicht allzu zeitig kritzeln (obgleich sie sich nicht ganz davon abhalten lassen), weil sie sich dann eine häßliche Handschrift angewöhnen: und wozu das viele häßliche Schreiben, wenn das mechanische Drucken doch so bequem ist? Natürlich legen wir Wert auf eine schöne Handschrift, und viele schreiben ihre Bücher ab oder lassen sie abschreiben--natürlich nur solche Bücher, von denen bloß wenige Exemplare ge-braucht werden, Gedichte und dergleichen. Aber ich schweife ab. Entschuldigen Sie mich, denn ich bin bei der Sache persönlich inter-essiert. Ich bin selber ein Schönschreiber." „Nun gut," sagte ich, „wenn die Kinder Lesen und Schreiben gelernt haben, lernen sie dann nichts anderes--zum Beispiel Sprachen?" „O gewiß," antwortete er; „oft sprechen sie schon Französisch, bevor sie lesen können, da unsere nächsten Nachbarn jenseits des Wassers diese Sprache sprechen, und fast ebenso schnell lernen sie Deutsch, das von einer großen Anzahl Menschen des Festlandes gesprochen wird. Das find die Hauptsprachen, die wir außer Englisch, Walisisch [Welsch--Welsh--, die Sprache von Wales] oder Irisch, das nur eine Abart des Walisischen ist, auf unserem Inselreich sprechen, und die Kinder schnappen diese Sprachen schnell auf, weil sie dieselben von den Erwachsenen sprechen hören. Zudem bringen unsere überseeischen Gäste oft ihre [p. 30] Kinder mit, und so kommen die Kleinen zusammen und lernen gegenseitig die Sprachen voneinander." „Und die alten Sprachen?" „O ja," sagte er, „sie lernen meistens Lateinisch und Griechisch mit den modernen Sprachen zusammen." „Und Geschichte? Wie lehren Sie Geschichte?" „Je nun," meinte er, „wenn jemand lesen kann, so liest er, was ihm Spaß macht, und er findet sehr bald jemand, der ihm die besten Bücher über den oder jenen Gegenstand nachweist oder ihm erklärt, was ihm in Büchern, die er liest, dunkel geblieben ist." „Schön, und was lernen sie sonst? Sie werden doch nicht alle Geschichte lernen?" „O nein," erwiderte er, „nicht alle haben Interesse dafür, ja sogar recht viele haben keins. Wie mein Urgroßvater sagt, kümmern sich die Menschen meist nur in Zeiten des Aufruhrs, des Kampfes und der Wirrsale um die Geschichte, und"--fuhr mein Freund mit einem liebenswürdigen Lächeln fort, „dergleichen kommt heutzutage nicht vor. Nein, viele forschen nach dem Ursprung der Dinge, nach den Gesetzen der Verkettung von Ursache und Wirkung,--so daß Missen und Kenntnisse unter uns zunehmen, wenn Sie das für einen Vorteil halten. Andere wiederum, wie Freund Bob, verbringen ihre Zeit mit Mathematik. Es ist ja doch unnütz, die Neigungen der Menschen zwingen zu wollen." „Sie wollen doch nicht sagen, daß die Kinder all diese Dinge lernen?" „Das hängt davon ab, was Sie unter Kindern verstehen: auch müssen Sie bedenken, wie verschiedenartig die Kinder veranlagt sind. In der Regel lesen sie außer ein paar Märchenbüchern bis ungefähr zu ihrem fünfzehnten Jahre nicht viel. Vorzeitige Lern-und Lesewut findet keine Ermunterung bei uns, aber trotzdem gibt es immer Kinder, die sehr früh zu den Büchern greifen, was vielleicht nicht gut für sie ist. Doch ist es zwecklos, ihnen zu wehren, und gewöhnlich dauert es nicht lange; bevor sie ihr zwanzigstes Jahr erreichen, haben sie in der Regel ihre Richtschnur gefunden. Die Kinder ahmen bekanntlich gern Erwachsenen nach, und wenn sie die meisten Leute mit wirklich unterhaltender und nützlicher Arbeit, wie Häuserbauen, Straßenpflastern, Gärtnerei und ähnlichem beschäftigt sehen, so treibt es sie, das gleiche zu tun, und wir brauchen uns deshalb vor einer Überschwemmung mit Bücher-gelehrten nicht zu fürchten." Was konnte ich hierzu sagen? Ich saß schweigend da, um keine neuen Verwirrungen und Mißverständnisse herbeizuführen. Außerdem strengte ich meine Augen mit aller Macht an, um zu entdecken, wann unser altes Grauchen, das so hurtig einhertrabte, [p. 31] uns in das eigentliche London bringen würde, und welche Veränderungen mit der Stadt vorgegangen seien. Mein Begleiter konnte indes sein Thema nicht ganz fallen lassen, und nachdenklich fuhr er fort: „Aber selbst wenn die Kinder als Büchergelehrle aufwachsen, kann es ihnen nicht allzuviel schaden. Es ist ein wahres Ver-gnügen, sie so glücklich in Arbeiten vertieft zu sehen, nach denen keine sonderliche Nachfrage ist. Außerdem sind diese Studenten gemeinhin höchst liebenswürdige Menschen, gut und sanft von Gemüt, bescheiden und mit Eifer bereit, allen alles zu lehren, was sie selber wissen. Ich muß sagen, daß ich alle, mit denen ich bekannt geworden bin, ungemein gern habe." Diese Rede erschien mir denn doch so überaus wunderlich, daß ich gerade im Begriff war, meinem Freunde wieder eine Frage vorzulegen, als wir die Höhe einer Bodenschwellung erreichten und ich durch eine Waldlichtung zur Rechten ein stattliches Ge-bäude erblickte, dessen Umrisse mir genau bekannt waren. „Die Westminsterabtei!" rief ich aus. „Jawohl," sagte Dick, „was von der Westminsterabtei übrig ge-blieben ist." „Aber was habt ihr denn mit ihr gemacht?" fragte ich erschreckt. „Was wir mit ihr gemacht haben? Nicht viel mehr als sie gesäubert," erwiderte er. „Sie wissen ja, daß die Außenseite seil Jahrhunderten schon verwittert war. Und das Innere ist nach der großen Wegräumung der abscheulichen Denkmäler von Narren und Schurken, mit denen sie, wie der Urgroßvater sagt, vollgestopft war, in seiner ganzen Schönheit erhalten geblieben." Als wir ein Stückchen weiter gefahren waren, blickte ich wieder nach rechts und rief mit etwas zweifelnder Stimme: „Das ist ja das Parlamentsgebäude! Wie, braucht ihr denn das noch?" Er brach in ein Gelächter aus, von dem er sich nicht so schnell erholen konnte. Dann klopfte er mir auf die Schulter und sagte: „Ich verstehe Sie, Nachbar. Staunen Sie nur, daß wir es nicht niedergerissen haben; ich weih Bescheid, und nicht umsonst hat mir mein Urgroßvater Bücher über das seltsame Spiel gegeben, das dort getrieben worden ist. Es brauchen! Ei ja, als eine Art Hilfs-markt und als Düngermagazin, und dazu eignet das Gebäude sich nicht übel, da es am Ufer des Flusses liegt. Gleich zum Beginn unserer Zeitperiode sollte es wohl einmal niedergerissen werden, aber da kam so eine wunderliche Gesellschaft von Altertums-forschern, die sich in früheren Zeiten einige Verdienste erworben halte, und widersetzte sich stramm dem Abbruch dieses wie so manches anderen Gebäudes, das die meisten nicht nur als wertlos, sondern als öffentlichen Skandal betrachteten, und die Gesellschaft [p. 32] ging so nachdrücklich vor und hatte so gute Gründe anzuführen, daß sie ihren Willen durchsetzte. Nun, und alles wohlerwogen, muß ich sagen, daß ich nicht böse darüber bin, denn schlimmstenfalls dienen diese abgeschmackten Steinhaufen den herrlichen Gebäuden, die wir heutzutage aufführen, zur wirksamen Folie. Sie werden verschiedene in diesem Stadtteil finden, zum Beispiel das Haus, welches mein Urgroßvater bewohnt, und einen weitläufigen Bau, den man die Paulskirche nennt. Was brauchen wir ein paar armseligen Bauten den Platz zu mißgönnen, auf dem sie stehen, da wir doch überall hinbauen können! Auch braucht uns ja um den Anlaß zu vernünftiger Arbeit auf diesem Gebiet nicht bange zu sein, zumal bei Neubauten, auch wenn sie anspruchsloser Art sind, für solche Arbeit immer mehr und mehr Gelegenheit ist. Zum Beispiel erscheint mir ein weiter Spielraum und möglichste Bewegungsfreiheit im Hause als etwas so Kostbares, daß ich ihnen im Notfall sogar etwas vom Außenraum zu opfern geneigt wäre. Dann erfordert ja auch die ornamentale Ausschmückung, die nicht in den Versammlungssälen, Markthallen und ähnlichen Gebäuden, freilich aber in den Wohnhäusern, wo eben alles erlaubt ist, übertrieben werden kann, viele Kräfte und Sorgfalt. Mein Urgroßvater allerdings meint dann und wann, meine Ansichten über die höhere Baukunst seien etwas verschroben--ich bleibe aber der Überzeugung, daß sich der Tatkraft der Menschen nirgends ein weiteres Gebiet eröffnet; denn auf jedem anderen finden wir Grenzen, während sich auf diesem eine schier unübersehbare Fernsicht stets neuer Aufgaben bietet." [* Englisch, sprich schopping--das heißt Besuchen von Laden (Shops) und Betrachten der Maren--heute eine Hauptbeschäftigung von Damen, die sonst keine Beschäftigung haben.]
Während dieser Gespräche ließ ich meine Blicke wieder eifrig umherschweifen, denn der Piccadillymarkt lag hinter uns, und wir befanden uns in einer Gegend mit elegant gebauten, reichgeschmückten Wohnhäusern. Jedes Haus stand in einem sorgfältig gepflegten Garten, der mit Blumen wie übersät war. Die Amseln sangen lustig in den trefflich gepflegten Bäumen, die außer vereinzelten Lorbeerbäumen und einer gelegentlichen Gruppe von Linden nur Obstbäume zu sein schienen. Besonders zahlreich waren die Kirschbäume, deren Zweige sich unter der Last der Früchte bogen; und zu verschiedenen Malen boten uns, wenn wir an einem Garten vorüberkamen, Kinder und junge Mädchen Körbe voll der schönsten Kirschen an. Natürlich vermochte ich in diesem Labyrinth von Gärten und Häusern die Spuren der früheren Straßen nicht zu erkennen, aber die Hauptstraßen schienen dieselbe Lage behalten zu haben wie vordem. Jetzt gelangten wir auf einen geräumigen freien, sich nach Süden zu abdachenden Platz, dessen Sonnenseite man zur Anlegung eines, zumeist mit Aprikosenbäumen bepflanzten Obstgartens benützt hatte. In der Mitte desselben stand ein kleiner hübscher Holzbau, bemalt und vergoldet, der wie eine Büfettbude aussah. Südlich vom [p. 39] Obstgarten zog sich eine lange Straße hin, beschattet von hochgewachsenen alten Birnbäumen. Am Ende der Straße ragte der hohe Turm des Parlamentsgebäudes oder Düngermagazins empor. Eine seltsame Empfindung beschlich mich. Ich schloß die Augen vor den Sonnenblitzen, die auf diese anmutige Gartenlandschaft Herabschossen, und einen Augenblick glitt das Bild anderer Tage an mir vorüber. Ein weiter, von hohen häßlichen Häusern umgebener Platz mit einer häßlichen Kirche in der Ecke und einem noch häßlicheren Kuppelbau gegenüber, die Straße gedrängt voll von einer aufs höchste aufgeregten Menge, über welche die auf gleichfalls überfüllten Omnibussen sitzenden Passagiere hinwegsahen. In der Mitte ein gepflasterter viereckiger Platz mit Springbrunnen, und auf diesem Viereck merkwürdig abgeschmackte Bronzefiguren, deren eine sich auf der Spitze einer hohen Säule befand. Besagter Platz ist bis zum Saume der Straße von einer vierfachen Linie strammer Männer in blauer Uniform besetzt und quer über die südliche Straße die Helme einer Kompagnie Kavalleristen fahl schimmernd im grauen Lichte eines frostigen Novembernachmittags -- -- -- [Anspielung auf die Trafalgar-Square-Kundgebungen und -Krawalle im Jahre 1337]. Ich öffnete die Augen wieder zum Sonnenlicht, sah mich um und rief unter den flüsternden Bäumen und duftenden Blüten: „Trafalgar Square!" „Jawohl," sagte Dick, der die Zügel wieder angezogen hatte, „so ist es. Es nimmt mich nicht wunder, daß Ihnen der Name lächerlich vorkommt, aber es dachte niemand daran, ihn zu ändern. Und doch, meine ich, hätten wir ihm einen anderen Namen geben sollen zum Andenken an die große Schlacht, die hier im Jahre 1952 geschlagen worden ist--denn wenn wir den Geschichtschreibern trauen dürfen, war dieser Tag in der Tat denkwürdig genug." „Die Herren Geschichtschreiber lügen meistens oder taten es wenigstens früher," sagte der Alte. „Wie erklären Sie sich zum Beispiel folgendes, Nachbar? In einem Buche--na, und in was für einem dummen Buche! es heißt James’ Geschichte der Sozialdemokratie--las ich einen verworrenen Bericht über einen Kampf, der im Jahre oder um das Jahr 1887 (Daten sind meine schwache Seite) hier stattgefunden haben soll. Im Stadtviertel hier wollten verschiedene Leute eine Versammlung abhalten, und die Regierung oder der Rat oder die Behörde von London, oder wie sonst die Bande barbarischer Narren sich benamste, überfiel diese Bürger, wie sie damals hießen, mit bewaffneter Hand. Das scheint doch wahrhaftig zu lächerlich, als daß es wahr sein könnte; noch [p. 40] lächerlicher aber erscheint, daß die ganze Affäre gar keine Folgen hatte." „Und doch," sagte ich, „hierin hat ihr Mister James entschieden recht, und es ist wahr, nur daß kein Kampf stattfand, sondern daß wehrlose und friedliche Leute von mit Knütteln bewaffneten Raufbolden überfallen wurden." „Und das ließen sie sich gefallen?" fragte Dick, und ich sah zum erstenmal einen finstern Ausdruck über sein gutmütiges Gesicht huschen. „Wir mußten es uns gefallen lassen, wir konnten’s nicht ändern," sagte ich errötend. Der Alte sah mich scharf an und sagte: „Sie scheinen Bescheid in der Sache zu wissen, Nachbar! Ist es wirklich wahr, daß nichts dabei herauskam?" „Daß recht viele Leute deswegen eingesperrt wurden, das kam dabei heraus." „Doch wohl die mit den Knütteln?" fragte der Alte. „Die armen Teufel!" „Nein, nein," mußte ich erwidern, „die mit den Knütteln Bearbeiteten." Strengen Tones sagte nun der Alte: „Guter Freund, ich denke, Sie haben da eine Sammlung niederträchtiger Lügen gelesen und sind auf sie reingefallen." „Sie dürfen glauben, daß alles, was ich Ihnen sagte, vollkommen wahr ist." „Ich zweifle nicht, daß Sie dieser Meinung sind," erwiderte der Alte, „allein ich sehe wahrhaftig nicht ein, worauf Ihre felsenfeste Überzeugung sich gründet." Da ich ihm den Grund nicht auseinandersetzen konnte, hielt ich den Mund. Dick, der mittlerweile mit zusammengezogenen Brauen in Grübeleien versunken dagesessen hatte, äußerte sich endlich in einem sanften, etwas wehmütigen Tone: „Seltsam, daß Menschen--unseresgleichen, mit denselben Empfindungen und Neigungen wie wir, in diesem schönen und gesegneten Lande leben und solche unmenschliche Taten verüben konnten." „Freilich wohl," stimmte ich in lehrhaftem Tone bei, „trotz alledem waren jedoch jene Zeiten immerhin ein großer Fortschritt, verglichen mit den vorhergegangenen. Sie werden jedenfalls das Mittelalter mit der viehischen Roheit seiner Strafgesetze kennen, jene Epoche, in welcher die Menschen geradezu einen Genuß darin fanden, ihre Nebenmenschen zu foltern, und sogar in ihrem Gotte selbst nichts anderes erblicken wollten als einen Zucht- und Kerkermeister?" [p. 41] „Über diese Periode gibt es ja ganz gute Bücher, von denen ich einige gelesen habe," sagte Dick. „Aber von einem gewaltigen Fortschritt des neunzehnten Jahrhunderts habe ich nichts verspüren können. Die Menschen des Mittelalters handelten schließlich nach den Eingebungen ihres Gewissens, wie ja Ihre ganz richtige Bemerkung über die Goltesauffassung dieser Leute dartut. Was sie anderen zufügten, waren sie selber zu ertragen bereit, wohingegen die Heuchler des neunzehnten Jahrhunderts die Sache der Humanität zu vertreten behaupteten und dennoch fortfuhren, Menschen zu foltern und ins Gefängnis zu sperren, und zwar um keines anderen Grundes willen, als daß sie waren, was ihre Kerkermeister aus ihnen gemacht hatten. O, es ist grauenhaft, daran zu denken!" „Vielleicht wußten sie nicht, wie diese Gefängnisse beschaffen waren," wendete ich ein. Dicks Erregung schien in Zorn übergehen zu wollen. „Um so schmählicher für sie, wenn wir, Sie und ich, es nach so langer Zeit noch wissen. Sehen Sie, Nachbar, was für eine Schande bestenfalls ein Gefängnis für ein Gemeinwesen ist: und daß ihre Gefängnisse so schlecht waren wie nur irgend möglich, das mußten die Burschen doch wissen." „Ja," fragte ich, „habt ihr denn jetzt keine Gefängnisse mehr?" Kaum waren mir diese Worte entfahren, so fühlte ich auch, daß ich eine Dummheit gemacht hatte, denn Dicks Stirn faltete sich, und er wurde rot, und der Alte sah peinlichst überrascht drein. Zornig, jedoch offenbar bemüht, sich zurückzuhalten, sagte Dick: „Menschenkind! Wie können Sie eine solche Frage stellen? Sagte ich Ihnen nicht, daß wir auf das glaubwürdige Zeugnis zuverlässiger Bücher und unterstützt von unserer eigenen Einbildungskraft wohl wissen, was ein Gefängnis ist? Und haben Sie mich nicht selbst auf den Ausdruck des Glückes in den Gesichtern der Leute aufmerksam gemacht, die uns in den Straßen und Fluren begegnen? Wie könnten sie einen solchen Ausdruck zur Schau tragen, wenn sie wüßten, daß ihre Mitmenschen im Gefängnis schmachteten? Könnten sie das gelassen ertragen? Und wenn Leute im Gefängnis säßen, so könnte man das nicht geheim halten wie einen gelegentlichen Menschenmord, denn der wird nicht mit Vorbedacht und vor einer Menge Zeugen verübt, die den Totschläger kaltblütig unterstützen, wie das beim Einkerkern in Gefängnisse der Fall ist. Gefängnisse, wahrhaftig! Nein, nein, o nein!" Er hielt inne, fing an sich abzukühlen und fuhr in freundlichem Tone fort: „Verzeihen Sie mir! Da es kein einziges Gefängnis mehr gibt, ist meine Erregung ja überflüssig. Was für eine üble Meinung von mir muß Ihnen mein Mangel an Selbstbeherrschung beibringen! [p. 42] Natürlich--was sollen Sie, der Sie vom Auslande kommen, von solchen Dingen verstehen? Ich fürchte sehr, ich habe Sie verstimmt." Nun, das hatte er allerdings einigermaßen, aber in seiner Hitze lag soviel edles Gefühl, daß ich ihn nur um so lieber gewann. „Nein, ich selbst war ja an dem Mißverständnis schuld, mit meinem törichten Gefrage. Sprechen wir von etwas anderem," erwiderte ich und zog mein Prachtexemplar von Pfeife hervor und verlegte mich eifrig aufs Rauchen, während unser Grauer wieder lustig vorantrabte. Unterwegs bemerkte ich: „Dies Pfeifchen ist ein sehr sorgfältig und kunstvoll ausgearbeitetes Spielzeug, und ihr seid hierzulande so verständig und eure Baukunst ist so zweckmäßig, daß es mich ein wenig wundernimmt, wie ihr euch mit solchen Spielereien abgeben könnt." Während ich diese Bemerkung machte, entging es mir nicht, daß ich mich für das schöne Geschenk nicht gerade dankbar erwies: Dick schien jedoch auf meinen Mangel an Lebensart nicht zu achten, sondern bemerkte: „Aber warum? Das Ding ist doch niedlich, und da niemand dergleichen zu machen braucht, der es nicht gern tut, so sehe ich nicht ein, warum er’s unterlassen sollte, sofern es ihm Spaß macht. Freilich, wenn es an Bildschnitzern fehlte und wenn sich alle der Baukunst, wie Sie es nennen, zuwendeten, dann käme die Beschäftigung mit derlei Zier- und Spielzeug in Wegfall. Sintemalen sich aber eine Menge Leute aufs Schnitzen verstehen--nämlich so ziemlich ein jeder von uns--und da ziemlicher Mangel an Beschäftigung vorhanden ist, oder doch zu unserem Leidwesen eintreten könnte, so verschmähen unsere Landsleute auch diese geringfügige Arbeit nicht." Er verfiel in Sinnen und schien sich mit irgendeinem Rätsel zu beschäftigen, indes bald klärte sein Gesicht sich wieder auf, und er fuhr fort: „Übrigens müssen Sie doch zugestehen, daß die Pfeife ein reizendes Stück Arbeit ist--vielleicht zu fein gearbeitet für eine Pfeife, aber--doch allerliebst." „Wohl, nur zu kostbar für ihren Zweck," wendete ich ein. „Was heißt das? Das versteh’ ich nicht," gab er zur Antwort. Ich wollte mich eben--freilich recht unbeholfen--ihm verständlich machen, als wir an den Toren eines großen weitläufigen Gebäudes vorüberkamen, in welchem irgendein Arbeitsbetrieb vor sich zu gehen schien. „Was für ein Gebäude ist das?" fragte ich neugierig, denn es heimelte mich an, unter all den fremdländischen Dingen auch einmal etwas zu sehen, was mir bekannt vorkam. „Das scheint ja eine Fabrik zu sein." [p. 43] „Ich glaube Sie zu verstehen," sagte er, „und Sie haben’s getroffen: aber wir nennen derlei Betriebe nicht mehr Fabriken, sondern Vereinigte Werkstätten, das heißt Plätze, an denen Leute zusammenkommen, die gemeinschaftlich miteinander arbeiten wollen." „Jedenfalls verwenden sie dabei aber irgendeine Triebkraft?" fragte ich. „Nicht doch," erwiderte er. „Wozu sollten denn die Leute zusammentreten, um sich einer Triebkraft zu bedienen, wenn sie eine solche in oder bei ihren Mohnstätten finden können? Nein, in diese Vereinigten Werkstätten kommen die Leute, um solche Handarbeiten zu verrichten, bei welchen das Zusammenwirken verschiedener Personen notwendig oder nützlich ist. Derlei Arbeit ist oft sehr unterhaltend. Da machen sie zum Beispiel Töpfer- und Glaswaren--Sie können dort die Spitzen der Ofen sehen. Es ist natürlich sehr bequem, geräumige Brennöfen und Glastöpfe und alles, was sonst nötig ist, zur Verfügung zu haben, und es gibt solcher Plätze eine Menge; denn es wäre lächerlich, wenn ein Mann, der sich gern mit Töpferei oder Glasbläserei beschäftigt, entweder an einem bestimmten Ort leben oder auf die Arbeit verzichten müßte, zu der er gerade Neigung hat." „Ich sehe aber keinen Rauch aus den Öfen steigen," bemerkte ich. „Rauch?" fragte Dick, „weshalb sollten Sie denn Rauch sehen?" Ich hielt den Mund, und er fuhr fort: „Es ist innen ganz hübsch, freilich ebenso einfach, wie es sich Ihnen von außen zeigt. Was die Beschäftigung betrifft, so halte ich das Tonkneten für eine lustige Arbeit, das Glasblasen dagegen für ein heißes, ausdörrendes Geschäft. Und doch tun es sehr viele gern, und das nimmt mich nicht wunder: mit der glühenden Masse gewandt umspringen zu können, verleiht einem solch ein Kraftgefühl! Überhaupt gibt’s viel vergnügliche Arbeit dabei," sagte er lächelnd, „denn man mag mit solchen Waren so vorsichtig umgehen, wie man will, dann und wann zerbrechen sie doch, und so hat man immer vollauf Beschäftigung." Ich schwieg und grübelte. Gerade in diesem Augenblick trafen wir auf einen Trupp Männer, welche die Straße ausbesserten und einen kurzen Aufenthalt verursachten. Mir war das nicht unangenehm; was ich bisher wahrgenommen, schien mir nichts weiter zu sein, als was die Muhe eines Sommerfesttags mit sich bringt. Mich gelüstete danach, dies Volk an einem Stück wirklich notwendiger Arbeit zu sehen. Als wir herankamen, hatten sich die Leute eben von ihrer Rast erhoben und schickten sich wieder zur Arbeit an, so daß der Lärm ihrer Spitzhämmer mich aus meinem Sinnen aufschreckte. Es war ungefähr ein Dutzend starker junger Männer, die etwa den Ein- [p. 44] druck einer Bootsmannschaft von Oxforder Studenten aus meiner Zeit machten und denen ihre Arbeit auch nicht lästiger zu sein schien. Ihre Oberkleider lagen in einem ordentlich geschichteten Haufen am Wegesrand unter der Obhut eines sechsjährigen Jungen, der seinen Arm um den Nacken eines mächtigen Bullenheizers geschlungen hatte; und selbst dieser Köter streckte sich in einer so wonnigen Faulheit, als sei der Sommertag für ihn allein aufgestiegen. Als mein Blick auf den Kleiderhaufen fiel, schimmerte mir Gold- und Seidenstickerei daraus entgegen, und mir fiel ein, dass einige dieser Arbeiter wohl einen ähnlichen Geschmack wie der goldblitzernde Kehrichtkärrner aus Hammersmith haben dürften. Neben den Kleidern stand ein stattlicher Vorratskorb, der kalte Pasteten und Wein ahnen ließ, und ein halbes Dutzend junger Frauen und Mädchen sahen der Arbeit oder den Arbeitern zu. Und beide waren es wert, denn die Arbeiter führten so kräftige Schläge und wußten ihre Arbeit so munter und flink zu verrichten, wie man es von so prachtwüchsigen Burschen an einem Sommertag nur erwarten kann. Mit großem Vergnügen betrachtete ich die Leute. Sie lachten und plauderten lustig miteinander und mit den schönen Zuschauerinnen, als der Vormann aufblickte und wahrnahm, dass sie uns den Weg versperrten. Alsogleich ließ er die Spitzhacke ruhen und rief aus: „Halt, Genossen, hier sind Nachbarn, die vorbei wollen!" worauf auch die übrigen innehielten, sich um uns scharfen, das alte Pferd unterstützten, indem sie die Räder über die halbfertige Straße hoben, und dann wohlgemut wie Leute, die sich mit Lust und Liebe einem Werke widmen, an ihre Arbeit zurückeilten. Sie nahmen sich nur Zeit, uns ein lächelndes Adieu zuzuwinken, so daß das Geklapper der Spitzhämmer schon von neuem erklang, ehe noch unser Grauschimmel sich wieder in seinen Trab hineingerannt hatte. Dick sah über die Schulter nach ihnen zurück und bemerkte: „Die sind heute prächtig im Zuge; es ist ein wahres Vergnügen, zu erproben, wieviel Arbeit man in eine Stunde hineindrängen |