HOMELife & WorksAbout the SocietyMemberhip & DonationsPublications Events  •  Links

Morris, William. "Kunst und die Schönheit der Erde."

Morris, William. "Art and the Beauty of the Earth." Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert von Jan Pätzold. "Kunst und die Schönheit der Erde." Vier Vorträge über Ästhetik. Berlin: Stattbuch Verlag, 1986. 79-125.

This document is also available in printer-friendly Rich Text [RTF] format.

Kunst und die Schönheit der Erde

         Wir sind hier inmitten einer Bevölkerung, die sich mit einem Handwerk beschäftigt, das das älteste der Welt genannt werden kann, ein Handwerk, für das ich mich wohl zu Recht sehr interessiere, da es, vielleicht mit Ausnahme des ehrwürdigen Handwerks des Häuserbaus, keinem anderen nachsteht. Und inmitten dieser regen Bevölkerung, die mit der Herstellung von für den Haushalt so wichtigen Gütern beschäftigt ist, spreche ich vor einer Kunstschule, vor einer jener Institutionen, die überall im Land gegründet wurden, als man be-merkte, daß mit den beiden Elementen etwas nicht stimmte, die zusammen das schaffen, was zu Recht als ein Werk der gewerblichen Kunst beschrieben werden kann, nämlich das Element der Nützlichkeit und das künstlerische Element. Ich hoffe, daß nichts von dem, was ich heute abend sagen werde, Sie zu der Ansicht führen wird, daß ich die Bedeutung dieser Bildungseinrichtungen unterschätze; im Gegenteil, ich halte sie für notwendig, falls wir nicht bereit sind, jeden Versuch der Vereinigung jener zwei Elemente der Funktion und der Schönheit aufzugeben.

         Obwohl nun niemand mehr als ich von der Bedeutung der Töpferkunst überzeugt sein kann und obwohl ich ihr Studium, wie ich hoffe, weder in künstlerischer [p. 80] noch in kunstgeschichtlicher Hinsicht vernachlässigt habe, so halte ich mich doch nicht für verpflichtet, das Thema Ihrer besonderen Kunst zu behandeln; weniger deshalb, weil ich von ihrer technischen Seite nicht mehr weiß als das, was mir für das Verständnis ihrer kunstgeschichtlichen Aspekte ausreichend erschien, sondern eher, weil ich glaube, daß es, so wie die Dinge heutzutage stehen, fast unmöglich ist, eine der ornamentieren-den Künste von den anderen zu trennen. Ich glaube auch, daß es Sie nicht sehr interessieren und noch weniger informieren würde, wenn ich die allgemeinen Regeln wiederholen würde, die ein Designer in den gewerblichen Künsten befolgen sollte; bei der Gründung jener Schulen haben die Ausbilder diese Regeln deutlich und zufriedenstellend formuliert, und ich glaube, daß sie seither allgemein anerkannt sind, zumindest theoretisch. Vielmehr fühle ich mich wirklich verpflichtet, zu Ihnen über gewisse Dinge zu sprechen, die meine Gedanken ständig bewegen, über gewisse Überlegungen hinsichtlich des Zustandes und der Aussichten der Künste im allgemeinen, deren Vernachlässigung uns mit der Zeit tatsächlich in eine merkwürdige Situation bringen würde; das wäre eine Situation, in der ein Töpfer seiner Ware keinerlei Dekoration geben würde und in der er, falls er ein ganz logisch denkender Mensch wäre, überhaupt nicht wüßte, welche Form ein Gefäß haben sollte, wenn ihn nicht die beabsichtigte tatsächliche Verwendung des Gefäßes in die eine oder andere Richtung führen würde. Was ich über diese Dinge zu sagen habe, wird Ihnen wohl nicht sehr neu sein, und vielleicht wird es Sie mehr oder weniger verärgern; aber ich möchte Sie bitten, mir zu glauben, daß [p. 81] ich mir der Ehre bewußt bin, die Sie mir entgegenbringen, indem Sie mich auffordern, zu Ihnen zu sprechen. Ich kann nicht bezweifeln, daß Sie dies getan haben, da-mit Sie meine Ansichten über die Künste hören, und es scheint mir daher so zu sein, daß ich dieser Ehre kaum gerecht werden würde und Sie mißachtete, wenn ich mich hier hinstellte und ausgiebig über das spräche, was ich nicht denke. So möchte ich also um Ihre Erlaubnis bitten, offen zu sprechen, wie ich versichere, daß ich nicht leichtfertig sprechen werde.

         Dennoch möchte ich nicht, daß Sie annehmen, ich würde die Schwierigkeit jener Kunst der offenen Aussprache unterschätzen, einer Kunst, die vielleicht ebenso schwierig ist wie die Töpferei und nicht annähernd so häufig in der Welt ausgeübt wird; daher will ich Sie bitten, mir zu verzeihen, wenn ich Ihre Gefühle in irgendeiner Art verletzen sollte, denn das geschähe nicht absichtlich oder aufgrund eines übermütigen und vorschnellen Denkens, sondern vielmehr aufgrund meiner unbeholfenen Art, es auszudrücken. In Wahrheit erwarte ich, daß Sie mir verzeihen, denn ich bin fest davon überzeugt, daß das Aussprechen eines offenen Worts, das gesagt werden muß, niemanden auf Dauer verletzen kann, wenn es frei von Bosheit oder Selbst-sucht war; wo hören dagegen Irrtum und Schaden auf, die aus halbherziger Rede, aus vagen, heuchlerischen und ängstlichen Worten folgen?

         Sie, die in dieser Gegend so widerstandsfähige, gleichmäßige, gut zusammengefügte und dauerhafte Töpferwaren herstellen, wissen sehr genau, daß Sie ihnen andere Qualitäten geben müssen außer jenen, die sie für den gewöhnlichen Gebrauch tauglich machen.

         [p. 82] Sie müssen darauf bestehen, sie sowohl schön als auch nützlich zu machen, denn andernfalls würden Sie sicher Ihren Markt verlieren. Diese Ansicht hat die Welt von Ihrer Kunst und von allen gewerblichen Künsten seit Beginn der Geschichte, und sie gilt, wie ich sagte, noch heute, sei es wegen der Macht der Gewohnheit oder we-gen etwas anderem.

         Trotzdem ist der Stellenwert, den die Kunst in unserem täglichen Leben einnimmt, so verschieden von dem der Vergangenheit, daß es mir so scheint (und damit bin ich nicht allein), als ob die Welt bei der Frage zögere, ob sie die Kunst annehmen oder verwerfen solle.

         Ich denke, daß ich diese sehr verblüffend erscheinende und dabei sicherlich sehr schwerwiegende Behauptung erklären muß. Ich werde das in so wenig Worten wie möglich tun. Mir ist nicht bekannt, ob die meisten oder viele von Ihnen den großen Wandel bemerkt haben, von dem die Künste in der modernen Zeit ergriffen wurden, einen Wandel, dessen Höhepunkt noch nicht lange zurückliegt und den die meisten von Ihnen daher miterlebt haben müßten. Es mag Ihnen so scheinen, als ob es keinen Bruch in der Abfolge der Kunst gegeben habe, zumindest seit sie anfing, sich aus dem Durcheinander und aus der Rohheit des frühen Mittel-alters herauszukämpfen; Sie denken vielleicht, daß sie einen graduellen Wandel, Wachstum und Vervollkommnung (die vielleicht nicht immer sofort erkannt wurde) durchgemacht hat, daß dies alles aber ohne Gewalt und Zusammenbruch geschah und daß Wachstum und Vervollkommnung immer noch anhalten.

         Dies scheint auch eine sehr vernünftige Ansicht zu sein, indem sie die Entwicklung der Kunst als dem ana- [p. 83] log betrachtet, was sich ohne Zweifel auf anderen Gebieten des menschlichen Fortschritts zugetragen hat; darauf beruht sogar Ihre Freude an der Kunst und Ihre Hoffnung für ihre Zukunft. Diese Grundlage der Hoffnung ist einigen von uns abhandengekommen; worin unsere Hoffnungen heute gründen, werde ich Ihnen vielleicht heute abend teilweise erklären können, aber ich will Ihnen zunächst einen Eindruck von dem Abgrund geben, in den unsere frühere Hoffnung gestürzt ist.

         Lassen Sie uns ein wenig auf das frühe Mittelalter blicken, auf die Zeit der Barbarei und des Chaos. Wenn Sie die Seiten des scharfsinnigen, besonnenen Gibbon durchlesen, dann werden Sie wahrscheinlich denken, daß das Talent des großen Historikers auf belanglose Zänkereien, auf das Laster der Selbstsucht, auf unwürdigen Aberglauben und den Pomp und die Grausamkeit der Könige und Schurken verschwendet wurde, die die Hauptfiguren der Geschichte sind; aber wenn Sie darüber nachdenken, dann werden Sie bemerken, daß nicht die ganze Geschichte erzählt wurde, daß sie sogar fast gar nicht erzählt wurde, sondern daß nur hier und dort ein zufälliger Wink gegeben wird. Der Palast und das Feldlager waren sicher nur ein kleiner Teil dieser Welt; Sie können sicher sein, daß daneben Zuverlässigkeit, Aufopferung und Liebe am Werk waren, denn was für eine Schöpfung hätte diese Zeit sonst hervorbringen können? Die sichtbaren Zeichen dieser Schöpfung müssen Sie in der Kunst suchen, die inmitten jener Rohheit und jenes Durcheinanders aufwuchs und erblühte, und Sie wissen, wer sie herstellte. Die Tyrannen, Pedanten und Wichtigtuer jener Zeit zahlten Hungerlöhne [p. 84] für die Kunst und bestachen ihre Götter mit ihr, aber sie waren zu beschäftigt mit anderen Dingen, um sie zu machen; das namenlose Volk schuf sie; denn keine Na-men ihrer Hersteller sind uns überliefert, kein einziger. Allein ihr Werk ist erhalten und all das, was daraus entstand und noch entstehen wird. Was zuerst daraus entstand, war die vollkommene Freiheit der Kunst inmitten einer Gesellschaft, die gerade angefangen hatte, sich von den religiösen und politischen Fesseln zu befreien. Die Kunst blieb jetzt nicht mehr, wie noch im alten Ägypten, starr innerhalb bestimmter vorgeschriebener Grenzen, damit keine Phantasie mit ihr spielte, keine Einbildungskraft sie überträfe, um nicht die Größe der schönen Symbole zu verdunkeln und die Erinnerung an jene ehrfurchtsvollen Mysterien, die sie symbolisieren, in den Herzen der Menschen schwächer werden zu las-sen. Es war auch nicht länger so wie im Griechenland des Perikles, als kein Gedanke ausgedrückt werden sollte, der nicht in einer vollkommenen Form ausgedrückt werden konnte. Die Kunst war frei. Alles, was sich ein Mensch ausdachte, konnte er durch die Arbeit seiner Hände hervorbringen und es dem Lob und dem Staunen seiner Gefährten aussetzen. Jeder Mensch, der irgendeinen Gedanken hatte und irgendeine Fähigkeit, ihn auszudrücken, wurde für gut genug gehalten, um damit sich und seine Nachbarn zu erfreuen; in dieser Kunst wurde nichts verschwendet und niemand übergangen; alle Völker östlich des Atlantiks fühlten diese Kunst; von Buchara bis Galway, von Island bis Madras war die ganze Welt von ihrem Glanz erleuchtet und von ihrer Kraft in Schwingung versetzt. Sie zerstörte auch die nationalen und religiösen Barrieren. Christen und [p. 85] Mohammedaner wurden durch sie erfreut; Kelten, Germanen und Romanen förderten sie gemeinschaftlich; Perser, Tataren und Araber gaben und nahmen gegenseitig ihre jeweiligen Begabungen. Wenn man be-denkt, wie alt die Welt ist, dann stand diese Kunst nicht sehr lange in Blüte. In jenen Tagen, als Norweger, Dänen und Isländer durch die Straßen von Micklegarth stolzierten und den Thron des griechischen Königs Kirialax mit ihren Äxten schützten, war sie lebendig und voller Kraft. Als der blinde Dandolo von der venezianischen Galere hinab und auf die eroberten Mauern Konstantinopels geführt wurde, war sie ihren besten und reinsten Tagen nahe. Als Konstantin Palaiologos als al-ter und erschöpfter Mann von einem friedlicheren Heim auf Morea zu seinem Verderben in die große Stadt zurückkam und dem wirren Leben des letzten Kaisers nicht ohne Ruhm von türkischen Schwertern auf den durchbrochenen und zerschossenen Mauern jenes selben Konstantinopel ein Ende bereitet wurde, da zeigten sich in der Kunst, die dort entsprang, um ihren Ruhm gleichermaßen über den Osten wie den Westen zu verbreiten, schon erste Anzeichen von Krankheit.

         Diese ganze Zeit lang war sie die Kunst freier Menschen. Welche Sklaverei es auch noch in der Welt gegeben haben mag (mehr als genug, wie immer), so hatte doch diese Kunst keinen Anteil daran; und immer noch geschah es nur hier und da, daß sich einige große Na-men über die Menge jener erhoben, die diese Kunst her-stellten. Diese Namen erschienen (und das geschah hauptsächlich allein in Italien) zu der Zeit, als jene Zweige der Kunst, die eher das Werk einer kollektiven als einer individuellen Begabung waren, die Architek- [p. 86] tur im besonderen, ihre höchste Perfektion fast erreicht hatten. Die Menschen fingen an, sich nach etwas Verblüffenderem und Neuerem umzusehen, als es ihnen der langsame, allmähliche Wandel in der Architektur und der zu ihr gehörenden geringeren Künste bieten konnte. Diese Abwechslung fanden sie in den großartigen Werken der Maler, und sie empfingen sie mit einer offenbaren Erregung und Freude, die uns heutzutage, wo die Kunst so gering geschätzt wird, wirklich erstaunlich vorkommt.

         Für eine Weile ging alles besser, als man wünschen konnte; obwohl die italienische Architektur allmählich etwas an Vollkommenheit verlor, so konnte das doch kaum bemerkt werden angesichts jenes großartigen Glanzes, der sich über die Malerei und Bildhauerei aus-breitete. Unterdessen hatte der Wandel in Frankreich und England, obwohl er sich langsamer vollzog, früher eingesetzt, wie die Skulptur der großen französischen Kirchen und die ausgezeichnete Illuminationsmalerei englischer Bücher bezeugen, während die Flamen, die nie sehr in der Baukunst hervorragten, zu Ende jener Periode ihre wahre Berufung als Maler im Stil eines an-genehmen und ernsten, ausdrucksstarken Naturalismus gefunden hatten, der mit einer unübertroffenen Reinheit und Lebhaftigkeit der Farbe ausgeführt wurde.

         So hatte die Kunst des Mittelalters allmählich ihren Gipfel erreicht, zweifellos nicht ohne die Anlage zum Verfall mit sich zu führen, die ihr ein Ende setzen sollte, und die Drohung eines großen Wandels, der damals sicher noch niemand Beachtung schenkte. Über ihre Blindheit braucht man sich auch nicht sehr zu wun- [p. 87] dern, denn ihre Kunst sollte noch mehrere Jahrhunderte lang voller Leben und Glanz sein, und als dann schließlich ihr Ende nahe war, sahen die Menschen darin nur die Hoffnung auf ein neues Leben. Viele Jahre, ein Jahrhundert mindestens, bevor der Wandel wirklich eintrat, wurde der Ausdruck der größeren Gedanken, mit denen die Kunst umgehen kann, für jene Menschen schwieriger, die nicht besonders ausgebildet waren. Ohne die absolute Perfektion zu verlangen, die die Regel im alten Griechenland war, erwarteten die Menschen doch eine komplizierte Ausführung, die sich die Griechen nie erträumt hatten; den Menschen er-schien die Aussicht, Szenen der Geschichte und Poesie in einer weit vollständigeren Art zu verwirklichen, als es die besten ihrer Vorgänger versucht hatten. Doch die Trennung zwischen Künstler und Kunsthandwerker (wie unser Spitzname lautet) war lange Zeit nicht offen-sichtlich, obwohl die Dinge zweifellos darauf hinaus liefen; sie ist vielleicht hauptsächlich bemerkbar an dem Unterschied zwischen dem Werk einer Nation und dem einer anderen, eher als an den Handwerkern selbst. Ich meine damit zum Beispiel, daß England im dreizehnten Jahrhundert Seite an Seite mit Italien ging, was die reine Qualität anlangt, während England zur Mitte des fünf-zehnten Jahrhunderts roh war, Italien dagegen kultiviert; und gerade als sich der Wandel vorbereitete, kam es durch den einen oder anderen Zufall zu einer großen Zunahme an Entdeckungen der antiken Kunst und Literatur, und so geschah es, daß das Schicksal der halb ausgesprochenen Sehnsucht der Menschen entgegen-kam.

         [p. 88] Dann war tatsächlich alles Zögern vorbei, und plötzlich, wie es uns heute vorkommt, fand inmitten eines Aufflammens von Glanz die ersehnte Wiedergeburt statt. Früher blieben, wie ich sagte, die Hersteller schöner Dinge namenlos; aber aus der Zeit der Renaissance sind uns mehr Namen hervorragender Handwerker überliefert, als sich ein gutes Gedächtnis merken kann, und unter diesen Namen befinden sich die größten, die die Welt je gesehen hat oder vielleicht je sehen wird. Kein Wunder, daß die Menschen laut jubelten; kein Wunder, daß ihr Stolz sie verblendete und sie nicht mehr sahen, wo sie standen; doch die Geschichte ist äußerst bedauernswert und traurig. Sie war eine jener merkwürdigen Zeiten, in denen es den Menschen so vorkam, als ob sie all die Distanz zwischen Traum und Wirklichkeit überbrückt hätten. Sie und niemand sonst, so scheint es, haben schließlich den Ort erreicht, an dem all die früher vergeblich gesuchten Schätze der Welt aufgetürmt liegen. Sie, so scheint es, haben alles, und niemand vor ihnen hatte irgendetwas, nicht einmal ihre Väter, die gerade erst zu Grabe getragen worden sind.

         Die Menschen der Renaissance betrachteten das Jahrtausend, das hinter ihnen lag, als eine tatenlose Leere und alles vor sich als einen endlosen Triumpfzug. Wir, die so viel durch die Fehlschläge anderer Leute lernen konnten, können ihre Stellung anders als sie selbst beurteilen. Wir können erkennen, daß die Kunst, während sie vorher seit ihrem Beginn immer nach vorn gesehen hatte, nun zurückblickte; daß die Menschen, während sie früher gelehrt wurden, durch die Kunst auf das zu blicken, was die Kunst wiedergab, nun gelehrt [p. 89]wurden, die Kunst selbst für das Ziel zu halten, und daß es nicht darauf ankäme, ob die erzählte Geschichte geglaubt werde oder nicht. Früher war ihr Ziel zu sehen, jetzt war es nur ihr Ziel, gesehen zu werden. Früher wurde sie ausgeübt, um verstanden zu werden und um allen Menschen zu helfen. Jetzt stand das gemeine Volk jenseits der Grenze, und die Beleidigungen, mit denen die griechischen Sklavenhalter und römischen Steuereintreiber der Antike das Volk, alle Menschen bis auf einige Auserwählte, überschüttet hatten, kamen wieder zum Vorschein, ausstaffiert mit einer bizarren Verkleidung, um jene Tage grenzenloser Zuversicht zu schmücken.

         All dies kam in Wirklichkeit nicht über Nacht, aber es kam, und nicht einmal sehr langsam, nachdem die Menschen begonnen hatten zurückzublicken. Zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts war die Renaissance auf ihrem Höhepunkt. Das siebzehnte Jahrhundert hatte noch kaum begonnen, was war da aus ihren übermütigen Hoffnungen geworden? Wenn man ganz Italien betrachtet, so wurde allein in Venedig noch Kunst hergestellt, die etwas wert war. Der eroberte Norden hatte nichts von Italien gewonnen außer der Nachahmung seiner schlimmsten Extravaganz, und was die englische Kunst vor der Bedeutungslosigkeit bewahrte, war nur die Tradition jener früheren Zeit, die noch in einem Volk nachklang, das wirklich bäuerlich und engstirnig, aber auch ernsthaft und wahrheitsliebend war und ein einfaches Leben führte.

         Ich habe gerade darüber gesprochen, wie dies entstanden ist. Aber was dem zugrunde lag und was ich Ihnen hauptsächlich zur Beachtung und Erinnerung ans [p. 90] Herz legen möchte, ist dies, daß die Menschen der Renaissance bewußt oder unbewußt ihre ganze Energie der Trennung der Kunst vom alltäglichen Leben der Menschen widmeten, und daß sie das zustande brach-ten, wenn nicht ganz und gar zu ihrer Zeit, so doch mit Sicherheit und in der nahen Zukunft. Ich muß Sie daran erinnern, obwohl ich und auch klügere Menschen es immer wieder gesagt haben, daß früher jeder Mensch, der irgend etwas schuf, nicht nur einen nützlichen Gegenstand herstellte, sondern auch ein Kunstwerk dar-aus machte, während heute nur sehr wenige Dinge selbst den entferntesten Anspruch erheben können, Kunstwerke zu sein. Ich bitte Sie, dies äußerst sorgfältig und ernsthaft zu bedenken und zu versuchen, die Bedeutung dessen zu verstehen.

         Aber da jemand unter Ihnen dies bezweifeln könnte, so lassen Sie mich zuerst fragen, woraus die große Masse der Gegenstände besteht, die unsere Museen füllen, wenn man die reinen Bilder und Skulpturen einmal beiseite läßt? Sind sie nicht einfach die gewöhnlichen Haushaltsgeräte vergangener Zeiten? Es ist wahr, daß manche Leute sie nur einfach als Kuriositäten betrachten, aber Ihnen und mir wurde gesagt, daß wir sie äußerst ehrfurchtsvoll als unschätzbare Kostbarkeiten be-trachten sollten, die uns alles mögliche lehren können, und doch, ich wiederhole, sind sie in ihrer Mehrzahl gewöhnliche Haushaltsgegenstände, hergestellt von »kleinen Leuten«, wie man heute sagt, ohne jede Bildung, von Menschen, die annahmen, daß die Sonne um die Erde liefe und daß Jerusalem genau im Mittelpunkt der Welt läge.

         [p. 91] Oder nehmen Sie ein anderes Museum, das uns noch geblieben ist, nämlich unsere ländlichen Kirchen. Be-trachten Sie sie genau, damit Sie sehen, wie die Kunst jedes Detail durchdrang; denn das Wort »Kirche« sollte Sie nicht in die Irre führen: In Zeiten wirklicher Kunst baute das Volk seine Kirchen in genau demselben Stil wie seine Häuser; »Kirchenkunst« ist eine Erfindung der letzten dreißig Jahre. Ich komme gerade aus einer abseits gelegenen Gegend nahe dem Ende der schiffbaren Themse, wo es in einem Umkreis von fünf Meilen etwa ein halbes Dutzend kleiner Dorfkirchen gibt, von denen jede ein wunderschönes Kunstwerk mit eigenem Charakter ist. Dies sind die Werke der Dorftölpel vom Themseufer, wie Sie uns heute nennen würden, nichts mehr als das. Wenn die gleichen Leute sie heute entwerfen und bauen würden, dann könnten sie--denn sie haben in den letzten fünfzig Jahren ungefähr alle alten Bautraditionen verlernt, obgleich sie länger an ihnen festgehalten haben als die meisten Leute--nichts Besseres bauen als die gewöhnlichen kleinen, schlichten non-konformistischen Kapellen, die man über die neuen Wohngebiete verstreut sieht. Das ist es, was zu vergleichen ist, nicht eine vom Architekten entworfene neugotische Kirche. Je mehr Sie die Archäologie studieren, desto besser werden Sie wissen, daß ich damit recht habe, und daß das, was uns von früherer Kunst geblieben ist, allein vom Volk, ohne fremde Hilfe, gemacht worden ist. Und Sie werden auch nicht übersehen, daß es klug gemacht wurde und mit Freude.

         Dieses letzte Wort führt mich zu einer so wichtigen Frage, daß ich es selbst auf die Gefahr hin, Sie zu ermüden, meinem alten Satz anfügen und das Ganze wieder- [p. 92]holen muß. Es gab eine Zeit, als alle, die irgend etwas herstellten, nicht nur einen nützlichen Gegenstand, sondern daneben auch ein Kunstwerk daraus machten, und es machte ihnen Freude, das zu tun. Dies ist eine Behauptung, von der mich nichts abbringen kann; was ich auch immer bezweifeln mag, darüber habe ich keinen Zweifel. Und wenn es irgend etwas in meinem Lebens-werk gibt, was sich zu tun lohnt, wenn ich irgendein wertvolles Anliegen habe, dann ist es die Hoffnung, mitzuhelfen, daß der Tag kommt, an dem wir werden sagen können: Wie es einmal war, so ist es heute wieder.

         Verstehen Sie mich nicht falsch; ich bin nicht einfach ein Lobredner vergangener Zeiten. Ich weiß, daß in jenen Tagen, von denen ich spreche, das Leben oft hart und schlimm genug war, voll von Gewalt, Aberglauben, Dummheit und Sklaverei; doch kann ich nicht um-hin zu denken, daß, wie sehr die armen Leute auch einen Trost brauchten, sie doch nicht völlig ohne ihn auskommen mußten, und daß dieser eine Trost die Freude an ihrer Arbeit war. Wie viel die Welt auch seither gewonnen hat, so glaube ich nicht, daß sie für alle Menschen ein so vollkommenes Glück ist, daß wir es uns erlauben können, irgendeinen Trost abzulehnen, den die Natur uns anbietet. Oder müssen wir bis in alle Ewigkeit den Teufel mit dem Beelzebub austreiben? Sollten wir es nie schaffen, dieses ganze Pack auf einmal loszuwerden?

         Ich will damit nicht sagen, daß die ganze Arbeit, die wir heute tun, ohne jede Freude getan wird, aber ich will sagen, daß die Freude eher darin besteht, daß man ein gutes Gefühl bei der Arbeit erreicht--sicherlich eine tapfere und richtige Einstellung--oder daß man die [p. 93]Last einigermaßen erträgt, daß sie aber nur selten, sehr selten die Stufe erreicht, auf der sie den Handwerker dazu zwingt, aus vollem Herzen dem Werk selbst die Zeichen seiner zuversichtlichen Freude einzuprägen.

         Unser System der Arbeitsorganisation wird das auch nicht zulassen. In fast allen Fällen gibt es keine Sympathie zwischen dem Entwerfer und dem Menschen, der den Entwurf ausführt; nicht selten wird auch der De-signer dazu gezwungen, mechanisch zu arbeiten, so daß er niedergeschlagen ist, und darüber wundere ich mich nicht. Ich weiß aus Erfahrung, daß das Anfertigen eines Entwurfs nach dem andern--bloße Diagramme, wohlgemerkt--, ohne daß man sie selbst ausführt, den Geist sehr stark anspannt. Wenn nicht sämtliche Arbeiter aller Stufen auf Dauer zu Maschinen herabsinken sollen, dann ist es notwendig, daß die Hand den Geist ausruhen läßt, und umgekehrt. Und ich sage, daß es diese Art von Arbeit ist, die die Welt verloren hat, und daß ihr Platz von jener Arbeit eingenommen wurde, die das Ergebnis der Arbeitsteilung ist.

         Solche Arbeit, wozu immer sie auch sonst fähig ist, kann keine Kunst hervorbringen; die Kunst muß, so-lange das gegenwärtige System andauert, ausschließlich auf solche Werke beschränkt bleiben, die von Anfang bis Ende von einem Menschen hergestellt sind: Bilder, einzelne Skulpturen und ähnliches. Diese Werke können weder die Lücke füllen, die der Verlust der Volkskunst hinterlassen hat, noch können sie, besonders die phantasievolleren unter ihnen, die Anteilnahme erhalten, die ihnen zukommen sollte. Ich muß es offen aus-sprechen, daß es, so wie die Dinge liegen, für jemand, [p. 94] der nicht viel Bildung genossen hat, unmöglich ist, die bedeutendere Art von Bildern zu verstehen. Ich glaube sogar, daß die meisten Leute nur von den Bildern wirklich beeindruckt sind, die jene Szenen wiedergeben, mit denen sie gründlich vertraut sind. Dieser Aspekt, der die Leute im allgemeinen betrifft, scheint mir erheblich wichtiger als der, der mit dem unglücklichen Künstler zu tun hat; aber auch er hat Anspruch auf unsere Rücksichtnahme; und ich bin sicher, daß dieses Fehlen des allgemeinen Interesses der einfachen Leute ihn sehr be-drückt und sein Werk fieberhaft und verträumt oder kompliziert und verschroben werden läßt.

         Seien Sie sicher, daß, wenn das Volk krank ist, auch seine Führer Heilung nötig haben. Die Kunst wird nicht wachsen und gedeihen, sie wird sogar nicht lang am Leben bleiben, wenn nicht alle Leute an ihr teilhaben; und was mich betrifft, so sollte sie in diesem Fall auch nicht existieren.

         Daher stehe ich vor Ihnen und sage, daß heutzutage die Welt vor der Wahl steht, ob sie die Kunst haben oder ob sie sie hinter sich lassen will, und daß auch wir alle uns entscheiden müssen, welchem Lager wir beitreten wollen oder können, dem Lager derjenigen, die der Kunst aufrichtig zustimmen, oder dem derjenigen, die sie aufrichtig ablehnen.

         Lassen Sie mich noch einmal versuchen zu erklären, was diese beiden Alternativen bedeuten. Wenn Sie sich zur Kunst bekennen, dann muß sie Teil Ihres täglichen Lebens sein, und des täglichen Lebens jedes Menschen. Sie wird uns begleiten, wohin wir auch gehen, in der al-ten Stadt, die voller Überlieferungen aus vergangenen Zeiten ist, auf der frisch gerodeten Farm in Amerika [p. 95] oder in den Kolonien, wo niemand gewohnt hat, um Traditionen anzusammeln; auf dem ruhigen Land wie in der geschäftigen Stadt wird kein Platz ohne sie sein. Sie wird Sie bei Kummer und Freude begleiten, in Ihren Arbeitsstunden und in Ihrer Freizeit. Sie wird ohne An-sehen der Person von dem Vornehmen und dem Einfachen geliebt werden, von dem Gebildeten und dem Ungebildeten, wie eine Sprache, die alle verstehen können. Sie wird keine Arbeit behindern, die für ein sehr gutes Leben der Menschen nötig ist, aber sie wird jeder minderwertigen Schinderei, jeder ermüdenden Verschwendungssucht und jeder eitlen Oberflächlichkeit ein Ende bereiten. Sie wird der Todfeind der Ignoranz, der Unaufrichtigkeit und Tyrannei sein, und sie wird Freundlichkeit, gerechtes Verhalten und Vertrauen unter den Menschen ermutigen. Sie wird Sie lehren, den größten Verstand aufrichtig zu achten, aber nicht irgendjemand zu verachten, der nicht vorgibt, etwas zu sein, was er nicht ist; und das Instrument, mit dem sie arbeiten wird, und die Nahrung, die sie am Leben erhält, wird die Freude des Menschen an seiner täglichen Arbeit sein, das freundlichste und beste Geschenk, das die Welt je hatte.

         Ich sage nochmals, daß ich sicher bin, daß das Kunst bedeutet, nichts weniger, und daß wir nur eine At-trappe bekämen, wenn wir versuchten, die Kunst auf andere Art am Leben zu erhalten; dann wäre es für uns viel besser, die andere Alternative, die offene Ablehnung der Kunst, anzunehmen, wie das viele Leute, und nicht die schlechtesten, bereits getan haben. An sie und nicht an mich müssen Sie sich wenden, wenn Sie genau wissen wollen, was für die Zukunft einer Welt zu hoffen [p. 96] ist, in der man die Kunst begraben hat. Doch denke ich, daß ich aus der gegenwärtigen Tendenz der Dinge in etwa beurteilen kann, was aus diesen Angelegenheiten, mit denen wir Handwerker zu tun haben, wahrscheinlich werden wird.

         Wenn Menschen die Vorstellung aufgegeben haben, daß das Werk ihrer Hände jemals angenehm für sie sein kann, dann müssen sie als aufrichtige Menschen ihr Äußerstes tun, um die Arbeit der Welt auf ein Minimum zu beschränken; wie wir Künstler müssen sie alles tun, um das Leben des Menschen zu vereinfachen und seine Wünsche so weit wie möglich zu verringern; und zwei-fellos werden sie theoretisch in der Lage sein, sie weiter zu verringern, als wir es könnten, denn es ist klar, daß aller Verbrauch von Energie, der bei der Suche nach Schönheit entsteht, verboten sein wird. Jeder Schmuck wird aus dem Werk der menschlichen Hände verschwinden, obwohl noch immer dort Schönheit sein wird, wo die Natur wirkt. Die Kleidung wird nicht verziert sein, obwohl die Motte, die sie zerfrißt, in Silber und Perlmutt glänzt. London wird die abscheulichste Einöde sein, obwohl die Blüte der »London Pride« zarter gesprenkelt sein wird als das feinste Missale, das je ein Mönch ausgemalt hat. Und wenn alles getan ist, dann wird immer noch zu viel Arbeit, daß heißt zu viel Schmerz in der Welt sein.

         Was dann? Also Maschinen. Es scheint, daß wir zu Beginn einen ziemlichen Haufen davon haben werden, aber das wird lange nicht ausreichen. Einige Menschen müssen sich aufopfern und abschinden, um neue zu er-finden, bis schließlich so ziemlich alles, was die Menschen brauchen, von Maschinen hergestellt werden [p. 97] wird. Ich wüßte nicht, warum man das nicht schaffen sollte. Ich selbst habe einen grenzenlosen Glauben an ihre Leistungsfähigkeit. Ich glaube, Maschinen können alles machen -- nur keine Kunstwerke hervorbringen.

         Und was dann? Angenommen, es werden sich genug Märtyrer (oder besser Sklaven) finden lassen, um all die Maschinen herzustellen, die noch benötigt werden, und um sie zu bedienen; doch werden wir dann alle Arbeit, all das los sein, von dem wir herausgefunden haben, daß es ein reiner Fluch ist? Und wie wird es um unser Gewissen stehen (denn ich ging von der Annahme aus, daß wir alle gewissenhafte Leute sind), wenn wir glauben, alles uns mögliche getan zu haben, und dennoch von mürrischen, unzufriedenen Elendsgestalten versorgt werden müssen? Was sollen wir tun, frage ich?

         Also, ich muß sagen, daß meine Phantasie nicht weiter reicht, als eine allgemeine Rebellion als Heilmittel vorzuschlagen, deren Ziel es, falls sie Erfolg hat, sein müßte, wieder eine Form von Kunst einzuführen, und zwar als einen notwendigen Trost der Menschheit.

         Aber um die Wahrheit zu sagen, bringt mich dies zu einem anderen Vorschlag, der mir praktikabel er-scheint. Angenommen, wir fangen sofort an zu rebellieren; denn als ich davon sprach, daß die Welt sich zwischen Annahme oder Ablehnung der Kunst entscheiden müsse, nahm ich nicht an, daß ihre Wahl endgültig sein würde, falls sie sich für die Ablehnung entschiede. Die Rebellion wird kommen müssen, und sie wird zum Sieg führen, zweifeln Sie daran nicht; nur wenn wir so lange warten, bis die Tyrannei sich fest eingerichtet hat, wird unser Aufstand ein nihilistischer sein müssen; jede Abhilfe wäre dahin mit Ausnahme blinder Wut und der [p. 98] Hoffnung, die der Verzweiflung entspringt; wenn wir dagegen jetzt beginnen, dann werden der Wandel und seine Rückwirkung zusammenwirken, die neue Kunst wird uns allmählich erreichen, und eines Tages werden wir sie gesichert und siegreich erleben, obwohl der Kampf kein Geräusch verursacht hat--wir, unsere Söhne oder unsere Enkel.

         Wie also sollte unsere Rebellion beginnen? Was ist das Heilmittel für den Mangel an Arbeitsfreude, unter dem alle Handwerker leiden, und für die daraus folgende Krankheit der Kunst und das Absinken der Zivilisation?

         Ich fürchte, daß jede Antwort, die ich auf diese Frage geben könnte, Sie enttäuschen wird. Ich selbst leide so stark an dem Fehlen dieser Freude, daß ich selbst wenig Arznei besitze außer der, die Unzufriedenheit zu ermutigen. Ich habe kein unfehlbares Wundermittel, um ein Übel zu kurieren, das schon jahrhundertealt ist. Alle Heilmittel, die mir in den Sinn kommen, sind ziemlich banal. In jenen frühen Tagen der Volkskunst kämpfte die Welt allen Übeln, die das Leben bedrängten, zum Trotz für die Zivilisation und die Freiheit, und dafür müssen auch wir kämpfen, falls wir nicht denken, daß wir schon zivilisiert genug wären, was ich ehrlich gesagt nicht tue. Wir müssen uns um Bildung auf allen Gebieten kümmern. Wenn wir dabei nicht viel lernen, so werden wir doch mindestens das eine begreifen, daß wir nur wenig wissen, und dieses Wissen bedeutet Streben oder Unzufriedenheit, nennen Sie es, wie Sie wollen.

         Ich bezweifle nicht, daß, soweit es unsere Kunstschulen betrifft, die Bildung uns zu diesem Punkt führen [p. 99] wird. Ich denke nicht, daß irgendein vernünftiger Mensch sie als einen Mißerfolg betrachten könnte, wenn man den Zustand der ornamentierenden Seite der einzelnen Künste zu der Zeit berücksichtigt, als sie gegründet wurden. Es ist wahr, daß ihre Gründer teil-weise die trügerische Erwartung hatten, daß sie sofort in der Lage sein würden, der direkten und spürbaren Nachfrage nach ausgebildeten und fähigen Designern von Waren zu entsprechen; aber obwohl diese Hoffnung sie betrogen hat, haben sie zweifellos sowohl dieses Gebiet der Kunst wie auch andere beeinflußt; von all dem, was sie getan haben, ist jene öffentliche Anerkennung des Werts der Kunst im allgemeinen, die sich schon in der bloßen Existenz der Schulen zeigt, nicht die geringste Errungenschaft; oder, um es korrekter auszudrücken, ihre Existenz und das Interesse, das man an ihnen nimmt, sind Zeichen des Unbehagens der Menschen an dem gegenwärtigen zerrütteten Zustand der Künste.

         Vielleicht werden Sie, die hier studieren und eine so große Gruppe von Menschen bilden, die ein Verlangen' nach dem Fortschritt der Künste haben müssen, es entschuldigen, wenn ich ein paar Worte sage, die etwas weniger allgemein sind als der Rest meiner Rede. Ich glaube, daß ich Sie als eingeschriebene Kämpfer jener Rebellion gegen die vollständige Häßlichkeit betrachten darf, die ich heute abend gepredigt habe. Sie sind da-her vor allen anderen dazu verpflichtet aufzupassen, daß Sie dem Feind keine Gelegenheit zur Schadenfreude geben. Sie sind verpflichtet, besonders darauf zu achten, solide und echte Arbeit zu machen und jede Heuchelei und Geschmacklosigkeit zu vermeiden.

         [p. 100] Achten Sie darauf, jede Vagheit zu vermeiden. Es ist besser, auf dem falschen Weg erwischt zu werden, wenn Sie eine bestimmte Absicht verfolgt haben, als hin und her zu gehen und rumzunuscheln, damit die Leute Ihnen nichts vorwerfen können, weil sie nicht wissen, worauf Sie hinauswollen. Halten Sie in der Kunst an klaren Formen fest. Denken Sie nicht zuviel über Stil-fragen nach, sondern bemühen Sie sich darum, das herauszubekommen, was Sie für schön halten, und drükken Sie es aus, so vorsichtig wie Sie möchten, aber, ich wiederhole, ganz klar und ohne Verschwommenheit. Machen Sie Ihren Entwurf immer zuerst im Kopf, be-vor Sie anfangen, ihn aufs Papier zu bringen. Fangen Sie nicht damit an herumzupinseln in der Hoffnung, daß schon etwas dabei herauskommen werde. Sie müssen es sehen, bevor Sie es zeichnen, egal ob der Entwurf Ihre eigene Erfindung oder die der Natur ist. Denken Sie immer daran: Form vor Farbe, und Umriß, Silhouette vor dem Modellieren; nicht deswegen, weil das Letztere weniger wichtig wäre, sondern weil es falsch werden muß, wenn das Erstere nicht stimmt.

         In allen diesen Punkten können Sie so streng gegen sich sein wie Sie wollen, und Sie werden doch kaum zu streng sein.

         Darüber hinaus besonders zu denen von Ihnen, die Entwürfe von Waren machen: Versuchen Sie, das meiste aus Ihrem Material zu machen, aber immer so, wie es ihm am angemessensten ist. Es sollte nicht nur offen-sichtlich bleiben, was Ihr Material ist, sondern es sollte etwas damit gemacht werden, das besonders zu ihm paßt, etwas, das aus keinem anderen Material hergestellt werden könnte. Das ist genau die raison d'etre der [p. 101] dekorativen Kunst. Sich zu bemühen, daß Stein wie Schmiedekunst aussieht, oder Holz wie Seide, oder Töpferwaren wie Stein, ist die letzte Zuflucht einer her-untergekommenen Kunst. Wehren Sie sich so energisch wie möglich gegen jede Maschinenarbeit (das ist an alle Menschen gerichtet). Aber wenn Sie für eine Maschinenarbeit einen Entwurf machen müssen, dann lassen Sie darin wenigstens sichtbar werden, was er ist. Machen Sie ihn gründlich mechanisch und gleichzeitig so einfach wie möglich. Versuchen Sie zum Beispiel nicht, einem bedruckten Teller den Anschein eines handbemalten zu geben. Lassen Sie ihn so aussehen, wie es niemand zu machen versuchte, wenn er ihn mit der Hand bemalen würde, falls Ihr Markt Sie zur Herstellung von bedruckten Tellern zwingt; ich selbst sehe ihren Sinn nicht. Um zusammenzufassen: Lassen Sie sich nicht zu Maschinen machen, sonst können Sie sich als Künstler abschreiben. Obwohl ich die Maschinen aus Eisen und Bronze nicht sehr liebe, erscheinen mir die aus Fleisch und Blut schrecklicher und hoffnungsloser; kein Mensch ist ein so ungeschickter oder dürftiger Arbeiter, daß er nicht zu etwas besserem als dazu taugt.

         Ich sagte, daß Bildung das erste Heilmittel gegen die Barbarei ist, die von der Hektik der Zivilisation und der Konkurrenz im Handel gezüchtet worden ist. Wenn Sie wissen, daß vor Ihnen Menschen gelebt und kraftvoll gewirkt haben, dann ist das eine Ermutigung für Sie, auch heute gewissenhaft zu arbeiten, damit Sie denen etwas hinterlassen können, die nach Ihnen kommen.

         An was soll nach der Bildung als nächstes gedacht werden? Ich muß jetzt zugeben: Wenn Sie sich zur Kunst bekennen und in die Reihen jener treten, die ge- [p. 102] gen die Spießer rebellieren werden, dann werden Sie eine harte Zeit erleben. »Von nichts kommt nichts, und für einen Dollar gibts nicht viel«, sagt ein Yankee irgendwo, und ich muß leider sagen, daß das auch der Grundsatz der Natur ist. Diejenigen unter uns, die Geld haben, werden etwas für die Sache hergeben müssen, und wir alle müssen ihr Zeit, Gedanken und Mühe schenken; ich muß nun eine Angelegenheit von äußerster Wichtigkeit für die Kunst und für unser aller Leben ansprechen, in der wir, wenn wir wollen, sofort handeln können, die von uns aber einen entschiedenen Einsatz von Zeit, Gedanken und Geld verlangt. Von allen Dingen, die uns wahrscheinlich eine Volkskunst in Eng-land wiederbringen würden, ist die Reinigung Eng-lands das erste und wichtigste. Diejenigen, die schöne Dinge machen sollen, müssen in einer schönen Gegend leben. Manche Leute neigen vielleicht dazu zu sagen, und ich habe gehört, wie dies Argument vorgebracht wurde, daß gerade der Gegensatz zwischen der Ruhe und Reinheit der Kunst und dem Krach und Schmutz einer modernen Großstadt den Erfindungsgeist der Künstler belebt und eine besondere Lebendigkeit in der heutigen Kunst bewirkt.

         Daran kann ich nicht glauben. Eher scheint mir, daß es bestenfalls nur die fieberhaften und verträumten Eigenschaften verstärkt, die einige Künstler um die Sympathie der Allgemeinheit bringen. Aber davon abgesehen sind es Menschen, die mit Erinnerungen an romantischere Tage und angenehmere Länder erfüllt sind und von diesen Erinnerungen leben, meiner Ansicht nach nicht immer zum Vorteil ihrer Kunst; und sehen Sie, es [p. 103] sind nur wenige Menschen, die selbst diese recht zweifelhaften Vorteile genießen könnten.

         Ich bleibe bei meiner Behauptung, daß diejenigen, die schöne Dinge machen sollen, in einer schönen Gegend leben müssen, aber Sie müssen wissen, daß ich nicht vorhabe, für alle Handwerker einen Teil an jenen Gärten der Erde zu fordern, oder an jenen unvergleichlichen und eindrucksvollen Bergen und Wüsten, zu denen die Menschen pilgern, um sie zu sehen; das heißt keinen persönlichen Anteil. Die meisten von uns müssen sich mit den Berichten der Dichter und Maler über diese Gegenden begnügen, und sie müssen lernen, den engen Raum, der unser tägliches Leben umfängt, wegen der Schönheit und Harmonie zu lieben, die in ihm steckt.

         Denn gewiß gibt es keine Quadratmeile auf der be-wohnbaren Erdoberfläche, die nicht auf ihre Art schön ist, wenn wir Menschen nur darauf verzichten würden, diese Schönheit absichtlich zu zerstören; es ist dieser billige Anteil an der Schönheit der Erde, den ich als Recht jedes Menschen verlange, der ihn durch seine an-gemessene Arbeit verdienen wird; ein bescheidenes Haus mit bescheidenem Grundstück für jede ehrliche und fleißige Familie; das ist die Forderung, die ich im Namen der Kunst erhebe. Ist das eine so übertriebene Forderung an die Zivilisation? An eine Zivilisation, die zu begabt darin ist, sich in Tischreden zu rühmen, zu begabt, ihre Segnungen entfernten Völkern mit Kanonen zu überbringen, bevor sie die Qualität dieser Segnungen so weit verbessert hat, daß sie irgend etwas, und wenn auch nur den geringsten Preis, wert sind.

         Nun, ich fürchte, diese Forderung ist übertrieben. [p. 104] Sowohl Sie als Repräsentanten der Industriebezirke, wie ich, als Repräsentant der Hauptstadt, scheinen das jedenfalls bisher angenommen zu haben; es gibt dort nicht eine Familie unter tausend, die ihren Anspruch auf das vorhin erwähnte Recht durchgesetzt hätte. Doch das ist ein Jammer; denn wenn die Forderung als nicht verwirklichbar anzusehen ist, dann ist es sehr sicher, daß wir schlicht Windbeutel gefüllt und Sandseile geflochten haben mit all unseren Bemühungen zur Gründung von Kunstschulen, Nationalgalerien, South Kensington Museen und all dem.

         Ich sagte, daß Bildung für alle Menschen gut und not-wendig ist; selbst wenn Sie wollten, könnten Sie sie nicht aufhalten; und dennoch, Menschen zu bilden, die keine Hoffnung haben, was glauben Sie, was daraus wird? Vielleicht werden Sie in Rußland sehen, was dann zu erwarten ist.

         Sehen Sie, während ich zu Hause bei meiner Arbeit sitze, in Hammersmith, das nahe am Fluß liegt, dann höre ich oft durchs Fenster etwas von jener Rabauke, über die in letzter Zeit einiges in den Zeitungen geschrieben stand, und über die auch früher immer wie-der gesprochen wurde. Wenn ich die Schreie und das Gekreische und all die Erniedrigung höre, mit der die großartige Sprache Shakespeares und Miltons beworfen wird, und wenn ich die brutalen, rücksichtslosen Gesichter und Figuren an mir vorüberziehen sehe, dann erwacht auch in mir die Rücksichtslosigkeit und Brutalität, und unbändige Wut befällt mich, bis ich daran denke, wie das hoffentlich meistens der Fall ist, daß es nur das Glück war, in angenehme und reiche Verhältnisse geboren zu werden, dem ich es verdanke, auf [p. 105] dieser Seite des Fensters inmitten von bezaubernden Büchern und schönen Kunstwerken zu stehen und 'nicht auf der anderen Seite der kahlen Straße, der übel-riechenden Kneipen, der schmutzigen, heruntergekommenen Behausungen. Mit welchen Worten läßt sich sagen, was all das bedeutet? Denken Sie bitte nicht, daß es nur Rhetorik ist, wenn ich sage, daß ich angesichts all dessen fühle, daß die eine große Sache, die ich ersehne, die ist, daß dieses große Land alle auswärtigen und kolonialen Verstrickungen abschütteln und die mächtige Kraft seines ansehnlichen Volkes, die größte Macht, die die Welt je gesehen hat, darauf richten sollte, den Kindern dieser armen Leute die Freuden und Hoffnungen von Menschen zu geben. Ist das wirklich unmöglich? Gibt es keine Hoffnung, daß das eintreten wird? Wenn das so ist, dann kann ich nur sagen, daß die Zivilisation eine Täuschung und Lüge ist; daß es so eine Sache nicht gibt und auch keine Hoffnung darauf.

         Aber da ich leben möchte und sogar glücklich sein will, kann ich nicht glauben, daß es unmöglich ist. Meine eigenen Gefühle und Wünsche zeigen mir, was diese Menschen wollen und was sie vor jenen tiefsten Tiefen der Wildheit bewahrt haben würde: Eine Beschäftigung, die ihre Selbstachtung stärken würde und ihnen das Lob und die Sympathie ihrer Gefährten ein-brächte, Wohnungen, die sie mit Freude betreten könnten, und eine Umgebung, die sie beruhigen und erheitern würde; vernünftige Arbeit und vernünftige Erholung. Es gibt nur eine Sache, die ihnen das geben kann, und das ist die Kunst.

         Ohne Zweifel werden Sie diese Behauptung für eine lächerliche Übertreibung halten, aber trotzdem ist sie [p. 106] meine feste Überzeugung, und ich kann Sie nur bitten, daran zu denken, daß Kunst für mich die richtig organisierte Arbeit aller Menschen, die etwas herstellen, be-deutet; das muß schließlich ein mächtiges Instrument sein, um die Selbstachtung der Menschen anzuheben und ihrem Leben Würde zu geben. Noch einmal: »Von nichts kommt nichts, und für einen Dollar gibts sehr wenig«. Man kann die Kunst genausowenig wie irgend-eine andere Sache umsonst haben, und wenn Sie sich um die Kunst sorgen, was Sie müssen, wenn Sie sie kennenlernen, dann werden Sie das notwendige Opfer nicht scheuen. Schließlich sind wir Nachfahren und Landsleute jener Menschen, die gut wußten, wie man das Geringere für das Größere hingibt. Was Sie opfern müßten, ist hauptsächlich Geld, das heißt Kraft, und Schmutz; ich weiß, das ist ein schweres Opfer; aber vielleicht haben wir, wie ich sagte, früher in England größere Opfer ertragen; ich bin mir nicht einmal sicher, ob uns der Schmutz nicht auf lange Sicht sogar mehr Bares kosten würde als die Kunst.

         Also was sollten wir haben, Kunst oder Schmutz?

         Was wäre dann zu tun, falls wir die bessere Wahl treffen? Das Land, in dem wir leben, ist weder an reiner Fläche sehr groß noch großartig in der Art seines Zuschnitts, aber ich denke, daß es nicht nur unsere natürliche Zuneigung zu ihm ist, die uns glauben läßt, daß es wie kaum ein anderes Land für das friedliche Leben auf-richtiger Menschen geeignet ist. Falls das bezweifelt werden könnte, so haben es unsere Väter jedenfalls be-wiesen. Ich behaupte, ohne Widerspruch zu erwarten, daß keine menschliche Wohnung jemals hübscher und angenehmer war als ein englisches Haus; aber unsere [p. 107] Väter behandelten unser liebliches Land gut, während wir es schlecht behandelt haben. Es gab eine Zeit, als es von einem Ende zum anderen schön war, aber jetzt müssen Sie Ihren Weg sorgfältig planen, um zu vermeiden, an scheußlichen Plätzen vorbeizukommen, die eine Schande, ich will nicht sagen für die Zivilisation, aber für die menschliche Natur sind. Ich habe keine Statistik über das Größenverhältnis dieser Plätze zur unverdorbenen oder teilweise verdorbenen Landschaft gesehen, aber an manchen Stellen gehen sie so ineinander über, daß sie eine ganze Grafschaft oder sogar mehrere Grafschaften bedecken, und sie nehmen mit einer entsetzlichen Rate zu, entsetzlich ganz ernst und wörtlich gemeint. Während das unbehindert und sogar ohne Be-dauern so weiter geht, ist es wirklich müßig, über Kunst zu reden. Während wir das tun oder zulassen, daß es getan wird, lehnen wir in Wirklichkeit insgeheim die Kunst ab, und es wäre ehrlicher und besser, wenn wir es offen zugeben würden. Wenn wir uns zur Kunst bekennen, dann müssen wir wiedergutmachen, was wir getan haben, und die Kosten tragen. Wir müssen dieses Land aus einem finsteren Fabrikhinterhof in einen Gar-ten verwandeln. Falls das einigen unter Ihnen schwierig oder vielmehr unmöglich vorkommt, dann kann ich es nicht ändern; ich weiß nur, daß es notwendig ist.

         Was die Unmöglichkeit betrifft, so glaube ich nicht daran. Allein die Menschen dieser Generation haben Dinge geschafft, die noch vor kurzer Zeit für unmöglich gehalten worden wären. Sie haben die Schwierigkeiten überwunden, weil sie sich auf diese Richtung versteift haben; und was einmal getan werden kann, kann wieder getan werden. Schon das Geld und die [p. 108] Wissenschaft, die wir für Vorrichtungen ausgeben, um unsere gegenwärtigen und zukünftigen Feinde zu töten und zu verstümmeln, würden einen guten Notgroschen abgeben, um ein anständiges Leben zu fördern, wenn wir uns nur zu diesem riesigen Opfer durchringen könnten.

         Trotzdem liegt es mir fern zu behaupten, daß allein Geld viel oder überhaupt etwas ausrichten kann: Es ist unser Wille, der das tun muß. Auch brauche ich nicht versuchen zu zeigen, wie sich dieser Wille in die Tat um-setzen sollte. Allerdings habe ich zusammen mit anderen meine Ansichten darüber, welche Schritte uns am besten weiterbringen würden, aber diese Ansichten würden von Ihnen nicht akzeptiert werden, und ich bin sicher, daß Sie, wenn Sie das Ziel fest im Auge haben, die Mittel finden werden, es zu erreichen, und es ist von ziemlich geringer Bedeutung, wie diese Mittel aussehen mögen. Wenn Sie die Maxime akzeptiert haben, daß das äußere Erscheinungsbild des Landes der Allgemeinheit gehört und daß jeder, der dieses Eigentum bewußt verletzt, ein Feind der Allgemeinheit ist, dann wird unsere Sache eines Tages siegen.

         Unterdessen ermutigt es mich, daran zu denken, daß es etwas gibt, das es mir möglich macht, hier in einem Bezirk, der soviel Qualm wie Töpferwaren produziert, zu stehen und das zu sagen, was ich über das Thema des Schmutzes gesagt habe, und das ist der Umstand, daß gerade kürzlich dem Gefühl in dieser Angelegenheit sichtbarer Ausdruck verliehen wurde, einem Gefühl, das sicher schon lange angewachsen ist. Wenn ich ein verrückter Träumer bin, was ja sein kann, so gibt es doch viele Mitglieder und Unterstützer solcher Gesell- [p. 109] schaften wie der Kyrle oder der Commons Preservation Society, die keine Zeit zum Träumen haben und deren Verrücktheit, wenn sie sie überkommen sollte, schnell überall im Land gespürt würde.

         Ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Ihre Geduld so lange beansprucht habe. Nur noch ein paar Worte, und dann bin ich fertig. Diese Worte sind Worte der Hoffnung. Falls ich etwas gesagt habe, das Ihnen hoffnungslos vorgekommen ist, so ist, glaube ich, jene Verbitte-rung schuld daran gewesen, die manchmal einen ungeduldigen Menschen überkommt, der merkt, wie wenig er aus eigener Kraft tun kann, um die Sache voranzubringen, die ihm am Herzen liegt. Ich weiß, daß diese Sache schließlich siegen wird, denn es ist einer meiner Glaubensartikel, daß die Welt nicht in die Wildheit zurückfallen kann und daß die Kunst ihre Gefährtin auf dem Vormarsch sein muß. Ich weiß sehr gut, daß nicht ich den Weg vorzuschreiben habe, den der Fortschritt nehmen muß. Ich weiß, daß viele Dinge, die mir heute zähe Hindernisse oder sogar Gift für diesen Fortschritt zu sein scheinen, vielleicht förderlich oder heilsam sind, obwohl ihnen das Schicksal vielleicht bestimmt hat, Schreckliches auszurichten, ehe das Gute an ihnen sichtbar wird. Aber dieser selbe Glaube zwingt mich, meinem Wissen gemäß zu sprechen, wie gering es auch sein mag und wie flüchtig die Worte auch klingen mögen; denn jeder Mensch, der ein Anliegen hat, muß so handeln, als ob es von ihm allein abhinge, wie gut er auch um seine eigene Unvollkommenheit wissen mag; und so entsteht die Handlung aus der bloßen Ansicht. Bei allem, was ich sagte, habe ich immer daran gedacht, daß Sie mich baten, zu Ihnen als Freund zu sprechen, [p. 110] und daß ich es nicht versäumen durfte, ganz offen und unbesorgt gegenüber meinen Freunden und Mithandwerkern zu sein.

         [p. 111] Einige Leute werden vielleicht nicht darauf vorbereitet sein zu erfahren, daß der Sozialismus überhaupt eine Idealvorstellung der Kunst hat, denn er ist in erster Li-nie so offensichtlich in der Notwendigkeit begründet, mit der bloßen wirtschaftlichen Organisierung des Le-bens fertig zu werden, daß viele, und sogar einige Sozia-listen, nichts außer dieser ökonomischen Basis sehen; und ferner glauben viele, die geneigt sind, die Notwendigkeit eines ökonomischen Wandels in die sozialistische Richtung anzuerkennen, ganz ernsthaft, daß die Kunst durch die Ungleichheit in den Lebensverhältnis-sen gefördert werde, die der Sozialismus als allererstes beseitigen müsse, und daß die Kunst in Wirklichkeit nicht ohne diese Ungleichheit existieren könne. Gegen-über diesen Ansichten behaupte ich erstens, daß der Sozialismus eine allgemeine Theorie des Lebens ist und daß er, so wie er eine eigene Ethik und eigene Grundsätze der Moral hat, auch eine Ästhetik hat, so daß je-der, der den Sozialismus richtig begreifen möchte, ihn notwendigerweise aus der ästhetischen Perspektive be-trachten muß. Und zweitens behaupte ich, daß die Ungleichheit in den Lebenschancen jedenfalls heute, was auch immer in früheren Zeiten der Fall gewesen sein mag, unvereinbar mit der Existenz einer kräftigen Kunst ist.

         [p. 112] Doch bevor ich fortfahre, muß ich erläutern, daß ich das Wort Kunst in einem weiteren Sinn verwende, als es gewöhnlich von uns heute benutzt wird; um die Sache zu erleichtern, werde ich sogar alle Reize für den Verstand und das Gefühl, die nicht an das Sehvermögen appellieren, ausklammern, obwohl genaugenommen die Musik und die gesamte Literatur, soweit sie etwas mit Stil zu tun hat, als Teile der Kunst betrachtet werden sollten; aber ich kann von der Betrachtung der möglichen Vermittler von Kunst kein Produkt des Menschen ausschließen, das angeschaut werden kann. An dieser Stelle wird sofort der Unterschied zwischen der sozialistischen und der kommerziellen Sichtweise der Kunst offenbar. Für den Sozialisten muß ein Haus, ein Messer, eine Tasse, eine Dampfmaschine und was nicht noch alles, ich wiederhole, alles, was von Menschen hergestellt wurde und eine Form hat, entweder ein Kunstwerk oder zerstörerisch für die Kunst sein. Dagegen teilt der Geschäftemacher die » Manufakturwaren« in jene, die absichtlich Kunstwerke sind und als solche auf dem Markt angeboten werden, und in jene, die keinen Anspruch auf künstlerische Qualität erheben und auch nicht erheben könnten. Die eine Seite unterstellt Gleichgültigkeit, die andere bestreitet sie. Der Geschäftemacher bemerkt, daß die große Masse der menschlichen Arbeit in der Zivilisation keinen Anspruch erhebt, Kunst zu sein, und er hält das für natürlich, unvermeidbar und auch im großen und ganzen für wünschenswert.

         Der Sozialist demgegenüber betrachtet dieses offen-sichtliche Fehlen von Kunst als eine Krankheit, die die moderne Zivilisation charakterisiert und die für die [p.113] Menschheit von Nachteil ist; und ferner glaubt er, daß diese Krankheit geheilt werden kann.

         Auch hält er diese Krankheit und Schädigung der Menschheit nicht für eine belanglose Angelegenheit, sondern für einen schmerzlichen Verlust von menschlichem Glück; denn er weiß, daß die alles durchdringende Kunst, von der ich sprach und deren Möglichkeit der Geschäftemacher nicht sieht, der Ausdruck der Freude an der Arbeit ist, die etwas herstellt; und da alle Menschen, die nicht bloß eine Last für die Allgemeinheit sind, etwas in der einen oder anderen Form herstellen müssen, so folgt daraus, daß unter dem gegenwärtigen System die meisten aufrichtigen Menschen ein unglückliches Leben führen müssen, da ihrer Arbeit, die den wichtigsten Teil ihres Lebens ausmacht, die Freude fehlt.

         Oder, um es ganz unverblümt und kurz zu sagen: Im gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft ist Glück nur für Künstler und Diebe möglich.

         Aus dieser Behauptung wird sofort klar, wie notwgndig es für Sozialisten ist, über die richtige Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft nachzudenken; denn es ist ihr Ziel, eine vernünftige, logische und stabile Gesellschaft zu verwirklichen; und was die beiden eben genannten Gruppen betrifft, so muß festgestellt wer-den, daß die Künstler (das Wort in seiner gegenwärtigen engeren Bedeutung gebraucht) wenige und zu beschäftigt mit ihrer speziellen Arbeit sind (wofür sie kaum verantwortlich gemacht werden können), um den öffentlichen Angelegenheiten viel Aufmerksamkeit zu schenken; und daß die Diebe (aller Klassen) ein die Gesellschaft störendes Element sind.

         [p. 114] Der Sozialist sieht nun nicht nur diese Krankheit, die den Körper der Gesellschaft befallen hat, sondern er glaubt auch, ihre Ursache zu kennen, und kann daher über ein Heilmittel nachdenken; und das um so mehr, weil diese Krankheit, wie gesagt, hauptsächlich für die moderne Zivilisation charakteristisch ist. Kunst war früher einmal der gemeinsame Besitz des ganzen Volkes; im Mittelalter war es die Regel, daß die Produkte des Handwerks schön waren. Ohne Zweifel gab es zur Glanzzeit der mittelalterlichen Kunst auch Scheußliches, aber das entstand durch die Zerstörung von Waren, nicht wie heute durch ihre Herstellung: Es waren die Handlungen des Kriegs und der Zerstörung, die damals das Herz des Künstlers betrübten, die geplünderte Stadt, das niedergebrannte Dorf, die verwüsteten Felder. Der Zerstörung standen die Zeichen ihrer wesensmäßigen Scheußlichkeit im Gesicht geschrieben; heute ist es der Wohlstand, der nach außen häßlich ist.

         Die Geschichte des Manufakturisten aus Lancashire, der--aus Italien, jenem traurigen Museum der Völker, zurückgekehrt--über den Anblick des Qualms aus seinen Schornsteinen frohlockte, mit denen er die Schönheit der Erde vergiftete, zeigt uns beispielhaft den aktiven, reichen Mann des kommerziellen Zeitalters, der zur Unfähigkeit heruntergekommen ist, sich auch nur eine saubere Umwelt zu wünschen. In jenen vergangenen Tagen waren die Wunden des Kriegs wirklich schmerzvoll, aber der Friede würde den Menschen wie-der Freude bringen, und die Hoffnung auf Friede war zumindest denkbar; aber heute kann auch der Friede uns nicht länger helfen; er bringt uns keine Hoffnung; der Wohlstand des Landes, mit welch »großen Spriln [p. 115] gen« er auch fortschreiten mag, wird alles um uns herum nur immer häßlicher werden lassen; es wird zu einem immer sicherer bestätigten Grundsatz, daß die Sehnsucht nach Schönheit, das Interesse an der Geschichte und die Intelligenz der ganzen Nation nichts ausrichten können, wenn es darum geht, einen reichen Mann davon abzuhalten, die ganze Nation bis zum vollen Umfang seines Reichtums zu schädigen, das heißt, sein Privileg auszunutzen, andere Leute zu belasten; es wird dazu kommen, daß der Beweis erbracht ist, zu-mindest für alle, die Schönheit und ein anständiges Le-ben lieben, daß das private Eigentum Diebstahl an der Allgemeinheit ist.

         Auch sollten wir Sozialisten das als letzte bejammern, wie sehr wir auch als Künstler darunter leiden mögen. Denn tatsächlich ist der »Friede« der Geschäftemacherei kein Friede, sondern erbitterter Krieg, und die gräßliche Wüste von Lancashire und der sich ständig ausbreitende Schmutz Londons sind zumindest handfeste Lektionen, um uns beizubringen, daß das so ist, daß Krieg im Land herrscht, der alle unsere Bemühungen um ein gesundes und glückliches Leben zunichte macht. Die Notwendigkeit der Zeit, sage ich, be-steht darin, den kommerziellen Krieg anzuheizen, den wir alle in der einen oder anderen Art führen; falls wir, während wir das tun, es schaffen können oder einige von uns es dazu bringen, ihr Leben mit einigen kleinen Freuden für die Augen zu verschönern, dann ist das gut, aber es ist keine Notwendigkeit, es ist ein Luxus, dessen Fehlen wir ertragen müssen.

         So verarmt uns trotz unserer Reichtümer auch in dieser Angelegenheit die durch die Ungleichheit geschaf- [p. 116] fene künstliche Knappheit, die in so vielem anderen spürbar ist; und wir verhungern inmitten von Gold, als der Midas aller Zeiten.

         Lassen Sie mich ganz offen einige Tatsachen hinsichtlich des gegenwärtigen Zustands der Künste aussprechen, bevor ich versuchen werde, das genau abgegrenzte sozialistische Ideal zu schildern, worum man mich gebeten hat. Das ist notwendig, weil man sich kein Ideal für die Zukunft bilden kann, wenn man nicht so vorgeht, daß es sich von etwas abhebt; es ist der Wunsch, dem gegenwärtigen Mangel zu entkommen, der uns zu dem treibt, was man »Ideale« nennt; sie sind tatsächlich in der Mehrzahl Versuche von sehr hoffnungsvollen Menschen, ihrem Unbehagen an der Gegenwart Ausdruck zu verleihen.

         Ich vermute, daß es kaum geleugnet werden wird, daß sich gegenwärtig nur verhältnismäßig wenige Personen an der Kunst erfreuen oder ihr überhaupt Gedanken widmen; allgemein gesprochen, sind das die Reichen und die Parasiten, die unmittelbar für sie arbeiten. Die Armen können sich nur das an Kunst leisten, was ihnen in karitativer Art gegeben wird; was, wie natürlicherweise alle solche Geschenke, von minderer Qualität ist--nicht wert, daß man es aufliest, es sei denn, man ist am Verhungern.

         Nachdem wir nun die Armen ausgeschlossen haben (das heißt fast die ganze Menge derer, die irgendetwas machen, das Form hat, die, wie schon gesagt, entweder hilfreich für das Leben oder destruktiv sein muß), da sie überhaupt keinen Anteil an der Kunst haben, lassen Sie uns nun sehen, wie die Reichen, die bis zu einem gewissen Grad daran partizipieren, dabei abschr}eiden; doch [p. 117] mir scheint ärmlich, obwohl sie reich sind. Indem sie sich vom allgemeinen Leben der Menschen, das sie um-gibt, abschirmen, können sie etwas Freude von einigen wenigen Kunstwerken erhalten, die entweder zum Strandgut vergangener Zeiten gehören oder von der persönlichen Arbeit, Intelligenz und Geduld einiger weniger, genialer Menschen der Gegenwart hervorgebracht wurden, die verzweifelt gegen die Zeitströmungen ankämpfen. Aber sie können nicht mehr erreichen, als sich mit einem kleinen Kreis von Kunst aus der Treibhausluft zu umgeben, die hoffnungslos verschieden ist vom gewöhnlichen Klima der Zeit. Ein reicher Mann kann ein Haus voll von Bildern, schönen Büchern, Möbeln und so weiter haben; aber sobald er nach draußen auf die Straße tritt, ist er schon wieder in-mitten von Häßlichkeit, der gegenüber er seine Sinne abstumpfen muß; oder er muß unglücklich sein, falls er sich wirklich für Kunst interessiert. Selbst wenn er auf dem Land inmitten der Schönheit der Bäume und Felder ist, kann er nicht den benachbarten Grundbesitzer daran hindern, die Landschaft mit seiner Landwirtschaft nach dem Nützlichkeitsprinzip zu verschandeln. Nein, es ist fast sicher, daß sein eigener Grundstücksverwalter oder Beauftragter ihn drängen wird, auf seinem eigenen Grund und Boden dasselbe zu tun; er kann nicht einmal seine Pfarrkirche vor dem Zugriff des restaurierenden Geistlichen retten. Er kann gehen, wo-hin er möchte, und tun, was er möchte, aber nur außer-halb des Bereichs der Kunst, denn dort ist er machtlos. Warum ist das so? Einfach deswegen, weil die große Masse der wirklichen Kunst, diejenige, die das ganze Leben berührt, das Ergebnis der harmonischen Zusam- [p. 118] menarbeit von Nachbarn sein muß. Und ein reicher Mann hat keine Nachbarn -- nur Konkurrenten und Parasiten.

         Als Folge davon ergibt sich nun, daß, obwohl die gebildeten Klassen (wie wir sie nennen) theoretisch einen Anteil an der Kunst haben oder haben könnten, sie doch praktisch betrachtet sehr wenig davon haben. Außerhalb des eigentlichen Kreises der Künstler gibt es selbst unter den Gebildeten sehr wenige, die sich um Kunst kümmern. Die Kunst wird von einer kleinen Gruppe von Künstlern am Leben erhalten, die in einem Geist arbeiten, der dem Zeitgeist ziemlich wider-spricht; und auch sie leiden unter dem Mangel an Zusammenarbeit, der ein wesentlicher Mangel der Kunst unserer Epoche ist. Daher sind sie auf die Produktion einiger weniger individualistischer Werke beschränkt, die von so gut wie jedem als beachtenswerte Kuriositäten angesehen werden und nicht als Teile der Schönheit, über die man sich freuen kann. Auch haben sie weder irgendeine Stellung noch die Macht, der Öffentlichkeit in allgemeinen Fragen des Geschmacks (um ein etwas häßliches Wort zu gebrauchen) zu helfen. Zum Beispiel wurde beim Entwurf all der Parks und Plätze, die in letzter Zeit für die Allgemeinheit erworben wurden, meines Wissens kein Künstler konsultiert; wogegen sie von einem aus Künstlern bestehenden Komitee hätten entworfen werden sollen; und ich wage zu behaupten, daß selbst ein schlecht gewähltes Komitee (und es kann mit Leichtigkeit gut gewählt werden) die Öffentlichkeit vor den meisten Katastrophen bewahrt hätte, die dar-aus folgten, daß man sie der Gnade des Landschaftsgärtners ausgeliefert hat.

         [p. 119] Das also ist die Stellung der Kunst in dieser Epoche. Sie ist hilflos und gelähmt inmitten eines Meers von utilitaristischer Brutalität. Sie kann nicht einmal die not-wendigsten Aufgaben erfüllen: Sie kann kein anständiges Haus bauen, oder ein Buch schmücken, oder einen Garten entwerfen, oder die heutigen Damen davon ab-halten, sich auf eine Art zu kleiden, die den Körper zu einer Karrikatur macht und ihn erniedrigt. Einerseits ist sie von den Traditionen der Vergangenheit abgeschnitten, andererseits von dem Leben der Gegenwart. Sie ist die Kunst einer Clique und nicht die des Volkes. Das Volk ist zu arm, um irgendwie an ihr teilzuhaben.

         Als Künstler weiß ich das, weil ich es sehen kann. Als Sozialist weiß ich, daß das so lange nicht besser wird, wie wir in jenem speziellen Zustand der Ungleichheit leben, der durch die direkte und offene Ausbeutung der Hersteller von Waren produziert wird, durch die Ausbeutung der Arbeiter seitens derjenigen, die in keinem, nicht einmal im weitesten Sinn des Wortes Produzenten sind.

         Daher ist der erste Punkt des sozialistischen Kunst-ideals, daß sie dem ganzen Volk gehören sollte; und das kann nur geschehen, wenn anerkannt wird, daß die Kunst ein untrennbarer Bestandteil aller hergestellten Waren, die eine bestimmte Form haben und für eine längere Lebensdauer bestimmt sind, sein sollte. Mit anderen Worten: Anstatt Kunst als einen Luxus zu betrachten, der notwendig mit einer gewissen privilegierten Stellung verbunden ist, fordert der Sozialist die Kunst als eine Notwendigkeit für das menschliche Leben, die die Gesellschaft keinem Bürger vorenthalten darf; und um diese Forderung zu verwirklichen, fordert er auch, [p. 120] daß die Menschen jede Möglichkeit haben sollten, sich der Arbeit zuzuwenden, für die sie am besten geeignet sind; nicht nur, damit der Aufwand an menschlicher Mühe so gering wie möglich ist, sondern auch, damit diese Bemühung mit Freude ausgeübt werden kann. Denn, ich muß an dieser Stelle wiederholen, was ich oft sagen mußte, die von Freude begleitete Ausübung unserer Kräfte ist gleichzeitig die Quelle jeder Kunst und die Ursache jedes Glücks, das heißt, sie ist das Ziel des Lebens. So daß die Gesellschaft, die nicht allen ihren Mitgliedern eine angemessene Gelegenheit gibt, ihre Kräfte mit Freude anzuwenden, das Ziel des Lebens aus den Augen verloren hat, ihre Aufgabe nicht erfüllt und daher eine reine Tyrannei ist, der an jeder Stelle Wider-stand entgegengesetzt werden muß.

         Außerdem sollte bei der Herstellung von Gütern et-was von dem Handwerkergeist lebendig sein, unabhängig davon, ob sie mit der Hand gemacht werden oder mit einer Maschine, die die Hand unterstützt oder er-setzt. Zum Wesen des handwerklichen Denkens gehört nun die Fähigkeit, die Güter an sich und ihren wesentlichen Zweck als Ziel der Arbeit zu betrachten. Ihre sekundären Zwecke, die Erfordernisse des Marktes, be-deuten dem Handwerker gar nichts; es macht ihm nichts aus, ob die von ihm hergestellten Güter für den Gebrauch eines Sklaven oder eines Königs bestimmt sind, denn es ist sein Geschäft, sie so gut wie möglich zu machen; falls er sich anders verhält, so macht er Waren für Schurken, um sie an Narren zu verkaufen, und auch er selbst ist wegen seiner Komplizenschaft ein Schurke. All dies bedeutet, daß der Handwerker die Güter für sich selbst macht, wegen seiner eigenen Freude an der [p. 121] Herstellung und am Gebrauch. Aber um das tun zu können, braucht er Gegenseitigkeit, sonst wird er mit schlechten Gütern versorgt sein außer bei denen, die er selbst herstellt. Seine Nachbarn müssen mit derselben Haltung Güter herstellen, wie er es tut; und jeder wird, da er ein guter Arbeiter ist, sofort die Leistung der an-deren anerkennen oder Fehler bemerken; denn der primäre Zweck der Güter, das heißt ihr Gebrauch, wird nie aus dem Auge verloren werden. Auf diese Art wird der Markt der Nachbarn, der gegenseitige Austausch guter Dienste entstehen und die Stelle des gegenwärtigen Markts und die seines Knechts, des modernen Fabrik-systems, einnehmen. Aber für ein solches Arbeiten, für eine solche ungezwungene und selbstverständliche Gegenseitigkeit von Leistungen braucht es natürlich etwas mehr als eine bloße herdenmäßige Ansammlung von Arbeitern. Es braucht dafür ein Bewußtsein für eine Gesellschaft aus Nachbarn, das heißt aus Gleichen, Menschen, die tatsächlich erwarten, daß sie von anderen gebraucht werden, aber nur so weit, wie die Dienste, die sie geben, ihnen selbst Freude bereiten, so weit, wie es sich um Dienste handelt, deren Ausführung für ihr eigenes Wohlbefinden und Glück notwendig ist.

         Nun, so wie ich einerseits weiß, daß keine wertvolle populäre Kunst aus etwas anderem als dieser Freiheit und dieser gegenseitigen Achtung entstehen kann, so bin ich mir auch sicher, daß der Kunst diese Chance gegeben werden wird und daß sie sie auch ergreifen wird, und daß dann wieder alles von Menschen Gemachte schön sein wird, seine passende Form, seine passende Verzierung haben wird und daß es die Geschichte ihrer Herstellung und die Geschichte ihres Gebrauchs erzäh- [p. 122] len wird, selbst wenn es keine andere Geschichte er-zählt. Und das deswegen, weil, wenn die Menschen wieder Freude an ihrer Arbeit haben und wenn die Freude eine bestimmte Stärke erreicht, sie den Aus-druck dieser Freude, der Kunst ist, welche Form er auch immer annehmen mag, nicht verdrängen können. Was die Form betrifft, so laßt uns darüber nicht den Kopf zerbrechen; zumal, wenn wir daran denken, daß die früheste Kunst, von der wir wissen, schließlich immer noch Kunst für uns ist; daß Homer nicht veralteter ist als Browning; daß immer noch angenommen wird, daß das am wissenschaftlichsten eingestellte aller Völker (beinahe hätte ich gesagt, das utilitaristischste), die alten Griechen, gute Künstler hervorgebracht haben; daß die abergläubischste Epoche der Weltgeschichte, das frühe Mittelalter, die freieste Kunst hervorgebracht hat; obwohl es dafür reichlich Gründe gibt, wenn ich nur Zeit hätte, das zu vertiefen.

         Tatsächlich ist es so, wenn man das Verhältnis der heutigen Welt zur Kunst bedenkt, daß es gegenwärtig eher unsere Aufgabe ist und noch lange bleiben wird, den Boden vorzubereiten, um der Kunst ihre Chance zu geben, als selbst zu versuchen, vollentwickelte Kunst hervorzubringen. Wir waren so lange Sklaven der modernen Praxis der unendlichen Produktion von Surrogaten anstelle von wirklichen Gütern, daß wir ernsthaft in Gefahr sind, die eigentliche Grundlage der Kunst zu zerstören; daß es notwendig wird, daß Menschen, damit sie überhaupt irgendeine künstlerische Wahrnehmung haben können, blind zur Welt kommen und ihre Vorstellungen von Schönheit aus den Erzählungen der Bücher beziehen sollten. Diese Entwick [p. 123] lung ist sicher die erste Sache, um die wir uns kümmern sollten; und sicherlich müssen sich Sozialisten bei der ersten Gelegenheit darum kümmern; schließlich müssen sie sehen, wie sehr andere auch ihre Augen schließen mögen. Denn sie können nicht umhin zu merken, das es dasselbe ist, wenn man eine große Menschenmenge dazu verurteilt, in South Lancashire zu leben, während Kunst und Bildung an anständigen Plätzen gefördert werden, wie wenn man ein Fest veranstaltet, während nebenan jemand gefoltert wird.

         Der erste Schritt in Richtung auf eine kräftige Wiedergeburt der Kunst muß jedenfalls zusammenprallen mit dem Privileg privater Leute, die Schönheit der Erde für ihren persönlichen Vorteil zu zerstören und da-durch die Allgemeinheit zu bestehlen. Der Tag, an dem es einer Vereinigung von Feinden der Gemeinschaft verboten wird, zum Beispiel die Felder von Kent in eine weitere Ansammlung von Aschehaufen zu verwandeln, um Reichtum, den sie nicht verdient haben, aus einem Haufen halbbezahlter Arbeiter herauszuschlagen; der Tag, an dem einem bis dahin allmächtigen »Geldsack« mitgeteilt wird, daß er nicht irgendein altes Gebäude einreißen sollte, um seine Mitbürger zwingen zu können, ihm noch mehr Wuchermiete für ein Land zu zahlen, das ihm nicht gehört (was so sicher ist wie bei der neuerworbenen Uhr des Straßenräubers) -- dieser Tag wird den Beginn einer kräftigen Wiedergeburt der Kunst in der Neuzeit bringen.

         Aber dieser Tag wird auch einer der denkwürdigen Tage des Sozialismus sein; denn es ist der Sinn und Zweck des gegenwärtigen Systems, genau dieses Privileg, das nichts anderes als das Privileg des bewaffneten

         [p. 124] Räubers ist, zu verteidigen; und die ganze prächtige Exekutive, die dahinter steht, die Armee, die Polizei, die Gerichte, denen der Richter vorsitzt, der die Exekutive vertritt, ist nur auf dieses eine Ziel gerichtet -- dafür zu sorgen, daß der Reichste herrschen und daß er vollkommene Freiheit haben möge, das Allgemeinwohl bis zum vollen Umfang seines Reichtums zu schädigen.

[p. 125] Die Quellen der Texte

  • The Lesser Arts. Delivered Before the Trades' Guild of Learning, December 4, 1877.
  • The Art of the People. Delivered Before the Birmingham Society of Arts and School of Design, February 19, 1879.
  • Art and the Beauty of the Earth. A Lecture Delivered at Burslem Town Hall on October 13, 1881.
  • Diese Vorträge sind enthalten in Band 22 der »Collected Works of William Morris«, London 1914.
  • The Socialist Ideal. I. Art. Written for the »New Review«, January 1891.
  • Die anderen Artikel, die das sozialistische Ideal behandelten, waren:
             II. Politics, by G. Bernard Shaw;
             III. Literature, by H. S. Salt.
  • Der Artikel ist enthalten im Band 23 der »Collected Works of William Morris«, London 1915.

This text is reproduced by kind permission of the copyright holder, Stattbuch Verlag.