HOMELife & WorksAbout the SocietyMemberhip & DonationsPublications Events  •  Links

Morris, William. Kunde von Nirgendwo, ein utopischer Roman.

Morris, William. Kunde von Nirgendwo, ein utopischer Roman. Herausgegeben von Wilhelm Liebknecht. Stuttgart: J. H. W. Dietz, 1920.

This document is also available in printer-friendly Rich Text format.

[p. 2]

Inhalts-Verzeichnis

Einleitung zu dem Roman
Diskussion und Nachtruhe
Ein Morgenbad
Das Gästehaus und das Frühstück
Ein Markt am Wege
Kinder auf der Strasse
Ein bißchen «Shopping»
Trafalgar Square
Ein alter Freund
Handelt von Liebe
Fragen und Antworten
         Die Regierungsformen
         Wie das Leben eingerichtet ist
         Über Politik
         Wie die Geschäfte besorgt werden
         Über den fehlenden Reiz zur Arbeit in der kommunistischen Gesellschaft
Mittagsmahl in der Markthalle von Bloomsbury
Wie der Umschwung kam
Der Anfang des neuen Lebens
Die Rückfahrt nach Hammersmith
Den Fluß aufwärts
Einer, der die alte Zeit lobt
Der zweite Tag
Ein altes Haus unter neuen Menschen.
Der Anfang des Festes--das Ende.

[p. 3]

Einleitung zu dem Roman.


         Ja, wo liegt Nirgendwo? Nun, wo soll es liegen? Welches» Nirgendwo? Welches von den vielen Taufend und Hunderttausend, Millionen und Billionen Nirgendwo, die es gegeben hat, gibt und geben wird, solange der Mensch etwas anderes ist als eine selbsttätige Maschine, als ein Selfaktor von Fleisch und Blut? Hat doch jeder Mensch fein Nirgendwo --und die meisten nicht bloß eines, sondern mehrere, viele. Und das einzige, was wir über die Lage von Nirgendwo wissen, ist, daß es nicht da liegt, wo wir sind und wo wir glauben.


         Nirgendwo, das ist die Welt der Wünsche, der Träume, der Ideale. Die Fee, welche dem großäugigen Kind die Leidens- und Glücksgeschichte Schneewittchens und des Aschenputtels erzählt, sie kommt von Nirgendwo; die Musen, welche dem Jüngling den Hippogryphen satteln «zum Ritt ins alte romantische Land», sie kommen von Nirgendwo; der Halbgott, den die Jungfrau, die Halbgöttin--nein Göttin, die der Jüngling sich sehnsuchtsvoll zugesellt, sie wohnen in Nirgendwo; die Ruhe, die Sorgenlosigkeit, die dem arbeitenden Manne, dem arbeitenden Weibe während des nie rastenden Kampfes um das Dasein als Fata Morgana vorgaukelt, sie wohnt in Nirgendwo; und der Siegeslorbeer, nach dem der sterbende Fechter schaut--er winkt aus Nirgendwo.


         Nirgendwo, das Land der Wünsche, der Träume, der Ideale, der Zukunft. Das Land der Zukunft--die kommende Zeit. The good time coming--«die gute kommende Zeit» des gegenwartsmüden Arbeiters. In die Zukunft flüchten sich die Wünsche. Alles Schöne und Gute, das die Gegenwart mit rauher Hand zurückweist, flieht in die schrankenlose, unbegrenzte, allem und allen Raum bietende, schimmernde Zukunft.

         Immer weiter dringt der Menschengeist vor--Reich um Reich erobert er--, doch niemals hat er genug; ungeduldig--und wäre das Reich noch so groß--läßt er den Blick über die Grenze hinwegschweifen, will wissen, welche neuen Reiche der morgige Tag ihm erschließen wird.

         Aber ein Schleier verhüllt, was hinter der Grenze liegt. Mehr als ein Schleier--denn durch einen Schleier kann man doch wenigstens Umrisse ahnen--, es ist ein Vorhang, ein dicker, schwerer, eiserner Vorhang. Ihn zu heben, durch irgendeine Spalte hindurchzugucken, wen gelüstete es nicht? Bon der Köchin, die den zukünftigen sehen will, bis zum politisierenden Sancho Pansa, der vor Neu- [p. 4] gierde platzt, ob er im Zukunftsstaat auch sein Leibessen in genügender Menge und Güte bekommt, hat jeder und jede--wenigstens zu-zeiten, das heißt wenn Zeit dazu ist--ein brennendes Verlangen, den Schleier der Zukunft zu lüften, den dicken, schweren, eisernen Vorhang zu heben.

         Mancher hat gesagt, es sei ihm gelungen. Er nannte sich Prophet, und verlegte sich aufs Prophezeien. Im großen und ganzen haben sie kein Glück gehabt, die Propheten und Prophezeier. Indes ihr Geschlecht ist noch nicht ganz ausgestorben, wenn auch die Überbleibsel etwas auf den Hund gekommen sind wie so viele alte Herrschergeschlechter.

         Namentlich der Wetterprophet und der politische Prophet sind in argem Verruf; allein das Prophetentum hat eine geheimnisvolle Anziehungskraft, so daß die Zahl derer nicht alle wird, die das von ihm untrennbare Martyrium der Lächerlichkeit voll Heldenmut auf sich nehmen.

         Sich die Zukunft ausmalen--das Zukunftsland schauen, den Zukunftsstaat, die Wunderwelt von Nirgendwo, wen lockte es nicht? Aus der Vergangenheit die Zukunft herauslesen--wer hätte es nicht versucht? Und wer betrachtet gleichgültig die Versuche, auch wenn er die Unmöglichkeit kennt? Alle Schilderungen der mit dem Vorhang der Zukunft bedeckten Wunderwelt Nirgendwo haben deshalb einen magischen Reiz und erfreuen sich allezeit großer Beliebt-heit und Volkstümlichkeit. Und nun jetzt, in dieser brodelnden, gärenden Gegenwart, wo eine Welt in Kindes- und Todesnöten ist und eine neue Welt sich hervorringt--wer brennt nicht, zu wissen, was der morgige Tag bringt? Gerade in Zeiten der Auflösung, des Wechsels, der Umgestaltung, der gesellschaftlichen und staatlichen Neugeburt ist der Hang zu Wanderungen ins Land Nirgendwo, das auf Griechisch Utopia heißt, am lebhaftesten.

         Und einen Vorteil hat jeder Zukunftsstaat--ganz abgesehen von dem Vergnügen, das er uns bereitet--, er ist unser Staat, er ist so, wie wir ihn wollen und wünschen.

         Seit der Amerikaner Bellamy uns in seinem «Rückblick», der in Wirklichkeit ein Vorblick ist, das Jahr 2000 gezeigt hat, sind die «Utopien»--die Schilderungen des Landes Nirgendwo--wie Pilze aus dem Boden hervorgewachsen. Meistens schale, talentlose Nachahmungen. Indes auch tüchtige. Und die «Kunde von Nirgendwo» von allen wohl die tüchtigste. Ein Dichter hat sie geschrieben, ein echter Dichter; und der echte Dichter ist sprichwörtlich ein Seher, also gewissermaßen Prophet von Natur und Beruf. Und dazu ist William Morris, der Gründer der «Sozialistischen Liga», an welche sein Zu-kunftsgedicht sich anschließt, ein Sozialdemokrat vom Scheitel zur Sohle. Er gibt uns seinen «Zukunftsstaat», das heißt den Zukunfts- [p. 5] staal, wie er, aus einer Klubsitzung kommend, in einer geisianregen-den Wintersnacht mit Dichter- und Seherblick ihn geschaut hat.

         Über die Dichtung selbst nur zwei Worte. Sie hat ihre Erklärung in sich. Der Schauplatz ist das heutige London mit seiner Nachbarschaft--und wer sich in den Örtlichkeiten zurechtfinden will, dem raten wir, sich eine Karte der englischen Weltstadt, oder besser der Weltstadt--denn es gibt nur eine, und sie heißt London--nebst deren Umgebungen anzuschaffen. Das wäre ein trefflicher «Führer» für das «Nirgendwo» unseres William Morris. Und wer William Morris noch nicht kennt, der lernt ihn kennen aus seinem Nirgend-heim. Da ist er wie er leibt und lebt, mit seiner romantischen Liebe zum «präraffaelitischen» Mittelalter, mit seinem romantischen Haß gegen die Maschinen und seiner etwas «anarchistischen» Freiheit und Selbstherrlichkeit des Individuums. Auf diese letztere Eigen-schaft mache ich namentlich die manchesterlichen Leierkastenmänner mit der Gassenhauermelodie des «Zwangsstaats» aufmerksam. Im Nirgendwo unseres Morris herrscht der schönste «Individualismus»--da kann jeder nach feiner Fasson selig werden, und wem die Morris-schen Häuser und Einrichtungen nicht gefallen, der mache sich andere.

Diskussion und Nachtruhe.


         Drüben in unserem Klub, berichtet ein Freund, erging man sich eines Abends in einer sehr lebhaften Diskussion über den «Zukunftsstaat»--wie es nach der Revolution in der Welt aussehen würde; und mehrere Genossen Zeichneten in mehr oder weniger kräf-tigen Umrissen die voll entwickelte sozialistische Gesellschaft, so wie sie sich dieselbe vorstellten.

         Verhältnismäßig--erzählt unser Freund--verlief die Diskussion ruhig genug und in schönster Ordnung) die Anwesenden waren sämtlich an öffentliche Versammlungen und an Debatten nach Vorträgen gewöhnt: und wenn sie auch nicht gerade aufeinander hörten (was von ihnen kaum zu verlangen war), so redeten sie doch auch nicht alle auf einmal, wie es in der gewöhnlichen guten Gesellschaft zu geschehen pflegt, wenn ein Thema, das sie interessiert, zur Sprache kommt. Es waren sechs Personen zugegen, die selbstverständlich ebenso viele Parteigruppen vertraten und von denen vier stark an-archistischen, aber sehr verschiedenen Anschauungen huldigten. Der Vertreter der einen «Gruppe», den unser Freund genau kennt, ver-hielt sich anfangs ziemlich einsilbig, ließ sich jedoch in das Gespräch [p. 6] hineinziehen und ereiferte sich allmählich derart, daß er schließlich in heftigem Tone jeden Andersdenkenden für einen Narren erklärte. Darob erhob sich ein großer Tumult, auf den nach einer Weile zur Abwechslung eine Ruhepause folgte. Diese ward von be-sagter «Person» dazu benutzt, den Anwesenden freundschaftlichst eine geruhsame Nacht zu bieten und sich alsdann auf den durch eine westliche Vorstadt führenden Heimweg zu machen, zu welchem Zweck sie sich des uns von der Kultur aufgenötigten und zur Gewohnheit gemachten Verkehrsmittels der unterirdischen Eisenbahn bediente. Als der erwähnte Parteimann mit seinen mürrischen Reisegefährten mißvergnügt in diesem Dampfbad, einem Wagen der unterirdischen Eisenbahn schmorte, ließ er, in selbstvorwurfsvoller Stimmung, alle unwiderleglichen und sieghaften Argumente vor sich aufmarschieren, von denen er in der Diskussion keinen Gebrauch gemacht hatte, obgleich sie vor der Nase lagen. Allein er war mit dieser Gemütsverfassung bereits zu vertraut, um sich lange von ihr quälen zu lassen, und nach einer flüchtigen Verstimmung über seinen--gleichfalls gewohnheitsmäßigen--Mangel an Selbstbeherrschung blieben seine Gedanken an dem Hauptgegenstand der Erörterungen haften, ohne daß seine Verdrossenheit und sein Mißbehagen gewichen wären.

         «Wenn ich nur einen Tag der neuen Zeit erleben könnte,» sagte er sich, «nur einen einzigen Tag!»
         Er hatte diesen Wunsch noch nicht ausgewünscht, als der Iug an seiner Station hielt, von wo er fünf Minuten zu seinem oberhalb einer häßlichen Kettenbrücke am Themseufer gelegenen Hause zu gehen hatte. Er stieg aus und murmelte immer noch recht verdrießlich vor sich hin: «Wenn ich ihn nur erleben könnte! Nur einen einzigen Tag!» Er war aber noch nicht viele Schritte gegangen, so fühlte er--wie unser Gewährsmann berichtet--, daß alles Mißbehagen, alle Unruhe plötzlich von ihm wich.

         Es war eine schöne Frühwinternacht und die Luft gerade scharf genug, um nach der Hitze des Klublokals und dem muffigen Dunst des Eisenbahnwagens erfrischend und belebend zu wirken. Der Wind, der etwas nach Nordwest umgesprungen war, hatte den Himmel rein gefegt bis auf ein paar helle Lämmerwölkchen, die in schnellem Zuge dahinflatterten. Der junge Mond hing seine Sichel hinter die wirren Zweige einer stattlichen alten Nüster, und bei seinem Anblick wurde dem Wanderer zumute, als befände er sich gar nicht in einer rußigen Vorstadt Londons, sondern auf einem freundlichen, heiteren Stück Landes.

         Er wanderte geradeswegs zum Flußufer und verweilte ein wenig, um über die niedere Mauer nach dem mondbeschienenen Fluß zu schauen. Die häßliche Brücke gewahrte der Wanderer nicht oder [p. 7] achtete ihrer nicht, einen flüchtigen Augenblick ausgenommen, in welchem ihm auffiel, daß die Lichterreihe stromabwärts nicht zu bemerken war. Darauf schritt er seinem Hause zu und schloß auf, und sowie er die Türe hinter sich zudrückte, verschwand jede Erinnerung an die glänzende Logik und den Seherscharfsinn, durch welche die Zukunftsstaatsdiskussion sich ausgezeichnet hatte, und von dieser selbst blieb keine Spur, außer einer verschwommenen, wie eine Vorfreude empfundenen Hoffnung auf Tage der Ruhe, des Friedens, der Un-schuld und heiter lächelnder Menschenfreundlichkeit.

         Bon dieser Stimmung beherrscht zog er sich rasch aus und eilte ins Bett, um seiner Gewohnheit gemäß zwei Minuten später in Schlaf zu versinken. Seiner Gewohnheit zuwider erwachte er aber bald darauf in jener wunderlich munteren Verfassung, wie sie selbst gute Schläfer zuweilen kennen lernen, einer Verfassung, in der all unsere Lebensgeister sich aufs äußerste anspannen, während die ganzen Jäm-merlichkeiten, die uns je beunruhigt, jeder Schimpf, jeder Verlust, den wir je erfahren, sich der Erwägung unserer geschärften Lebensgeister aufdrängen.

         In diesem Zustand verharrte er so lange, bis er fast Freude daran hatte, bis die lange Reihe seiner verflossenen Torheiten ihn zu ergötzen begann und die deutlich von seinem inneren Auge geschauten Wirrnisse sich zu einer unterhaltenden Geschichte ordneten.

         Er hörte eins schlagen, dann zwei, dann drei, worauf er abermals einschlief. Bald jedoch erwachte er wiederum aus diesem Schlafe und erlebte nun dermaßen überraschende Abenteuer, daß unser Freund, dem er sie erzählte, sich verpflichtet glaubt, sie den Genossen und einem größeren Publikum mitzuteilen. Allein er zieht vor, sie in der ersten Person zu erzählen, als ob er sie selber erlebt hätte, und das wird ihm um so leichter, als er die Empfindungen und Wünsche des Kameraden, von dem ich rede, besser versteht als irgend jemand anders auf Erden.

Ein Morgenbad.


         Gut also; ich erwachte und fand, daß ich die Bettdecke abgeworfen hatte, was in Anbetracht der Hitze und des brennenden Sonnenscheins nicht verwunderlich war. Flugs sprang ich auf, wusch mich und fuhr in die Kleider, aber in einer nebligen halbwachen Stimmung, als ob ich wer weih wie lange geschlafen hätte und das Ge-wicht des Schlafes nun nicht abzuschütteln vermöchte. Ich nahm es als selbstverständliche Tatsache an, daß ich mich zu Hause in meinem Zimmer befände, und dachte nicht daran, mich dessen zu vergewissern.
         Als ich angezogen war, fand ich es so heiß, daß ich nicht nur aus der Stube, sondern auch aus dem Hause flüchtete. Köstliche Erquickung durch die frische Luft und den angenehmen Wind war [p. 8] meine erste Empfindung, die zweite, als mein Bewußtsein zurückkehrte, maßloses Staunen, denn als ich mich abends zuvor zu Bette begab, war es Winter gewesen, und jetzt bekundeten die grünbelaubten Bäume am Ufer, daß es Sommer war, und zwar allem Anschein nach ein herrlicher, Heller Frühjunimorgen. Aber kein Zweifel, die Themse war da, glitzernd im Sonnenschein und mit nahezu höchstem Wasserstand wie abends zuvor, wo sie im Mondschein geglitzert Halle.
         Noch immer war ich meiner Schlaftrunkenheit nicht völlig Herr, und ich hätte mich deshalb überall schwer zurechtgefunden; und so kann man sich vorstellen, daß ich nicht wenig verdutzt war, trotz des vertrauten Anblicks der Themse. Mir war schwindlig und sonderbar zumute, und da ich mich erinnerte, daß viele Leute hier ein Boot zu mieten und in der Mitte des Stromes ein Schwimmbad zu nehmen pflegten, so beschloß ich desgleichen zu tun. Es scheint zwar sehr früh zu sein, sagte ich mir, aber bei Biffins finde ich doch wohl jemand, der mich überseht. Allein ich kam gar nicht bis zu Biffins, weil ich in diesem Augenblick gerade vor mir, meinem Hause gegenüber, eine Bootlände bemerkte, genau an der Stelle, wo mein Nachbar nebenan eine hingebaut hatte,’ freilich erkannte ich diese nicht recht wieder, so verändert schien sie mir. Indes ich ging stracks drauf zu, und richtig, zwischen den leeren Booten am Lande lag da ein Mann ausgestreckt, in einem breiten, bequemen Kahn, der entschieden für Badende bestimmt war. Er winkte mir zu und bot mir einen guten Morgen, als hätte er mich erwartet, und so sprang ich ohne weitere Redensart hinein und ging dran, mich für mein Schwimmbad hurtig aus den Kleidern zu schälen, während er ruhig fortruderte. Beim Dahinfahren blickte ich unwillkürlich in das Wasser und konnte nicht umhin zu bemerken:
         «Wie klar das Wasser heute morgen aussieht!»
         «So?» meinte er; «das ist mir nicht aufgefallen. Die Flut trübt es immer ein bißchen.»
         «Na,» sagte ich, «ich hab’s bei halber Ebbe schon recht schlammig gefunden.»
         Er erwiderte nichts, sah aber überrascht aus, und da er gerade hielt und ich mich all meiner Kleider entledigt hatte, sprang ich ohne weiteres ins Wasser. Natürlich wandte ich den Kopf gegen die Flut, sobald ich ihn wieder über Wasser hatte. Meine Augen suchten unwillkürlich nach der Brücke, und was ich erblickte, brachte mich derart aus dem Gleichgewicht, daß ich mit den Armen auszuholen vergaß und pustend unter Wasser geriet. Als ich wieder in die Höhe kam, steuerte ich stracks auf das Boot zu, denn es drängte mich unwiderstehlich, ein paar Fragen an den Fährmann zu richten, so verblüfft hatte mich das, was ich vom Stromesspiegel aus erblickt [p. 9] hatte, als das Wasser mir aus den Augen war. Meine Schlaftrunkenheit hatte sich ganz gelegt, und ich war wieder im Vollbesitz meiner geistigen Spannkraft und Klarheit.
         Nachdem ich die Treppe, die der Fährmann niedergelassen hatte, heraufgeklettert war, wobei er mir die Hand helfend entgegenhielt, ließen wir uns von der starken Flut etwas nach Chiswick hintreiben. Bald aber ergriff er die Ruder, drehte das Boot herum und sagte:
         «Ein kurzes Schwimmvergnügen’: Sie finden das Wasser heute nach Ihrer Reise wohl zu kühl? Soll ich Sie sogleich ans Land bringen oder möchten Sie vor dem Frühstück lieber nach Putney hinunter?»
         Ich starrte ihn an; diese Sprache im Munde eines Fährmanns aus Hammersmith! Das war unbegreiflich. «Bleiben wir noch,» antwortete ich, «ich möchte mich ein wenig umsehen.»
         «Gut,» erwiderte er; «in seiner Weise ist’s hier so schön wie weiter oben in Barn Elms, wie’s denn zu dieser Frühstunde überall schön ist. Es freut mich, daß Sie so zeitig aufgestanden sind; es ist kaum fünf.»
         Wenn mich der Anblick der Stromufer in Erstaunen gesetzt hatte, so tat es der meines Fährmanns nicht minder, nun’ ich ihn mit klarem Verstand und offenen Augen zu mustern imstande war.
         Es war ein hübscher, stattlicher junger Mann, dessen Augen so liebenswürdig und freundlich blickten, wie ich es bis zur Stunde noch bei keinem Menschen gesehen hatte, so vertraut mir auch später dieser Ausdruck wurde. Im übrigen war mein Ferge dunkelhaarig, mit bräunlicher Gesichtsfarbe, wohlgebaut, stark und offenbar an Muskeltätigkeit gewöhnt, jedoch ohne irgendwelche Spur von Plump-heit und rohem Wesen, und dabei von einer Sauberkeit, die dem feinsten Gentleman Ehre gemacht hätte. Sein Anzug glich keiner mir bekannten Werktagstracht und hätte sich recht wohl auf einem Gemälde aus dem Leben des vierzehnten Jahrhunderts als Kostüm finden können; er bestand aus dunkelblauem, allerdings schlichtem Tuch, jedoch von feinstem Gewebe und ohne das kleinste Fleckchen. Ein brauner Ledergurt umschlang die Taille, den eine aus Damaszenerstahl kunstvoll ziselierte Schnalle schloß. Kurzum, mein Ferge glich auffallend einem kräftigen und feinen jungen Herrn, der zum Sport den Fährmann spielte; und dieser Annahme neigte ich mich auch zu.
         Ich fühlte, daß ich etwas sagen mußte, und so deutete ich auf ein paar helle, mit Flaschenzügen und Haken versehene Plankengerüste, welche längs des Ufers aufgerichtet waren, und fragte: «Was geschieht denn damit? Wenn wir uns auf dem Ian [Ein Fluß Schottlands] befänden, so [p. 10] würde ich glauben, daß da Netze für den Lachsfang gelegt werden, so aber--» [Die Themse ist so schmutzig, daß seit Menschenaltern kein Lachs mehr sich hineinwagt].
         Er lächelte: «Nun, das geschieht ja eben. Wo Lachs ist, gibt’s auch Lachsnetze, ob’s nun Tay oder Themse ist; aber die Netze werden natürlich nicht immer gelegt. Man kann doch nicht alle Tage Lachs essen.»
         Ich wollte fragen: «Ist denn dies wirklich die Themse?» war aber vor Staunen sprachlos und ließ meine Augen verdutzt nochmals oftwärts nach der Brücke und von da nach den Ufergestaden Londons schweifen, und da gab’s wahrlich zum Verwundern mehr als genug. Denn obwohl sich eine Brücke über den Strom spannte und Häuser am Strande waren, hatte sich doch über Nacht alles merkwürdig verändert. Die Seifensiedereien mit ihren rauchspeienden Schornsteinen waren verschwunden, die Bleiwerke fort, und der Westwind trug von Torneycroft kein Schmiede- und Hämmergetöse mehr herüber. Und die Brücke! Geträumt mochte ich wohl von solch einer Brücke haben, aber ihresgleichen hatte ich nie, auch nicht in einem Bilderprachtwerk gesehen, selbst der Ponte Vecchio in Florenz konnte sich mit ihr nicht vergleichen. Sie bestand aus massiven, kühn ge-schwungenen Steinbogen, reizvoll, ebenso leicht und anmutig wie stark, unter denen der gewöhnliche Schiffsverkehr leicht durchging. Über der Brüstung ragten zierliche und phantastische Bauten hervor, die wie Läden oder Marktbuden aussahen und mit gemalten und vergoldeten Wetterfahnen und Türmchen besetzt waren. Der Stein war etwas wettergefärbt, zeigte jedoch keine Spur jener Nuhschicht, mit der ich gewohnt war jedes Londoner Gebäude, das über ein Jahr alt ist, überzogen zu sehen. Mit einem Worte, die denkbar wundervollste und wunderbarste Brücke!
         Der Ruderer bemerkte, wie ich die Augen weit aufriß, und als wolle er meine Gedanken beantworten, sagte er:
         «Eine hübsche Brücke, was? Die Brücken stromaufwärts, die doch viel kleiner find, sehen kaum zierlicher aus und die stromabwärts kaum großartiger und stattlicher.»
         «Aber wie alt ist sie denn?» fragte ich fast widerwillig, meine innere Scheu überwindend.
         «O, nicht sehr alt,» erwiderte er, «sie ist im Jahre 2003 gebaut oder wenigstens eröffnet worden. Vorher stand nur eine einfache Holzbrücke da.»
         Dieses Datum verschloß mir die Lippen, als wäre mir ein Schloß vorgehängt, denn ich begriff, daß etwas Unerklärliches vorgegangen war und daß ein unvorsichtiges Wort mich in ein Chaos von Kreuzfragen und krummen, gewundenen Antworten verwickeln würde.
         [p. 11] So versuchte ich denn möglichst unbefangen dreinzuschauen und meine Blicke gleichgültig über die Stromufer gleiten zu lassen, trotz der wunderbaren Veränderungen, die ich bis zur Brücke und darüber hinaus, sagen wir bis zu den Seifenfabriken wahrnahm. In einiger Entfernung vom Fluß erhob sich auf beiden Ufern eine Reihe reizender niedriger und nicht sehr großer Backsteinhäuser mit Ziegeldächern, die höchst wohnlich und behaglich aussahen und ganz den Eindruck machten, als ob sich ein recht frohgemutes Leben in ihnen tummle. Ein fortlaufender Garten erstreckte sich von ihnen bis an den Rand des Wassers, und ein üppiger Blumenflor sandte seine köstlichen Duftwellen über den sich kräuselnden Strom; hinter den Häusern ragten mächtige Bäume empor, meistens Platanen, und bis nach Putney zu sah der Strom aus wie ein von blumigen Wald-ufern umsäumter See, so dicht standen die Bäume. Unwillkürlich rief ich aus:
         «Wie froh bin ich, daß Barn Elms nicht verbaut ist!»
         Kaum waren jedoch die Worte dem Zaum meiner Jahne entflohen, so errötete ich über meine Albernheit, und mein Gefährte sah mich mit einem Halblächeln an, das ich zu verstehen glaubte. Um meine Verlegenheit zu bemänteln, sagte ich:
         «Fahren Sie mich jetzt gefälligst ans Ufer, ich möchte gerne frühstücken.»
         Er nickte, drehte den Kahn mit einem scharfen Ruderstoß, und im Nu befanden wir uns wieder an der Bootlände. Er sprang hinaus, ich folgte ihm, und es wunderte mich keineswegs, als er stehen blieb, wie um das unvermeidliche Nachspiel zu erwarten, mit welchem jeder einem Mitbürger geleistete Dienst abzuschließen pflegt. Ich steckte auch sofort die Hand in meine Westentasche und fragte: «Wie viel?» obwohl ich mich des unbehaglichen Gefühls nicht erwehren konnte, daß ich mein Geld vielleicht einem Gentleman anbot.
         Mit erstaunter Miene fragte er zurück: «Wie viel? Ich verstehe nicht recht. Meinen Sie vielleicht die Flut? Sie muh bald um fein.»
         Verlegen stotterte ich: «Bitte, nehmen Sie mir meine Frage nicht übel, ich wollte Sie nicht beleidigen, aber was bin ich Ihnen schuldig? Wie Sie sehen, bin ich ein Fremdling und kenne Ihre Gebräuche und Ihr Geld nicht.»
         Damit holte ich eine Handvoll Geld aus der Tasche, wie man’s in fremden Ländern zu tun pflegt. Und bei dieser Gelegenheit wurde ich gewahr, daß die Silbermünzen die Farbe eines gußeisernen Ofens angenommen hatten.
         Er sah immer noch erstaunt aus, aber keineswegs beleidigt, und betrachtete das Geld mit offenbarer Neugierde.
         Nun, dachte ich, er ist also doch ein Fährmann und überlegt sich, wie hoch er gehen kann. Mag er mich immerhin ein bißchen übers [p. 12] Ohr hauen, einem so prächtigen Burschen nehm’ ich’s nicht übel. Ich wäre gar nicht abgeneigt, ihn mir auf einen oder zwei Tage zum Führer zu nehmen, weil er ein so aufgeweckter Mensch ist.
         Da sagte mein neuer Freund nachdenklich:
         «Jetzt weiß ich, was Sie meinen. Sie glauben, daß ich Ihnen einen Dienst geleistet habe, und dafür halten Sie sich für verpflichtet, mir etwas zu geben, was ich meinerseits einem Nachbarn auch nur dann zu geben habe, wenn er mir einen besonderen Dienst geleistet hat. Ich habe von so etwas gehört, aber nichts für ungut, uns erscheint das als ein recht lästiger und umständlicher Brauch. Wie Sie sehen, ist das übersetzen und Wasserfahren mein Beruf, den ich für einen jeden ausübe, der meine Dienste wünscht: mir dafür etwas schenken zu lassen, wäre doch mehr als sonderbar. Und wenn mir erst einer etwas gibt, will es der zweite und dritte auch tun, und Sie werden mir’s hoffentlich nicht verübeln, wenn ich Ihnen sage, daß ich nicht wüßte, wie ich so viel Freundschaftspfänder und Liebesgaben unterbringen sollte’!»
         Und er lachte so laut und lustig auf, als hielte er es für einen äußerst possierlichen Scherz, daß man ihm zumute, eine Bezahlung für seine Arbeit anzunehmen.
         Ich fragte mich, ob dieser Mensch, trotz seines gesunden, blühen-den Aussehens, etwa nicht ganz richtig im Kopfe sei, und angesichts des tiefen und reißenden Stromes, an dem wir uns befanden, hatte es etwas Tröstliches für mich, zu wissen, daß ich ein guter Schwimmer bin. Er fuhr jedoch sehr ruhig und gar nicht wie ein Tollhäusler fort:
         «Was Ihre Münzen betrifft, so sind sie wohl merkwürdig, aber nicht sehr alt. Sie scheinen aus den Regierungszeiten der Königin Viktoria zu stammen, und Sie könnten sie irgendeinem dürftig ausgestatteten Museum überlassen. Unseres hat solcher Münzen genug, und außerdem eine ziemlich reichhaltige Sammlung Münzen aus früherer Zeit, von denen viele recht hübsch sind, während die aus dem neunzehnten Jahrhundert sich durch plumpe Geschmacklosigkeit auszeichnen, nicht wahr? Wir besitzen eine Münze von Eduard III., die den König in einem Schiff darstellt mit kleinen Leoparden und einer Girlande von zart getriebenen Schwertlilien rings um den Vollbord. Wie Sie sehen,» sagte er lächelnd, «bin ich Arbeiten aus Gold und edlen Metallen nicht abhold, diese Schnalle hier habe ich mir in jüngeren Jahren selber gefertigt.»
         Ich mag ihn etwas scheu angesehen haben, denn ich konnte meine Zweifel an seiner Zurechnungsfähigst nicht unterdrücken. Genug--er brach kurz ab und sagte freundlich:
         «Aber ich sehe, daß ich Sie langweile, und bitte um Entschuldigung. Denn, geradeheraus gesagt, man merkt, daß Sie ein Fremder sind und aus einem Lande kommen, das dem unsrigen sehr unähn- [p. 13] lich sein muß. Deshalb scheint mir’s ratsam, daß Sie sich mit den Einrichtungen unseres Landes nicht in überstürzender Hast, sondern allmählich bekannt machen. Und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich zum Führer in dieser neuen Welt wählen möchten, da Sie der Zufall just auf mich stoßen ließ. Freilich mühte ich es als eine große Liebenswürdigkeit Ihrerseits auffassen, denn wohl ein jeder würde einen ebenso guten und gar mancher einen besseren Führer abgeben, als ich sein werde.»
         Nach Irrsinn schmeckte diese Rede nun gerade nicht, und außerdem
         konnte ich ihn ja leicht abschütteln, wenn er schließlich sich dennoch als verrückt erweisen sollte. So erwiderte ich denn:
         «Ihr Anerbieten ist sehr gütig, aber ich könnte es nur annehmen, wenn Sie mich--» entsprechend bezahlen ließen,--wollte ich eigentlich fortfahren, da ich aber nicht an das Irrenhaus anstreifen wollte, so fuhr ich lieber fort, «wenn Sie mich nicht befürchten ließen, daß ich Sie Ihrer Arbeit--oder Ihrem Vergnügen entziehe.»
         «Darüber seien Sie außer Sorge,» erwiderte er. «Ich erweise im Gegenteil einem meiner Freunde, der meine Arbeit zu übernehmen wünscht, einen großen Gefallen. Es ist ein Weber aus Yorkshire, der sich einerseits mit Weben, andererseits mit mathematischen Studien--beides Hausbeschäftigungen--überarbeitet hat. Und da wir sehr befreundet sind, hat er sich, um Arbeit im Freien zu erlangen, an mich gewandt. Also, wenn Sie glauben, mich brauchen zu können, so bitte ich, über meine Dienste zu verfügen.»
         «Freilich», fuhr er fort, «habe ich mich bei guten Freunden strömaufwärts zur Heuernte angesagt- bis dahin haben wir aber mehr als acht Tage Zeit, und überdies könnten Sie mich auch dahin begleiten. Sie würden die Bekanntschaft sehr angenehmer Menschen machen und hätten Gelegenheit, auf unseren Wanderfahrten in Oxfordshire allerhand Beobachtungen anzustellen. Wenn Sie das Land kennen zu lernen wünschen, ließe sich Ihnen schwerlich etwas Besseres vorschlagen.»
         Ich konnte nicht umhin, ihm meinen Dank auszusprechen, wie immer die Sache ablaufen mochte, und er fügte eifrig hinzu:
         «Gut, das wäre abgemacht. Ich werde sofort bei meinem Freunde Vorsprechen, der wie Sie im Gasthaus wohnt, und wenn er noch nicht auf ist, so sollte er’s an diesem schönen Sommermorgen doch sein.»
         Damit zog er ein kleines silbernes Jagdhorn aus dem Gürtel und blies zwei oder drei scharfe, aber wohlklingende Töne. Gleich darauf kam aus dem Hause, das an der Stelle meiner alten Wohnung stand (später mehr davon), ein anderer junger Mann und schlenderte auf uns zu. Er sah weder so wohl aus, noch besah er einen so stattlichen Wuchs wie mein Ruderfreund--sein Haar war rötlich, [p. 14] seine Gesichtsfarbe blaß, seine Gestalt nicht gerade kräftig, aber auch seinem Gesicht fehlte nicht der glückliche und freundliche Ausdruck, der mir bei seinem Freunde aufgefallen war. Als er lächelnd an uns herankam, entdeckte ich mit Vergnügen, daß ich meinen Fergen getrost von jedem Verdacht des Irrsinns freisprechen dürfe, denn niemals haben sich zwei Verrückte vor einem Gesunden so benommen, wie diese zwei es getan haben. Der Anzug des Neuangekommenen war vom selben Schnitt wie der meines Freundes, nur daß die hellgrüne Farbe des kurzen Oberrocks mit einem auf die Brust gestickten Goldzweig und ein Gürtel aus Silberfiligran dem Anzug einen noch heiterern Charakter verliehen.
         Der Neuangekommene bot mir sehr höflich guten Tag und, seinen Freund freudig begrüßend, sagte er:
         «Nun Dick, wie steht’s heut morgen? Werde ich meine Arbeit bekommen, oder vielmehr deine Arbeit? Ich träumte heut nacht, wir wären oben auf dem Strom und fischten.»
         «Schon recht, Bob,» sagte mein Ferge; «du nimmst meine Stelle ein, und wenn dir’s zu viel wird, so sieh dich nach George Helling um; er wohnt hier nebenan und hält Umschau nach einem ordentlichen Stück Arbeit. Dieser fremde Herr erweist mir die Ehre, mich zu seinem Führer in unserem Landstrich zu erwählen, und wie du dir denken kannst, lasse ich mir diese schöne Gelegenheit nicht entschlüpfen. Du könntest dich demnach gleich nach dem Boot aufmachen. Lange vorenthalten hätte ich dir’s ohnehin nicht, da ich mich in ein paar Tagen zur Heumahd zu stellen habe.»
         Der andere rieb sich vergnügt die Hände, wandte sich zu mir und sagte freundlich:
         «Sie beide treffen es heute glücklich, Sie, Nachbar, und Dick--ein guter Tag steht Ihnen bevor wie mir. Sie täten aber beide gut, sogleich mit mir einzutreten und sich etwas vorsetzen zu lassen. Sie könnten vor lauter Vergnügen das Mittagbrot vergessen. Sie kamen wohl gestern abend im Gasthaus an, als ich schon zu Bette war?»
         Ich nickte zustimmend, um einer längeren Erklärung auszuweichen, die zu nichts geführt und, wie ich fühlte, meinen Zweifeln doch kein Ende gemacht hätte. Und so schritten wir drei der Tür des vor uns liegenden Gasthauses zu.

Das Gästehaus und das Frühstück.


         Ich blieb etwas hinter den anderen zurück, um einen Blick auf das Haus zu werfen, das, wie ich bereits sagte, an der Stelle meiner ehemaligen Wohnung stand.

         Es war ein längliches Gebäude, das seinen Giebel von der Straße abwandte und dessen hohe, mit plastischem Schmuck versehene Fenster [p. 15] sich in der vor uns aufsteigenden Wand ziemlich lief hinabzogen. Es war ein sehr stattlicher Bau aus roten Ziegeln mit einem Bleidach, und hoch über den Fenstern lief ein Figurensims in Terrakotta, der vortrefflich ausgeführt und mit einer Kraft und Eindringlichkeit entworfen war, wie ich sie nie zuvor in der modernen Kunst bemerkt hatte. Ich erkannte augenblicklich den dargestellten Gegenstand, der mir wahrhaftig vertraut genug war.

         Eine Minute genügte, das alles in mir aufzunehmen, denn schon hatten wir die Schwelle überschritten und befanden uns in einer Halle mit marmornem Mosaikboden und einem offenen Holzdach. Auf der von dem Fluß abgewendeten Seite waren keine Fenster, doch unter Schwibbogen, durch deren einen mir ein Blick nach dem Garten entgegenlachte, gelangte man in andere Zimmer--und eine weite Wandfläche über diesen Bogen war mit heiteren Fresken bemalt, die ähnliche Gegenstände behandelten wie der Fries draußen. Die ganze Halle war stattlich gefügt und von gediegenem Material.

         In diesem angenehmen Aufenthalt, den ich sofort als Halle oder Saal des Gästehauses erkannte, schwebten drei junge Frauen hin und her. Da sie die ersten ihres Geschlechts waren, die ich an diesem ereignisreichen Morgen erblickte, betrachtete ich sie natürlich sehr genau und fand sie mindestens gleich gut wie die Gärten, die Bau-Kunst und die Männer. Auch ihr Anzug fesselte meine Aufmerksamkeit,

         und ich fand, daß sie sittsam in ihre Gewänder gehüllt, nicht mit Putzkram bepackt, kurz wie Frauen gekleidet und nicht wie Lehnstuhle

         aufgepolstert waren, wie ich dies bei den meisten Frauen unserer Zeit gesehen. Ihr Anzug bildete ein Mittelding zwischen der altklassischen Gewandung und den einfacheren Formen der Kleidung aus dem vierzehnten Jahrhundert, ohne indes eine Nachahmung beider zu sein. Die Stoffe waren der Jahreszeit angemessen leicht und hell. Die Frauen zu betrachten war ein Genuß, so heiter und glücklich strahlten ihre Gesichter, so wohlgebaut und ebenmäßig, so durchaus kräftig und gesund waren ihre Gestalten. Hübsch war jede, die eine sogar schön und von klassischen Zügen. Sie kamen sofort fröhlich auf uns zu, und ohne erheuchelte Schüchternheit reichten mir alle drei die Hand, als sei ich ein von langen Reisen heimgekehrter Freund. Freilich bemerkte ich, daß sie verstohlen meine Tracht musterten, denn ich hatte meine Kleider von gestern abend an und war mein Lebtag kein Mensch, der sich elegant anzuziehen verstand.

         Auf ein paar Worte Roberts, des Webers, entfernten sie sich, um geschäftig für die Befriedigung unserer Wünsche zu sorgen, kamen dann zurück und führten uns an der Hand zu einem Tische, den sie in dem behaglichsten Winkel des Saales für uns zum Frühstück gedeckt hatten. Als wir Platz genommen, schlüpfte die eine von ihnen durch eines der Schwibbogenzimmer und kehrte bald darauf mit [p. 16] einem üppigen Strauß Rosen zurück, die an Farbe, Duft und Größe mit denen, die in Hammersmith wuchsen, nicht zu vergleichen waren, sondern eher den Erzeugnissen eines alten Landgartens glichen. Von da eilte sie in die Speisekammer und erschien mit einem zartgeschliffenen Glase, in das sie die Rosen tat, um es in der Mitte unseres Tisches aufzustellen. Eine zweite, die gleichfalls davongeeilt war, brachte ein großes Kohlblatt mit Erdbeeren gefüllt, von denen einzelne kaum reif waren, und sagte, während sie dieselben auftrug: «Da, bevor ich heute früh aufstand, dachte ich noch dran. Als ich aber den Fremden in dein Boot steigen sah, Dick, vergaß ich’s wieder. Da sind mir denn ein paar Amseln zuvorgekommen, aber einige sehen immerhin so gut aus, wie sie in Hammersmith überhaupt zu finden sind.»

         Robert streichelte ihr freundlich den Kopf, und wir machten uns über das Frühstück her, das wohl einfach, aber vortrefflich zubereitet und allerliebst hergerichtet und aufgetragen war. Das Brot zumal, das in allen Arten und Formen vor uns stand, vom etwas derben, schwarzen Landbrot, das ich am liebsten esse, bis zu den dünnen Stengeln von Weizenkruste, wie man sie in Turin vorgesetzt bekommt, mundete mir außerordentlich.

         Ich steckte die ersten Bissen in den Mund, als mein Blick auf eine geschnitzte und vergoldete Inschrift im Getäfel fiel; ein wohlbekannter Name fesselte mich und ich las:

         «Gäste und Nachbarn, an der Stelle dieser Gasthalle befand sich einst der Vortragssaal der Sozialisten von Hammersmith. Trinkt ihrem Gedächtnis ein Glas! Mai 1962.»

         Wie ward mir, als ich diese Worte las! Meine Züge verrieten vielleicht, wie tief bewegt ich war, denn die beiden Freunde sahen mich neugierig an, und eine Weile herrschte Schweigen zwischen uns.

         Der Weber, dem der Fährmann an gesellschaftlichem Schliff entschieden überlegen war, unterbrach die Pause mit der etwas verlegenen Frage:

         «Wir wissen nicht, wie wir Sie nennen sollen, Gast. Ist es erlaubt. Sie nach Ihrem Namen zu fragen?»

         «Ei nun,» erwiderte ich, «das zu entscheiden fällt mir selber schwer. Nennen Sie mich immerhin Gast, das ist ja auch ein Familienname, und fügen Sie den Vornamen William zu, wenn’s Ihnen recht ist.»

         Dick nickte mir freundlich zu: über das Gesicht des Webers glitt aber ein Schatten von Unruhe und er sagte:

         «Sie nehmen meine Frage hoffentlich nicht übel, allein woher kommen Sie eigentlich? Meine Neugier beruht auf guten, auf wissenschaftlichen Gründen.»

         Dick bearbeitete den Frager augenscheinlich unter dem Tische mit dem Fuß; er ließ sich jedoch nicht stören und wartete gespannt auf [p. 18] meine Antwort. Ich wollte schon mit «Hammersmith» herausplatzen, als ich mich noch besann, in welche Wirrnis von endlosen Erklärungen uns das verwickeln würde, und ich nahm mir die Zeit, eine mit etwas Wahrheit verbrämte Lüge zu erfinden.

         «Ich war, wie Sie bemerken können, so lange fern von Europa, daß mir alles wunderlich vorkommt; geboren und erzogen aber bin ich am Saume des Eppingforstes, nämlich in Walthamstow-Woodford.»

         Verlegen hielt ich inne.

         Der eifrige Weber bemerkte meine Verlegenheit nicht, fragte jedoch hastig, als fühle er, daß er sich nicht ganz schicklich benehme: «Und wie all sind Sie denn?»

         Dick und das schöne Mädchen brachen in ein lustiges Gelächter aus, als wüßten sie, daß Roberts Benehmen nur auf Grund seines überspannten Wesens zu entschuldigen sei, und unter fortwährendem Lachen sagte Dick:

         «Nun halte endlich einmal ein, Bob! Man darf Gäste nicht so ausfragen. Die viele Gelehrsamkeit tut dir nicht gut. Wahrhaftig, es ist hohe Zeit, daß du wieder einmal in freier Luft arbeitest, um die Spinnweben in deinem Gehirn los zu werden.»

         Der Weber lachte nur gutmütig, und das Mädchen ging zu ihm, streichelte ihm die Backe und sagte lachend:

         «Der arme Schlingel! So ist er nun einmal!»

         Was mich betrifft, so war ich etwas verdutzt, aber ich lachte gleichfalls, einmal zur Gesellschaft und sodann vor Vergnügen über ihren unbefangenen Frohsinn und ihr gutmütiges Naturell, und bevor Robert mir noch seine Entschuldigung vorbringen konnte, sagte ich:

         «Aber Nachbarn (das Wort hatte ich aufgefangen), ich habe nicht das geringste gegen eine Beantwortung Ihrer Fragen, sobald ich sie zu beantworten vermag. Fragen Sie also soviel Sie wollen, das macht mir Spaß. Was mein Alter anbetrifft, so bin ich ja keine Dame, warum sollte ich’s Ihnen also nicht verraten? Ich bin stark sechsundfünfzig.»

         Trotz der soeben erhaltenen Lektion über Lebensart konnte der Weber nicht umhin, ein gedehntes «Ha» des Erstaunens auszustoßen, und die übrigen wurden durch seine Naivität so belustigt, daß ein Lächeln über ihr Gesicht huschte, wenn ihnen die Höflich-keit auch nicht gestattete, in lautes Lachen auszubrechen. Ich sah überrascht von einem zum anderen und sagte endlich:

         «Was ist denn los, bitte? Sie wissen, ich möchte von Ihnen lernen. Lachen Sie nur ruhig heraus, aber klären Sie mich auf!»

         Jetzt brach das Gelächter los--sie schüttelten sich vor Lachen. Schließlich sagte das schöne Weib schmeichelnd:

         [p. 19] «Nun, er ist ungezogen, der arme Bursche, doch wir dürfen Ihnen immerhin sagen, was er gedacht hat: er findet Sie ein bißchen alt aussehend für Ihre Jahre. Allein da Sie so viel gereist sind, kann man sich darüber nicht wundern, zumal aus Ihren Worten hervorgeht, daß Sie sich in unwirtlichen Ländern aufgehalten haben. Es heißt gewiß nicht mit Unrecht, daß man unter Unglücklichen schnell altert. Auch soll Südengland der Erhaltung der Jugend besonders zuträglich sein.» Und errötend fügte sie hinzu: «Für wie alt halten Sie mich?»

         «Nun,» sagte ich, «eine Frau ist nach dem Sprichwort so alt, wie sie aussieht, und danach würde ich Sie, ohne Sie beleidigen oder Ihnen schmeicheln zu wollen, für zwanzig Jahre halten.»

         Sie lachte hell auf und sagte:

         «Es geschieht mir schon recht, wenn ich nach Komplimenten angle. Ich muß Ihnen der Wahrheit gemäß bekennen, daß ich zweiundvierzig bin.»

         Ich starrte sie an, was ihr wiederum ein melodisches Lachen entlockte, und wohl konnte ich sie anstarren, denn keine Sorgenfalte durchfurchte ihr Gesicht, ihre Haut war glatt wie Elfenbein, die Wangen rund und voll, die Lippen rot wie die Rosen, die sie gepflückt hatte; ihre schönen Arme, die sie der Arbeit wegen entblößt hatte, waren fest und wohlgestaltet von der Schulter bis zum Handgelenk. Sie errötete ein wenig unter meinem Blick, wiewohl sie mich offenbar für einen Mann von achtzig Jahren gehalten hatte. Um der Sache ein Ende zu machen, sagte sie:

         «Sehen Sie, wie der alte Spruch sich wieder bewahrheitet; ich hätte mich nicht von Ihnen verleiten lassen sollen, eine unartige Frage zu stellen.»

         Sie lachte wieder: «Nun, Genossen, alt und jung, ich muß jetzt an die Arbeit. Wir werden uns zu tummeln haben, und ich möchte schnell fertig sein, denn ich habe gestern ein hübsches altes Buch angefangen und möchte heute morgen darin weiterlesen, also leben Sie einstweilen wohl!»

         Sie winkte uns mit der Hand, und wie sie so leichten Fußes die Halle durchschritt, nahm sie (mit Walter Scott zu reden) wenigstens einen Teil des Sonnenscheins mit.

         Als sie fort war, bemerkte Dick zu mir:

         «Möchten Sie nun nicht die eine oder andere Frage an unseren Freund hier richten? Es ist nicht mehr als billig, daß Sie jetzt an die Reihe kommen.»

         «Es soll mich freuen, Ihre Fragen beantworten zu können,» sagte der Weber.

         «Die Fragen, die ich an Sie stellen möchte,» erwiderte ich, «sind keineswegs schwieriger Natur. Ich möchte von Ihnen, der Sie [p. 20] Weber sind, einige Auskunft über dieses Gewerbe haben, da ich mich dafür interessiere--oder interessiert habe.»

         «Ich fürchte, daß ich Ihnen darin nur von wenig Nutzen sein kann,» meinte er. «Ich verrichte nur die mechanischste Art der Weberei und bin tatsächlich nichts weiter als ein armer Handwerker und nicht etwa mit meinem Freund Dick hier zu vergleichen. Außer mit Weben beschäftige ich mich noch mit Maschinendruck und Schriftsetzen, obgleich ich für die feineren Arten des Druckens schlecht zu gebrauchen bin. Außerdem geht es ja mit dem Maschinendruck zu Ende, wie auch die Plage des Büchermachens auf den Aussterbeetat gesetzt ist. So mußte ich mich denn anderen Gegenständen zuwenden, die meinem Geschmack zusagten, und habe mich zur Mathematik entschlossen. Auch verfasse ich ein geschicht-liches Werk über das--nun, wie sag’ ich gleich?--Friedensund Privatleben am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts--mehr um ein Bild des Landes zu geben, wie es aussah, bevor der Kampf begann, als zu irgendeinem anderen Zwecke. Darüber sprechen wir hoffentlich später einmal ausführlicher, wenn unser Freund Dick nicht zugegen ist. Er hält mich nämlich für einen Quälgeist und hat eine ziemlich geringe Meinung von mir, weil ich mit den Händen nicht sonderlich geschickt bin--so machen sie’s nämlich heutzutage. Soviel ich aus der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts entnommen habe (und ich lese viel), scheint sich die Dummheit jener Tage zu rächen, die jeden mißachtete, der seine Hände zu brauchen verstand. Aber Dick, alter Junge, ne quid nimis! Übertreib’s nicht!»

         «Schau her,» sagte Dick, «sieht mir das wohl ähnlich? Bin ich nicht der duldsamste Mensch unter der Sonne? Bin ich nicht so lange zufrieden, als du mir keine Mathematik eintrichtern oder deine neue wissenschaftliche Ästhetik nicht aufdrängen willst, sondern mir mein bißchen praktische Ästhetik mit Gold und Stahl, mit meinem Löteisen und dem niedlichen kleinen Hammer gönnst? Aber holla! Da kommt ein neuer Fragesteller für Sie, mein armer Gast! Jetzt, Bob, muht du mir aber helfen, ihn zu verteidigen.»

         «Hier, Boffin,» rief er nach einer Pause, «hier sind wir, wenn’s denn nicht anders sein kann!»

         Den Kopf über die Achsel wendend, sah ich im Sonnenschein, der die Halle quer durchleuchtete, etwas flimmern und glitzern. Nun drehte ich mich um und konnte so eine glänzende Gestalt bequem betrachten, die langsam über das Pflaster schlenderte. Es war ein Mann in einem ebenso reich wie elegant mit Gold über-stickten Oberrock, in dem die Sonne sich wie in einer goldenen Rüstung spiegelte. Der Mann war groß, dunkelhaarig und von außergewöhnlicher Schönheit, und obgleich auf seinem Gesicht der- [p. 21] selbe freundliche Ausdruck lag wie auf dem der anderen, schritt er doch mit jener Art von Stolz einher, den das Bewußtsein hoher Schönheit Männern wie Frauen zu verleihen pflegt. Er kam zu uns heran, setzte sich mit lächelndem Antlitz an unseren Tisch, streckte seine langen Beine von sich und ließ den Arm mit jener gelassenen Anmut über den Stuhl hängen, die großen, wohlgebauten Leuten so wohl ansteht. Er befand sich auf der Scheitelhöhe des Lebens, sah aber harmlos glücklich drein wie ein Kind, dem man ein neues Spielzeug geschenkt hat. Er verbeugte sich liebens-würdig vor mir und sagte:

         «Sie sind entschieden der Gast, von dem mir Annie eben erzählt hat;--der aus fernem Lande kommt und uns und unsere Lebensweise nicht kennt? Unter solchen Umständen gestatten Sie mir wohl, Ihnen ein paar Fragen vorzulegen; denn sehen Sie--»

         Hier unterbrach ihn Dick. «Nichts da, Boffin, entschuldige, aber du mußt ihn jetzt in Ruhe lassen. Du willst doch sicher unseren Gast zufrieden und glücklich sehen, und wie kann er das sein, wenn man ihn mit allerhand Fragen belästigt, bevor er sich noch selber an die neuen Sitten und Menschen, die ihn umgeben, gewöhnt hat? Nein, nein, ich bringe ihn an einen Ort, wo er Fragen stellen kann und Antwort empfängt--nämlich zu meinem Urgroßvater in Bloomsbury--, und dagegen werdet ihr wohl kaum etwas einzuwenden haben. Anstatt ihn also zu drangsalieren, tätest du besser, dich zu James Allen zu verfügen und mir einen Magen zu bestellen, da ich selbst fahren will. Und bitte, sag’ Jim, er möchte mir den alten Grauschimmel einspannen, denn ich verstehe mich aufs Rudern besser als aufs Kutschieren. Mach’ dich auf die Beine, alter Junge, und laß dich’s nicht verdrießen. Unser Gast wird dir und deinen Geschichten nicht verloren gehen.»

         Ich sah Dick erstaunt an, denn es verblüffte mich, ihn zu einer so würdevollen Persönlichkeit so vertraulich;» um nicht zu sagen: so kurz angebunden, sprechen zu hören. Meiner Meinung nach mußte dieser Mister Boffin trotz seines Charles Dickens entlehnten wohlbekannten Namens mindestens Senatorenrang bei diesem wunderlichen Volke bekleiden. Er war jedoch durchaus nicht beleidigt, stand auf und sagte:

         «Schon recht, alter Ruderwüterich, wie’s dir beliebt; ich habe sowieso nichts zu tun, und obgleich (mit einer herablassenden Verbeugung gegen mich) ich das Vergnügen eines Plauderstündchens mit diesem gelehrten Gast aufschieben muß, erkenne ich an, daß er deinem ehrwürdigen Verwandten nicht schnell genug zugeführt werden kann. Außerdem wird er vielleicht meine Fragen um so besser zu beantworten imstande sein, nachdem ihm die seinigen beantwortet worden.»

         [p. 22] Damit drehte er sich um und schritt würdevoll aus dem Saale. Sobald er ganz draußen war, fragte ich:

         «Darf ich wissen, was Herr Boffin ist? Dessen Name mich übrigens an so manche vergnügliche Stunde erinnert, die ich über Dickens zugebracht.»

         Dick lachte. «Ja, ja,» sagte er, gerade wie uns. Die Anspielung ist Ihnen also nicht entgangen. Natürlich ist sein wirklicher Name nicht Boffin, einmal weil er der Kehrichtkärrner ist, und dann weil er sich so prächtig kleidet und soviel Gold an sich verschwendet wie ein Baron aus dem Mittelalter. Und warum soll er nicht, wenn’s ihm Spaß macht? Nur dass wir seine engeren Freunde sind und uns einen Scherz mit ihm erlauben dürfen.»

         Nach dieser Eröffnung hielt ich eine Zeitlang den Mund; Dick aber fuhr fort:

         «Es ist ein prächtiger Bursche, und man muß ihn gern haben, aber eine Schwäche besitzt er: er verbringt seine Zeit mit dem Schreiben altertümlicher Romane und setzt seinen Stolz drein, die ‚örtliche Farbe’ herauszubekommen. Und da er meint, dass Sie aus irgendeinem verlorenen Erdenwinkel herkämen, wo die Leute unglücklich und folglich für einen Romanschreiber interessant sind, so glaubt er, allerhand Neues oder neues Altes aus Ihnen herauspumpen zu können. O, damit wird er nicht lange hinterm Berge halten. In Ihrem eigenen Interesse nehmen Sie sich vor ihm in acht!»

         «Na, Dick,» widersprach eigensinnig der Weber, «ich halte seine Romane für sehr gut.»

         «Natürlich tust du das,» sagte Dick. «Gleich und gleich gesellt sich gern. Mathematik und altertümliche Romane stehen ungefähr auf derselben Stufe. Aber da kommt er zurück.»

         Und richtig, der goldene Kehrichtskärrner rief uns von der Saaltüre zu sich heran. Wir erhoben uns und gingen zur Torgalle, vor der ein Einspänner mit einem kräftigen Grauschimmel in der Deichselgabel auf uns wartete. Das Wägelchen war außerordentlich leicht, handlich und bequem; es hatte nichts von der unerträglichen Plumpheit und platten Geschmacklosigkeit unserer, insonderheit der eleganten Gefährte, sondern sah äußerst zierlich und gefällig aus.

         Wir stiegen ein, Dick und ich. Die Mädchen oder Frauen, die in die Torhalle getreten waren, um uns abfahren zu sehen, winkten uns ihre Abschiedsgrüße zu, der Weber nickte freundlich und der Kehrichtkärrner verneigte sich mit der stolzen Anmut eines Troubadours. Dick ergriff die Zügel, und fort waren wir. [p. 23]

Ein Markt am Wege.

         Wir bogen sofort vom Flusse ab und befanden uns bald auf der Hauptstraße, die durch Hammersmith führt. Aber ich hätte nie er-raten, wo ich war, wenn wir nicht vom Ufer hergekommen wären, denn die Straße führte durch weite sonnige Wiesen und garten-gleich bewirtschaftetes Ackerland, und als wir über die hübsche Brücke fuhren, sahen wir den noch vom Flutwasser geschwellten Strom mit bunten Booten der verschiedensten Art und Größe be-lebt. Häuser standen ringsum--die einen am Wege, die anderen zwischen den Feldern; reizende Heckenpfade führten zu ihnen und üppige Gärten umschlossen sie. Alle diese Häuser waren zierlich und zugleich sehr fest ausgeführt, machten aber dabei einen ganz ländlichen Eindruck. Einige waren aus roten Backsteinen wie die Häuser am Flusse, die meisten jedoch aus Fachwerk und Gips-mörtel und glichen den mittelalterlichen Häusern aus demselben Baumaterial so sehr, daß ich mich beinahe ins vierzehnte Jahr-hundert versetzt glaubte--ein Eindruck, den die Tracht der Leute, an denen wir vorüberkamen, noch erhöhte. Sie hatte nichts «Mo-dernes». Fast alle gingen hell gekleidet, besonders die Frauen, die so anziehend und meist geradezu so reizend aussahen, daß ich mich kaum enthalten konnte, meinen Gefährten darauf aufmerksam zu machen. Verschiedene Gesichter hatten nachdenkliche Züge und zeichneten sich durch große Vornehmheit des Ausdrucks aus, aber ich erblickte keines, auf dem ein Schimmer von Sorge gelegen hätte, und die meisten--wir begegneten sehr vielen Leuten--trugen frank und frei die Freude am Leben zur Schau.

         Ich glaubte, den Broadway [Eine Straße des heutigen London] an der Lage der Straßen zu er-kennen, die dort immer noch zusammenliefen. An der Nordseite des Weges stand eine Reihe von Gebäuden und Höfen, die zwar niedrig, jedoch von so geschmackvoller Ausführung und so reich ver-ziert waren, daß sie zu der Anspruchslosigkeit der Häuser ringsum einen auffälligen Gegensatz bildeten. Aber diese Gebäude wurden überragt von dem bleigedeckten Dach, den Strebepfeilern und dem oberen Mauerwerk einer großen Halle in einem Schmuck- und Kunst-reichen Prachtstil, der die besten Eigenschaften der nordeuropäischen Gotik mit denen des sarazenischen und byzantischen Stiles zu ver-einigen schien, ohne sich sklavisch an eine dieser Stilarten zu binden. Auf der anderen, der Südseite der Straße, erhob sich ein von einer Kuppel gekröntes Achteck, das im Umriß an das Baptisterium in Florenz erinnerte, nur daß es von einem Anbau umschlossen war, der augenscheinlich einen Säulen- oder Kreuzgang enthielt; auch dieser Bau war auf das zarteste geschmückt.

         [p. 24] Die Masse der Baukunst, die inmitten der üppigen Felder so plötzlich vor uns aufstieg, bot nicht nur an sich ein erlesen schönes Bild, sondern strahlte auch eine so edle und verschwenderische Lebensfülle aus, daß ich mich in niegekanntem Grade von heiterem Frohmut durchdrungen fühlte. Ja, ich lachte hell auf vor lauter Wohlgefühl. Mein Freund schien das zu begreifen und sah mit freudig-herzlichem Anteil auf mich. Mir hielten unter einer Menge von Fuhrwerken an, in denen sich schöne, kräftige, gesunde Menschen befanden, Männer, Weiber und Kinder in den heitersten Trachten. Die Fuhrwerke muhten Marktwagen sein, denn sie waren mit äußerst appetitlichen Erzeugnissen der Land- und Gartenwirtschaft beladen.

         «Daß dies ein Markt ist, brauch’ ich nicht erst zu fragen,» bemerkte ich; «aber was hat denn eine solche Pracht hier zu bedeuten? Und was für ein wundervolles Schloß ist denn das da drüben? Und was stellt das Gebäude auf der Südfeite vor?»

         «O,» sagte er, «das ist ja unser Hammersmither Markt: es freut mich, daß er Ihnen gefällt, denn wir sind wirklich stolz auf ihn. Das Schloß da enthält unser Versammlungslokal für den Winter, denn sommers versammeln wir uns meist auf den Feldern unten am Flusse, Barn Elms gegenüber. Das Gebäude zu unserer Rechten ist das Theater, und ich hoffe, daß es Ihren Beifall findet.»

         «Ich wäre ein Rüpel, wenn es mir nicht gefiele,» sagte ich.

         Leicht errötend antwortete er:

         «Ich lege auch aus dem Grunde Wert auf Ihren Beifall, weil ich an dem Werke nicht ganz unbeteiligt bin. Die großen Türen aus damaszierter Bronze habe ich gearbeitet. Wir können sie später am Tage näher betrachten; jetzt müssen wir fort. Was den Markt betrifft, so gibt’s heute nicht viel zu schaffen, und somit tun wir besser, ein andermal herzukommen, wenn mehr Leute da sind.»

         Ich erklärte mich einverstanden und fragte nur: «Sind das rich-tige Landleute? Was für reizende Mädchen es unter ihnen gibt!»

         Bei diesen Worten fiel mein Blick auf das Gesicht einer schönen Frau von hohem Wuchs, dunklem Haar und schneeweißem Teint, die der Jahreszeit und dem heißen Tage zu Ehren ein hübsches hellgrünes Kleid trug. Sie lächelte mich freundlich an, freundlicher jedoch noch, wie es mir vorkam, meinen Begleiter. Nach einer kleinen Pause fuhr ich fort:

         «Ich frage, weil ich keine eigentlichen Landleute sehe, wie man sie auf einem Markt anzutreffen erwartet--ich meine Leute, die etwas verkaufen.»

         «Ich verstehe nicht recht, was für Leute Sie erwarten könnten und was Sie sich unter, Landleuten’ vorstellen. Das sind hier Nachbarn--so wie sie in den Themsetälern überall aussehen und zu [p. 26] finden sind. Es gibt in unserem Inselreich rauhere und regenreichere Gegenden; dort kleiden sich die Leute auch in gröbere Stoffe und sind selber rauher und wetterfester in ihrer Erscheinung als wir. Doch Ziehen gar viele ihr Aussehen dem unsrigen vor, es läge mehr Charakter darin, behaupten sie. Nun, das ist ja Geschmacksache.--Die Kreuzung zwischen ihnen und uns fällt gewöhnlich günstig aus,» fügte er nachdenklich hinzu.

Kinder auf der Strasse.

         Ich hörte ihm zu, trotzdem sich meine Augen von ihm abgewandt hatten, denn das hübsche Mädchen verschwand eben mit einem großen Korbe Früherbsen durch das Tor, und ich empfand das Bedauern, das uns erfaßt, wenn man auf der Straße ein liebliches oder interessantes Gesicht getroffen hat, dem man nicht hoffen darf wieder zu begegnen. So schwieg ich denn eine Weile, um endlich zu fragen:

         «Wie kommt es, daß ich nirgends einen Menschen erblickt habe, dem es schlecht geht--auch nicht einen einzigen?»

         Er zog erstaunt die Brauen zusammen und sagte:

         «Wie sollten Sie auch? Geht es jemandem schlecht, so bleibt er gern zu Haus oder kriecht höchstens ein bißchen im Garten umher, aber ich wüßte auch nicht, daß jemand krank wäre. Weshalb wollten Sie denn Leute auf der Straße treffen, denen es schlecht geht?»

         «Nicht doch,» sagte ich; «nicht kranke Menschen meine ich. Arme Menschen,--die nichts besitzen, heruntergekommene Leute, die im Elend leben.»

         «Nun,» rief er lustig lachend, «von so etwas weiß ich wirklich nichts. Wir wollen nur machen, daß wir zu meinem Urgroßvater kommen, der wird Sie besser verstehen als ich. Hottehü, Grauschimmel!» Damit lockerte er die Zügel, und wir trabten wohlgemut gen Osten.

         Kinder auf der Straße.

         Nachdem wir den Broadway passiert hatten, verloren sich die Häuser zu beiden Seiten. Bald setzten wir über einen munteren kleinen Bach, der durch ein mit Bäumen überstreutes Stück Land floß, und kamen nach einer Weile auf einen Markt mit einem Rathaus, wie wir es nennen würden.

         Gleich darauf gelangten wir in eine kurze Häuserstraße oder vielmehr in eine Straße mit je einem langen Gebäude aus Holz und Mörtel und zierlichen Arkaden als Fußpfaden zu beiden Seiten.

         «Das ist das ehemalige Kenfington,» sagte Dick. «Hier sammelt sich viel Volks an, der Waldromantik wegen--und Naturforscher halten sich gleichfalls mit Vorliebe in dieser Gegend auf, denn was Sie hier erblicken, ist ein Stück Wildnis. Der Teil, den wir soeben [p. 27] erreichen, heißt Kensington-Gärten [Der Name eines Londoner Parks. Der Dichter bewegt sich hier in London]; warum just Gärten, weih ich selber nicht.»

         «Ich aber weiß es,» hätte ich ihm gerne zugerufen; aber es gab so viele Dinge um mich her, von denen ich seiner offenbaren Annahme zum Trotz nichts wußte, daß es mir besser erschien, den Mund zu halten.

         Die Straße mündete plötzlich in einen prächtigen Wald, der sich zu beiden Seiten, jedoch nach Norden augenscheinlich viel weiter ausdehnte. Er bestand aus prächtigen Eichen und Edelkastanien, aber auch schneller wachsende Bäume (unter denen mir die Platanen und ägyptischen Feigenbäume fast zu zahlreich erschienen) waren in stattlichen Exemplaren vertreten.

         Es war wunderbar angenehm in dem wechselnden, von Sonnenstrahlen durchflimmerten Schatten des Waldes, denn der Tag wurde heiß; und die balsamische Frische und Kühle stimmte meinen aufgeregten Geist in eine so träumerisch wonnige Verfassung, daß ich Ewigkeiten hindurch an diesem Orte hätte verweilen mögen. Mein Begleiter schien diese Empfindung zu teilen, denn er ließ das Pferd immer langsamer ausschreiten, während er die Düfte des grünen Waldes in sich sog.

         Romantisch war dieser Wald von Kensington wohl, aber nicht einsam. Wir stießen auf zahlreiche Gruppen, die kamen und gingen oder in den Waldgängen herumwanderten oder spielten. Unter letzteren waren viele Kinder von sechs und acht bis hinauf zu sechzehn oder siebzehn Jahren. Sie erschienen mir als wahre Mustertypen ihres Alters und Geschlechts und vergnügten sich offenbar auf das allerbeste. Einige spielten um kleine, im Nasen befestigte Zelte, und vor mehreren dieser Zelte hingen Töpfe über einem Feuer, wie bei den Zigeunern. Dick erklärte mir, hier und da Stünden Häuser im Forsie--und wir erblickten auch im Fluge eines oder zwei. Die meisten sollten nach Dicks Schilderung ganz klein sein wie die Katen (Cottages) zur Zeit, da es noch Sklaven im Lande gab, aber gut eingerichtet und hübsch, und für den Wald wie geschaffen.

         «An Kindern scheint hier gerade kein Mangel zu sein,» bemerkte ich, auf die vielen umherschwärmenden Kinder deutend.

         «O,» rief er, «glauben Sie etwa, daß diese Kinder nur aus den in der Nähe liegenden Waldhäuschen kommen? Bon nah und fern kommen sie hierher. Sie machen oft Ausflüge und treffen sommers auf Wochen in den Wäldern zusammen, und leben in Zelten, wie Sie hier sehen. Wir muntern die Kinder dazu auf; sie lernen so selbständig denken und handeln, beobachten die Natur und die [p. 28] Tiere des Waldes, und je weniger sie in den Stuben zu hocken und die dumpfe Stubenluft zu atmen haben, desto besser ist’s für sie. Selbst Erwachsene bringen häufig den Sommer im Walde zu, nur begeben sie sich zu diesem Zwecke meist in die größeren Wälder: in die bei Windsor oder den Dean-Wald oder in die Einöden des Nordens. Abgesehen von den sonstigen Vergnügungen und Annehmlichkeiten, die solch ein Aufenthalt gewährt, finden sie dort noch Gelegenheit zu schwerer körperlicher Arbeit, die in den letzten fünfzig Jahren einigermaßen selten geworden ist.»

         Er brach ab und bemerkte dann erklärend:

         «Ich sage Ihnen das alles, weil ich sehe, daß Sie Fragen denken, wenn auch nicht aussprechen, und weil ich mich verpflichtet fühle, Ihre stummen Fragen zu beantworten; mein Verwandter wird Ihnen bessere Auskunft geben.»

         Mir schwante, daß ich auf dem Sprunge sei, mich zu verraten, und so sagte ich, bloß um mir über meine Verlegenheit hinweg-zuhelfen:

         «Nun, das junge Volk ist dann um so frischer für die Schule, wenn der Sommer vorbei ist und es zurück muß.»

         «Schule?» fragte er erstaunt, «ja, was meinen Sie mit diesem Wort? Ich wüßte nicht, in welchen Zusammenhang es mit Kindern zu bringen ist. Wir sprechen wohl von einer Philosophen schule, von einer Malerschule, von einer Dichterschule--wie man aber von einer Kinderschule reden kann, das»--und er begann zu lachen--, «das geht über meinen Horizont.»

         Zum Henker! dachte ich, ich kann kaum den Mund auftun, ohne eine neue Verwicklung heraufzubeschwören. Ich wollte gar nicht versuchen, meinem Freund in seinen etymologischen Forschungen auf die Sprünge zu helfen; und über die Knabenställe, wie ich die Schulen zu nennen pflegte, zog ich gleichfalls vor zu schweigen, da mir ziemlich klar war, daß sie verschwunden waren. Nach etwelchem Umhertappen stotterte ich denn heraus:

         «Ich brauchte das Wort im Sinne einer Erziehungsanstalt.»

         «Erziehung--?» fragte er nachdenkend. «Ich habe das Wort schon anwenden hören, bin aber niemandem begegnet, der mir eine deutliche Erklärung des Sinnes zu geben vermocht hätte.»

         Man kann sich vorstellen, wie bei diesem offenen Bekenntnis meine Freunde in meiner Achtung sanken; und nicht ohne einen etwas geringschätzigen Ton sagte ich:

         «Nun, Erziehung bedeutet ein System, nach welchem man junge Leute lehrt, unterweist.»

         «Warum nicht auch alte Leute?» fragte er mit einem schelmischen Zwinkern. «Aber ich kann Sie immerhin versichern, daß unsere Kinder etwas lernen, ohne daß sie durch ein Lehr- oder Unter-[p. 29] Weisungssystem zu gehen haben. Ei, nicht eines dieser Kinder sollten Sie finden, Junge oder Mädchen, das nicht schwimmen, nicht eines, das sich nicht auf den kleinen Waldponies zu tummeln verstände--da sehen Sie gleich eins! Kochen können sie durch die Bank, die größeren Jungen können nähen, viele können dachdecken und verrichten allerhand Tischlerarbeit oder sie verstehen sich auf sonst eine Hantierung. Ich kann Ihnen versichern, sie haben eine große Menge von Sachen gelernt.»

         «Ja doch, aber ihre Erziehung des Geistes und Charakters, die Bildung des Gemüts?» sagte ich.

         «Lieber Gast,» sagte er, «Sie haben vielleicht die Dinge nicht gelernt, von denen ich sprach, und wenn das der Fall ist, so glauben Sie ja nicht, daß keine Geschicklichkeit dazu gehöre und daß der Geist und das Gemüt nicht ihre Nahrung dabei finden. Sie würden Ihre Meinung augenblicklich ändern, wenn Sie zum Beispiel einen Jungen aus Dorsetshire beim Dachdecken beobachteten. Allein ich begreife wohl, daß Sie von Büchergelehrsamkeit reden, und die ist doch eine einfache Sache. Die meisten Kinder, welche Bücher umherliegen sehen, bekommen es schon mit vier Jahren fertig, zu lesen, obgleich es heißt, daß dies nicht immer so gewesen sei. Was das Schreiben betrifft, so lassen wir die Kinder nicht allzu zeitig kritzeln (obgleich sie sich nicht ganz davon abhalten lassen), weil sie sich dann eine häßliche Handschrift angewöhnen: und wozu das viele häßliche Schreiben, wenn das mechanische Drucken doch so bequem ist? Natürlich legen wir Wert auf eine schöne Handschrift, und viele schreiben ihre Bücher ab oder lassen sie abschreiben--natürlich nur solche Bücher, von denen bloß wenige Exemplare ge-braucht werden, Gedichte und dergleichen. Aber ich schweife ab. Entschuldigen Sie mich, denn ich bin bei der Sache persönlich inter-essiert. Ich bin selber ein Schönschreiber.»

         «Nun gut,» sagte ich, «wenn die Kinder Lesen und Schreiben gelernt haben, lernen sie dann nichts anderes--zum Beispiel Sprachen?»

         «O gewiß,» antwortete er; «oft sprechen sie schon Französisch, bevor sie lesen können, da unsere nächsten Nachbarn jenseits des Wassers diese Sprache sprechen, und fast ebenso schnell lernen sie Deutsch, das von einer großen Anzahl Menschen des Festlandes gesprochen wird. Das find die Hauptsprachen, die wir außer Englisch, Walisisch [Welsch--Welsh--, die Sprache von Wales] oder Irisch, das nur eine Abart des Walisischen ist, auf unserem Inselreich sprechen, und die Kinder schnappen diese Sprachen schnell auf, weil sie dieselben von den Erwachsenen sprechen hören. Zudem bringen unsere überseeischen Gäste oft ihre [p. 30] Kinder mit, und so kommen die Kleinen zusammen und lernen gegenseitig die Sprachen voneinander.»

         «Und die alten Sprachen?»

         «O ja,» sagte er, «sie lernen meistens Lateinisch und Griechisch mit den modernen Sprachen zusammen.»

         «Und Geschichte? Wie lehren Sie Geschichte?»

         «Je nun,» meinte er, «wenn jemand lesen kann, so liest er, was ihm Spaß macht, und er findet sehr bald jemand, der ihm die besten Bücher über den oder jenen Gegenstand nachweist oder ihm erklärt, was ihm in Büchern, die er liest, dunkel geblieben ist.»

         «Schön, und was lernen sie sonst? Sie werden doch nicht alle Geschichte lernen?»

         «O nein,» erwiderte er, «nicht alle haben Interesse dafür, ja sogar recht viele haben keins. Wie mein Urgroßvater sagt, kümmern sich die Menschen meist nur in Zeiten des Aufruhrs, des Kampfes und der Wirrsale um die Geschichte, und»--fuhr mein Freund mit einem liebenswürdigen Lächeln fort, «dergleichen kommt heutzutage nicht vor. Nein, viele forschen nach dem Ursprung der Dinge, nach den Gesetzen der Verkettung von Ursache und Wirkung,--so daß Missen und Kenntnisse unter uns zunehmen, wenn Sie das für einen Vorteil halten. Andere wiederum, wie Freund Bob, verbringen ihre Zeit mit Mathematik. Es ist ja doch unnütz, die Neigungen der Menschen zwingen zu wollen.»

         «Sie wollen doch nicht sagen, daß die Kinder all diese Dinge lernen?»

         «Das hängt davon ab, was Sie unter Kindern verstehen: auch müssen Sie bedenken, wie verschiedenartig die Kinder veranlagt sind. In der Regel lesen sie außer ein paar Märchenbüchern bis ungefähr zu ihrem fünfzehnten Jahre nicht viel. Vorzeitige Lern-und Lesewut findet keine Ermunterung bei uns, aber trotzdem gibt es immer Kinder, die sehr früh zu den Büchern greifen, was vielleicht nicht gut für sie ist. Doch ist es zwecklos, ihnen zu wehren, und gewöhnlich dauert es nicht lange; bevor sie ihr zwanzigstes Jahr erreichen, haben sie in der Regel ihre Richtschnur gefunden. Die Kinder ahmen bekanntlich gern Erwachsenen nach, und wenn sie die meisten Leute mit wirklich unterhaltender und nützlicher Arbeit, wie Häuserbauen, Straßenpflastern, Gärtnerei und ähnlichem beschäftigt sehen, so treibt es sie, das gleiche zu tun, und wir brauchen uns deshalb vor einer Überschwemmung mit Bücher-gelehrten nicht zu fürchten.»

         Was konnte ich hierzu sagen? Ich saß schweigend da, um keine neuen Verwirrungen und Mißverständnisse herbeizuführen. Außerdem strengte ich meine Augen mit aller Macht an, um zu entdecken, wann unser altes Grauchen, das so hurtig einhertrabte, [p. 31] uns in das eigentliche London bringen würde, und welche Veränderungen mit der Stadt vorgegangen seien.

         Mein Begleiter konnte indes sein Thema nicht ganz fallen lassen, und nachdenklich fuhr er fort:

         «Aber selbst wenn die Kinder als Büchergelehrle aufwachsen, kann es ihnen nicht allzuviel schaden. Es ist ein wahres Ver-gnügen, sie so glücklich in Arbeiten vertieft zu sehen, nach denen keine sonderliche Nachfrage ist. Außerdem sind diese Studenten gemeinhin höchst liebenswürdige Menschen, gut und sanft von Gemüt, bescheiden und mit Eifer bereit, allen alles zu lehren, was sie selber wissen. Ich muß sagen, daß ich alle, mit denen ich bekannt geworden bin, ungemein gern habe.»

         Diese Rede erschien mir denn doch so überaus wunderlich, daß ich gerade im Begriff war, meinem Freunde wieder eine Frage vorzulegen, als wir die Höhe einer Bodenschwellung erreichten und ich durch eine Waldlichtung zur Rechten ein stattliches Ge-bäude erblickte, dessen Umrisse mir genau bekannt waren.

         «Die Westminsterabtei!» rief ich aus.

         «Jawohl,» sagte Dick, «was von der Westminsterabtei übrig ge-blieben ist.»

         «Aber was habt ihr denn mit ihr gemacht?» fragte ich erschreckt.

         «Was wir mit ihr gemacht haben? Nicht viel mehr als sie gesäubert,» erwiderte er. «Sie wissen ja, daß die Außenseite seil Jahrhunderten schon verwittert war. Und das Innere ist nach der großen Wegräumung der abscheulichen Denkmäler von Narren und Schurken, mit denen sie, wie der Urgroßvater sagt, vollgestopft war, in seiner ganzen Schönheit erhalten geblieben.»

         Als wir ein Stückchen weiter gefahren waren, blickte ich wieder nach rechts und rief mit etwas zweifelnder Stimme: «Das ist ja das Parlamentsgebäude! Wie, braucht ihr denn das noch?»

         Er brach in ein Gelächter aus, von dem er sich nicht so schnell erholen konnte. Dann klopfte er mir auf die Schulter und sagte: «Ich verstehe Sie, Nachbar. Staunen Sie nur, daß wir es nicht niedergerissen haben; ich weih Bescheid, und nicht umsonst hat mir mein Urgroßvater Bücher über das seltsame Spiel gegeben, das dort getrieben worden ist. Es brauchen! Ei ja, als eine Art Hilfs-markt und als Düngermagazin, und dazu eignet das Gebäude sich nicht übel, da es am Ufer des Flusses liegt. Gleich zum Beginn unserer Zeitperiode sollte es wohl einmal niedergerissen werden, aber da kam so eine wunderliche Gesellschaft von Altertums-forschern, die sich in früheren Zeiten einige Verdienste erworben halte, und widersetzte sich stramm dem Abbruch dieses wie so manches anderen Gebäudes, das die meisten nicht nur als wertlos, sondern als öffentlichen Skandal betrachteten, und die Gesellschaft [p. 32] ging so nachdrücklich vor und hatte so gute Gründe anzuführen, daß sie ihren Willen durchsetzte. Nun, und alles wohlerwogen, muß ich sagen, daß ich nicht böse darüber bin, denn schlimmstenfalls dienen diese abgeschmackten Steinhaufen den herrlichen Gebäuden, die wir heutzutage aufführen, zur wirksamen Folie. Sie werden verschiedene in diesem Stadtteil finden, zum Beispiel das Haus, welches mein Urgroßvater bewohnt, und einen weitläufigen Bau, den man die Paulskirche nennt. Was brauchen wir ein paar armseligen Bauten den Platz zu mißgönnen, auf dem sie stehen, da wir doch überall hinbauen können! Auch braucht uns ja um den Anlaß zu vernünftiger Arbeit auf diesem Gebiet nicht bange zu sein, zumal bei Neubauten, auch wenn sie anspruchsloser Art sind, für solche Arbeit immer mehr und mehr Gelegenheit ist. Zum Beispiel erscheint mir ein weiter Spielraum und möglichste Bewegungsfreiheit im Hause als etwas so Kostbares, daß ich ihnen im Notfall sogar etwas vom Außenraum zu opfern geneigt wäre. Dann erfordert ja auch die ornamentale Ausschmückung, die nicht in den Versammlungssälen, Markthallen und ähnlichen Gebäuden, freilich aber in den Wohnhäusern, wo eben alles erlaubt ist, übertrieben werden kann, viele Kräfte und Sorgfalt. Mein Urgroßvater allerdings meint dann und wann, meine Ansichten über die höhere Baukunst seien etwas verschroben--ich bleibe aber der Überzeugung, daß sich der Tatkraft der Menschen nirgends ein weiteres Gebiet eröffnet; denn auf jedem anderen finden wir Grenzen, während sich auf diesem eine schier unübersehbare Fernsicht stets neuer Aufgaben bietet.»

Ein bißchen «Shopping»

[* Englisch, sprich schopping--das heißt Besuchen von Laden (Shops) und Betrachten der Maren--heute eine Hauptbeschäftigung von Damen, die sonst keine Beschäftigung haben.]

         Noch ehe mein Freund zu Ende war, gelangten wir plötzlich aus dem Waldrevier in eine kurze Straße schön gebauter Häuser, die mein Begleiter Piccadilly nannte. Den unteren Teil der Häuser würde ich für Läden gehalten haben, wenn ich nicht die Er-fahrung gemacht hätte, daß sich hier niemand auf die Kunst des Kaufens und Verkaufens verstand. In den geschmackvoll und prächtig hergerichteten Schaufenstern lagen in schönster Anordnung und reichster Auswahl Waren aus, wie um die Kauflust der Leute zu reizen, und die Leute blieben stehen und sahen die Waren an oder gingen hinein und kamen mit Pakelen unter dem Arm wieder heraus--ganz wie ich es zu sehen gewohnt war. Auf beiden Seiten der Straße zogen sich wie in altitalienischen Städten Arkaden zum [p. 33] Schutze der Fußgänger hin. Auf der Hälfte des Weges ungefähr ragte eines der ungeheuren Gebäude, auf deren Erscheinung ich nunmehr vorbereitet war, empor und lieh mich erkennen, daß sich auch hier ein Zentralpunkt irgendwelcher Art befand.

         «Hier sehen Sie einen Markt,» sagte Dick, «der nach einem anderen Plan als die gewöhnlichen Märkte angelegt ist. Die oberen Stockwerke dieser Häuser sind zu Gasthäusern bestimmt, da Leute aus allen Windrichtungen sich von Zeit zu Zeit hier zusammenfinden, denn die Bevölkerung ist hier ziemlich dicht gesät. Sie werden das sogleich wahrnehmen, und es gibt Leute, die das Menschengewimmel lieben. Ich freilich gehöre nicht zu ihnen.»

         Ich mußte unwillkürlich lächeln, daß Überlieferungen sich einer so langen Dauer erfreuen. Der Geist des alten London, das sich für einen Zentralpunkt--sogar, wie ich glaube, für einen geistigen Zentralpunkt--hielt, machte sich hier noch geltend. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, ersuchte ich Dick nur, recht langsam zu fahren, da die Sachen in den Buden ganz reizend aussahen.

         «Ja, für hübsche Sachen ist hier ein recht guter Markt,» meinte er, «und er wird auch hauptsächlich für bessere Waren abgehalten, da die Parlamentsmarkthalle ganz in der Nähe ist, wo man Kohl und Rüben und ähnliches sowie Bier und gewöhnliche Sorten Wein ausbietet.»

         Er warf mir sodann einen eigentümlichen Blick zu und sagte: «Aber vielleicht haben Sie Lust zu einem bißchen Shopping, wie man hier sagt.»

         Ich betrachtete meinen groben blauen Anzug, den ich schon mehrfach mit der feinen, geschmackvollen Tracht der mir Begegnenden hatte vergleichen können; und wenn ich nun einmal diesen so gar nicht geschäftsmäßig aussehenden Leuten wie es schien als Wundertier vorgeführt werden sollte, so hätte ich doch gewünscht, dem Zahlmeister eines gelöschten Schiffes etwas ähnlicher zu sehen. Aber trotz allem, was schon geschehen war, fuhr doch meine Hand wieder in die Tasche, wo sie zu meinem Schrecken kein anderes Metall als zwei verrostete alte Schlüssel fand--und nun fiel mir ein, daß ich bei unserem Geplauder im Gästesaal zu Hammersmith mein Geld herausgeholt hatte, um es der hübschen Annie zu zeigen, und es dort liegen geblieben war. Mein Gesicht zog sich bedenklich in die Länge, und Dick, der mich ansah, rief in einem Tone lebhafter Beunruhigung:

         «Holla, Gast! Was haben Sie? Hat Sie eine Wespe gestochen?»

         «Nicht doch,» sagte ich, «aber ich hab’ etwas liegen lassen.»

         «Nun, nun, wenn’s weiter nichts ist!» tröstete er mich, «Sie können ja alles, was Sie liegen gelassen haben, auf diesem Markt bekommen, also lassen Sie sich’s nicht anfechten.»

         [p. 34] Inzwischen hatte ich meine Besonnenheit wiedergewonnen, und da mir die erstaunlichen Gepflogenheiten dieses Landes wieder einfielen, gelüstete es mich nach keiner zweiten Lektion über Sozialökonomie und Münzwesen, und so begnügte ich mich zu sagen:

         «Mein Anzug -- -- könnt’ ich nicht? -- -- Sie sehen -- --

         Was meinen Sie, ließe sich mit meinen Kleidern tun?»

         Er schien nicht im mindesten zum Lachen geneigt, sondern sagte ganz ernst:

         «O bitte, lassen Sie es noch mit einem neuen Anzug. Mein Urgroßvater ist ein Altertumsforscher und wird Sie gewiß am liebsten so sehen, wie Sie gehen und stehen. Und wiewohl ich Ihnen keine Verhaltungsvorschriften zu machen habe, wäre es doch nicht recht von Ihnen, den Leuten das Vergnügen zu rauben, Ihre Tracht zu studieren. Und um diesen Genuß würden Sie uns ja bringen, wenn Sie hingingen und sich kleideten, wie ein jeder sich kleidet. Sagen Sie selbst, ob ich nicht recht habe?» schloß er ganz ernst.

         Ich hielt es nun nicht gerade für meine Pflicht, unter diesen schönheitsliebenden Menschen als Vogelscheuche einherzuwandeln, jedoch ich merkte, daß ich einem unausrottbaren Vorurteil gegenüberstand und daß es unklug wäre, mich mit meinem neuen Freunde zu überwerfen. «O gewiß, natürlich!» erwiderte ich ihm deshalb.

         «Nun,» sagte er freundlich, «so könnten Sie sich doch einmal diese Schaubuden von innen ansehen. Überlegen Sie sich, was Sie brauchen!»

         «Könnte ich etwas Tabak und eine Pfeife bekommen?»

         «Natürlich,» sagte er, «wie dumm von mir, daß ich Sie nicht gleich danach fragte! Bob sagt’s ja immer, wir Nichtraucher wären ein selbstsüchtiges Chor, und ich fürchte, er hat recht. Aber kommen Sie, hier ist eine passende Stelle.»

         Damit hielt er die Zügel an und sprang ab und ich ihm nach. Eine blendend schöne, reich in schwere, farbenschöne Seide gekleidete Dame, die in alle Schaufenster sah, an denen sie vorbeiging, kam langsam des Weges daher. Dick redete sie an: «Fräulein, würden Sie so freundlich sein, uns das Pferd zu halten, während wir ein Weilchen hier hineingehen?» Sie nickte uns lächelnd zu und begann das Pferd mit ihren schönen Händen zu streicheln.

         «Mas für ein hübsches Geschöpf!» sagte ich zu Dick, als wir ein-traten.

         «Wer? Unser alter Grauschimmel?» fragte er mit schelmischem Blinzeln.

         «Nicht doch, das Goldhaar dort--die Dame.»

         «Ja, das ist sie,» stimmte er zu. «Es ist nur gut, daß es ihrer so viele gibt, daß jeder Hans seine Grete findet, sonst käme es wohl manch liebes Mal zum Kampfe. Nun,» fügte er sehr ernst werdend [p. 35] hinzu, «ich kann nicht schwören, daß es nicht trotz alledem doch manchmal zu Streit kommt, denn die Liebe ist ein unvernünftig Ding--sie hört auf keine Gründe, wie Sie ja wohl wissen, und Halsstarrigkeit und Eigenwille sind häufiger, als unsere Moralisten glauben.»

         Und indem sein Antlitz sich noch mehr umdüsterte, fuhr er fort: «Erst vor vier Wochen hat sich da unten bei uns eine unglückliche Geschichte ereignet, die schließlich zwei Männern und einem Weibe das Leben kostete und uns einige Zeit die Sonne der Lebensfreude verfinsterte. Fragen Sie mich jetzt nicht nach der Sache; später werde ich wohl noch darauf zurückkommen.»

         Mittlerweile waren wir in den Laden getreten, in welchem sich ein Ladentisch befand und Bretterschränke an den Wänden. Alles sehr nett, aber anspruchslos und im ganzen wenig verschieden von der Einrichtung, an die mein Auge gewöhnt war. Ein Kinderpaar hütete das Geschäft, ein brauner Bursche von etwa zwölf Jahren, der ein Buch vor sich hatte, und ein hübsches kleines Mädchen, das ein Jahr älter sein mochte und hinter dem Ladentisch saß und gleichfalls in ein Buch vertieft war. Sie waren augenscheinlich Geschwister.

         «Guten Morgen, ihr kleinen Nachbarn,» begrüßte sie Dick. «Mein Freund hier möchte Tabak und eine Pfeife, könnt ihr ihm dazu verhelfen?»

         «O gewiß,» verfetzte das kleine Mädchen so bescheiden und zugleich so munter, daß man seine Freude daran hatte. Der Junge ließ das Buch liegen und begann meinen fremdländischen Anzug zu mustern, errötete aber sofort und wandte den Kopf ab, als sei ihm zum Bewußtsein gekommen, daß sein Benehmen unziemlich sei.

         «Lieber Nachbar,» fragte das Mädchen mit der feierlichsten Miene, die ein Kind je beim «Kaufmannspielen» aufgesetzt hat, «welche Sorte Tabak wünschen Sie?»

         «Latakia», antwortete ich mit der Empfindung, daß ich ein Kinderspiel mitmache und neugierig, ob ich eine Kinderei statt Tabak empfangen würde.

         Aber das Mädchen nahm ein zierliches Körbchen vom Brett, ging zu einer Steinkruke, holte einen Haufen Tabak heraus und stellte das gefüllte Körbchen vor mich auf den Ladentisch hin, wo ich mich durch Gesicht und Geruch überzeugen konnte, daß es vorzüglicher Latakia war.

         «Sie haben ihn aber nicht gewogen,» bemerkte ich, «und--wieviel soll ich denn nehmen?»

         «Ei,» sagte sie, «ich würde Ihnen raten, Ihren Beutel vollzustopfen, weil Sie unterwegs vielleicht keinen Latakia bekommen. Wo haben Sie Ihren Beutel?»

         [p. 36] Ich suchte in meinen Taschen herum und zog endlich das Stück Kattun hervor, das bei mir die Stelle eines Tabakbeutels vertrat. Das Mädchen sah es mit sichtbarer Geringschätzung an und sagte:

         «Ich kann Ihnen etwas viel Besseres geben als diesen Kattunlappen.»

         Und sie tänzelte in die Hintere Abteilung des Ladens und flüsterte auf dem Rückweg im Vorbeigehen dem Jungen etwas ins Ohr, worauf er nickte, aufstand und hinausging. Das Mädchen hielt mir zwischen Zeigefinger und Daumen einen roten Saffianbeutel mit bunter Stickerei hin:

         «Da, nehmen Sie diesen, den ich Ihnen ausgesucht habe, er ist hübsch, und es geht eine ganze Menge hinein.»

         Damit stopfte sie den Beutel auch schon mit Tabak voll, legte ihn vor mich hin und fuhr fort:

         «Und nun zur Pfeife. Die müssen Sie mich auch für Sie aussuchen lassen-, es sind soeben drei sehr hübsche eingetroffen.»

         Sie verschwand wiederum und kehrte mit einer dickbäuchigen Pfeife zurück, die aus einem harten Holz kunstvoll geschnitzt und in Edelsteine und Gold gefaßt war. Kurz, die schönste und prächtigste Pfeife, die ich je gesehen und die der besten japanischen Arbeit ähnelte, ihr aber überlegen war.

         ,,O je,» sagte ich, sobald mein Blick auf die Pfeife fiel, «das ist ja viel zu großartig für mich und würde sich nur für einen Beherrscher der Welt schicken. Außerdem würde ich sie doch verlieren; ich verliere meine Pfeifen allemal.»

         Ganz niedergeschlagen fragte die Kleine: «Sie gefällt Ihnen also nicht, Nachbar?»

         «Doch--freilich gefällt sie mir!»

         «Nun, dann nehmen Sie nur und lassen Sie sich’s nicht kümmern, wenn Sie sie verlieren. Was wäre denn dabei? Dann findet sie ein anderer und nimmt sie in Gebrauch, und Sie bekommen eine neue.»

         Ich nahm ihr die Pfeife aus der Hand, um sie genauer zu betrachten, vergaß darüber meine Vorsicht und fragte: «Aber was denken Sie, wie kann ich denn so etwas bezahlen?»

         Dick legte mir die Sand auf die Schulter, ich sah mich um und begegnete einem drolligen Ausdruck in seinen Augen, der mich vor einer neuen Offenbarung einer verrotteten Geschäftsmoral warnte. Ich wurde feuerrot und hielt den Mund, während die Kleine mich mit großem Ernst anstarrte, als sei ich ein Fremder, der ihrer Sprache nicht mächtig sei, denn sie verstand kein Wort von dem, was ich gesagt.

         «Meinen herzlichen Dank,» brachte ich endlich überströmend heraus, während ich die Pfeife in die Tasche steckte, nicht ganz [p. 37] sicher, mich bald darauf vor einem Polizeibeamten verantworten zu müssen.

         «O, bitte recht sehr,» antwortete das kleine Mädchen mit einer äußerst drolligen Nachahmung der Manieren Erwachsener. «So lieben alten Herren, wie Sie einer sind, dienen zu können, ist ein Vergnügen, zumal man Ihnen auf den ersten Blick ansieht, daß Sie von weit her übers Meer gekommen sein müssen.»

         «Jawohl, liebes Kind,» sagte ich, «ich bin ein großer Reisender vor dem Herrn.»

         Ich hatte aus reiner Höflichkeit diese Lüge kaum ausgesprochen, als der kleine Bursche mit einem Tablett in der Hand wieder eintrat, auf welchem eine lange Flasche von geschliffenem Glas und zwei prächtige Gläser standen.

         «Wollen die Nachbarn nicht ein Glas Mein bei uns trinken, bevor Sie gehen?» fragte das Mädchen, die das Sprechen allein besorgte, da der Junge offenbar sehr schüchtern war. «Wir erfreuen uns nicht oft solcher Gäste.»

         Der Junge stellte das Tablett auf den Ladentisch und goß feierlich einen strohgelben Wein in die hohen Trinkschalen. Recht gern langte ich zu, denn der heiße Tag hatte mich durstig gemacht. Und wahrlich, so dachte ich, noch lebe ich, und die Rheinweintrauben haben noch ihre Blume nicht verloren, denn wenn ich je guten Steinberger getrunken habe, den Morgen trank ich ihn, und ich nahm mir innerlich vor, Dick zu fragen, wie und woher sie den guten Wein bekämen, da sie doch keine Arbeiter mehr hatten, die gezwungen sind, verdorbenes Bier statt des schönen Meines zu trinken, den sie selber bereiteten.

         «Trinkt ihr nicht ein Glas auf unsere Gesundheil, meine lieben kleinen Nachbarn?» fragte ich.

         «Ich trinke keinen Mein,» erwiderte das Mädchen, «ich trinke lieber Limonade, aber wohl bekomm’s!»

         «Und ich trinke lieber Ingwerbier,» sagte der kleine Junge.

         So, so, dacht’ ich, der Geschmack der Kinder ist also noch derselbe geblieben. Damit verabschiedeten wir uns und traten aus dem Laden.

         Au meiner Enttäuschung hielt ein großer alter Mann unser Pferd statt der schönen Frau--es war, als habe das Traumbild gewechselt. Er erklärte uns, daß das Mädchen nicht habe warten können und daß er an ihre Stelle getreten sei. Und als er unsere verdutzten Gesichter sah, blinzelte er uns zu und lachte, so daß uns nichts übrigblieb, als gleichfalls zu lachen.

         «Mo geht Ihr hin?» fragte er Dick.

         «Nach Bloomsbury,» antwortete Dick.

         «Wenn’s Euch nicht darum zu tun ist, allein zu bleiben, komme ich mit,» sagte der Alle.

         [p. 38] «Schon recht,» meinte Dick. «Sagt es mir, wenn Ihr absteigen wollt, und ich werde halten. Steigen wir ein!»

         Als wir wieder unterwegs waren, erkundigte ich mich, ob in den Markthallen stets Kinder den Leuten aufwarteten. «Oft genug wohl,» sagte Dick, «wenn es sich nicht um schwere Gegenstände handelt, aber durchaus nicht immer. Den Kindern macht es Vergnügen, und sie lernen dabei mit einer Menge von Dingen umgehen, erfahren, woraus dieselben gemacht sind, woher sie stammen und ähnliches. Außerdem ist es eine so leichte Arbeit, daß ein jeder sie versehen kann. Ehedem sollen viele mit einem ‘Faulheit’ genannten Erbübel behaftet gewesen sein, weil sie in grader Linie von Leuten abstammten, die in der bösen alten Zeit gewohnt gewesen waren, andere für sich arbeiten zu lassen--von jenen Leuten, die man in den Geschichtsbüchern Sklavenhalter oder Arbeitgeber nennt. Diese faulheitbehafteten Leute nun füllten zu Anfang unserer Epoche ihre ganze Zeit damit aus, in den Läden zu bedienen, da sie zu anderen Dingen kein Geschick hatten. Und ich glaube sogar, daß man sie eine Zeitlang tatsächlich zwang, irgendwelche Arbeit zu verrichten, weil sie und die Frauen sonst zu häßlich wurden und zu häßliche Kinder bekamen, so daß die Nachbarn es nicht länger mitansehen konnten. Glücklicherweise sind diese Zeiten vorbei.»

Trafalgar Square.

         Während dieser Gespräche ließ ich meine Blicke wieder eifrig umherschweifen, denn der Piccadillymarkt lag hinter uns, und wir befanden uns in einer Gegend mit elegant gebauten, reichgeschmückten Wohnhäusern. Jedes Haus stand in einem sorgfältig gepflegten Garten, der mit Blumen wie übersät war. Die Amseln sangen lustig in den trefflich gepflegten Bäumen, die außer vereinzelten Lorbeerbäumen und einer gelegentlichen Gruppe von Linden nur Obstbäume zu sein schienen. Besonders zahlreich waren die Kirschbäume, deren Zweige sich unter der Last der Früchte bogen; und zu verschiedenen Malen boten uns, wenn wir an einem Garten vorüberkamen, Kinder und junge Mädchen Körbe voll der schönsten Kirschen an. Natürlich vermochte ich in diesem Labyrinth von Gärten und Häusern die Spuren der früheren Straßen nicht zu erkennen, aber die Hauptstraßen schienen dieselbe Lage behalten zu haben wie vordem.

         Jetzt gelangten wir auf einen geräumigen freien, sich nach Süden zu abdachenden Platz, dessen Sonnenseite man zur Anlegung eines, zumeist mit Aprikosenbäumen bepflanzten Obstgartens benützt hatte. In der Mitte desselben stand ein kleiner hübscher Holzbau, bemalt und vergoldet, der wie eine Büfettbude aussah. Südlich vom [p. 39] Obstgarten zog sich eine lange Straße hin, beschattet von hochgewachsenen alten Birnbäumen. Am Ende der Straße ragte der hohe Turm des Parlamentsgebäudes oder Düngermagazins empor.

         Eine seltsame Empfindung beschlich mich. Ich schloß die Augen vor den Sonnenblitzen, die auf diese anmutige Gartenlandschaft Herabschossen, und einen Augenblick glitt das Bild anderer Tage an mir vorüber. Ein weiter, von hohen häßlichen Häusern umgebener Platz mit einer häßlichen Kirche in der Ecke und einem noch häßlicheren Kuppelbau gegenüber, die Straße gedrängt voll von einer aufs höchste aufgeregten Menge, über welche die auf gleichfalls überfüllten Omnibussen sitzenden Passagiere hinwegsahen. In der Mitte ein gepflasterter viereckiger Platz mit Springbrunnen, und auf diesem Viereck merkwürdig abgeschmackte Bronzefiguren, deren eine sich auf der Spitze einer hohen Säule befand. Besagter Platz ist bis zum Saume der Straße von einer vierfachen Linie strammer Männer in blauer Uniform besetzt und quer über die südliche Straße die Helme einer Kompagnie Kavalleristen fahl schimmernd im grauen Lichte eines frostigen Novembernachmittags -- -- -- [Anspielung auf die Trafalgar-Square-Kundgebungen und -Krawalle im Jahre 1337].

         Ich öffnete die Augen wieder zum Sonnenlicht, sah mich um und rief unter den flüsternden Bäumen und duftenden Blüten: «Trafalgar Square!»

         «Jawohl,» sagte Dick, der die Zügel wieder angezogen hatte, «so ist es. Es nimmt mich nicht wunder, daß Ihnen der Name lächerlich vorkommt, aber es dachte niemand daran, ihn zu ändern. Und doch, meine ich, hätten wir ihm einen anderen Namen geben sollen zum Andenken an die große Schlacht, die hier im Jahre 1952 geschlagen worden ist--denn wenn wir den Geschichtschreibern trauen dürfen, war dieser Tag in der Tat denkwürdig genug.»

         «Die Herren Geschichtschreiber lügen meistens oder taten es wenigstens früher,» sagte der Alte. «Wie erklären Sie sich zum Beispiel folgendes, Nachbar? In einem Buche--na, und in was für einem dummen Buche! es heißt James’ Geschichte der Sozialdemokratie--las ich einen verworrenen Bericht über einen Kampf, der im Jahre oder um das Jahr 1887 (Daten sind meine schwache Seite) hier stattgefunden haben soll. Im Stadtviertel hier wollten verschiedene Leute eine Versammlung abhalten, und die Regierung oder der Rat oder die Behörde von London, oder wie sonst die Bande barbarischer Narren sich benamste, überfiel diese Bürger, wie sie damals hießen, mit bewaffneter Hand. Das scheint doch wahrhaftig zu lächerlich, als daß es wahr sein könnte; noch [p. 40] lächerlicher aber erscheint, daß die ganze Affäre gar keine Folgen hatte.»

         «Und doch,» sagte ich, «hierin hat ihr Mister James entschieden recht, und es ist wahr, nur daß kein Kampf stattfand, sondern daß wehrlose und friedliche Leute von mit Knütteln bewaffneten Raufbolden überfallen wurden.»

         «Und das ließen sie sich gefallen?» fragte Dick, und ich sah zum erstenmal einen finstern Ausdruck über sein gutmütiges Gesicht huschen.

         «Wir mußten es uns gefallen lassen, wir konnten’s nicht ändern,» sagte ich errötend.

         Der Alte sah mich scharf an und sagte: «Sie scheinen Bescheid in der Sache zu wissen, Nachbar! Ist es wirklich wahr, daß nichts dabei herauskam?»

         «Daß recht viele Leute deswegen eingesperrt wurden, das kam dabei heraus.»

         «Doch wohl die mit den Knütteln?» fragte der Alte. «Die armen Teufel!»

         «Nein, nein,» mußte ich erwidern, «die mit den Knütteln Bearbeiteten.»

         Strengen Tones sagte nun der Alte: «Guter Freund, ich denke, Sie haben da eine Sammlung niederträchtiger Lügen gelesen und sind auf sie reingefallen.»

         «Sie dürfen glauben, daß alles, was ich Ihnen sagte, vollkommen wahr ist.»

         «Ich zweifle nicht, daß Sie dieser Meinung sind,» erwiderte der Alte, «allein ich sehe wahrhaftig nicht ein, worauf Ihre felsenfeste Überzeugung sich gründet.»

         Da ich ihm den Grund nicht auseinandersetzen konnte, hielt ich den Mund. Dick, der mittlerweile mit zusammengezogenen Brauen in Grübeleien versunken dagesessen hatte, äußerte sich endlich in einem sanften, etwas wehmütigen Tone:

         «Seltsam, daß Menschen--unseresgleichen, mit denselben Empfindungen und Neigungen wie wir, in diesem schönen und gesegneten Lande leben und solche unmenschliche Taten verüben konnten.»

         «Freilich wohl,» stimmte ich in lehrhaftem Tone bei, «trotz alledem waren jedoch jene Zeiten immerhin ein großer Fortschritt, verglichen mit den vorhergegangenen. Sie werden jedenfalls das Mittelalter mit der viehischen Roheit seiner Strafgesetze kennen, jene Epoche, in welcher die Menschen geradezu einen Genuß darin fanden, ihre Nebenmenschen zu foltern, und sogar in ihrem Gotte selbst nichts anderes erblicken wollten als einen Zucht- und Kerkermeister?»

         [p. 41] «Über diese Periode gibt es ja ganz gute Bücher, von denen ich einige gelesen habe,» sagte Dick. «Aber von einem gewaltigen Fortschritt des neunzehnten Jahrhunderts habe ich nichts verspüren können. Die Menschen des Mittelalters handelten schließlich nach den Eingebungen ihres Gewissens, wie ja Ihre ganz richtige Bemerkung über die Goltesauffassung dieser Leute dartut. Was sie anderen zufügten, waren sie selber zu ertragen bereit, wohingegen die Heuchler des neunzehnten Jahrhunderts die Sache der Humanität zu vertreten behaupteten und dennoch fortfuhren, Menschen zu foltern und ins Gefängnis zu sperren, und zwar um keines anderen Grundes willen, als daß sie waren, was ihre Kerkermeister aus ihnen gemacht hatten. O, es ist grauenhaft, daran zu denken!»

         «Vielleicht wußten sie nicht, wie diese Gefängnisse beschaffen waren,» wendete ich ein.

         Dicks Erregung schien in Zorn übergehen zu wollen. «Um so schmählicher für sie, wenn wir, Sie und ich, es nach so langer Zeit noch wissen. Sehen Sie, Nachbar, was für eine Schande bestenfalls ein Gefängnis für ein Gemeinwesen ist: und daß ihre Gefängnisse so schlecht waren wie nur irgend möglich, das mußten die Burschen doch wissen.»

         «Ja,» fragte ich, «habt ihr denn jetzt keine Gefängnisse mehr?»

         Kaum waren mir diese Worte entfahren, so fühlte ich auch, daß ich eine Dummheit gemacht hatte, denn Dicks Stirn faltete sich, und er wurde rot, und der Alte sah peinlichst überrascht drein. Zornig, jedoch offenbar bemüht, sich zurückzuhalten, sagte Dick:

         «Menschenkind! Wie können Sie eine solche Frage stellen? Sagte ich Ihnen nicht, daß wir auf das glaubwürdige Zeugnis zuverlässiger Bücher und unterstützt von unserer eigenen Einbildungskraft wohl wissen, was ein Gefängnis ist? Und haben Sie mich nicht selbst auf den Ausdruck des Glückes in den Gesichtern der Leute aufmerksam gemacht, die uns in den Straßen und Fluren begegnen? Wie könnten sie einen solchen Ausdruck zur Schau tragen, wenn sie wüßten, daß ihre Mitmenschen im Gefängnis schmachteten? Könnten sie das gelassen ertragen? Und wenn Leute im Gefängnis säßen, so könnte man das nicht geheim halten wie einen gelegentlichen Menschenmord, denn der wird nicht mit Vorbedacht und vor einer Menge Zeugen verübt, die den Totschläger kaltblütig unterstützen, wie das beim Einkerkern in Gefängnisse der Fall ist. Gefängnisse, wahrhaftig! Nein, nein, o nein!»

         Er hielt inne, fing an sich abzukühlen und fuhr in freundlichem Tone fort:

         «Verzeihen Sie mir! Da es kein einziges Gefängnis mehr gibt, ist meine Erregung ja überflüssig. Was für eine üble Meinung von mir muß Ihnen mein Mangel an Selbstbeherrschung beibringen!

         [p. 42] Natürlich--was sollen Sie, der Sie vom Auslande kommen, von solchen Dingen verstehen? Ich fürchte sehr, ich habe Sie verstimmt.» Nun, das hatte er allerdings einigermaßen, aber in seiner Hitze lag soviel edles Gefühl, daß ich ihn nur um so lieber gewann.

         «Nein, ich selbst war ja an dem Mißverständnis schuld, mit meinem törichten Gefrage. Sprechen wir von etwas anderem,» erwiderte ich und zog mein Prachtexemplar von Pfeife hervor und verlegte mich eifrig aufs Rauchen, während unser Grauer wieder lustig vorantrabte. Unterwegs bemerkte ich:

         «Dies Pfeifchen ist ein sehr sorgfältig und kunstvoll ausgearbeitetes Spielzeug, und ihr seid hierzulande so verständig und eure Baukunst ist so zweckmäßig, daß es mich ein wenig wundernimmt, wie ihr euch mit solchen Spielereien abgeben könnt.»

         Während ich diese Bemerkung machte, entging es mir nicht, daß ich mich für das schöne Geschenk nicht gerade dankbar erwies: Dick schien jedoch auf meinen Mangel an Lebensart nicht zu achten, sondern bemerkte:

         «Aber warum? Das Ding ist doch niedlich, und da niemand dergleichen zu machen braucht, der es nicht gern tut, so sehe ich nicht ein, warum er’s unterlassen sollte, sofern es ihm Spaß macht. Freilich, wenn es an Bildschnitzern fehlte und wenn sich alle der Baukunst, wie Sie es nennen, zuwendeten, dann käme die Beschäftigung mit derlei Zier- und Spielzeug in Wegfall. Sintemalen sich aber eine Menge Leute aufs Schnitzen verstehen--nämlich so ziemlich ein jeder von uns--und da ziemlicher Mangel an Beschäftigung vorhanden ist, oder doch zu unserem Leidwesen eintreten könnte, so verschmähen unsere Landsleute auch diese geringfügige Arbeit nicht.»

         Er verfiel in Sinnen und schien sich mit irgendeinem Rätsel zu beschäftigen, indes bald klärte sein Gesicht sich wieder auf, und er fuhr fort:

         «Übrigens müssen Sie doch zugestehen, daß die Pfeife ein reizendes Stück Arbeit ist--vielleicht zu fein gearbeitet für eine Pfeife, aber--doch allerliebst.»

         «Wohl, nur zu kostbar für ihren Zweck,» wendete ich ein.

         «Was heißt das? Das versteh’ ich nicht,» gab er zur Antwort.

         Ich wollte mich eben--freilich recht unbeholfen--ihm verständlich machen, als wir an den Toren eines großen weitläufigen Gebäudes vorüberkamen, in welchem irgendein Arbeitsbetrieb vor sich zu gehen schien.

         «Was für ein Gebäude ist das?» fragte ich neugierig, denn es heimelte mich an, unter all den fremdländischen Dingen auch einmal etwas zu sehen, was mir bekannt vorkam. «Das scheint ja eine Fabrik zu sein.»

         [p. 43] «Ich glaube Sie zu verstehen,» sagte er, «und Sie haben’s getroffen: aber wir nennen derlei Betriebe nicht mehr Fabriken, sondern Vereinigte Werkstätten, das heißt Plätze, an denen Leute zusammenkommen, die gemeinschaftlich miteinander arbeiten wollen.»

         «Jedenfalls verwenden sie dabei aber irgendeine Triebkraft?» fragte ich.

         «Nicht doch,» erwiderte er. «Wozu sollten denn die Leute zusammentreten, um sich einer Triebkraft zu bedienen, wenn sie eine solche in oder bei ihren Mohnstätten finden können? Nein, in diese Vereinigten Werkstätten kommen die Leute, um solche Handarbeiten zu verrichten, bei welchen das Zusammenwirken verschiedener Personen notwendig oder nützlich ist. Derlei Arbeit ist oft sehr unterhaltend. Da machen sie zum Beispiel Töpfer- und Glaswaren--Sie können dort die Spitzen der Ofen sehen. Es ist natürlich sehr bequem, geräumige Brennöfen und Glastöpfe und alles, was sonst nötig ist, zur Verfügung zu haben, und es gibt solcher Plätze eine Menge; denn es wäre lächerlich, wenn ein Mann, der sich gern mit Töpferei oder Glasbläserei beschäftigt, entweder an einem bestimmten Ort leben oder auf die Arbeit verzichten müßte, zu der er gerade Neigung hat.»

         «Ich sehe aber keinen Rauch aus den Öfen steigen,» bemerkte ich.

         «Rauch?» fragte Dick, «weshalb sollten Sie denn Rauch sehen?»

         Ich hielt den Mund, und er fuhr fort:

         «Es ist innen ganz hübsch, freilich ebenso einfach, wie es sich Ihnen von außen zeigt. Was die Beschäftigung betrifft, so halte ich das Tonkneten für eine lustige Arbeit, das Glasblasen dagegen für ein heißes, ausdörrendes Geschäft. Und doch tun es sehr viele gern, und das nimmt mich nicht wunder: mit der glühenden Masse gewandt umspringen zu können, verleiht einem solch ein Kraftgefühl! Überhaupt gibt’s viel vergnügliche Arbeit dabei,» sagte er lächelnd, «denn man mag mit solchen Waren so vorsichtig umgehen, wie man will, dann und wann zerbrechen sie doch, und so hat man immer vollauf Beschäftigung.»

         Ich schwieg und grübelte.

         Gerade in diesem Augenblick trafen wir auf einen Trupp Männer, welche die Straße ausbesserten und einen kurzen Aufenthalt verursachten. Mir war das nicht unangenehm; was ich bisher wahrgenommen, schien mir nichts weiter zu sein, als was die Muhe eines Sommerfesttags mit sich bringt. Mich gelüstete danach, dies Volk an einem Stück wirklich notwendiger Arbeit zu sehen.

         Als wir herankamen, hatten sich die Leute eben von ihrer Rast erhoben und schickten sich wieder zur Arbeit an, so daß der Lärm ihrer Spitzhämmer mich aus meinem Sinnen aufschreckte. Es war ungefähr ein Dutzend starker junger Männer, die etwa den Ein- [p. 44] druck einer Bootsmannschaft von Oxforder Studenten aus meiner Zeit machten und denen ihre Arbeit auch nicht lästiger zu sein schien. Ihre Oberkleider lagen in einem ordentlich geschichteten Haufen am Wegesrand unter der Obhut eines sechsjährigen Jungen, der seinen Arm um den Nacken eines mächtigen Bullenheizers geschlungen hatte; und selbst dieser Köter streckte sich in einer so wonnigen Faulheit, als sei der Sommertag für ihn allein aufgestiegen. Als mein Blick auf den Kleiderhaufen fiel, schimmerte mir Gold- und Seidenstickerei daraus entgegen, und mir fiel ein, dass einige dieser Arbeiter wohl einen ähnlichen Geschmack wie der goldblitzernde Kehrichtkärrner aus Hammersmith haben dürften. Neben den Kleidern stand ein stattlicher Vorratskorb, der kalte Pasteten und Wein ahnen ließ, und ein halbes Dutzend junger Frauen und Mädchen sahen der Arbeit oder den Arbeitern zu. Und beide waren es wert, denn die Arbeiter führten so kräftige Schläge und wußten ihre Arbeit so munter und flink zu verrichten, wie man es von so prachtwüchsigen Burschen an einem Sommertag nur erwarten kann.

         Mit großem Vergnügen betrachtete ich die Leute. Sie lachten und plauderten lustig miteinander und mit den schönen Zuschauerinnen, als der Vormann aufblickte und wahrnahm, dass sie uns den Weg versperrten. Alsogleich ließ er die Spitzhacke ruhen und rief aus: «Halt, Genossen, hier sind Nachbarn, die vorbei wollen!» worauf auch die übrigen innehielten, sich um uns scharfen, das alte Pferd unterstützten, indem sie die Räder über die halbfertige Straße hoben, und dann wohlgemut wie Leute, die sich mit Lust und Liebe einem Werke widmen, an ihre Arbeit zurückeilten. Sie nahmen sich nur Zeit, uns ein lächelndes Adieu zuzuwinken, so daß das Geklapper der Spitzhämmer schon von neuem erklang, ehe noch unser Grauschimmel sich wieder in seinen Trab hineingerannt hatte. Dick sah über die Schulter nach ihnen zurück und bemerkte:

         «Die sind heute prächtig im Zuge; es ist ein wahres Vergnügen, zu erproben, wieviel Arbeit man in eine Stunde hineindrängen kann, und die Nachbarn dort verstehen sich auf ihr Geschäft. Es gehört mehr als Kraft zu solcher Arbeit, wenn Sie gefördert werden soll. Meinen Sie nicht, Gast?»

         «Kann sein,» erwiderte ich, «aber, die Wahrheit zu gestehen, ich habe es noch nie versucht.»

         «Wahrhaftig?» fragte er ernst, «wie schade! Wenn man sein ordentliches Arbeitsmaß hat und unter ordentlichen, lustigen Menschen ist, dann fühlt man sich unendlich glücklich. Die Arbeit ist doch die höchste Wonne!»

         Worüber ich abermals in schweigendes Brüten versank. [p. 46]

Ein alter Freund.

         Nun lenkten wir in einen schattigen Waldweg ein: die Zweige mächtiger Platanen vereinigten sich über unseren Häuptern zu einem Laubdach; zu beiden Seiten standen niedrige Häuser ziemlich dicht beieinander.

         «Das ist Long Acre,» [Wörtlich: Langacker--der Name einer großen Straße in London] sagte Dick, «vermutlich so genannt, weil früher ein Kornfeld hier gestanden haben wird. Wie seltsam, daß Orte sich so verwandeln und doch ihre alten Namen beibehalten. Sehen Sie nur, wie dicht die Häuser stehen! Und sie bauen immer noch weiter.»

         «Ja,» sagte der Alte, «die Kornfelder müssen aber schon vor der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts überbaut worden sein. Hier herum soll ja einer der bevölkertsten Stadtteile gestanden haben. Doch ich mutz hier absteigen, Nachbarn, ich werde von einem Freunde erwartet, der in den Gärten hinter Long Acre wohnt. Lebt wohl, und Ihnen, Gast, gut Glück!»

         Damit sprang er ab und schritt kräftig aus wie ein junger Mann.

         «Für wie alt halten Sie diesen Nachbarn?» fragte ich Dick, als wir ihn aus dem Gesicht verloren, denn daß er alt war, sah ich, obgleich er so hart und fest erschien wie ein Eichenstamm. An solche Gestalten von alten Männern war ich nicht gewöhnt.

         «Gegen neunzig, denke ich,» antwortete Dick.

         «Wie langlebig man bei euch ist!» rief ich aus.

         «Ja,» sagte Dick, «wir haben den siebzig Jahren des alten jüdischen Bibelwortes um ein beträchtliches den Rang abgelaufen, Aber jetzt, Nachbar, sind wir der Wohnung meines alten Urgroß-vaters so nahe, daß Sie besser täten, alle weiteren Fragen für ihn aufzusparen.»

         Wir bogen in einen kurzen schmalen Weg zwischen den Gärten ein und kamen dann wieder in eine breite Straße, an deren einer Seite sich ein großes, langgestrecktes Gebäude erhob, das seine Giebel von der Landstraße abwandte und dem ich sofort ansah, daß es ein neues öffentliches Gruppengebäude war. Ihm gegenüber befand sich ein ausgedehnter Schmuckplatz, ganz frei daliegend, ohne Mauer oder sonstige Umfriedigung. Ein Blick durch die Bäume zeigte mir eine wohlbekannte Säulenhalle--keinen geringeren alten Freund als mein Britisches Museum. Es unter all den wunderbaren Dingen, die ich gesehen habe, wiederzufinden, machte mein Blut wallen. Indes ich schwieg wohlweislich und ließ Dick reden. Und er hob an:

         «Dort drüben ist das Britische Museum, in welchem sich mein Urgroßvater meistens aufhält, ich brauche also nicht viel Worte [p. 47] darüber zu verlieren. Das Gebäude links ist der Museumsmarkt, und ich schlage vor, daß wir auf ein paar Minuten dort einkehren. Unser Grauer wird nach Aast und seiner Haferration verlangen, und Sie werden doch wohl den größeren Teil des Tages bei mei-nem Verwandten zubringen. Die Wahrheit zu gestehen, hoffe ich gleichfalls jemand dort anzutreffen, den zu sehen und mit dem mich auszusprechen ich ein lebhaftes Bedürfnis empfinde.»

         Er errötete und seufzte, und zwar, wie mir schien, nicht durchaus in vergnüglicher Stimmung. Natürlich hielt ich mich mäuschenstill, und er lenkte das Pferd unter einen Bogengang, durch den wir in ein sehr geräumiges gepflastertes Viereck gelangten, mit einem Feigenbaum in jeder Ecke und einem plätschernden Springbrunnen in der Mitte. In der Nähe des Springbrunnens befanden sich einige Marktbuden, von Marquisen aus buntgestreifter Leinwand beschattet. Die ausgestellten Waren wurden von den Anwesenden--größtenteils Frauen und Kinder--betrachtet, die ruhig umhergingen. Das Erdgeschoß des Gebäudes rund um das Biereck bildete einen weiten Bogen- oder Kreuzgang, dessen phantastisch kraftvolle Architektur ich nicht genug bewundern konnte. Auch hier wandelten Leute umher oder saßen lesend auf den Bänken.

         Dick meinte in entschuldigendem Tone: «Hier wie überall gibt es heute wenig zu tun. Am Freitage tummelt sich ein lustiges Völkchen herum, und nachmittags wird gewöhnlich am Springbrunnen Musik aufgespielt. Aber beim Mittagsmahl werden wir wohl eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft haben.»

         Wir fuhren durch das Biereck und einen Säulengang zu einem großen bequemen Stall auf der anderen Seite, wo wir den alten Gaul schleunigst unterbrachten und reichlich mit Futter versorgten: dann kehrten wir wieder über den Markt zurück, Dick, wie mir schien, mit tief nachdenklicher Miene.

         Die Leute konnten nicht umhin, mich ein wenig anzustarren, was ich ihnen in Anbetracht der Verschiedenheit zwischen meinen Kleidern und den ihrigen kaum verübeln konnte: doch jedesmal, wenn ihr Blick mich traf, machten sie mir ein sehr freundliches und herzliches Zeichen des Grußes.

         Wir gingen unverzüglich nach dem Vorhof des Museums, wo außer den Gittern, die entfernt, und den flüsternden Zweigen der Bäume, die neu hinzugekommen waren, nichts verändert schien; sogar die Tauben schwirrten noch um das Gebäude und hingen sich an die Gesimsverzierungen, wie ich es ehedem gesehen.

         Obgleich Dick mittlerweile anderen Gedanken nachzuhängen schien, konnte er doch eine baukünstlerische Bemerkung nicht unterlassen.

         «Nicht wahr, ein häßlicher Bau?» sagte er. «Wie viele wollten ihn schon niederreißen, um ihn neu aufzubauen: und wenn wir [p. 48] einmal gar zu wenig Arbeit haben, tun wir’s wohl auch noch. Aber wie mein Urgroßvater meint, wäre das kein einwandfreies Unterfangen, denn es befinden sich darin wundervolle Sammlungen von Altertümern aller Art und außerdem eine riesige Bibliothek, enthaltend zahlreiche seltene und prächtige Bücher, echte Urkunden, Texte alter Werke und ähnliche Schätze von hohem Wert. Die Plage, Angst und sogar Gefahr, die mit dem Wegräumen all dieser Sachen verbunden sind, haben das Gebäude bis jetzt gerettet. Zudem ist es nicht ohne Interesse, ein steinernes Zeugnis dessen zu haben, was unsere Vorväter für ein schönes Gebäude hielten. Denn es steckt eine Masse Arbeit und Material darin.»

         «Gewiß,» sagte ich, «und ich schließe mich ganz Ihrer Meinung an. Täten wir aber nicht besser, uns nunmehr zu beeilen, daß wir zu Ihrem Urgroßvater kommen?»

         «Jawohl, wir gehen sofort,» sagte Dick, der jetzt die Zeit zu vertrödeln schien. «Mein Urgroßvater ist zu alt, um noch viel im Museum zu arbeiten, dessen Bücheraufseher er eine lange Reihe von Jahren war, doch bringt er eine ziemliche Zeit hier zu, und wahrhaftig,» sagte er lächelnd, «es kommt mir vor, als ob er entweder sich als einen Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil von sich betrachtete.»

         Noch ein kurzes Zögern, dann faßte er mit jähem Erröten meine Hand, und mit den Worten: «Kommen Sie denn!» führte er mich an die Türe eines der alten Amtshäuser des Museums.

Handelt von Liebe.

         «Ihr Urgroßvater scheint auf schöne Gebäude wenig Wert zu legen,» sagte ich, als wir das etwas düstere, in klassischem Stile gehaltene Haus betraten, das außer ein paar mit Juniblumen bepflanzten Töpfen nur leere Wände aufwies, aber äußerst sauber gehalten war.

         «Das möchte ich gerade nicht behaupten,» sagte Dick zerstreut. «Mit dem Alter--und er zählt über hundertundfünf Jahre--nimmt die Lust an der Bewegung ab. Aber freilich brauchte er nur zu wollen, und er könnte in einem freundlicheren Hause wohnen, denn er ist ja an keine Stelle gebunden. Doch jetzt folgen Sie mir, Gast!»

         Und er führte mich treppauf an eine Tür, die in ein geräumiges Zimmer alten Stils führte. Auch hier dieselbe Einfachheit wie im ganzen Hause, einige unentbehrliche Möbel, sehr schlicht und manche sogar plump, aber gediegen und reichgeschnitzt, nach guten Mustern, jedoch mangelhaft ausgeführt. 3m entferntesten Winkel des Gemaches an einem Tische nahe beim Fenster saß ein alter [p. 49] kleiner Mann in einem weiten, mit Kissen rings besteckten Lehnstuhl. Er trug ein fadenscheiniges Wams von blauer Serge, ebensolche Kniehosen und grauwollene Strümpfe. Er sprang leicht von seinem Stuhle auf und rief mit einer für sein Alter wunderbar kräftigen Stimme: «Willkommen, Dick, mein Junge! Klara ist hier und wird glücklich sein, dich wiederzusehen. Also Kopf hoch, Junge!»

         «Klara hier?» stammelte Dick. «Wenn ich das gewußt hätte, so würde ich nicht--das heißt ich meine, ich hätte--»

         Er stotterte offenbar nur deshalb so verworrenes Zeug, weil er mich nicht merken lassen wollte, wie überflüssig ich war. Der Alte jedoch, der mich zuerst gar nicht bemerkt hatte, half ihm aus der Verlegenheit, indem er zu mir trat und freundlichen Tones sagte:

         «Verzeihung, bitte, wenn ich nicht gleich bemerkte, daß Dick, hinter dessen Leibesumfang sich leicht jemand verstecken kann, einen Freund mitgebracht hat. Seien Sie mir auf das herzlichste willkommen! Und um so willkommener, als Ihr überseeisches Aussehen mir Kunde von entlegenen Ländern und Meeren verspricht.»

         Mit einem nachdenklichen und fast betroffenen Blick fügte er in veränderter Stimme hinzu: «Darf ich fragen, woher Sie kommen, da Sie gar so fremdländisch erscheinen?»

         Halb mechanisch gab ich zur Antwort: «Ich lebte vordem in England und bin jetzt heimgekehrt. Die letzte Nacht brachte ich im Gästehaus von Hammersmith zu.»

         Er machte nur eine höfliche Verbeugung, schien aber von meiner Antwort etwas enttäuscht. Was mich betrifft, so faßte ich ihn schärfer ins Auge, als die gute Lebensart vielleicht gestattet, denn sein, einem vertrockneten Apfel gleichendes Gesicht kam mir merkwürdig bekannt vor--als hätte ich ihn schon einmal gesehen, ihn oder sein Spiegelbild.

         «Nun,» sagte der Alte, «woher Sie auch kommen, Sie sind bei Freunden. Und mein Enkelsohn Richard Hammond dort sieht geradeso aus, als hätte er Sie hergeführt, weil er glaubt, ich könne Ihnen nützlich sein. Ist’s nicht so, Dick?»

         Dick, der mehr und mehr geistesabwesend wurde und nicht aufhörte, unruhige Blicke nach der Türe zu werfen, nahm sich zusammen und antwortete:

         «Freilich, Urgroßvater. Unser Gast findet in England alles so verändert, daß er sich nicht zurechtfindet, und da niemand die Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte besser kennt als du, hielt ich’s für das beste, ihn dir zuzuführen.--Was ist das?»

         Und er wandte sich aufs neue zur Türe. Wir hörten Schritte draußen, die Türe öffnete sich und ein junges Mädchen von ungewöhnlicher Schönheit trat ein. Sie blieb stehen, als sie Dick erblickte, das Blut schoß ihr in die Wangen, allein sie sah ihm trotz- [p. 50] dem tapfer in die Augen; Dick starrte sie an und hielt ihr die Hand hin, sein ganzes Gesicht von Bewegung zuckend.

         Der Alte ließ sie nicht lange in diesem Zustand scheuen Unbehagens; mit dem heiteren Frohsinn des Alters lächelnd, sagte er: «Dick, mein Junge, und du, meine liebe Klara, wir zwei Alten sind euch vermutlich im Wege, da ihr euch gar manches zu sagen haben werdet. Geht doch lieber in Nelsons Zimmer hinauf, ich weiß, daß er ausgegangen ist, und er hat alle Wände mit mittelalterlichen Büchern und Bildern ausgeschmückt, so daß es sogar für euch und euer neues Glück hübsch genug dort aussieht.»

         Das Mädchen reichte Dick die Hand und geleitete ihn aus dem Zimmer, wobei sie steif und gerade vor sich hinsah, aber es war deutlich bemerkbar, daß ihre Wangen nicht vor Zorn, sondern vor Wonne errötet waren, wie denn die Liebe weit selbstbewußter ist als der Zorn und Haß.

         Als die Türe sich hinter ihnen geschlossen hatte, wandte sich der Greis noch immer lächelnd zu mir und sagte:

         «Frei heraus, mein lieber Gast, Sie erweisen mir einen großen Dienst, wenn Sie meine alte Zunge in Gang bringen. Meine Plauderseligkeit ist immer noch wie sie war, ja, sie nimmt sogar mit den Jahren zu, und so unterhaltend es ist, die junge Welt mit solchem Ernst tändeln zu sehen, als ob das Heil der Welt von ihren Küssen abhinge (was freilich in gewissem Maße ja auch der Fall ist), so glaube ich doch nicht, daß meine Erzählungen aus der Vergangenheit sie sehr interessieren. Der letzte Herbst, der letzte Säugling, die letzte Holzschnitzerei auf dem Markt ist Geschichte genug für sie. Zu meiner Zeit war’s anders, da waren wir des Friedens und der beständigen Wohlfahrt nicht so sicher, wie sie es jetzt sind--ja, ja! Ohne in Sie dringen zu wollen, lassen Sie mich nur das eine fragen: soll ich Sie als einen Wißbegierigen betrachten, der unsere moderne Lebensweise einigermaßen kennt, oder als einen, der aus einem so entlegenen Orte kommt, daß auch die Grundbedingungen des Lebens dort von denen des unsrigen abweichen--mit einem Worte: wissen Sie etwas von uns oder wissen Sie nichts?»

         Er sah mich scharf und mit immer verwunderter werdendem Blicke an, während er sprach) und ich antwortete in gedämpftem Tone:

         «Ich kenne von Ihrem modernen Leben nur so viel, als meine Augen mir auf meinem Wege von Hammersmith hierher zeigten und als Richard Hammond mir auf meine Fragen, die ihm meist unverständlich waren, zu antworten wußte.»

         Der Alte lächelte. «Alsdann müßte ich zu Ihnen sprechen -- --»

         begann er.

         [p. 51] «Als wäre ich von einem anderen Planeten herabgekommen,» sagte ich.

         Der Greis, dessen Name übrigens gleichfalls Hammond war, lächelte und nickte. Dann seinen Stuhl zu mir herumdrehend, hieß er mich auf einem schweren Eichensessel Platz nehmen, und als er sah, daß meine Blicke auf dessen wunderlichem Schnitzwerk verweilten, meinte er:

         «Ja, ich bin sehr an die Vergangenheit gefesselt, an meine Vergangenheit--verstehen Sie mich. Ein jedes dieser Möbelstücke hier gehört der Zeit vor meinen Kindertagen an, denn mein Vater hat sie anfertigen lassen. Mären sie innerhalb der letzten fünfzig Jahre gemacht, so würde die Ausführung weit besser ausgefallen sein, aber ich hätte sie deshalb um kein Iota lieber gehabt. Wir fingen damals beinah wieder von vorne an, und es war eine ungestüme, gärende, stürmische Zeit. Doch, wie geschwätzig ich wieder einmal bin, fragen Sie nur--fragen Sie, was Sie wollen, lieber Gast; da ich plaudern muß, möge mein Geplauder Ihnen wenigstens nutzbringend sein.»

         Ich schwieg eine Minute und sagte dann etwas befangen: «Verzeihen Sie, wenn ich ungezogen scheine, allein da sich Richard gegen mich, einen vollständig Fremden, so gütig benommen hat, interessiert mich sein Schicksal und meine Frage betrifft ihn.»

         «Nun,» meinte der alte Hammond, «wenn er nicht ,gütig’ gegen einen ,vollständig’ Fremden gewesen wäre, wie Sie es nennen, so müßte er wahrhaftig ein sonderbarer Mensch sein, dem man gut täte, aus dem Wege zu gehen. Aber fragen Sie nur, fahren Sie fort! Scheuen Sie sich nicht zu fragen.»

         «Ist ihm das schöne Mädchen zur Braut bestimmt?» fragte ich.

         «Je nun,» sagte er, «ja. Er war zwar schon einmal mit ihr verheiratet, es sieht aber genau so aus, als ob er sie wieder heiraten wollte.»

         «Wirklich,» stotterte ich, ohne recht zu verstehen, was das bedeute.

         «Hören Sie die ganze Geschichte,» sagte der alte Hammond, «sie ist kurz und, wie ich nunmehr hoffe, auch glücklich. Das erstemal lebten sie zwei Jahre miteinander. Sie waren beide noch sehr jung, und dann setzte sie sich’s in den Kopf, daß sie in einen anderen verliebt sei. So verließ sie denn den armen Dick--ich sage den armen Dick, weil er keine andere gefunden hatte. Aber es dauerte nicht lange, nur ein Jahr ungefähr. Dann kam sie zu mir, wie sie denn gewöhnt war, mir alten Burschen ihre Kümmernisse mitzuteilen, und fragte mich, wie es Dick ginge und ob er glücklich sei und was solcher Fragen mehr sind. Natürlich erkannte ich sofort, wie die Dinge lagen, und sagte, daß er sehr unglücklich sei und sich [p. 52] durchaus nicht wohl befinde--welch letzteres beiläufig entschieden eine Lüge war. Na, und das übrige erraten Sie. Klara kam heute her, um eine lange Unterredung mit mir zu haben, aber Dick wird seine Sache ja selbst viel besser führen. Und in der Tat, wenn er heute nicht zufällig hergekommen wäre, so hätte ich morgen nach ihm geschickt.»

         «Wie merkwürdig!» rief ich. «Haben sie Kinder?»

         «Jawohl,» sagte er, «zwei; sie sind jetzt bei einer meiner Töchter, bei der sich auch Klara die meiste Zeit aufgehalten hat. Ich wollte sie nicht aus dem Auge verlieren, da ich sicher war, daß sie wieder zusammenkommen würden, und Dick, der in der Tat der gutmütigste Mensch von der Welt ist, nahm sich die Sache ernstlich zu Herzen. Er hatte ja keine andere Liebe, zu der er hätte seine Zuflucht nehmen können, gleich ihr. Und so habe ich alles wieder in Ordnung gebracht, wie ich schon so manche ähnliche Geschichte in Ordnung gebracht habe.»

         «Aha!» sagte ich, «Sie wollten sie nicht mit dem Ehescheidungsgericht in Berührung bringen; aber ich vermute, daß es häufig dergleichen Fälle zu erledigen hat.»

         «Dann vermuten Sie baren Unsinn,» erwiderte er. «Ich weiß wohl, daß es einst so verrückte Anstalten wie Ehescheidungsgerichte gegeben hat, aber bedenken Sie doch: alle dort verhandelten Fälle drehten sich um Eigentumsstreitigkeiten, und wiewohl Sie, mein verehrter Gast,» dabei lächelte er, «von einem anderen Stern herniedergestiegen sind, kann Sie der bloße Anblick unserer jetzigen Weltordnung doch davon überzeugen, daß Streitigkeiten um Privateigentum bei uns zu den Unmöglichkeiten zählen.»

         Und das stimmte, meine Fahrt von Hammersmith nach Bloomsbury und die Spuren und Anzeichen eines ruhigen beglückten Lebens, die mir überall begegnet waren, das hätte, auch von meinem Ladenbesuch ganz abgesehen, mir klarmachen sollen, daß «die heiligen Rechte des Eigentums», wie wir uns auszudrücken pflegten, hier ein überwundener Standpunkt waren.

         So hörte ich schweigend zu, als der Alte den Faden der Unter-Haltung wieder aufnahm: «Da Eigentumsstreit nunmehr zu den Unmöglichkeiten gehört, worüber bliebe einem derartigen Gericht zu befinden übrig? Stellen Sie sich einmal einen Gerichtshof vor, der die Durchführung eines Vertrags der Leidenschaft oder des Gefühls mit Gewalt durchsetzen wollte! Wenn es überhaupt möglich wäre, die Tollheit eines Vertragszwanges darzulegen, so würde es durch einen solchen Unsinn geschehen.»

         Nach einer kleinen Pause hob er von neuem an:

         «Sie müssen sich ein für allemal darüber klar werden, daß wir diesen Angelegenheiten eine andere Seite abgewonnen haben oder [p. 53] vielmehr, daß unsere Anschauungsweise sich geändert hat, wie wir selbst uns in den letzten zweihundert Jahren geändert haben. Mir geben uns keineswegs Täuschungen hin und denken nicht daran, daß wir den Stürmen und Störungen im Verkehr der Geschlechter ein für allemal ein Ende setzen könnten. Allzuwohl wissen wir, daß wir das Unglück zu ertragen haben, welches daher rührt, daß Mann und Weib die Beziehungen natürlicher Leidenschaft und die Gefühle der Freundschaft miteinander verwechseln, die, wenn alles gut geht, das Erwachen aus vorübergehendem Sinnenwahn mildert; aber so verrückt sind wir nicht, auf dieses Unglück noch Schmach zu häufen, indem wir uns in schmutzigen Hader einlassen über Lebensunterhalt, über Stellung und über die Machtbefugnis, Kinder zu tyrannisieren, die aus Liebe oder Wollust entsprossen sind.» Wieder hielt er inne, um alsbald fortzufahren: «Wir kennen alle Stadien der Liebesempfindung: die Jugendeselei, die sich für lebenslanges Helden- und Märtyrertum hält und den Frühtod der Enttäuschung stirbt; das unerklärliche Verlangen des reiferen Mannes, einem Weibe, dessen gewöhnlich-menschlicher Güte und Schönheit er übermenschliche Vollkommenheit andichtet, alles in allem zu sein und den einzigen Gegenstand seiner Sehnsucht in ihr zu suchen: und schließlich das vernünftige Begehren eines tüchtigen und besonnenen Mannes, der vertrauteste Freund eines schönen und klugen Weibes, des wahren Urbildes der Schönheit und Seligkeit dieser Welt zu werden, die wir so innig lieben. Und wie wir uns jubelnd all der Wonne und der gesteigerten Lebenslust freuen, die mit diesen Dingen verbunden sind, so treten wir auch gefaßt der nicht selten gleichfalls eng damit verbundenen Sorge und Trübsal entgegen. Die Worte des alten Dichters fielen mir ein--ich folge aus dem Gedächtnis einer der vielen Übersetzungen des neunzehnten Jahrhunderts:

         Deshalb erschufen Götter der Menschen Qual und Not, Daß Lied und Dichtung sie der Nachwelt künden.

         Jawohl, es sieht nicht so aus, als würden Lied und Dichtung je ausgehen oder als würden alle Leiden der Menschheit jemals vollkommen geheilt.»

         Da er einige Minuten nachdenklich schwieg, wollte ich ihn nicht stören. Endlich begann er wieder: «Das aber mögen Sie wissen, daß unsere gegenwärtigen Geschlechter kräftig und gesund sind und sich das Leben nicht schwer machen. Wir bringen unser Leben in vernünftigem Kampfe mit der Natur zu, bilden nicht nur eine, sondern alle Seiten unseres Wesens aus und nehmen mit innigstem, lebendigstem Vergnügen Anteil an dem gesamten Leben der Welt. So gilt es als Ehrenpunkt bei uns, daß der einzelne sich nicht als [p. 54] Weltmittelpunkt betrachtet, daß wir nicht glauben, die Welt gehe unter, wenn einem etwas fehlt. Und wir halten es deshalb für töricht und sogar für verbrecherisch, diese Gefühlssachen und Empfindeleien zu übertreiben. So wenig wir unsere körperlichen Schmerzen zu hegen und zu pflegen suchen, ebensowenig sind wir geneigt, unsere Gefühlsschmerzen über ihr Maß hinauszudehnen, und wir erkennen an, daß es außer dem Hofmachen und Liebes-spiel auch noch andere Vergnügungen gibt. Zudem müssen Sie bedenken, daß wir langlebig sind, und daß infolgedessen die Schönheit bei Mann und Weib nicht so flüchtig ist als zur Zeit, da selbstgeschaffene Leiden und Krankheiten uns niederdrückten. Wir schütteln daher diese Schmerzen in einer Weise von uns ab, die den Empfindlern früherer Zeiten vielleicht verächtlich und unHelden-Haft gedünkt hätte, die wir aber für notwendig und männlich halten. Wie wir also aufgehört haben, unsere Liebeshändel mit Geschäftsinteressen zu verknüpfen, so haben wir auch aufgehört, uns Kïnstlich zu Narren zu machen. Mit der naturwüchsigen Narrheit, mit dem Unverstand des unreifen oder des älteren Mannes, der in eine Schlinge gerät, müssen wir uns schon abfinden und tun es auch, ohne uns sehr zu schämen; allein aus Herkommen empfindsam oder sentimental zu sein--nein, mein Freund, ich bin alt und vielleicht etwas gallig, aber einige der Narrheiten, unter denen die alte Welt litt, dürfen wir uns rühmen doch abgestreift zu haben.»

         Er schien eine Antwort von mir zu erwarten: da ich nichts zu erwidern fand, fuhr er fort:

         «Wir lügen wenigstens nicht und schneiden keine Gesichter, wenn wir unter der Tyrannei und dem Wankelmut der Natur zu leiden haben. Muß geschieden sein, müssen Menschen sich trennen, die niemals sich trennen wollten, nun so muß es eben sein: und es bedarf keines Scheines der Einigkeit, wenn die Einigkeit tatsächlich nicht mehr da ist. Wir zwingen keinen zu einem Bekenntnis, was er zu fühlen nun einmal außerstande ist. Ich denke, daß Sie mich verstehen, Gast. Es handelt sich um die Ehe.»

         Mein zweifelhaftes Kopfschütteln ignorierte der alte Herr. Mit größerer Wärme und erhobener Stimme sagte er, indem er mich fester ins Auge faßte:

         «Die Folge unserer gesellschaftlichen Einrichtungen ist, daß die Ungeheuerlichkeit käuflicher Wollust bei uns nicht mehr möglich, daß auch das Bedürfnis danach nicht vorhanden ist. Mißverstehen Sie mich nicht. Es schien Sie nicht angenehm zu berühren, daß keine Gerichtshöfe mehr die Verträge der Leidenschaft oder Empfindung erzwingen, aber so sonderbar ist der Mensch beschaffen, daß es Sie vielleicht unangenehm berührt, wenn ich Ihnen sage, daß an die Stelle solcher Gerichtshöfe auch kein Gesetzbuch der öffentlichen [p. 55] Meinung getreten ist, die vielleicht ebenso tyrannisch und unvernünftig spricht wie jene Gerichtshöfe. Damit will ich nicht sagen, daß ein Nachbar das Verhalten des anderen nicht zuweilen kritisiert; aber was ich sagen will, ist: man richtet nicht mehr nach einem unwandelbaren System vereinbarter Regeln, kein Prokrustesbett streckt oder kürzt den Geist und das Leben der Menschen, keine heuchlerische Achterklärung besteht, welche die Menschen aussprechen müssen, weil sie entweder unter der Herrschaft gedankenloser Vorurteile sich befinden oder selber in Bann getan zu werden fürchten. Nun, sind Sie jetzt sittlich empört?»

         «N--ein--nein,» sagte ich zögernd. «Es ist alles so ganz anders.»

         «Für eines kann ich auf alle Fälle einstehen,» sagte er, «was immer das Gefühl sei, es ist echt und allgemein und beschränkt sich nicht auf besonders verfeinerte Naturen. Und auch dafür glaube ich mich verbürgen zu dürfen, daß Mann und Weib bei diesen Angelegenheiten entfernt nicht mehr so viel zu leiden brauchen wie ehedem. Aber verzeihen Sie meine Weitschweifigkeit in dieser Frage! Sie wollten ja behandelt sein wie ein Wesen aus einer andern Welt.»

         «Ich bin Ihnen ungemein verbunden,» sagte ich. «Darf ich nunmehr fragen, was in Ihrer Gesellschaft die Stellung der Frauen ist?»

         Für einen Mann in seinen Jahren lachte er recht herzhaft und antwortete: «Ich habe nicht ohne Grund meinen Ruf als gewissenhafter Geschichtsforscher. Ich glaube die Frauenemanzipationsbewegung des neunzehnten Jahrhunderts wirklich zu verstehen, und das kann wohl kein anderer der jetzt Lebenden von sich sagen.»

         «Nun?» fragte ich, durch den Ausbruch seiner Heiterkeit ein klein wenig gereizt.

         «Nun,» erwiderte er, «Sie werden natürlich begreifen, daß alles das jetzt ein überwundener Standpunkt ist. Die Männer haben keinen Anlaß mehr, die Frauen, und umgekehrt die Frauen keinen, die Männer zu unterdrücken, was beides in jenen entschwundenen Tagen vorkam. Die Frauen tun, was sie am besten tun können und was sie am liebsten tun, und die Männer find weder eifersüchtig noch entrüstet darüber. Und das ist ein so abgedroschener Gemeinplatz, daß ich mich fast schäme, ihn zu wiederholen.»

         «O,» rief ich, «und die Gesetzgebung? Welchen Anteil hat sie daran?»

         «Mit der Beantwortung dieser Frage gedulden Sie sich wohl, bis wir zum Thema der Gesetzgebung gelangen,» lächelte Hammond. «Vielleicht stehen Ihnen auch bei diesem Kapitel Überraschungen bevor.»

         «Sehr schön,» sagte ich, «wie verhält sich’s aber mit der Frauenfrage? Im Gästehaus bemerkte ich, daß die Frauen den Männern aufwarten. Schmeckt das nicht etwas nach Reaktion, he?»

         [p. 56] «So?» fragte der Alle entgegen. «Sie glauben am Ende, das Haushalten fei eine unwichtige Beschäftigung, die keine Achtung verdient, he? Das war ja wohl die Meinung der ‘vorgeschrittenen’ Frauen des neunzehnten Jahrhunderts und ihrer männlichen Helfershelfer. Wenn es auch die Ihrige sein sollte, so empfehle ich Ihrer Aufmerksamkeit eine alle norwegische Volkssage: ,Wie der Mann die Wirtschaft führt’ oder ähnlich betitelt. Als Endergebnis dieser männlichen Wirtschaft stellte sich nach allerlei Plagen heraus, daß der Mann und die Familienkuh an beiden Enden eines Strickes baumelten, der Mann in der Mitte des Schornsteins, die Kuh vom Dache herunter, das nach Landessitte aus Nasen bestand und sich tief bis zum Erdboden niederstreckte. Eine schwierige Lage für eine Kuh, dünkt mich. Natürlich kann ein solches Mißgeschick keine so überlegene Persönlichkeit treffen, wie Sie sind,» fügte er kichernd hinzu.

         Ich fühlte mich recht unbehaglich unter diesem trockenen Hohn. Den letzteren Teil der Frage schien er mir entschieden nicht mit dem gebührlichen Ernst zu behandeln.

         «Sollten Sie nicht wissen, Freundchen,» sagte er weiter, «daß es für eine gescheite Frau ein großes Vergnügen ist, ein Hauswesen, einen Haushalt geschickt zu leiten, und zwar so, daß alle Hausgenossen zufriedengestellt und ihr dankbar sind? Und andererseits fügt sich ein jedes und läßt sich von ihr zu Arbeiten anstellen--ja, ich wüßte kaum eine reizendere Form der Liebeständelei und des Hofmachens. Sie sind so alt nicht, daß Sie sich nicht daran erinnern könnten. Erinnere ich mich doch recht gut daran!»

         Und der alte Bursche kicherte aufs neue, um schließlich in ein lautes Gelächter auszubrechen.

         «Entschuldigen Sie,» sagte er nach einer Weile, «ich lache über nichts anderes als über die abgeschmackte, im neunzehnten Jahrhundert unter den reichen, sogenannten gebildeten Leuten gang und gäbe Gewohnheit, alle Vorbereitungen zu dem täglichen Mittagsmahl als etwas unter ihrer erhabenen Geisteswürde Stehendes zu betrachten und nichts davon wissen zu wollen. Unnütze Idioten! Schauen Sie her, ich bin ein ,Gelehrter’ und ,Schriftsteller’ wie man uns wunderliche Tiere einst zu betiteln pflegte, deshalb bin ich aber doch ein ganz tüchtiger Koch.»

         «Ich gleichfalls,» sagte ich.

         «Nun, dann müssen Sie mich doch besser verstehen, als es nach Ihrem Neben und nach Ihrem Schweigen den Anschein halte,» rief er aus.

         «Vielleicht,» sagte ich, «daß aber die Leute dieses Interesse an den gewöhnlichen Beschäftigungen des Lebens planmäßig in der Praxis verwerten, das überrascht mich einigermaßen. Hierüber werde ich Ihnen gleich eine oder zwei Fragen vorlegen. Nur möchte [p. 57] ich erst noch auf die jetzige Stellung der Frauen zurückkommen. Sie haben sich mit der Frauenemanzipationsfrage des neunzehnten Jahrhunderts befahl: erinnern Sie sich der Tatsache, daß verschiedene ,höherveranlagte’ Frauen den intelligenteren Teil ihres Geschlechtes vom Gebären der Kinder befreit wissen wollten?»

         Der Alte wurde sofort wieder ganz ernsthaft: «Wohl entsinne ich mich dieses seltsamen Auswuchses einer bodenlosen Narrheit, die wie alle anderen Narrheiten jener Periode aus der dazumal herrschenden abscheulichen Klassentyrannei hervorging. Sie möchten wissen, wie wir jetzt darüber denken? Die Frage ist leicht zu beantworten, mein lieber Freund. Wie könnte es anders sein, als daß die Mutterschaft bei uns hochgeschätzt wird? Es ist nur selbstverständlich und allgemein anerkannt, daß die natürlichen und unausweichlichen Schmerzen, welche die Mutter erdulden mutz, zwischen Mann und Weib ein Band der Vereinigung bilden, einen neuen Sporn der Liebe und Zärtlichkeit. Übrigens müssen Sie bedenken, daß alle künstlichen Lasten der Mutterschaft jetzt abgeschafft sind. Der gemeinen niedrigen Sorge um die Zukunft ihrer Kinder sind die Mütter unserer Zeit enthoben. Die Kinder können mehr oder weniger gut geraten, sie können die stolzesten Hoffnungen täuschen--solche Befürchtungen bilden einen Teil der Mischung von Schmerz und Freude, aus der das Menschenleben besteht. Aber wenigstens die Furcht (die meistens einer Gewißheit gleichkam) bleibt der Mutter erspart, daß ihre Kinder durch künstliche Einrichtungen gesellschaftlich entwürdigt werden; sie darf sicher fein, daß die Kinder sich nach dem Maß ihrer Fähigkeiten heranbilden und handeln werden. In den vergangenen Zeiten stellte sich die ,Gesellschaft’ sowohl wie der Mann der Wissenschaft auf Seite des Gottes Juda, der die Sünden der Väter an den Kindern heimsuchte. Wie man diesen Prozeß umkehren und wie man der Vererbung den Stachel ausziehen kann, ist lange Zeit ein Gegenstand der Untersuchung für unsere scharfsinnigsten Geister gewesen. So ist’s gekommen, daß die gesunde Durchschnittsfrau (und fast alle unsere Frauen sind sowohl gesund wie auch zum mindesten hübsch) als Mutter und Erzieherin der Kinder geachtet, als Weib begehrt, als Gefährtin geliebt und der Sorge um die Zukunft ihrer Kinder enthoben, in weit höherem Grade den Instinkt der Mutterschaft hat, als jemals möglich war bei den armseligen Lasttieren und Müttern von Lasttieren der vergangenen Zeit oder bei deren Schwestern aus den höheren Klassen, die, in heuchlerischer Unkenntnis natürlicher Tatsachen aufgewachsen, in eine aus Prüderie und Sinnenkitzel gemischte Atmosphäre versetzt wurden.»

         «Sie sprechen mit einer Wärme, die Ihr Gegenstand rechtfertigt,» sagte ich.

         [p. 58] «Ja,» fuhr er fort, «und lassen Sie mich auf ein Wahrzeichen all der Segnungen hindeuten, die wir durch unsere Freiheit gewonnen haben. Wie gefiel Ihnen das Aussehen der Leute, denen Sie heute begegnet sind?»

         «Ich hätte es kaum für möglich gehalten,» bekannte ich, «in einem zivilisierten Lande so viele schöne Menschen zu treffen.»

         Er krähte lustig auf, wie ein alter Vogel mitunter tut. «Was? Sind wir noch zivilisiert?» fragte er. «Was nun unser Aussehen betrifft, so pflegte das englische und jütische Blut, das im ganzen hier vorherrscht, nicht viel Schönheit zu erzeugen. Nun, wir haben es tüchtig aufgefrischt. Ich kenne einen Mann, der eine große Sammlung von Porträts nach Photographien aus dem neunzehnten Jahrhundert besitzt; wenn man diese Bilder mit den Durchschnittsgesichtern unserer Zeit vergleicht, so fällt das Ergebnis ohne Zweifel zu unseren Gunsten aus. Und es gibt Leute, die einen unmittelbaren Zusammenhang dieser Zunahme an Schönheit mit unserer Freiheit und Vernünftigkeit in geschlechtlichen Angelegenheiten zu entdecken glauben. Sie sind der Ansicht, daß ein der natürlichen und gesunden Liebe zwischen Mann und Frau entsprossenes Kind, selbst für den Fall, daß diese Liebe flüchtiger Natur ist, nach jeder Richtung hin und besonders auch im Punkt der körperlichen Schönheit besser ausgestattet ist als der Sprößling des ehrbaren Schacherehebetts der Reichen oder der stumpfsinnigen Vermischung der Lasttiere des früheren Systems. Lust erzeugt Lust, sagt man. Was denken Sie?»

         «Ziemlich das nämliche,» antwortete ich.

Fragen und Antworten.

         «Nun?» fragte der Alte und rückte unruhig in seinem Stuhl hin und her, «wollen Sie nicht mit Ihren Fragen fortfahren. Die Antwort auf die erste hat etliche Zeit gekostet.»

         «Ich möchte von Ihnen wohl ein Extrawörtchen oder zwei über Ihre Ideen von Erziehung hören,» sagte ich, «wiewohl ich aus Dicks Reden bereits so viel entnommen habe, daß Sie Ihre Kinder wild aufwachsen und nichts lernen lassen; daß Sie Ihr Erziehungswesen mit einem Wort derart vervollkommnet haben, daß Sie jetzt gar keine Erziehung mehr haben.»

         «Da sind Sie schief gewickelt,» sagte er. «Aber natürlich begreife ich auch, daß Sie in Sachen der Erziehung den Standpunkt vergangener Zeiten vertreten, wo der Kampf ums Dasein, wie die Leute es nannten, das heißt der Kampf um Sklavenrationen einerseits und um den fetten Löwenanteil der privilegierten Sklavenhalter andererseits, die Erziehung der meisten Menschen auf kümmerliche Dosen eines zum Teil sehr wenig genauen Wissens beschränkte--Dosen, [p. 59] die der Anfänger in der Lebenskunst wohl oder übel herunkerzuwürgen hatte, einerlei, ob er danach hungerte oder nicht, und die von Leuten, welche sich nichts daraus machten, vorgekaut und wieder und wieder verdaut wurden, um den Brei anderen Leuten vorzusetzen, die sich ebenfalls nichts daraus machten.»

         Ich mußte über den aufsteigenden Zorn des Alten laut lachen und bemerkte: «Auf keinen Fall sind Sie in dieser Weise unterrichtet worden, lassen Sie deshalb Ihren Grimm verrauchen, verehrter Freund.»

         «Mahr, wahr!» sagte er und lächelte wieder. «Ich danke Ihnen, daß Sie meiner üblen Laune Einhalt getan, ich versetze mich nämlich sofort in jede Periode, von der man gerade spricht. Um das Thema also ruhiger zu behandeln: Sie erwarteten, daß die Kinder schulpflichtigen Alters ohne Rücksicht auf ihre verschiedenen Fähigkeiten und Anlagen in Schulen gesperrt und, wenn einmal dort, mit gleich brutaler Rücksichtslosigkeit einem herkömmlichen Lehrkursus unterworfen würden. Begreifen Sie nicht, mein Freund, daß ein solches Vorgehen das körperliche und geistige Wachstum gleich sehr außer acht setzt? Niemand könnte ohne Schaden aus solch einer Tretmühle hervorgehen, und der Zermalmung würden nur die widerstehen, in denen der Geist der Rebellion stark genug ist. Zum Glück muß er den meisten Kindern zu allen Zeiten innegewohnt haben, sonst wüßte ich nicht, wie wir unsere jetzige Kulturstellung hätten erreichen können. Alles das ist vorbei, wir werden nicht mehr hastig vorangepeitscht, und der Unterricht ist jedem erreichbar, dessen Neigungen ihn danach begehren lassen.»

         «Ja,» wandte ich ein, «nehmen Sie aber an, daß das Kind, der Jüngling oder der Mann sich sträubt, Arithmetik oder Mathematik zu lernen. Wenn er erwachsen ist, können Sie ihn nicht zwingen. Könnten und sollten Sie es nicht tun, solange er heranwächst?»

         «Schön,» sagte er, «hat man Sie gezwungen, Arithmetik oder Mathematik zu lernen?»

         «Ein bißchen.»

         «Und wie alt sind Sie jetzt?»

         «Sagen wir sechsundfünfzig.»

         «Und wieviel Arithmetik und Mathematik wissen Sie jetzt?»

         «Leider nicht das geringste.»

         Hammond lachte vor sich hin, äußerte sich jedoch sonst nicht über mein Zugeständnis, und ich ließ das Thema der Erziehung fallen, da es mir hoffnungslos schien, ihn in diesem Punkte auf andere Gedanken zu bringen.

         Nach einigem Nachdenken bemerkte ich:

         «Sie sprachen von Haushaltung: schmeckte das nicht etwas nach den Sitten der alten Zeit? Ich hätte gedacht, Sie würden jetzt [p. 60] mehr in der Gemeinschaft leben, mehr im öffentlichen Leben aufgehen.»

         «Phalansterien,[ Die von Fourier vorgeschlagenen Gemeinwesen, den Helmkolonien Owens entsprechend] was?» rief er. «Nun, wir leben, wie es uns gefällt, und in der Regel gefällt es uns, mit bestimmten Hausgenossen zu leben, an die wir uns gewöhnt haben. Vergessen Sie doch nicht, daß es keine Armut mehr gibt, und die Organisationen der Fourier und Konsorten nichts weiter waren als eine Zuflucht vor gänzlicher Entbehrung, wie’s zur Zeit ja nicht anders zu verlangen war. Solch eine Lebensweise konnte nur von Leuten ausgeheckt werden, welche die Armut in ihrer bittersten Gestalt kannten. Wiewohl aber besondere gesonderte Haushaltungen bei uns die Regel bilden, und sie in ihren Gewohnheiten mehr oder minder voneinander abweichen, so ist es doch selbstverständlich, daß keine Tür einem freundlichen Gaste sich verschließt, der sich den Lebensgewohnheiten der übrigen Hausgenossen anzupassen bereit ist. Es wäre ja natürlich auch ein unbilliges Verlangen, wenn jemand in einen Haushalt eintreten wollte, um die anderen zu zwingen, ihm zu Liebe ihre Gewohnheiten aufzugeben und sich den seinigen zu fügen; er kann ja anderswohin gehen und nach seiner Neigung leben. Darüber brauche ich mich indes des weiteren nicht auszulassen, da Dick mit Ihnen stromauf fährt und Sie aus eigener Wahrnehmung erfahren und urteilen werden, wie diese Angelegenheiten bei uns geregelt sind.»

         Nach einer Pause sagte ich:

         «Und wie steht’s heutzutage mit Ihren großen Städten? Das London, das ich als das moderne Babel der Zivilisation bezeichnet fand, scheint verschwunden zu sein.»

         «Nun, nun,» meinte der Alte, «vielleicht sieht es jetzt dem alten Babel ähnlicher als das Moderne Babel des neunzehnten Jahrhunderts’. Aber lassen wir das. Übrigens scheint mir die Gegend zwischen hier und Hammersmith dicht genug bevölkert zu sein, und den dichtest bevölkerten Teil der Stadt haben Sie noch gar nicht gesehen.»

         «Sagen Sie mir also, wie steht es mit dem Ostende?» [East End--dem proletarischen Gegensatz zu dem aristokratischen Westend] fragte ich.

         «Es gab eine Zeit,» sagte er, «wo man ein gutes Pferd besteigen und vor meiner Tür hier geradeaus in scharfem Trabe anderthalb Stunden reiten konnte und sich noch im dichten Gewühl Londoner Straßen befand, deren größerer Teil nach ihrer Beschaffenheit SIums, Schmutzlöcher genannt wurden, das will besagen Orte der Qual für unschuldige Männer und Frauen, oder schlimmer noch Brutstätten der Unzucht, in denen Männer und Weiber zu solcher Herabwürdigung erzogen wurden, daß ihnen diese Marter und Schande zur Gewohnheit wurde und als ein natürliches Leben erschien.»

         [p. 62] «Ich weiß, ich weiß,» unterbrach ich ihn ungeduldig. «Sie sprechen von dem, was war; sprechen Sie mir lieber von dem, was ist. Sind noch Spuren übriggeblieben?»

         «Kein Iota,» sagte er, «aber eine Erinnerung hat sich erhalten, und das freut mich. Alle Jahre halten wir in jenen Ostbezirken am Maitage [Mayday--der erste Mai] eine Festfeier zum Andenken an die Abschaffung des Elends, wie es genannt wird. An diesem Tage gibt es Musik und Tanz, heitere Spiele und fröhlichen Schmaus an der Stätte der berüchtigtsten alten Schmutz- und Fieberlöcher, von denen uns die Erinnerung geblieben ist. Die hübschesten Mädchen singen die alten Revolutionslieder und die Notlieder der einst so hoffnunglosen Unzufriedenen--an derselben Stelle, wo die furchtbaren Frevel des Klassenmords so viele Jahre tagaus tagein verübt worden sind. Einem Manne wie mir, der ich so eifrig die Vergangenheit durchforscht habe, bewegt sich das Herz beim Anblick einer solchen zierlich gekleideten, mit Blumen aus den Nachbarfluren bekränzten Schönen, die, selbst glücklich, von glücklichen Menschen umgeben, auf einem grünen Erdhügel steht, da, wo einst die jämmerliche Karikatur eines Hauses sich befand, eine Höhle, in der Männer, Weiber und Kinder in ihrem Unrat wie Heringe in einer Tonne zusammengepfercht ein Leben lebten, das sie nur deshalb zu ertragen imstande waren, weil ihnen jedes Gefühl von Menschenwürde abhanden gekommen war. Und wie packt es mich, wenn von den süßen, rosigen Lippen die grauenhaften Drohungen und Klagen erklingen, zum Beispiel Hoods Lied vom Hemde--Drohungen und Klagen, deren Bedeutung die Sängerin nicht einmal versieht--, da die Tragödie überwunden und ihr wie ihren Hörern unfaßbar geworden ist. Bedenken Sie das und stellen Sie sich vor, wenn Sie können, wie herrlich das Leben geworden ist.»

         «Wirklich,» sagte ich, «dies mir vorzustellen ist nicht leicht.»

         Ich sah, wie seine Augen erglänzten und wie seine Wangen glühten, und ich staunte, daß er in seinen Jahren noch so viel Interesse an der Glückseligkeit der Welt bewahrt hatte, statt sich ausschließlich mit seinem nächsten Mittagsmahl zu beschäftigen.

         «Und wie steht es mit den anderen Städten des Landes ?» fragte ich.

         «Was die früheren Fabrikmittelpunkte, die großen, finsteren, dumpfigen, rauchgeschwärzten Städte betrifft, so sind sie gleich der Ziegel- und Steinwüste Londons vom Erdboden verschwunden, nur haben sie, da sie eben nichts weiter als Fabrikstädte waren und keinem anderen Zwecke als dem Glücksspiel- und Schwindelmarkt dienten, weniger Spuren ihres Daseins hinterlassen als London. Der große Wechsel in der Benutzung mechanischer Kraft hat das auf [p. 63] leichte Weife herbeigeführt, und selbst wenn wir unsere Gewohnheiten nicht so sehr geändert hätten, würden diese Städte als Mittelpunkte in aller Wahrscheinlichkeit aufgehört haben zu bestehen.»

         «Und die kleineren Städte? Die haben Sie wohl ganz abgeschafft?»

         «Im Gegenteil, da hat man wenig niedergerissen--nur viel umgebaut. Die Vorstädte, wo solche waren, sind in der Landschaft aufgegangen, und in der Mitte ist Raum gewonnen. Aber die Städte mit ihren Straßen, Plätzen und Märkten sind immer noch vorhanden, und diese kleinen Städte vermitteln uns heutzutage die Vorstellung vom Aussehen der ehemaligen großen Städte--in deren Blütezeit natürlich.»

         «Im Vorbeigehen möchte ich fragen, ist Oxford noch leine Gelehrtenstadt?»

         «Noch?» sagte er lächelnd, «es ist zu einigen seiner besten Überlieferungen zurückgekehrt. Daraus können Sie schließen, wie weit es über die Stellung, die es im neunzehnten Jahrhundert einnahm, hinaus ist. Es ist wirkliches Lernen, die Wissenschaft um ihrer selbst willen, kurz, die Kunst des Wissens, was dort gepflegt wird, und nicht die feile Schacherwissenschaft der früheren Zeit. Sie wissen vielleicht nicht, daß im neunzehnten Jahrhundert Oxford und seine weniger interessante Schwester Cambridge ausgesprochene Geschäfts- und Schwindelstädte wurden. Sie waren--und das gilt besonders von Oxford--die Brutstätten einer besonderen Art von Schmarotzern, die sich selbst die Gebildeten nannten. Diese waren in der Tat sehr unverschämt, so wie überhaupt die ganze gebildete Klasse von damals, sie suchten aber eine noch größere Unverschämtheit zur Schau zu tragen, damit man sie für Gelehrte und Welt-weise halten solle. Die reiche Mittelklasse (mit der Arbeiterklasse hatten sie keine Verbindung) behandelte diese Marktschreier mit jener verächtlichen Duldung, mit der ein mittelalterlicher Baron seine Hausnarren behandelte, obgleich sie nicht so unterhaltend waren wie die alten Hanswurste; sie waren in der Tat die langweiligsten Menschen von der Welt--eine Plage der Gesellschaft. Man lachte sie aus, verspottete sie und--bezahlte sie. Letzteres war, worauf es ihnen ankam.»

         «Ach Gott!» dachte ich. «Wie hübsch dreht doch die Geschichte die Urteile einer früheren Zeit um! Gewiß waren nur die schlechtesten unter ihnen so schlecht.» Ich mußte jedoch zugeben, daß die meisten derselben unnütze Burschen, wie auch, daß sie käuflich gewesen waren. Dann sagte ich laut, wenn auch mehr zu mir selbst als zu Hammond: «Wie konnten sie aber besser sein als ihre Zeit?»

         «Schon wahr,» sagte er, «allein ihre Ansprüche waren höher--sie wollten mehr und Besseres sein. Doch lassen wir das. Fragen Sie weiter.»

         [p. 64] «Wir haben,» meinte ich, «von London, den Fabrikgegenden und den gewöhnlichen Städten gehört, wie steht es aber mit den Dörfern?»

         «Sie müssen wissen, daß gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Dörfer fast gänzlich vernichtet wurden mit Ausnahme derer, welche sich den Fabrikdistrikten anschlossen oder selbst aus sich eine Art kleiner Fabrikdistrikte bildeten. Die Häuser ließ man zerfallen und tatsächlich zu Ruinen werden, Bäume wurden niedergehauen wegen der wenigen Schillinge, welche die armseligen paar Scheiter eintrugen--man baute unaussprechlich schlecht und erbärmlich. Der Arbeiter waren wenige, und doch fielen die Löhne beständig. Alle die kleinen Künste des Lebens, die einst zu den bescheidenen Vergnügungen der Landleute beitrugen, gingen verloren. Der Ertrag des Bodens, der durch die Hände des Landarbeiters ging, erreichte niemals dessen Mund. Unglaubliche Armseligkeit und filziger Geiz machten sich auf den Feldern und Äckern bemerkbar, die, trotz der rohen und nachlässigen Bewirtschaftung der damaligen Zeit, doch so ergiebig waren. Hatten Sie von all diesem eine Ahnung?»

         «Ich habe gehört, daß es so war, aber was folgte dann?»

         Hammond fuhr fort: «Die Umgestaltung dieser Verhältnisse, welche sich schon sehr früh in unserer Epoche vollzog, ging außerordentlich rasch vonstatten. Das Volk sammelte sich in den Dörfern und stürzte sich nun sozusagen auf das Land wie ein wildes Tier auf feine Beule, und in sehr kurzer Zeit waren die englischen Dörfer bevölkerter als im vierzehnten Jahrhundert und nahmen immer noch zu. Natürlich war es nicht leicht, mit dieser Landinvasion, mit dieser Überrennung des Landes fertig zu werden, und sie würde sehr großes Elend zur Folge gehabt haben, wären wir noch in den Banden der Klassenherrschaft gewesen. So aber regelten die Dinge sich bald. Die Leute fanden heraus, zu was sie sich eigneten, und verzichteten auf den Versuch, sich zu Beschäftigungen zu zwingen, die ihrer Natur nicht entsprachen. Die Stadt eroberte das Land, die Eroberer jedoch gaben, gleich den Kriegerischen Eindringlingen früherer Tage, dem Einfluß ihrer Umgebung nach und wurden Landleute; und da sie zahlreicher wurden als die Stadtleute, beeinflußten sie diese ihrerseits dermaßen, daß der Unterschied und Gegensatz zwischen Stadt und Land bald mehr und mehr verschwand.»

         «Hat die Auswanderung der Städter aufs Land eine längere Zeit in Anspruch genommen?» fragte ich.

         «Nein und ja. Wir haben jetzt noch ein Ab- und Zufluten aus der Stadt und in die Stadt,» erwiderte Hammond. «Zu bemerken ist aber, daß die ländliche Welt durch den Geist und die Regsam- [p. 65] keit der Städter belebt worden ist und sich daraus jenes glückliche und gemütliche, aber doch voranstrebende Leben entwickelte, von dem Sie einen Vorgeschmack bekommen haben. Nochmals sage ich: es sind viele Mißgriffe gemacht worden, allein wir hatten Zeit, sie wieder gutzumachen. Vieles war noch übriggeblieben, was die Menschen in der Zeit meiner frühesten Jugend wegzuräumen hatten. So langsam die Genesung auch kam, sie kam, und je mehr Menschen Sie hier sehen, um so klarer wird es Ihnen werden, daß wir glücklich sind, daß wir inmitten der Schönheit und des Schönen leben, ohne verweichlicht zu werden, daß wir vollauf zu tun haben und daß unsere Arbeit uns Freude macht. Was können wir mehr vom Leben verlangen?»

         Er hielt inne, als wenn er nach Worten suchte, um seine Gedanken auszudrücken, und fuhr fort:

         «Wir stehen so: England war einst das Land der lieblichen Lichtungen zwischen Wäldern und Wüsteneien, mit nur wenigen Städten, welche Festungen für die feudalen Armeen, Märkte für das Volk und Sammelplätze für die Handwerker waren. Dann wurde es das Land ungeheurer giftiger Werkstätten und noch giftigerer Spiel-Höllen, umgeben von schlecht bewirtschafteten, armseligen Farmen und Hütten, und das arbeitende Volk wurde ausgeplündert durch die Herren der Werkstätten. Jetzt ist England ein Garten, in dem nichts öde, nichts verwahrlost ist, mit den nötigen Wohnungen, Scheunen und Werkstätten, die über das ganze Land zerstreut sind, alle schmuck, gesund und bequem. Denn in der Tat, wir würden uns vor uns selbst schämen, erlaubten wir--und nun gar im großen--die Anfertigung von Gütern unter Bedingungen, welche Nachteile und Verluste für die einzelnen oder für die Allgemeinheit mit sich brächten.»

         Darauf sagte ich: «Nach dieser Seite hin hat die Umgestaltung Zum Besseren geführt, da ich aber nun bald selbst einige dieser Dörfer sehen werde, so, bitte, sagen Sie mir, um mich vorzubereiten, in wenigen Worten, wie sie ungefähr aussehen.»

         Er: «Vielleicht haben Sie eine leidlich gute Abbildung von Dörfern, wie sie zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren, gesehen. Es gibt solche.»

         Ich: «Ja, ich sah einige dieser Bilder.»

         «Nun denn,» sagte Hammond, «unsere Dörfer gleichen einigermaßen den besten dieser ehemaligen Dörfer, mit der Kirche oder dem Versammlungshaus der Bewohner und Nachbarn als Hauptgebäude. Aber merken Sie wohl: ohne die Zeichen von Armut ringsherum--keine malerischen Umfall-Baracken, wie die Künstler sie einst gerne benutzten, um ihre Unfähigkeit für architektonisches Zeichnen zu verbergen. Derartiger Schund gefällt uns nicht, selbst [p. 66] dann nicht, wenn er kein Elend vorstellt. Wie die Leute des Mittelalters, so lieben auch wir alles nett, rein, ordentlich und freundlich, so, wie es das Volk macht, wenn es Sinn für architektonische Wirkung hat, denn jetzt wissen die Leute, daß sie haben können, was sie brauchen, und ertragen in ihrem Verkehr mit der Natur keinen Unsinn.»

         «Gibt es außer den Dörfern auch noch vereinzelte Landhäuser?» fragte ich.

         «Ja, viele», sagte Hammond, «in der Tal, wenn man die öden Gegenden und die Wälder ausnimmt, sieht man überall Häuser. Und da, wo die Häuser dünn gesät sind, sind sie sehr groß und gleichen mehr den alten Universitätsgebäuden* [Die englischen Studenten wohnen in solchen öffentlichen Gebäuden] als den gewöhnlichen Häusern, wie sie früher zu sein pflegten. Man hat dies zum Besten der Gesellschaft so getan, weil viele Leute in solchen Häusern wohnen können und die Landbewohner nicht notwendig Landbauern sein müssen, obwohl beinahe alle zeitweise beim Landbau helfen. Das Leben in diesen großen Wohnungen ist sehr angenehm, besonders auch weil einige der bedeutendsten Gelehrten unserer Zeit so leben. Alles in allem herrscht da sehr viel Abwechslung durch die Verschiedenheit der Geister und der Stimmungen, wodurch die Gesellschaft angeregt und erheitert wird.»

         «Alles dies überrascht mich,» sagte ich, «da mir das Land doch trotz alledem leidlich gut bevölkert zu sein scheint.»

         «Gewiß,» antwortete er, «die Bevölkerung ist so ziemlich dieselbe wie zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts; wir haben sie nur besser verteilt--über das Land ausgebreitet, das ist alles. Natürlich haben wir auch andere Länder bevölkern helfen--wo man uns brauchte und wir verlangt wurden.»

         Ich erwiderte darauf: «Eins scheint Ihrer Bezeichnung des Landes als eines Gartens nicht zu entsprechen. Sie haben von Wüsteneien und Wäldern gesprochen, ich selbst habe den Anfang Ihres Middlesex- und Essex-Waldes gesehen. Warum halten Sie sich solche Dinge in einem Garten, ist das nicht sehr verschwenderisch?»

         «Mein Freund,» sagte er, «wir lieben diese Stücke wilder Natur und nehmen sie, weil wir reich genug sind, sie haben zu können. Bon den Wäldern abgesehen, brauchen wir viel Bauholz und hoffen, daß unsere Kinder und Kindeskinder ebensoviel brauchen. Warum soll das Land deswegen kein Garten sein? Ich habe gehört, daß ehedem Strauch- und Felspartien in den Gärten waren, und wenn ich auch die künstlichen nicht leiden mag, so versichere ich Sie doch, daß einige unserer natürlichen Felsenlandschaften wert sind, gesehen zu werden. Gehen Sie diesen Sommer nach dem Norden und sehen [p. 67] Sie sich die Felsen von Cumberland und Westmoreland an. Auf dem Wege dahin werden Sie einige Schafweiden finden, die Ihnen beweisen, daß die Gegend nicht so öde ist, wie Sie glauben, nicht so nutzlos wie der zu Treibhäusern verwandte Boden, auf dem man früher Obst außerhalb der Jahreszeit künstlich zeitigte.»

         «Ich will hingehen, wenn ich es möglich machen kann,» sagte ich.

         «Es wird nicht so schwer sein,» erwiderte er.

         (Das nun folgende Gespräch über die Einrichtung des Gemeinwesens geben wir in Abschnitten mit entsprechenden Überschriften.)

Die Regierungsformen.

         «Jetzt», sagte ich, «bin ich so weit gekommen, Fragen an Sie zu richten, von denen ich voraussehe, daß sie für Sie trocken zu beantworten und schwierig zu erklären sein werden. Ich habe aber schon seit einiger Zeit vorausgesehen, daß ich sie stellen muß: welche Art von Regierung haben Sie? Hak die Republik endlich triumphiert? Oder sind Sie nur zu einer Diktatur gelangt, welche einige Personen des neunzehnten Jahrhunderts als das Endergebnis der Demokratie zu prophezeien pflegten? Diese letztere Frage scheint in der Tat nicht so sehr unvernünftig, da Sie Ihr Parlaments-gebäude zu einem Kehrichtlager und Düngermarkt gemacht haben. Oder wo haben Sie Ihr jetziges Parlament untergebracht?»

         Der alte Mann beantwortete mein Lächeln mit einem herzlichen Lachen: «Nun, nun, Dünger ist nicht die schlechteste Art der Verfaultheit und Verderbnis; aus dem Dünger kann Fruchtbarkeit kommen, während nur Mangel und Not von der anderen Art der Fäulnis kam, deren Hauptstützen einst diese Mauern bargen. Lassen Sie mich Ihnen sagen, lieber Gast, daß unser jetziges Parlament sehr schwer in einem Hause unterzubringen wäre, weil das ganze Volk unser Parlament ist.»

         «Ich verstehe Sie nicht.»

         «Nein? Das konnte ich mir denken,» erwiderte er. «Auf die Gefahr hin, gegen alle Ihre Vorstellungen anzustoßen, muh ich Ihnen sagen, daß wir kein Ding mehr haben, welches Sie, als Eingeborener eines anderen Planeten, eine Negierung nennen würden.»

         «Das ist mir keineswegs so anstößig, wie Sie vielleicht vermuten mögen,» erwiderte ich, «denn ich weiß etwas von Negierungen. Aber sagen Sie mir, wie haben Sie sich eingerichtet und wie sind Sie zu diesem Stande der Dinge gekommen?»

         Darauf erwiderte er: «Wahr ist, daß wir in bezug auf unsere Geschäfte und Verhältnisse einige Anordnungen zu treffen haben, über welche Sie gleich mehr hören können; und wahr ist auch, daß [p. 68] nicht immer jeder mit den Einzelheiten dieser Anordnungen übereinstimmt. Es ist aber auch wahr, daß ein Mensch eine unorganisierte Negierung mit ihrer Armee, ihrer Kriegsflotte und ihrer Polizei ebensowenig braucht--ebensowenig nötig hat, um gezwungen zu werden, sich dem Willen der Majorität von seinesgleichen zu fügen, wie er eine derartige Maschinerie braucht, um zu begreifen, daß sein Kopf und ein Stein nicht zu gleicher Zeit denselben Raum einnehmen können. Wünschen Sie noch eine weitere Erklärung?»

         Der alte Hammond ließ sich mit einem so vergnügten Blick auf seinen Sessel nieder, daß ich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung zu fürchten begann; deshalb schwieg ich.

         Er fuhr fort: «Zu welchem Zweck war ehedem die Negierung wohl da, als um den Reichen gegen den Armen, den Starken gegen den Schwachen zu schützen?»

         «Sehr wahr, alles Elend früherer Zeit wurde wohl durch die unheilvolle Regierung verursacht, von der wir sprechen.»

         «Nein, es würde nicht ganz richtig sein, wollten wir dies sagen. Die Negierung selbst war nur das notwendige Ergebnis der plan-und ziellosen Tyrannei jener Zeit. Sie war nur das Werkzeug dieser Tyrannei. Diese Tyrannei ist nun zu Ende, und so brauchen wir auch das Werkzeug nicht länger. Wir konnten es tatsächlich gar nicht brauchen, seitdem wir frei sind. Deshalb haben wir keine Regierung in Ihrem Sinne des Wortes. Verstehen Sie dies jetzt?»

         «Ja, ich verstehe. Ich möchte aber noch mehrere Fragen an Sie richten betreffend die Art und Weise, wie Sie als freie Menschen Ihre Angelegenheiten ordnen. Wollen Sie mir Aufschluß geben?»

         «Von Herzen gern, fragen Sie nur zu!»

Wie das Leben eingerichtet ist.

         «Wohlan,» sagte ich, «könnten Sie mir Aufschluß über jene Anordnungen und Einrichtungen geben, von denen Sie sprechen und die bei Ihnen an Stelle der Negierung getreten sind?»

         «Nachbar,» sagte er, «wir haben zwar unser Leben im Vergleich mit früher sehr vereinfacht, haben viele gesellschaftliche Formen und viele falsche Bedürfnisse abgeschafft, die unseren Vorvätern viele Mühe machten; immerhin ist jedoch unser Leben zu verwickelt, als daß ich Ihnen bloß mit Worten in allen Einzelheiten sagen könnte, wie es geregelt ist. Sie müssen das selbst herausfinden, indem Sie unter uns leben. Es ist wahr, ich kann Ihnen besser sagen, was wir nicht tun, als was wir tun»

         «So?»

         «Ja, und nun hören Sie. Wir leben wenigstens seit hundertundfünfzig Jahren mehr oder weniger auf unsere jetzige Art; eine [p. 69]

         Überlieferung oder Gewohnheit des Lebens ist mit uns verwachsen, und diese Überlieferung und Gewohnheit läßt uns zum allgemeinen Besten handeln. Für uns ist es leicht, zu leben, ohne uns gegenseitig zu berauben und zu vergewaltigen. Wir könnten einander befehden und berauben, es würde uns dies aber schwerer fallen als die Enthaltung von Zank und Diebstahl. Das ist in Kürze die Grundlage unseres Lebens und unseres Glückes.-- --»

         «Während es in der alten Zeit sehr schwer war, ohne Streit und Raub zu leben. Das ist es doch, was Sie damit sagen wollen,» fragte ich, «indem Sie mir die negative, die verneinende Seite Ihrer günstigen Lebensbedingungen zeigen?»

         «Ja,» antwortete er, «es war so schlimm, daß die, welche gewohnheitsgemäß anständig gegen ihre Nächsten handelten, als Heilige und Helden gefeiert und mit der größten Verehrung betrachtet wurden.»

         «Während sie lebten?» fragte ich.

         «Nein,» antwortete er, «nach ihrem Tode.»

         «Sie wollen mir doch nicht sagen,» erwiderte ich, «daß in der jetzigen Zeit kein Mensch die Grenzen guter Kameradschaft überschreitet?»

         «Gewiß nicht,» sagte Hammond, «wenn aber einmal eine Überschreitung vorkommt, dann weih jedermann--der Überschreiter selbst und alle anderen--, was es ist: der Irrtum eines Freundes, nicht die gewohnheitsmäßige Handlung einer Person, die methodisch zur Feindschaft gegen die Gesellschaft getrieben wurde.»

         «Ich sehe, Sie wollen sagen, daß Sie keine Verbrecherklasse haben.»

         «Wie könnten wir eine haben, da es keine reiche Klasse mehr gibt, die durch die Ungerechtigkeit des Staates Feinde des Staates erzieht?»

         «Mir ist,» erwiderte ich, «als hätten Sie vorhin einmal gesagt, daß Sie das Bürgerliche Gesetzbuch abgeschafft hätten. Ist dem wirklich so?»

         «Es hat sich selbst abgeschafft, mein Freund. Die bürgerlichen Gerichtshöfe waren nur zur Verteidigung des Privateigentums eingerichtet, denn jedermann glaubte, daß es nur durch rohe Gewalt möglich sei, die Leute ehrlich und anständig zu machen. Nachdem das Privateigentum abgeschafft war, hatten auch alle die Gesetze und all die vom Gesetz bestraften Verbrechen, welche aus dem Privateigentum entstanden waren, ihr Ende erreicht. ,Du sollst nicht stehlen’ mußte übersetzt werden in ,Du sollst arbeiten, um glücklich zu sein’. Brauchen wir diesen Befehl durch Gewalt zu erzwingen?»

         «Nun gut,» sagte ich, «das läßt sich verstehen, und ich stimme bei. Wie verhält es sich aber mit Verbrechen der Gewalttätigkeit? Machen [p. 70] sie--und Sie geben ja zu, daß solche Verbrechen vorkommen--, machen diese Verbrechen nicht ein Strafgesetz nötig?»

         Darauf sagte er: «In Ihrem Sinne des Wortes haben wir kein Strafgesetz. Lassen Sie uns den Gegenstand näher betrachten und sehen, woraus die Verbrechen der Gewalttätigkeit entspringen. Der bei weitem größere Teil dieser Verbrechen war in früherer Zeit die Folge der Eigentumsgesehe, welche die Befriedigung der natürlichen Triebe nur den privilegierten Wenigen gestatteten, und des allgemeinen greif- und sichtbaren Zwanges, der aus jenen Gesetzen hervorging. Diese Ursache der Gewaltverbrechen ist vollständig weggefallen. Viele Gewalttaten entstanden auch durch die künstliche Verkehrung der geschlechtlichen Leidenschaften, welche übertriebene Eifersucht und ähnlichen Jammer hervorriefen. Wenn Sie diese Verbrechen eingehend betrachten, so werden Sie finden, daß das, was ihnen zugrunde lag, meistens der Gedanke war (ein zum Gesetz gemachter Gedanke), daß die Frau das Eigentum des Mannes sei, ob er nun ihr Ehemann, Vater oder Bruder war. Dieser Gedanke ist natürlich mit dem Privateigentum verschwunden, ebenso wie gewisse Torheiten über den ,Fall’ der Frau, das heißt darüber, daß sie ihren natürlichen Trieben in ungesetzlicher Weise folgte, was wieder nur die Folge einer aus den Eigentumsgesetzen hervorgegangenen Übereinkunft war.

         «Eine andere verwandte Ursache der Gewaltverbrechen war die Familientyrannei, die früher so häufig den Gegenstand von Romanen und Erzählungen bildete und die gleichfalls dem Privateigentum entsprang. Natürlich ist dies alles vorüber, seitdem die Familien nicht mehr durch den Zwang sozialer oder gesetzlicher Bande, sondern nur durch gegenseitige Liebe und Zuneigung zusammengehalten sind und jeder und jede kommen und gehen kann wie er oder sie will. Ferner ist unser Maßstab für Ehre und öffentliche Achtung sehr verschieden von dem früheren. Der Weg, zu Ansehen zu gelangen durch Schädigung unseres Nächsten, ist jetzt abgeschnitten und wir hoffen für immer. Jedermann kann frei seine besonderen Fähigkeiten bis zum äußersten ausbilden, und jedermann ermuntert ihn dazu. So sind wir die scheelsehende Mißgunst los geworden, die von den Dichtern gewiß mit gutem Grunde dem Haß vermählt wird. Unsägliches Unglück und viel böses Blut wurde durch dieses schlimme Paar verursacht, was bei erregbaren und leidenschaftlichen Menschen, das heißt bei tatkräftigen Naturen zur Gewalttätigkeit führte.»

         Ich lachte und sagte: «Mit anderen Worten, Sie behaupten jetzt, bei Ihnen gebe es keine Gewalttätigkeit?»

         «Nein,» sagte er, «das wäre nicht richtig. Derlei Dinge kommen freilich zuweilen vor. Heißes Blut irrt mitunter. Ein Mensch schlägt [p. 71] den anderen, und dieser gibt’s zurück, und--nehmen wir das Schlimmste an--das Ende ist ein Totschlag. Was aber dann? Sollen wir, seine Nachbarn und Nächsten, das Schlimmste dann noch schlimmer machen? Sollen wir so kleinlich voneinander denken, daß wir annehmen, der Getötete rufe uns zur Rache auf, da wir doch wissen, daß, wenn er bloß verkrüppelt worden wäre, er seinem Gegner verziehen hätte, sobald er zur Besinnung und ruhigen Überlegung gelangt wäre? Oder wird der Tod des Totschlägers den Toten wieder ins Leben zurückrufen, oder das Unglück, welches sein Verlust verursacht, wieder gutmachen?»

         «Ja,» sagte ich, «aber bedenken Sie, muß nicht die Sicherheit der Gesellschaft durch irgendwelche Strafe gewährleistet werden?»

         «Nachbar,» sagte der alte Mann mit einiger Erregung, «das ist der Punkt, auf den es ankommt. Die Strafe, über welchen Begriff die Menschen so weise zu sprechen und so töricht zu handeln pflegten, was war sie anders als der Ausdruck ihrer Furcht? Und sie hatten auch Grund, sich zu fürchten, weil sie, das heißt die Führer der Gesellschaft--wie eine bewaffnete Horde in einem feindlichen Lande wohnten. Aber wir, die wir unter unseren Freunden leben, wir brauchen weder Furcht noch Strafe. Gewiß ist: wenn wir aus Furcht vor einem gelegentlichen äußerst seltenen Totschlag oder einer gelegentlichen derben Mißhandlung feierlich und gesetzlich Mord und Gewalttat verübten, so wären wir nur eine Gesellschaft von elenden Feiglingen. Denken Sie nicht auch so, Nachbar?»

         «Ja, wenn ich es von dieser Seite betrachte, allerdings.»

         «Sie müssen verstehen,» fuhr der alte Mann fort, «wenn irgendeine Gewalttat begangen worden ist, so erwarten wir, daß der Angreifer die ihm mögliche Sühne gibt--und er selber erwartet dies. Und bedenken Sie doch: kann die Vernichtung oder ernstliche Beschädigung eines Menschen, den Wut oder Raserei einen Augenblick überkommen hat, eine Sühne für das Gemeinwesen fein? Sie würde doch sicherlich nur eine weitere Schädigung der Gesellschaft bilden.»

         «Nehmen wir an,» fuhr ich fort, «der Mann habe einen Hang zu Gewalttätigkeiten, er tötete zum Beispiel jährlich einen Menschen?»

         «So etwas ist uns unbekannt,» erwiderte Hammond; «in einer Gesellschaft, wo es keine Strafe gibt, der man zu entrinnen, kein Gesetz, über das man zu triumphieren sucht, folgen Gewissensbisse unfehlbar der Übertretung.»

         «Und wie werden Sie mit den kleineren Gewaltausbrüchen fertig? Denn bis jetzt sprachen wir doch nur von großen Trauerspielen.»

         «Wenn der Übeltäter weder krank noch wahnsinnig ist (und in diesem Falle muh er unter Bewachung gehalten werden, bis seine [p. 72] Krankheit oder fein Mahnsinn geheilt ist), so ist es klar, daß auf die schlechte Tat Neue und Zerknirschung folgen müssen; und die Gesellschaft weiß ihm dies klarzumachen, wenn er abgestumpft sein sollte. Und darauf wird wieder eine Art Sühne folgen--oder wenigstens ein offenes Bekenntnis der Neue und Zerknirschung. Ist es so schwer zu sagen: ich bitte um Verzeihung? Ja, manchmal ist es schwer--indes das schadet nichts.»

         «Sie halten das für genügend?»

         «Ja, und außerdem ist es alles, was wir tun können. Wenn wir mehr tun und den Mann quälen, so verwandeln wir seinen Schmerz in Wut, und die Demütigung, die er sonst ob seines Handelns empfinden würde, wird durch die Hoffnung auf Rache für das Unrecht, das wir ihm zugefügt, verschlungen.»

         «Sie betrachten also das Verbrechen bloß als eine Krankheit, mit der sich das Strafgesetz nicht zu befassen hat?»

         «Ganz richtig! Und da wir, wie ich Ihnen schon sagte, im all-gemeinen gesunde Leute sind, so werden wir durch diese Krankheit nicht sehr beunruhigt.»

         «Nun wohl. Sie haben kein bürgerliches Gesetz und kein Strafgesetz. Haben Sie aber kein Gesetz für den Handelsverkehr, ich meine--keine Bestimmung für den Austausch der Waren; denn austauschen müssen Sie doch, wenn Sie auch kein Privateigentum haben.»

         «Wir haben keinen gegenseitigen persönlichen Austausch, wie Sie heute morgen gesehen haben, als Sie die Warenlager besuchten. Natürlich gibt es aber Handelsbestimmungen, die je nach den Verhältnissen verschieden sind und der allgemeinen Sitte entsprechend gehandhabt werden. Indes da dies Dinge sind, welche die Allgemeinheit festzusetzen hat und gegen die etwas einzuwenden niemand sich im Traume einfallen läßt, so haben wir auch keine Vorkehrungen getroffen, die Befolgung zu erzwingen, und deshalb nenne ich diese Bestimmungen auch nicht Gesetze. Und nun, was wird Ihre nächste Frage sein?»

Über Politik.

         «Wie halten Sie es mit der Politik?» fragte ich.

         Hammond meinte lächelnd: «Es freut mich, daß Sie gerade mich hiernach fragen. Ich glaube, daß ein anderer Sie veranlassen würde, sich selber darüber auszusprechen, oder es wenigstens ver-suchen würde, bis Sie des Fragens von Herzen überdrüssig wären. In der Tat, ich glaube der einzige Mann in England zu sein, der weiß, was Sie meinen. Und da ich es weiß, will ich Ihnen Ihre Frage auch kurz beantworten, indem ich Ihnen sage, daß wir uns [p. 73] in bezug auf Politik sehr wohl befinden--weil wir keine haben. Wenn Sie jemals diese Unterhaltung zu einem Buche benutzen, so machen Sie aus dieser Frage ein eigenes Kapitel, nach dem Vorbild von Horrebows ,Schlangen in Island’.» [Ein Scherz. In Island gibt’s keine Schlangen] «Das soll geschehen.»

Wie die Geschäfte besorgt werden.

         Ich fragte: «Wie ist Ihr Verhältnis zu fremden Nationen?»

         «Ich will mir nicht den Schein geben, nicht zu verstehen, was Sie meinen,» erwiderte er. «Ich will Ihnen aber sofort sagen, daß das ganze System von eifersüchtigen, einander hassenden oder verachtenden Nationen, welches einst eine so große Rolle bei den Regierungen der sogenannten zivilisierten Welt spielte, ebenso voll-ständig verschwunden ist wie die Ungleichheit der Menschen in der Gesellschaft.»

         «Macht das die Welt nicht langweilig?»

         «Warum?»

         «Wegen der Vernichtung der nationalen Unterschiede.»

         «Dummes Zeug!» sagte Hammond wegwerfend. «Gehen Sie über das Wasser, und sehen Sie sich dort um. Sie werden genug Unterschiede finden. Die Gegend, die Art des Bauens, die Lebensweise, die Vergnügungen, alles ist anders. Männer und Frauen sehen anders aus und sind auch in ihren Ansichten anders. Die Trachten sind heute viel verschiedener, als sie unter der Herrschaft des Handels und Wuchers waren. Es ist uns klar geworden, daß gerade infolge dieser Mannigfaltigkeit die verschiedenen Nassen auf der Erde einander dienlich und angenehm sein können, ohne daß auch nur im entferntesten der Wunsch erregt wird, sich gegenseitig zu berauben. Wir streben alle nach demselben Ziele, und das ist: unser Leben möglichst auszunutzen für uns und unsere Mitmenschen. Und ich kann Ihnen sagen, was immer für Streitigkeiten und Mißverständnisse vorkommen mögen, sie kommen sehr selten unter Leuten von verschiedener Rasse vor, und weil infolgedessen weniger Unvernunft in ihnen ist, werden sie auch rascher geschlichtet.»

         «Gut,» sagte ich, «aber wie steht’s mit den politischen Meinungsverschiedenheiten innerhalb eines Gemeinwesens?--Behaupten Sie, daß keine vorkommen?»

         «Nein, nein, ganz und gar nicht,» antwortete er etwas bissig; «dagegen mochte ich sagen, daß Meinungsverschiedenheiten über greifbare Dinge die Menschen nicht zu veruneinigen und nicht in dauernd feindliche politische Parteien zu spalten brauchen, die ver- [p. 74] schiedene Anschauungen über den Bau des Weltalls und den Fortschritt der Zeit haben. Bei uns betreffen die Meinungsverschiedenheiten technische Fragen und gelegentliche Vorkommnisse, die mit denselben zusammenhängen, und diese Verschiedenheiten trennen und entzweien uns nicht dauernd. In der Regel zeigt die Summe der sofortigen Meinungsäußerungen, welche Ansicht über einen gegebenen Gegenstand die richtige ist; das ist eine Frage der Tat-sächlichkeit und kein Hirngespinst. Zum Beispiel ist es sicher nicht leicht, auf Grund der Frage, ob die Heuernte in diesem oder jenem Landstrich diese oder die nächste Woche beginnen soll, eine politische Partei zustande zu bringen, wenn alle darin übereinstimmen, daß die Heuernte spätestens die übernächste Woche anfangen müsse, und jeder selbst auf die Felder gehen und sich überzeugen kann, ob das Gras reif zum Schneiden ist.»

         «Und Sie regeln diese Meinungsverschiedenheiten, große wie kleine, nach dem Willen der Mehrheit, vermute ich.»

         «Gewiß, wie anders sollten und könnten wir sie regeln? In rein persönlichen Fragen, die mit dem Wohle des Ganzen nichts zu tun haben--zum Beispiel wie sich der Mensch kleiden, was er essen und trinken, was er schreiben und lesen soll und so fort--, darüber kann es keine Meinungsverschiedenheiten geben, das macht jeder, wie’s ihm beliebt. Ist aber die Sache von allgemeinem Interesse, so daß jedermann von dem Tun oder Lassen irgendwie berührt wird, dann muh die Mehrheit bestimmen, es sei denn, die Minderheit griffe zu den Waffen und zeigte durch die Gewalt, daß sie die tatsächliche und wirkliche Mehrheit ist, was jedoch in einer Gesellschaft von freien Menschen, in der einer dem anderen gleich sieht, kaum vorkommen kann, weil in einem solchen Gemeinwesen die scheinbare Mehrheit auch die wirkliche Mehrheit ist. Und die anderen, wie ich vorhin angedeutet habe, wissen das zu gut, um sich aus bloßer Dickköpfigkeit dagegen aufzulehnen, zumal sie hinreichend Gelegenheit haben, ihre Ansicht auszusprechen und die Sache von ihrem Standpunkt aus zu beleuchten.»

         «Wie verfährt man dabei?» fragte ich.

         «Nun,» sagte er, «nehmen wir eine unserer Verwaltungseinheiten, eine Gemeinde, einen Bezirk oder ein Kirchspiel--wir haben all diese Benennungen beibehalten, sie bezeichnen jetzt aber nur noch kleine tatsächliche Unterschiede, obgleich es eine Zeit gab, wo der Unterschied sehr wesentlich war. Also gesetzt den Fall, in einem solchen Bezirk sind einige Nachbarn der Ansicht, daß irgend etwas getan oder beseitigt werden soll, zum Beispiel eine neue Stadthalle errichtet, geschmacklose, unbequeme Häuser abgerissen--oder sagen wir: an Stelle einer alten, häßlichen, eisernen Brücke eine Steinbrücke gebaut--da haben Sie Schaffen und Umstürzen

         [p. 75] Gut--bei der nächsten regelmäßigen Zusammenkunft oder Mote [Gleichen Ursprungs wie das Wort Meeting--das angelsächsische Wort für Gemeinde- und (gesetzgeberische) Volksversammlung.], wie wir es sagen, entsprechend der alten Sprache Zu den Zeiten der Schreiberwirtschaft--Bureaukratie genannt--, schlägt irgendein Nachbar diese Veränderungen vor, und wenn alle zustimmen, dann gibt es selbstverständlich bloß noch eine Besprechung über die Einzelheiten.

         Ebenso ist’s, wenn niemand den Vorschlag unterstützt, so wird die Sache für den Augenblick fallen gelassen. Das kommt aber unter vernünftigen Menschen nicht so leicht vor, weil man gewiß ist, daß der Antragsteller schon vor der Versammlung mit anderen über die Sache gesprochen hat.

         Nehmen wir aber an, daß einige Nachbarn mit dem unterstützten Vorschlag nicht einverstanden sind, daß sie glauben, die häßliche eiserne Brücke könne noch eine Zeitlang Dienste leisten, und daß sie nicht mit dem Bau einer neuen belästigt sein wollen, dann wird für dieses Mal nicht abgestimmt und die Beratung bis zur nächsten Sitzung vertagt. Inzwischen werden die Gründe für und wider überall erwogen, die wichtigeren Gutachten werden gedruckt--jeder kann sich das besorgen--, so daß jedermann weiß, um was es sich handelt; und wenn man dann wieder zusammenkommt, findet eine regelrechte Besprechung statt und zuletzt eine Abstimmung durch Erheben der Hände [Show of hands--die Händeschau, eine altsächsische Einrichtung]. Ergibt die Abstimmung keine entschiedene Mehrheit, dann wird die Beratung nochmals auf eine spätere Zeit vertagt. Ist die Meinungsverschiedenheit eine tiefgehende, dann wird die Minderheit gefragt, ob sie sich der allgemeinen Ansicht fügen wolle, was sie oft--nein, was sie meistens tut. Verweigert sie es, dann wird die Sache zum dritten Male beraten. Nun gibt die Minderheit nach, wenn sie nicht ersichtlich gewachsen ist. Ich glaube zwar, daß es eine halb vergessene Regel gibt, nach der sie es noch weiter treiben könnte, aber ich erinnere mich nicht, daß von diesem Rechte je einmal Gebrauch gemacht worden ist.»

         «Gestatten Sie mir,» sagte ich zu dem allen gesprächigen Herrn, «einige Fragen über die Arbeit selbst an Sie zu richten?»

         «Fragen Sie nur, Gast, ich werde Ihnen gern antworten.»

         «Es ist wohl», erwiderte ich, «niemand verpflichtet, an einer Arbeit teilzunehmen, mit der er nicht einverstanden ist?»

         Er lächelte und sagte: «Recht scharfsinnig die Frage, jedoch nur von dem Gesichtspunkt des Bewohners eines anderen Planeten. Gewiß, ein Mitglied der Minderheit, das sich in seinen Gefühlen verletzt glaubt, kann seinem Ärger etwas Luft machen, indem es [p. 76] --bleiben wir bei unserem Beispiel von der Brücke--seine Mitwirkung verweigert.

         Aber, lieber Nachbar, das ist in unserer Gesellschaft keine sehr wirksame Salbe für die Wunde, welche die Tyrannei der Mehrheit geschlagen hat, weil alle Arbeit, die verrichtet wird, jedem einzelnen Glied der Gesellschaft entweder Vorteil oder Nachteil bringt. Der Mann hat Nutzen vom Brückenbau, wenn sich dieser als zweckmäßig herausstellt, und er wird umgekehrt benachteiligt, wenn das Gegenteil der Fall ist--gleichviel, ob er Hand dabei anlegt oder nicht; und in der Zwischenzeit unterstützt er die Brückenbauer durch seine Arbeit, mag sie sein, welche sie wolle.

         Tatsächlich sehe ich für ihn keine andere Genugtuung, als das Vergnügen, hinterher sagen zu können: ,ich hab’s euch ja vorausgesagt’, wenn der Brückenbau sich als ein Mißgriff erweist und ihn schädigt; nützt er ihm aber, so muh er es eben schweigend über sich ergehen lassen. Eine entsetzliche Tyrannei, dieser Kommunismus, nicht wahr? Das Volk wurde in früheren Zeiten sehr oft vor diesem Unglück gewarnt--damals, als man noch für jeden wohlgenährten und zufriedenen Menschen tausend elende Hungerleider zählen konnte. Was hingegen uns anbelangt, so gedeihen wir und befinden uns sehr wohl bei dieser Tyrannei.»

         Er faß einige Augenblicke nachdenklich da, dann blickte er auf und sagte: «Haben Sie noch weitere Fragen, mein Gast? Der Morgen entschwindet rasch bei meiner Schwatzhaftigkeit.»

Über den fehlenden Reiz zur Arbeit in der kommunistischen Gesellschaft

         «Ja,» antwortete ich, «ich erwartete jeden Augenblick, daß Dick und Klara wieder kommen würden. Ist für eine oder zwei Fragen noch Zeit, bevor sie zurück sind?»

         «Versuchen Sie es, lieber Nachbar, versuchen Sie es,» ermunterte der alte Hammond. «Je mehr Sie mich fragen, desto lieber ist mir’s, und wenn die beiden auch kommen sollten, während ich gerade mitten in meiner Antwort bin, dann müssen sie sich eben gedulden, bis ich geendet habe. Das würde ihnen nichts schaden, sie fänden es sehr angenehm, nebeneinanderzusitzen in dem Bewußtsein, daß sie zueinander gehören.»

         Ich lächelte, wie das meine Pflicht war, und sagte: «Gut, ich will denn weiterfragen und sie nicht beachten, wenn sie hereinkommen. Also: Wie bringen Sie die Leute zur Arbeit, da es doch keine Belohnung für die Arbeit gibt, und namentlich, wie machen Sie es, daß die Leute fleißig arbeiten?»

         [p. 77] «Keine Belohnung für die Arbeit?» sagte Hammond ernst. «Die Belohnung der Arbeit ist das Leben. Ist das nicht genug?»

         «Aber keine Belohnung für besonders gute Arbeit,» bemerkte ich dagegen.

         «Genügende Belohnung,» sagte er, «die Belohnung des Schaffens! Der Lohn, den Gott empfängt, wie die Menschen sich früher ausgedrückt haben mögen. Wenn Sie für die Freude des Schaffens, womit nur ausgezeichnete Arbeit gemeint ist, Belohnung verlangen, dann könnten wir es erleben, daß in nächster Zeit ein Gesetzentwurf zur Förderung der Kindererzeugung eingebracht wird.»

         «Nun wohl,» sagte ich, «ein Mensch des neunzehnten Jahrhunderts würde sagen, die Zeugung von Kindern ist ein natürliches Verlangen, ebenso wie es ein natürliches Verlangen ist, nicht zu arbeiten.»

         «Ja, ja,» erwiderte er, «ich kenne diese alte Plattheit--sie ist gänzlich unwahr und für uns in der Tat ganz sinnlos. Fourier, über den alle Menschen lachten, verstand die Sache besser.»

         «Warum für Sie ganz sinnlos?» fragte ich.

         Er antwortete: «Weil damit gesagt ist, daß alle Arbeit Plage sei. Wir sind von diesem Gedanken so weit entfernt, daß bei uns, die wir, wie Sie bemerkt haben werden, recht wohlhabend sind, schon die Besorgnis aufgestiegen ist, eines Tages könnten wir zu wenig Arbeit haben. Die Arbeit ist ein Vergnügen, welches wir zu verlieren fürchten, und nicht eine Plage.»

         «Ja,» sagte ich, «ich habe so etwas bemerkt und wollte Sie auch darüber befragen; vorher wünsche ich aber Näheres über die Gründe zu hören, warum bei Ihnen die Arbeit ein Vergnügen ist?»

         «Weil alle Arbeit jetzt anziehend ist. Dies kommt entweder von der Hoffnung auf Gewinn an Ehre und Wohlbefinden, mit welcher die Arbeit verrichtet wird und welche angenehme Empfindungen erweckt, selbst wenn die augenblickliche Arbeit nicht angenehm sein sollte; oder es hat seinen Grund darin, daß die Arbeit zu einer angenehmen Gewohnheit wurde, wie zum Beispiel in dem Falle der sogenannten mechanischen Arbeit; und schließlich liegt das Vergnügen (und der größte Teil unserer Arbeit gehört hierher) in der Arbeit selbst, weil unsere Arbeit Kunst, bewußte, echte Kunst ist und von Künstlern verrichtet wird.»

         «Ich verstehe,» sagte ich. «Können Sie mir nun erklären, wie Sie zu diesem glücklichen Zustand gelangt sind? Denn offen gesagt, diese Änderung in den Verhältnissen der alten Welt scheint mir größer und bedeutender als jede andere Veränderung, von der Sie mir in bezug auf Politik, Verbrechen, Eigentum und Ehe erzählt haben.»

         [p. 78] «Darin haben Sie recht,» erwiderte er. «In der Tat, Sie können sogar sagen, daß diese Veränderung alle anderen erst ermöglicht hat.»

         «Wollen Sie mir nicht mehr darüber sagen?» fragte ich. «Gerade dieser Gegenstand interessiert mich aufs lebhafteste.»

         «Das will ich gerne tun,» sagte er. «Damit ich es aber kann, muh ich Ihre Geduld einigermaßen in Anspruch nehmen und etwas von der Vergangenheit sprechen. Der Gegensatz, die Gegenüberstellung ist zu dieser Erläuterung nötig. Fürchten Sie nicht, daß ich Sie langweilen werde?»

         «Nein, nein,» rief ich abwehrend aus.

         Danach setzte er sich wieder behaglich in seinen Stuhl zurecht und Hub an: «Nach allem, was wir hören und lesen, ist es klar, daß die Menschen in der letzten Periode der Zivilisation in bezug auf die Erzeugung der Waren in einen cercle vicieux, in einen Kreis, aus dem sie nicht herauskommen konnten, geraten waren. Sie hatten es zu einer wunderbaren Fertigkeit in der Warenerzeugung gebracht, und um diese Fertigkeit möglichst auszunutzen, hatten sie ein sehr fein ausgearbeitetes System des Kaufs und Verkaufs geschaffen--oder vielmehr sich entwickeln lassen--, welches man den Weltmarkt nannte, und dieser Weltmarkt, einmal im Gange, zwang sie, immer mehr von diesen Waren zu erzeugen, einerlei, ob sie gebraucht wurden oder nicht. Und während sie sich der Arbeit für die wirklich notwendigen Dinge natürlich nicht entziehen konnten, kam es dahin, daß die Menschen eine endlose Menge nicht notwendiger Dinge schufen, die unter der eisernen Herrschaft des sogenannten Weltmarktes für sie gleiche Wichtigkeit erlangten wie die wirklich notwendigen Dinge, welche das Leben erhalten. Durch dies alles überbürdeten sich die Leute mit einer ungeheuren Masse von Arbeit, nur um ihr elendes System im Gange zu erhalten.»

         «Ja, und dann?» fragte ich.

         «Nun--da sie sich den Zwang auferlegt hatten, unter der furchtbaren Last unnötiger Warenerzeugung zu keuchen, so wurde es ihnen unmöglich, die Arbeit und deren Früchte von einem anderen Gesichtspunkt zu betrachten als von dem des unaufhörlichen Bestrebens, möglichst wenig Arbeit auf die Anfertigung jedes Gegenstandes zu verwenden und doch zugleich so viele Gegenstände wie möglich herzustellen. Diesem Herabdrücken der Produktionskosten, wie man es nannte, wurde alles geopfert, die Freude des Arbeiters an seiner Arbeit--und mehr als das, seine bescheidensten Bedarfnisse, seine Gesundheit, seine Nahrung und Kleidung, seine Wohnung, seine Muße, sein Vergnügen, seine Erziehung, kurz sein Leben, alles hatte nicht den Wert eines Sandkornes gegenüber [p. 79] der Notwendigkeit »billiger« Erzeugung von Dingen, die Zum großen Teil überhaupt nicht wert waren, erzeugt zu werden. Ja, man erzählt uns--und wir müssen es glauben, so überwältigend sind die Beweise, obgleich viele von uns es kaum glauben können--, selbst reiche und mächtige Leute, die Herren der vorerwähnten armen Teufel, verstanden sich dazu, selber inmitten von Szenen des Elends, in Schmutz, Gestank und allen möglichen Greueln zu leben (welche der Mensch doch seiner Natur nach verabscheut und flieht), bloß damit ihr Reichtum dieses System unbegreiflicher Verrücktheit aufrechterhalte. Das ganze Gemeinwesen wurde dem gefräßigen Ungeheuer ,billige Warenerzeugung’, die ihm durch den Weltmarkt aufgezwungen war, in den Aachen geworfen.»

         «Wie stand es aber mit der Qualität der Maren, die für den Weltmarkt erzeugt wurden? Man sollte doch denken, daß Völker, die sich so gut darauf verstanden, Güter anzufertigen, sie doch gewiß auch gut anfertigten.»

         «Qualität!» sagte der alte Mann, «wie konnten die Leute sich um solche Kleinigkeiten, um die Qualität der Waren, die sie verkauften, bekümmern? Die besten ihrer Waren waren niedrige Durchschnittswaren, die schlechtesten erbärmliche Notbehelfe für Dinge, die gebraucht wurden--Schund, mit dem niemand zufrieden gewesen wäre, wenn man Besseres hätte haben können. Es war damals ein gewöhnlicher Scherz, zu sagen: die Waren sind zum Verkauf und nicht zum Gebrauch gemacht--ein Scherz, den Sie, weil Sie von einem anderen Planeten kommen, verstehen mögen, den aber unsere Leute nicht verstehen.»

         «Wie,» sagte ich, «machte das Volk der ,Zivilisation’ seine Gebrauchswaren nicht gut?»

         «O ja,» erwiderte er, «es gab eine Art von Dingen, die man damals in allen Teilen gut machte, und das waren die Maschinen, die man zur Anfertigung der Dinge brauchte. Sie waren vollendete Meisterstücke und ihrem Zwecke bewundernswert entsprechend, so daß man mit Recht sagen kann, die größte Tat des neunzehnten Jahrhunderts war die Anfertigung von Maschinen, die wahre Wunder der Erfindungskraft, Geschicklichkeit und Geduld waren, aber nur zur Herstellung ungeheurer Massen wertloser Gegenstände gebraucht wurden. In Wahrheit betrachteten die Eigentümer der Maschinen nichts von dem, was diese machten, als Gebrauchsgegenstand, sondern nur als Mittel, sich selbst zu bereichern. Natürlich war die einzige Sorge der Fabrikanten, Käufer für die Waren zu finden, Kluge oder Dumme--wie es sich fügte.»

         «Und die Leute ließen sich das gefallen?»

         «Eine Zeitlang.»

         «Und dann?»

         [p. 80] «Und dann kam der Umsturz,» sagte lächelnd der alte Mann, «und dem neunzehnten Jahrhundert erging es wie einem Manne, dem, während er sich badete, seine Kleider gestohlen wurden und der nun nackt durch die Straßen gehen muh.»

         «Sie sind sehr schlecht auf das neunzehnte Jahrhundert zu sprechen,» sagte ich.

         «Natürlich,» antwortete er, «da ich so viel davon weiß.»

         Er schwieg eine Weile und sagte dann: «In unserer Familie haben wir in jenem Zeitalter böse Dinge erlebt, mein Großvater war eines der Opfer. Wenn Sie das neunzehnte Jahrhundert einigermaßen kennen, dann werden Sie verstehen, was er zu leiden hatte, wenn ich Ihnen sage, daß er ein wirklicher Künstler, ein Mann von Genie und ein Revolutionär war.»

         «Ich glaube Sie Zu verstehen,» sagte ich, «nun aber scheint es mir, daß alles total anders geworden ist.»

         «Fast ganz,» erwiderte er. «Die Gegenstände, die wir verfertigen, werden gemacht, weil wir sie brauchen: man macht sie ebensogut für seinen Nächsten wie für sich selbst--und nicht für einen unbestimmten Markt, von dem man nichts weiß und über den man keine Kontrolle hat. Und da es kein Kaufen und Verkaufen gibt, würde es reiner Unsinn sein, Güter ins Blaue hinein zu verfertigen auf die bloße Möglichkeit hin, daß sie vielleicht gebraucht werden; denn jetzt gibt es niemand mehr, der gezwungen werden kann, das Zeug zu kaufen. Und so kommt es, daß alles, was verfertigt wird, gut und seinem Zwecke entsprechend ist. Nichts kann gemacht werden, außer für den wirklichen Gebrauch, und deshalb werden keine minderwertigen Güter mehr hergestellt. Alle Arbeit, die schwer mit der Hand zu verrichten wäre, wird mit außerordentlich verbesserten Maschinen gemacht, und alle Arbeit, die mit der Hand herzustellen ein Vergnügen ist, wird ohne Maschine angefertigt. Und es ist für niemanden schwierig, die Arbeit zu finden, die ihm besonders gefällt und seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, so daß keiner den Bedürfnissen der anderen geopfert wird. Manchmal haben wir gefunden, daß die Herstellung irgendeines Gegenstandes zu mühsam oder zu unangenehm war und haben dann auf die Anfertigung verzichtet. Und nun, denke ich, werden Sie gewiß einsehen, daß unter diesen Verhältnissen alle Arbeit eine mehr oder weniger angenehme Beschäftigung für Geist und Körper ist und daß jedermann, statt der Arbeit aus dem Wege zu gehen, sie sucht. Da die Menschen von Generation zu Generation immer mehr Geschick und Fertigkeit erlangten, so wurde die Arbeit allmählich so leicht, daß es den Anschein hat, als würde weniger gemacht, obgleich tatsächlich viel mehr hergestellt wird. Und ich vermute, daß sich hieraus die Befürchtung erklärt, die ich jetzt gerade [p. 81] andeutete, die Arbeit könnte vielleicht knapp werden, was Sie wohl auch schon bemerkt haben--und diese Besorgnis, die schon vor Jahrzehnten sich zu regen anfing, wird stärker und stärker.»

         «Glauben Sie,» sagte ich, «daß eine Arbeitsnot wirklich bei Ihnen zu befürchten ist?»

         «Nein, ich glaube es nicht,» erwiderte Hammond, «und ich will Ihnen sagen, warum. Es ist die Aufgabe eines jeden, seine Arbeit immer angenehmer zu machen, und das hat zur natürlichen Folge, daß die Ausführung eine sorgfältigere wird, weil niemand gerne eine Arbeit liefern will, die ihm nicht zur Ehre gereicht, und weil deshalb der Arbeitende mit seinem ganzen Geist bei der Arbeit ist. Außerdem gibt es eine so ungeheure Menge von Dingen, die als Kunstarbeit behandelt werden können, daß hierdurch allein schon eine ganze Anzahl geschickter Arbeiter Verwendung findet. Und wenn die Kunst unerschöpflich ist, so ist es auch die Wissenschaft, und obgleich diese nicht mehr für die einzige Beschäftigung gilt, die geistig begabter Menschen würdig ist, wie es einstmals war, so gibt es doch und wird es auch immer viele Menschen geben, für die gerade die Schwierigkeiten der wissenschaftlichen Eroberungen ein Anreiz sind und die deshalb mehr Wert auf die Wissenschaft legen als auf irgend sonst etwas. Und da ferner die Arbeit mehr und mehr Vergnügen bereitet, so glaube ich, daß wir gewisse Arbeitszweige wieder aufnehmen werden, die begehrenswerte Ware liefern und die wir in früherer Zeit nur deshalb eingestellt haben, weil wir nicht verstanden, die Arbeit angenehm zu machen. Übrigens sind es nur die vorgeschrittenen Teile von Europa, in denen man dieses Gerede von Furcht vor Arbeitsnot hört. Diejenigen Länder zum Beispiel, welche einst Kolonien von Großbritannien waren, besonders Amerika--und vor allen derjenige Landstrich, welcher einst die Vereinigten Staaten hieß, sind jetzt eine große Hilfsquelle für uns und werden es noch lange Zeit bleiben. Denn diese Länder, und besonders der nördliche Landstrich von Amerika, litten unter der vollen Wucht der Zivilisation in ihrer letzten Periode so entsetzlich, das Leben dort wurde so roh und unerträglich, daß sie jetzt in allem, was das Leben angenehm macht, noch weit zurück sind. In der Tat, man kann sagen, daß die nördlichen Landstriche von Amerika wohl hundert Jahre gebraucht haben, um aus einem stinkenden Schmutzhaufen einen bewohnbaren Aufenthaltsort für Menschen zu machen. Und es ist dort jetzt noch sehr viel zu tun, zumal das Land so groß ist.»

         «Ich freue mich außerordentlich,» sagte ich, «daß Sie so schöne Aussichten auf Glück vor sich haben. Doch ich möchte noch gerne einige Fragen an Sie richten, dann bin ich für heute fertig.» [p. 82]

Mittagsmahl in der Markthalle von Bloomsbury.

         Während ich sprach, hörte ich Fußtritte vor der Türe, die Klinke wurde niedergedrückt, und unsere zwei Liebenden traten ein. Sie sahen so glücklich und so schön.aus, daß man sich nicht schämte, ihre wenig verhehlten Liebesbezeugungen mit anzusehen: denn es war wirklich so, als müßte die ganze Welt in sie verliebt fein. Der alte Hammond betrachtete sie wie ein Künstler, der sein Bild betrachtet--und zwar ein Bild, das ihm ungefähr so geraten ist, wie er zu Beginn gehofft hatte. Er war ganz glücklich und sagte: «Setzt euch, setzt euch, ihr jungen Leutchen, und haltet Ruhe. Unser neugieriger Gast hat noch einige Fragen an mich zu richten.»

         «Das vermutete ich,» sagte Dick. «Sie waren nur drei und eine halbe Stunde zusammen, und man kann nicht erwarten, daß man die Geschichte zweier Jahrhunderte in so kurzer Zeit erzählen kann. Und vermutlich sind Sie auch etwas in die Gebiete der Geographie und Kunst abgeschweift.»

         «Was die Ruhe anbelangt, mein lieber Großvater,» sagte Klara, «so werden Sie zwar nicht durch uns, aber sehr bald durch den Lärm der Tischglocke gestört werden, der für unseren Gast, denke ich, eine recht angenehme Musik sein wird.»

         «Ja,» erwiderte ich, «nun Sie davon gesprochen haben, fange ich an zu fühlen, daß dem so ist! Ich habe mich aber seil Tagesanbruch mit Wundern und Verwundern gesättigt.»

         Gerade jetzt ertönte von einem hohen Turme herab der Silberklang von Glocken, und die Töne einten sich zu einer lieblichen Melodie, die meinem ungewohnten Ohre wie der Gesang der ersten Amsel im Frühjahr klang.

         «Vor Tische keine Fragen mehr,» sagte Klara, und mich bei der Hand nehmend, wie ein liebevolles Kind es zu tun pflegt, führte sie mich, ohne sich um die beiden Hammonds weiter zu kümmern, aus dem Zimmer, die Treppe hinunter in den Vorhof des Museums.

         Wir gingen auf den Marktplatz, wo ich vorher schon gewesen war--ein nicht allzu dichter Strom von hübsch gekleideten Leuten bewegte sich demselben Ziele zu. Wir bogen in den Kreuzgang und gelangten zu einem prächtigen, reich mit Schnitzwerk und kunstvoller Eisenarbeit verzierten Eingangstor, an dem ein sehr hübsches schwarzlockiges Mädchen jedem Eintretenden ein reizendes Blumensträußchen überreichte. Wir traten in einen Saal, der viel größer, architektonisch besser durchgearbeitet und vielleicht auch schöner war als der Saal des Gästehauses zu Hammersmith. Es fiel mir schwer, meine Augen von den Wandgemälden zu entfernen, denn ich hielt es für ungehörig, immerfort nach Klara zu sehen, obgleich sie es wahrhaftig verdiente.

         [p. 83] Beim ersten Blicke sah ich, daß es Darstellungen aus den seltsamen Sagen und Dichtungen der allen Welt waren, von denen meiner Ansicht nach vielleicht nur ein halb Dutzend Leute etwas wissen konnten, und als die beiden Hammonds sich mir gegenübersetzten, sagte ich zu dem alten Manne, nach dem Fries deutend: «Wie sonderbar, daß man hier solche Gegenstände behandelt.»

         «In der Tal,» meinte er, «ich sehe nicht ein, warum Sie darüber erstaunen; jedermann kennt diese Sagen, sie sind unterhallend und anmutig und nicht zu tragisch für einen Ort, wo man ißt, trinkt und sich unterhält, und sie geben doch auch zu denken.»

         Ich mußte lächeln. «Nun, ich erwartete wirklich nicht, Darstellungen von den -Sieben Schwänen’, vom ,König des goldenen Berges’ und vom ,Getreuen Heinrich’ und ähnlichen wunderbar anziehenden Phantasiebildern zu finden, wie sie Jakob Grimm aus der Kindheit der Welt gesammelt hat, von der unsere Zeit nur noch eine schwache Erinnerung besitzt. Ich dachte, Sie hätten für solche kindlichen Erzählungen jetzt kein Interesse mehr.»

         Der Alte lächelte, erwiderte jedoch nichts. Dick dagegen wurde feuerrot und entgegnete lebhaft:

         «Was meinen Sie, Gast? Ich halte das alles für sehr, sehr schön, nicht allein die Bilder hier, sondern auch die Erzählungen. Als wir noch Kinder waren, verwirklichten sich uns diese Märchen beim Spazierengehen an jedem Waldessaum, bei jeder Stromesbucht. Jedes Haus auf dem Felde war für uns das Haus des Königs aus dem Feenlande. Erinnerst du dich, Klara?»

         «Ja,» antwortete sie, und es schien mir, als zöge eine leichte Wolke über ihr schönes Gesicht.

         Ich wollte Klara gerade um den Grund fragen, als die hübschen Aufwärterinnen lächelnd und plaudernd hereintraten und uns das Mittagsmahl vorsetzten.

         Wie beim Frühstück war alles mit solcher Feinheit und Kunst gekocht und aufgetragen, daß man sofort merkte: die, welche das Mahl bereitet, halten ihre Arbeit mit Lust und Liebe getan: doch war weder für eine unmäßige Vielesserei noch für eine übertriebene Feinschmeckerei der Tisch gedeckt. Alles war einfach, obgleich in seiner Art ausgezeichnet: und gelegentlich erfuhren wir, daß dies kein Festmahl, fondern nur ein gewöhnliches Alltagsmahl sei. Das Glas- und Porzellanwerk, das ganze Geschirr- und Tafelzeug--alles bot meinen im Studium des Mittelalters geübten Augen einen wohltuenden Anblick: ein vornehmer Wirtshausbesucher und Klubjünger des neunzehnten Jahrhunderts würde die Muster vielleicht für roh und mangelhaft in der Ausführung erklärt haben. Das Geschirr war glasierte Topfware, prächtig verziert, das wenige Porzellan durchweg echt chinesisch. Das Glas, obgleich fein, ele- [p. 84] gant und von sehr mannigfaltiger Form, war im Durchschnitt weniger glatt und massiver als die Handelsglaswaren des neunzehnten Jahrhunderts. Die Möbel sowie die sonstige Einrichtung des Saales waren in ähnlichem Stile gehalten wie das Tischgeschirr, von schöner Form und reich verziert, aber ohne den äußerlichen Glanz der Kunsttischlerei unserer Zeit. Es fehlte vollständig das, was man im neunzehnten Jahrhundert «Komfort» oder Bequemlichkeit nannte, das heißt es fehlte die Unbequemlichkeit des Zuviel, so daß selbst abgesehen von den entzückenden Eindrücken des Tages ich noch nie in meinem Leben ein so angenehmes Mittagsmahl gehabt habe.

         Als wir gegessen hatten und, eine Flasche edlen Bordeauxweins vor uns, behaglich dasaßen, kam Klara noch einmal auf das Thema der Bilder zu sprechen, als wenn es sie beunruhigt hätte.

         Nach ihnen hinsehend, sagte sie: «Wie kommt es, daß die Künstler, obgleich sie fast alle ein solches Interesse an unserem Leben nehmen--wie kommt es, daß die Menschen, welche Gedichte machen oder Bilder malen, doch nur selten unser heutiges Leben behandeln oder, wenn sie es tun, sich eifrigst bemühen, Gedicht und Bild dem Leben ganz unähnlich zu machen? Sind wir nicht gut genug, um uns selbst zu malen? Wie kommt es, daß wir die schrecklichen Zeiten der Vergangenheit in Bildern und in der Dichtkunst so interessant finden?»

         Der alte Hammond lächelte: «So war es immer, und ich vermute, es wird immer so bleiben: es läßt sich auch erklären. Wahr ist, daß im neunzehnten Jahrhundert, als es so wenig Kunst und so viel Gerede von Kunst gab, eine Theorie bestand, nach welcher die Kunst und Poesie sich mit dem Leben der Zeit befassen sollten, allein es kam niemals dazu. Machte einer Miene, die Theorie zu verwirklichen, so war er stets bemüht (wie Klara eben andeutete), das Leben zu entstellen, zu idealisieren oder zu verschlechtern, kurz es so darzustellen, daß es nicht mehr zu erkennen war, daß man nicht wußte, ob es die Zeit der Pharaonen oder irgendeine andere Zeit war, welche behandelt wurde.»

         Darauf sagte Dick: «Es ist gewiß nur natürlich, daß diese seltsamen, wunderbaren Dinge Anziehungskraft auf uns ausüben. Ich sagte eben, wie wir uns als Kinder dies und jenes vorstellten, uns an diesen und jenen Ort versetzten und welchen Reiz dies für uns hatte. In gleicher Weise wirken diese Gedichte und Bilder, und warum sollte es nicht so sein?»

         «Du hast es getroffen,» erwiderte der alte Hammond, «es ist die künstliche Seite unserer Natur, die diese Phantasiegebilde hervorbringt. Solange wir Kinder sind, vergeht die Zeit so langsam für uns, daß wir glauben, Zeit für alles zu haben.»

         [p. 85] Er seufzte und fuhr dann lächelnd fort: «Laßt uns wenigstens darüber fröhlich sein, daß wir unsere Kindheit wieder gefunden haben. Ich trinke auf die Tage, die sind!»

         «Die zweite Kindheit,» sagte ich mit leiser Stimme, errötete aber sofort über meine zweifache Grobheit und hoffte, daß er meine Bemerkung nicht gehört habe. Allein er hatte sie gehört und wendete sich lächelnd zu mir: «Ja, und warum nicht? Und was mich anbelangt, so hoffe ich, daß die zweite Kindheit recht lange dauern und daß der nächste Abschnitt der Weltperiode weisen und glücklichen Mannesalters, wenn es überhaupt noch dazu kommt, uns rasch zu einer dritten Kindheit führen möge--angenommen, daß unser Zeitalter nicht schon das der dritten Kindheit ist. Inzwischen, mein Freund, müssen Sie wissen, daß wir uns im einzelnen und in der Gesamtheit zu glücklich fühlen, um uns über das zu beunruhigen, was nachher kommt.»

         «Ich für meinen Teil», sagte Klara, «wünschte, wir wären so interessant, daß man über uns schriebe und uns malle.»

         Dick antwortete ihr mit den zärtlichen Worten eines Liebenden, die sich nicht niederschreiben lassen, und einige Augenblicke schwiegen wir alle.

Wie der Umschwung kam.

         Dick brach endlich das Schweigen: «Verzeihen Sie uns, Gast, wenn wir nach Tisch etwas abgespannt und langweilig sind. Was möchten Sie jetzt tun? Wollen wir den Grauschimmel herausholen und zurück nach Hammersmith traben? Oder wollen Sie mit uns gehen und einige Waleser [Leute aus Wales--Sprich: Wähls, Welshmen--Welschmänner] in einer Halle hier in der Nähe singen hören? Oder möchten Sie jetzt gleich mit mir nach der Stadt kommen, um dort ein paar wirklich schöne Gebäude anzusehen? Oder was möchten Sie sonst?»

         «Nun wohl,» sagte ich, «ich bin fremd und muß Sie für mich wählen lassen.» Ich verlangte in der Tat gerade jetzt nicht nach Belustigung; mir war, als ob der alte Mann mit seiner Kenntnis der vergangenen Zeiten und sogar einer gewissen umgeschlagenen, aus feinem Haß hervorgewachsenen Sympathie für sie ein Schutz für mich gegen die Kälte dieser ganz neuen Welt sei, in der ich jedes gewohnten Gedankens und meiner ganzen Art zu handeln sozusagen entkleidet war. Ich wollte ihn deshalb nicht zu bald verlassen. Er kam mir zu Hilfe:

         «Warte ein bißchen, Dick. Außer dir und dem Gaste mutz noch jemand um Rat gefragt werden, und das bin ich. Ich will jetzt nicht [p. 86] das Vergnügen seiner Gesellschaft entbehren, besonders da ich weih, daß er mich noch allerhand fragen will. Geht deshalb nur zu euren Welschmännern, vorher aber bringt uns in diese Ecke noch eine Flasche Wein; später kommt wieder und holt unseren Freund,, um mit ihm westwärts zu gehen--jedoch nicht allzubald.»

         Dick nickte lächelnd, und bald war ich mit dem alten Manne allein in dem großen Saale. Die Nachmittagssonne schien funkelnd auf den Notwein in unseren schlanken, schön geformten Gläsern. Hammond Hub an: «Ist Ihnen irgend etwas besonders unverständlich in der Art und Weise, wie wir leben--jetzt, nachdem Sie viel davon gehört und auch einiges gesehen haben?»

         Ich erwiderte: «Am unverständlichsten ist mir, wie dies alles so gekommen ist?»

         «Das glaube ich wohl,» sagte er, «weil die Umgestaltung so groß ist. Es würde in der Tat schwierig, vielleicht unmöglich sein, Ihnen den ganzen Verlauf der Dinge zu erzählen. Wissen, Unzufriedenheit, Verrat, Enttäuschung, Ruin, Elend, Verzweiflung--die Geister, die für die Umgestaltung arbeiteten, weil sie weitsichtiger waren als der große Haufe--, das alles wirkte und arbeitete zusammen. Die Menschen mußten durch all diesen Jammer hindurch, und zweifellos sahen während dieser ganzen Zeit die meisten der Entwicklung zu, ohne sie zu verstehen; sie sahen sie an als etwas Unvermeidliches und Selbstverständliches, so selbstverständlich wie das Auf- und Untergehen der Sonne, und es war ja auch so.»

         «Sagen Sie mir, wenn Sie können, nur eins: vollzog sich die Umgestaltung, die ,Revolution’, wie sie genannt wird, in friedlicher Weise?»

         «Friedlich? Welcher Friede war unter den wirrköpfigen, unaufgeklärten armen Teufeln des neunzehnten Jahrhunderts möglich? Es war Krieg von Anfang bis zu Ende, bitterer, grimmiger Krieg, bis Hoffnung und Lust ihm ein Ziel setzten.»

         «Verstehen Sie unter Krieg tatsächlichen Kampf mit den Waffen oder die Streiks, die Aussperrungen und die Aushungerung, wovon wir gehört haben?»

         «Beides, beides,» antwortete er, «die Geschichte der furchtbaren Zeit des Überganges von der Kapitalsklaverei zur Freiheit mag als Tatfache so zusammengefaßt werden: Als die Hoffnung auf Verwirklichung eines Lebens der Gemeinschaft für alle Menschen gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts aufstieg, war die Macht der Mittelklassen, die damals die Tyrannen der Gesellschaft waren, so ungeheuer und erdrückend, daß diese Hoffnung beinahe allen Menschen, selbst denen, die sie, man kann sagen wider Willen gegen ihr eigenes Urteil und gegen ihre eigene Vernunft hegten, nur ein schöner Traum zu sein schien.» [p. 87] Der Alte hielt nachdenklich inne.

         Nach wenigen Augenblicken fuhr Hammond in bewegter Weise fort: «Dies war in solchem Maße der Fall, daß einige jener aufgeklärten Menschen, die man Sozialisten nannte, obgleich sie wußten und es öffentlich aussprachen, daß die einzig vernünftige Grundlage der Gesellschaft der reine Kommunismus sei (so wie Sie ihn jetzt ringsum sehen), doch vor der ihnen nutzlos erscheinenden Aufforderung zur Verwirklichung eines glücklichen Traumes zurückschreckten. Wenn wir jetzt zurückblicken, können wir sehen, daß die große treibende Kraft zur Umgestaltung das Verlangen nach Freiheit und Gleichheit war.

         Nun, diese Männer, obgleich jenes Gefühles sich bewußt, hatten in ihr Mittel doch nicht das Vertrauen, daß es die Umgestaltung herbeiführen werde. Zum Verwundern war dies nicht, denn wenn sie um sich blickten, sahen sie die zahllosen Massen der unterdrückten Klasse zu tief im Elend, zu sehr von der Selbstsucht des Elends beherrscht, um sich irgendeine Vorstellung davon machen zu können, wie sie ihm anders entgehen könnten als auf dem gewöhnlichen Wege, den ihnen das System der Sklaverei, in der sie lebten, vor» schrieb, und der weiter nichts war als die sehr entfernte Möglichkeit, aus der Hölle der Unterdrückten in den Himmel der Unterdrücker emporzuklettern. Obgleich sie wußten, daß das einzige vernünftige Ziel derer, welche die Welt verbessern wollten, ein Zustand der Gleichheit sei, so brachten sie es in ihrer Ungeduld und Verzweiflung doch fertig, sich selbst zu überreden, wenn sie durch allerhand Pfiffe und Kniffe die Produktionsweise und die Gesetze über das Eigentum so umändern könnten, daß die Sklaverei der -unteren Klassen’ (dieses entsetzliche Wort war im Schwang) etwas gebessert würde, daß diese sich der Maschinerie allmählich anpassen und sie mehr und mehr zur Besserung ihrer Lage benutzen könnten, bis die ,unteren Klassen’ praktisch die Gleichheit erlangt hätten--man führte damals das Wort ,praktisch’ mit Vorliebe im Munde--, weil die Reichen dann gezwungen wären, den Armen so viel zu geben, daß dieselben erträglich leben könnten, und weil infolgedessen die Lebenslage der Reichen nicht länger besonderen Wert hätte und so der Klassenunterschied nach und nach von selbst verschwände. Können Sie mir folgen?»

         «So ziemlich.--Fahren Sie fort!»

         «Nun, da Sie mir folgen, werden Sie auch finden, daß, wenn die Theorie nicht ganz unvernünftig war, die praktische Ausführung doch fehlschlagen muhte. Ein gewisser Teil der Arbeiterklasse hätte seine Lebenslage so verbessert, dass diese sich der Lage der wohlhabenden Mittelklasse genähert hätte; unter den glücklichen Arbeitern hätte dann aber eine große Klasse der denkbar [p. 88] elendesten Sklaven gestanden, deren Sklaverei viel hoffnungsloser gewesen wäre als die alte Lohnsklaverei.»

         «Könnten Sie mit vielleicht kurz angeben, was nun geschah?» fragte ich, denn ich fand, daß er jetzt etwas unklar und schwer verständlich wurde.

         «Ja, das kann ich. Zu jener Zeit wurde den Arbeitern unter dem Namen Staatssozialismus eine Art Hilfe zuteil. Aber die Maschine arbeitete nicht glatt, bei jeder Umdrehung wurde sie von den Kapitalisten angehalten, was nicht zu verwundern war, denn sie hatte ja den Zweck, das Handels- und Schachersystem, von dem ich Ihnen gesprochen, mehr und mehr abzuschaffen, ohne daß etwas wirklich Brauchbares an dessen Stelle gefetzt wurde. So entstand zunehmende Verwirrung, das Elend der Arbeiterklasse wurde immer größer und infolgedessen auch die Unzufriedenheit. Lange Zeit ging es in dieser Weise fort. Die Macht der oberen Klassen hatte sich verringert in dem Maße, wie sich ihre Herrschaft über den Reichtum verringert hatte, und sie konnten die Dinge nicht mehr, wie sie früher gewohnt waren, von oben herab behandeln. Bis zu diesem Punkte waren die Staatssozialisten durch den Erfolg gerechtfertigt. Auf der anderen Seite war die Arbeiterklasse schlecht organisiert und wurde tatsächlich immer ärmer trotz der Vorteile, die sie tatsächlich in der Länge der Zeit ihren Herren abgenötigt hatte. So hing alles in der Schwebe. Die Herren konnten ihre Sklaven nicht in völlige Unterwerfung zurückbringen, obgleich sie einige Aufstände mit Leichtigkeit niederschlugen. Die Arbeiter zwangen ihre Herren, ihnen wirkliche oder eingebildete Verbesserungen ihrer Lage zu gewähren, aber die Freiheit konnten sie nicht erzwingen. Zuletzt kam ein großer Krach. Um ihn zu verstehen, muß man bedenken, daß die Arbeiter bedeutende Fortschritte gemacht, aber, wie ich schon sagte, in ihrer Lebenslage sich sehr wenig verbessert hatten.»

         Ich spielte den Unschuldigen und Unwissenden und sagte: «In welcher Beziehung konnten sie sich überhaupt verbessern, wenn nicht in ihrer Lebenshaltung?»

         Er erwiderte: «In Beziehung auf ihre Macht, einen Zustand herbeizuführen, in dem ein jeder seinen vollen Lebensunterhalt leicht gewinnen konnte. Schließlich hatten sie nach langen Jahren der Irrtümer und Mißverständnisse gelernt, wie sie sich vereinigen mühten

         Die Arbeiter hatten jetzt wenigstens eine regelrechte Organisation in dem Kampfe gegen ihre Herren--einem Kampfe, der mehr als ein halbes Jahrhundert lang für einen unvermeidlichen Bestandteil des modernen Arbeits- und Produktionssystems angesehen wurde. Diese Organisation hatte nun die Form eines Bundes aller oder beinahe aller wirklichen Lohnarbeiter an- [p. 89] genommen, und vermittels ihrer war auch die Verbesserung in den Lebensbedingungen der Arbeiter erkämpft worden; und obgleich die organisierten Arbeiter sich nicht selten an Aufständen beteiligten, besonders zu Anfang ihrer Organisation, so gehörte dies doch nicht zu ihrer Taktik. Zu der Zeit, von der ich spreche, waren sie tatsächlich schon so stark geworden, daß in der Regel bereits die bloße Drohung, streiken zu wollen, genügte, um untergeordnete Forderungen durchzusetzen. Sie hatten nämlich die törichte Taktik der alten Trade Unions aufgegeben, die darin bestand, immer nur einen Teil der Arbeiter irgendeines Industriezweigs zum Streiken aufzufordern und die Streikenden dann von den anderen Arbeitern unterstützen zu lassen. Damals hatten sie einen großen Geldfonds zur Unterstützung der Streiks und konnten jede beliebige Industrie, wenn sie wollten, für einige Zeit zum Stillstehen verurteilen.»

         Ich unterbrach den Alten: «War dabei keine Gefahr, daß das Geld der Arbeiter mißbraucht werde--zu verwerflichen Zwecken, wie das in jener verderbten, verlogenen Zeit Mode war?»

         Der alte Hammond rutschte unbehaglich auf seinem Sitze hin und her und sagte dann:

         «Obgleich dies alles sich vor langer Zeit zutrug, so fühle ich mich doch tief beschämt, Ihnen sagen zu müssen, daß das mehr als bloß eine Gefahr war, daß Niederträchtigkeiten tatsächlich öfters vorkamen und daß die Vereinigung deshalb wiederholt nahe daran war, sich aufzulösen oder in Stücke zu zerfallen. Zu der Zeit aber, von der ich spreche, sah alles so drohend aus, und die Notwendigkeit, der immer unerträglicher werdenden Lage, welche der Arbeitskampf hervorgerufen hatte, ein Ende zu machen, wurde den Arbeitern durch die Verhältnisse endlich so klar, daß alle vernünftigen Menschen den tiefen Ernst der Zeit zu begreifen anfingen--eine Erkenntnis, die alles Unwesentliche beiseitesetzen ließ und den denkenden Menschen die wie das Verhängnis rasch herannahende Umwälzung ankündigte. Solche Aussicht war den Verrätern und Selbstlingen zu abschreckend--sie wurden einer nach dem anderen aus dem Bunde herausgeworfen und schloßen sich dann meistens den ausgesprochenen Reaktionären an.»

         «Was wissen Sie von jenen Verbesserungen?» fragte ich, «was waren sie, oder vielmehr, welcher Art waren sie?»

         Er erwiderte: «Einige derselben, und zwar die, welche für die Lebenshaltung der Arbeiter praktisch von der größten Bedeutung waren, wurden den Herren durch direkten Zwang seitens der Arbeiter abgetrotzt. Die so gewonnenen neuen Arbeitsbedingungen waren nur Gewohnheitsrechte, nicht durch das Gesetz erzwungen. Nachdem sie aber einmal eingeführt waren, durften die Herren angesichts der wachsenden Macht der vereinigten Arbeiter nicht [p. 90] wagen, die Zugeständnisse wieder zurückzuziehen. Andere dieser Verbesserungen waren Schritte auf dem Wege des sogenannten Staatssozialismus. Die wichtigsten können rasch zusammengefaßt werden. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts erhob sich der Ruf, die Herren zur Verkürzung der Arbeitszeit zu nötigen. Der Ruf wurde bald lauter und immer allgemeiner, so daß die Herren schließlich nachgeben mußten. Diese Maßregel konnte selbstverständlich nur dann einen Sinn haben, wenn die Stunden der Arbeitszeit auch besser bezahlt wurden, und es war klar, daß die Herren es beim alten Stundenlohn belassen würden, wenn anders man nicht Zwang gegen sie ausübe. Deshalb wurde nach längerem Kampfe ein Gefetz angenommen, das für die wichtigsten Industriezweige einen Mindestlohn, ein Minimum festsetzte. Dieses Gesetz mußte jedoch bald durch ein anderes Gesetz ergänzt werden, das für die hauptsächlichsten Waren, die man damals zum Leben der Arbeiter für nötig hielt, einen Höchstpreis, ein Maximum bestimmte.»

         «Man kam den Armenunterstützungen der Römer gefährlich nahe,» sagte ich lächelnd, «und ebenso dem Brotverteilen an die Proletarier.»

         «Das sagten damals viele,» antwortete der alte Mann trocken: «und es war lange eine gebräuchliche Redensart, daß dieser Sumpf am Ende des Staatssozialismus liege, vorausgefetzt, daß er bis zum Ende käme, was aber, wie Sie wissen, bei uns nicht geschah. Nichtsdestoweniger ging er weiter als das Minimum- und Maximumgeschäft, das beiläufig, wie wir jetzt einsehen, notwendig war. Die Regierung fand es nun geboten, dem lauten Geschrei der Unternehmerklasse über den zunehmenden Verfall des Handels zu begegnen (welcher Verfall, nebenbei bemerkt, ebenso wünschenswert war wie das Erlöschen der Cholera, die wir jetzt auch glücklich los sind). Die Regierung war gezwungen, dies durch Maßregeln zu tun, die den Unternehmern feindlich waren; sie errichtete Staatsfabriken zur Herstellung der nötigen Waren und öffentliche Märkte zu deren Verkauf. Diese Maßregeln halfen etwas, sie glichen den Anordnungen des Befehlshabers einer belagerten Stadt. Natürlich glaubte die privilegierte Klasse, daß mit der Einführung solcher Gesetze das Ende der Welt gekommen sei.

         Diese Besorgnis war nicht ganz ohne Grund. Die Verbreitung der kommunistischen Lehre und die teilweise Durchführung des Staatssozialismus hatte zur Folge das wunderbare Handelssystem, unter dem die alte Welt so fieberkrank gelebt, und das nur einer winzigen Minderheit das vergnügte Leben des Spielers, vielen, ja den meisten dagegen ein Leben des Elends gebracht hatte, erst zu stören und schließlich lahmzulegen. Wieder und wieder kamen [p. 91] schlechte Zeiten’, wie man sie nannte, und in der Tat. sie waren auch sehr schlecht für die Lohnsklaven. Das Jahr 1952 war eines der schlechtesten jener Periode, die Arbeiter litten furchtbar. Die unzureichenden Staatsbetriebe, die über ihre Kräfte in Anspruch genommen wurden, konnten ihrer Aufgabe nicht genügen, und ein großer Teil der Bevölkerung musste durch öffentliche Mildtätigkeit. Wie man es nannte, erhalten werden. Die vereinigten Arbeiter verfolgten mit wechselnden Gefühlen der Hoffnung und Furcht die Entwicklung der Dinge. Ihre Hauptforderungen hatten sie schon aufgestellt -- nun aber bestanden sie nach einer feierlichen und allgemeinen Abstimmung sämtlicher verbündeten Genossenschaften auf der sofortigen Inangriffnahme der ersten Maßregeln zur Durchführung ihrer Forderungen. Diese Maßregeln würden dazu geführt haben, die Verwaltung aller natürlichen Hilfsquellen des Landes zugleich mit den nötigen Maschinen zu deren Benutzung in die Hände der vereinigten Arbeiter zu liefern und die bevorzugten Klassen in die Lage von Pensionären zu versetzen, die selbstverständlich von dem guten Willen der Arbeiter abhingen. Die ‚Resolution’, wie es genannt wurde, die in der Tagespresse die weiteste Verbreitung fand, war tatsächlich eine Kriegserklärung und wurde von der Klasse der Unternehmer auch als solche aufgenommen. Sie fingen von jetzt an, sich zu festem Widerstand gegen den ,rohen und wilden Kommunismus’, wie sie gedankenlos sagten, zu scharen, und da sie nach vielen Seiten hin noch sehr mächtig waren oder zu sein schienen, so hofften sie immer noch, durch brutale Gewalt einen Teil dessen wieder zu gewinnen, was sie verloren hatten, ja schließlich vielleicht alles. Sie behaupteten, die verschiedenen Regierungen hätten einen großen Fehler begangen, daß Sie nicht früher Widerstand geleistet. Die Liberalen und Radikalen (das warem wie Sie wohl wissen, die Bezeichnungen der mehr zur Demokratie hinneigenden Parteien unter den herrschenden Klassen) wurden scharf getadelt, dass sie durch ihre unzeitige Prinzipienreiterei und ihre törichte Sentimentalität die Welt in diese schlimme Lage gebracht hätten. Und ein gewisser Gladstone oder wahrscheinlich Gledstein, nach dem skandinavischen Ursprung des Wortes zu urteilen, ein hervorragender Politiker des neunzehnten Jahrhunderts, ward besonders zur Zielscheibe der Angriffe gemacht. Ich brauche Ihnen wohl kaum die Abgeschmacktheit dieser Angriffe und Vorwürfe darzutun. Aber eine furchtbare Tragödie war in diesem wüsten Treiben der reaktionären Partei verborgen. ‚Die unersättliche Begehrlichkeit der unteren Klassen muß unterdrückt’, ,dem Volke muß eine Lektion erteilt werden’, dies waren die geheiligten Lieblingsstichworte, die unter den Reaktionären im Umlauf waren, und sie kündeten nichts Gutes.»

         [p. 92] Der alte Mann hielt inne, sah mir scharf in mein tief aufmerksames und verwundertes Gesicht und sagte dann: «Ich weiß, lieber Gast, daß ich Worte und Redensarten gebraucht habe, die bei uns nur von wenigen ohne lange und schwierige Erklärungen verstanden würden und selbst dann vielleicht nicht. Doch da Sie den Eindruck machen, als wären Sie von einem anderen Planeten gekommen, so möchte ich Sie fragen, ob Sie mir bis hierher zu folgen vermocht haben?»

         «O ja,» sagte ich, «ich verstehe alles ganz gut, bitte, fahren Sie nur fort.»

         «Aus einem verhältnismäßig geringfügigen Anlaß wurde durch die Arbeiterführer eine Volksversammlung auf den Trafalgar Square einberufen. Sie erinnern sich wohl des Ortes. Über das Recht, dort zusammenzukommen, war seit Jahren viel gestritten worden. Die bürgerliche Schutzgarde, Polizei genannt, griff nach ihrer Gewohnheit die Versammlung mit Knütteln an. Biete Leute wurden in dem Durcheinander verletzt, sie starben entweder an den Folgen der Verletzungen oder wurden auf dem Fleck zu Tode getrampelt. Die Versammlung wurde zersprengt und einige hundert Teilnehmer verhaftet und in den Kerker geworfen. Eine ähnliche Versammlung war einige Tage vorher in Manchester, das jetzt verschwunden ist, auf die nämliche Weise behandelt worden. So begann ,die Lektion’. Das ganze Land war in Gärung versetzt. Meetings wurden abgehalten, um eine Organisation für eine andere Massenversammlung im Freien zu schaffen als Antwort auf das Vorgehen der besitzenden Klasse. Am bestimmten Tage versammelte sich eine ungeheure Menschenmasse auf dem Trafalgar Square und in der Nachbarschaft--damals lauter überfüllte Straßen. Die Versammlung war zu groß für die knüppelbewaffnete Polizei. Es kam nur zu einigen kurzen Knüppelgefechten, auf die das Volk sich aber vorbereitet hatte. Drei oder vier Arbeiter wurden getötet und ungefähr zwanzig Polizisten in dem Handgemenge zu Tode gedrückt; der Rest der Blauröcke machte sich so rasch aus dem Staube, als er konnte. Dies war ein Sieg für das Volk, wenn auch noch kein entscheidender.

         Den nächsten Tag war ganz London--erinnern Sie sich, was es damals war--in Aufregung. Viele der Reichen flohen aufs Land, die Behörde zog Soldaten zusammen, wagte aber nicht sie zu gebrauchen, und die Polizei konnte an keinem Orte angehäuft werden, weil überall Aufruhr war oder drohte. In Manchester, wo das Volk nicht so mutig oder nicht so verzweifelt wie in London war, wurden mehrere Führer verhaftet. In London war ein Kongreß der Arbeiterführer von dem vereinigten Arbeiterbund einberufen worden und tagte unter dem alten revolutionären Namen [p. 94] eines Wohlfahrtsausschusses. Da man jedoch über keine geschulten und bewaffneten Mannschaften zu verfügen hatte, so wagte man nicht anzugreifen, sondern beklebte nur die Mauern mit ziemlich unbestimmten Aufrufen an die Arbeiter, sich nicht niedertreten zu lassen. Es wurde aber auch vierzehn Tage nach dem erwähnten Scharmützel eine neue Massenversammlung nach Trafalgar Square einberufen.

         Inzwischen verblieb die Stadt in Unruhe, und die Geschäfte lagen ganz danieder. Die Zeitungen, damals wie immer bis dahin fast ausschließlich in den Händen der Arbeitgeber, verlangten von der Regierung kräftige Unterdrückungsmaßregeln, die reichen Bürger bildeten eine besondere Polizei und bewaffneten sich mit Knütteln. Viele von ihnen waren starke, wohlgenährte, feurige junge Männer und hätten gerne gekämpft. Die Regierung wagte aber nicht, ihre Dienste anzunehmen; sie begnügte sich mit der Vollmacht des Parlamentes, jeden gewaltsamen Aufstand zu unterdrücken und mehr und mehr Soldaten nach London zu ziehen. So verstrich die Woche nach der großen Versammlung; eine beinahe ebenso große Versammlung wurde am Sonntag abgehalten, die im ganzen friedlich verlief, weil ihr kein Hindernis in den Weg gelegt ward, und wieder rief das Volk ,Sieg!’ Am Montag aber erwachte das Volk und fand, daß es hungrig war. Während der letzten Tage hatten Arbeitergruppen die Straßen durchzogen und um Geld gebeten--oder besser gesagt: Geld verlangt--, um sich Essen kaufen zu können, und war es nun aus gutem Willen oder Furcht, genug, die reichen Leute gaben viel. Die Behörden der Kirchspiele--ich habe jetzt nicht Zeit, diesen Ausdruck zu erklären--gaben dem herumziehenden Volke, was sie nur geben konnten, und auch die Regierung fütterte mit den schwachen Mitteln ihres Staatsbetriebs eine ziemliche Anzahl halbverhungerter Leute. Im Anschluß hieran wurden mehrere Bäckerläden und andere Nahrungsmittelgeschäfte geleert, ohne daß dies viel Aufsehen erregt hätte. So weit, so gut. Aber an dem bewußten Montag schickte der Wohlfahrtsausschuß, der einerseits eine allgemeine unsinnige Plünderung fürchtete, andererseits durch das schwankende Verhalten der Regierung kühn gemacht war, eine mit Vollmacht und allem Nötigen versehene Abordnung, welche in der Mitte der Stadt zwei bis drei große Magazine mit Lebensmitteln ausräumte und den Ladenbesitzern ein Papier zurückließ, enthaltend das Versprechen der Zahlung für die Ware. Und in den Teilen der Stadt, wo die organisierten Arbeiter am stärksten waren, nahm das Volk Besitz von verschiedenen Bäckereien und stellte Männer ein, welche sofort an die Arbeit zu gehen hatten. Alles dies war mit vergleichsweise wenig oder ganz ohne Ruhestörung geschehen. Die Polizei half bei dem Ausräumen [p. 95] der Magazine die Ordnung aufrechterhalten, so, wie sie es bei einem großen Feuer gemacht hätte.

         Durch diesen gelungenen Streich wurden die Reaktionäre so erschreckt, daß sie beschlossen, die Regierung zum Einschreiten zu zwingen. Am nächsten Tage schürten die Zeitungen die Wut der tollgewordenen Angstmeier und drohten dem Volke, der Regierung und jedem, der ihnen mißfiel, es würde Fürchterliches geschehen, wenn die Ordnung nicht um jeden Preis hergestellt würde. Eine Abordnung der tonangebenden Kaufleute und Fabrikanten erklärte der Regierung, wenn sie den Wohlfahrtsausschuß nicht sofort verhafte, so würden die Bürger selbst eine bewaffnete Streitmacht bilden und über die Mordbrenner, wie sie die Arbeiter nannten, herfallen.

         Die Mitglieder der Abordnung nebst einigen Zeitungsverlegern hatten eine lange Zusammenkunft mit den Häuptern der Regierung und mit zwei oder drei Militärpersonen, den geübtesten in ihrer Kunst, die das Land aufzuweisen hatte. Sie kehrten, wie ein Augenzeuge berichtet, lächelnd und befriedigt von der Zusammenkunft zurück, und man sprach nicht mehr davon, eine Armee gegen das Volk auszuheben; viele wohlhabende Leute verließen aber an jenem Nachmittag mit ihren Familien London und begaben sich auf ihre Landsitze oder sonstwohin.

         Den nächsten Morgen proklamierte die Regierung für London den Belagerungszustand, etwas Gewöhnliches unter den damaligen absolutistischen Regierungen des Festlandes, allein in England zu jener Zeit unerhört. Sie ernannte den jüngsten und geübtesten ihrer Generäle zum Befehlshaber des belagerten Distrikts, einen Mann, der sich in den schändlichen Mord- und Raubkriegen, in welche das Land von Zeit zu Zeit verwickelt war, ein gewisses Ansehen erworben hatte. Die Zeitungen waren im hellsten Jubel, und die ärgsten Reaktionäre traten jetzt in den Vordergrund: Leute, die in gewöhnlichen Zeiten ihre Meinung für sich zu behalten pflegten oder sie doch nur in ihrem nächsten Bekanntenkreis mitzuteilen wagten, die aber nur darauf warteten, ein für allemal die Sozialisten, ja selbst die demokratischen Bestrebungen zu vernichten, die man, wie sie sagten, in den letzten sechzig Jahren mit solch törichter Nachsicht behandelt hatte.

         Der führende General offenbarte keinen bestimmten Plan: einige untergeordnete Zeitungen schmähten ihn deshalb; die überlegteren Leute schlossen aber aus seinem scheinbaren Nichtstun, daß irgendein Schlag vorbereitet werde. Was nun den Wohlfahrtsausschuß anbelangt, so konnte er, wie immer er über die Lage dachte, nicht mehr zurückgehen. Verschiedene Mitglieder waren der Ansicht, die Regierung werde nicht einschreiten. Der Dienst zur Beschaffung [p. 96] der nötigen Lebensmittel wurde ruhig weiterorganisiert, freilich nur ein Tropfen auf einem heißen Stein, und als Antwort auf den Belagerungszustand bewaffnete man in den Stadtteilen, wo die Arbeiter am stärksten waren, so viele Leute, als nur irgend möglich war.

         Der General sowie die Polizei liehen alles ruhig geschehen, so daß am Ende der Woche London ziemlich ruhig erschien, obgleich an vielen Orten in den Provinzen Aufstände ausgebrochen waren, die indes ohne Mühe von der öffentlichen Gewalt erstickt wurden. Die ernsthaftesten dieser Ausbrüche fanden in Glasgow und Bristol statt.

         Der Versammlungssonntag kam, und große Volksmassen zogen in Prozession nach dem Trafalgar Square, unter ihnen die meisten Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses, umgeben von einer notdürftig bewaffneten Schar. Die Straßen waren friedlich und still trotz der ungeheuren Masse von Zuschauern, die zusammengeströmt war, um den Zug zu sehen. Auf dem Trafalgar Square war keine Polizei, das Volk nahm ungehindert Besitz von dem Platze, und die Versammlung wurde eröffnet. Die Bewaffneten standen um die Hauptplattform; außer ihnen hatten nur wenige in der Menge Waffen irgendwelcher Art.

         Fast allgemein war man der Ansicht, die Versammlung würde ruhig verlaufen. Die Mitglieder des Ausschusses aber hatten aus verschiedenen Stadtteilen gehört, daß man etwas im Schilde führe; die Gerüchte waren jedoch so unbestimmt, daß niemand sich eine Idee davon machen konnte, was eigentlich drohte. Bald wußte man es.

         Noch ehe die Straßen um den Trafalgar Square mit Menschen angefüllt waren, rückte eine Abteilung Soldaten von der Nordwestseite auf das Square und stellte sich an den Häusern der westlichen Seite auf; das Volk murrte beim Anblick der Notröcke [Die englische Infanterie trägt scharlachrote Uniformen], die Bewaffneten des Ausschusses standen unentschlossen da; sie wußten nicht, was sie tun sollten, und durch das Eindringen der Soldaten war die Menge auch so zusammengekeilt worden, daß sie nur wenig Aussicht hatten, sich aus ihrer Lage zu befreien.

         Kaum war die Menge sich der Tatsache bewußt geworden, daß ihre Feinde auf dem Platze waren, als schon eine zweite Abteilung Soldaten aus den Straßen, die südlich zu dem Parlamentsgebäude führten, das heute noch steht und der Düngermarkt genannt wird, von der Uferseite der Themse heranmarschierte, das Menschengewühl in eine immer dichtere Masse zusammendrängte und sich der Südseite des Squares entlang aufstellte. Wer sehen konnte, [p. 97] was vorging, wußte sofort, daß das Volk in einer Falle war, und mußte abwarten, was nun weiter geschehen würde.

         Die dicht zusammengequetschte Menge konnte sich nicht rühren, sie befand sich unter dem Einfluß des höchsten Schreckens. Ein kleiner Teil der bewaffneten Männer arbeitete sich nach der Front hindurch oder kletterte auf den Sockel des Denkmals, das zu jener Zeit dort stand, um zu sehen, was da vorging. Den meisten--es waren viele Frauen auf dem Square--schien es, als ob das Ende der Welt gekommen sei.

         ,Sobald die Soldaten ihre Aufstellung genommen hatten,’ so erzählt ein Augenzeuge, ,kam ein goldbetreßter Offizier aus den Reihen hervorgesprengt und las von einem Papier, das er in der Hand hielt, etwas ab, das aber nur von wenigen gehört wurde. Später erfuhr ich, daß es ein Befehl war, uns zu zerstreuen, und eine Warnung, daß der Offizier das gesetzliche Recht habe, auf uns Zu feuern, und daß er dies, wenn wir dem Befehl nicht sofort Folge leisteten, auch tun würde. Die Menge nahm dies als eine Herausforderung auf. Ein wilder, drohender Zornesschrei erdröhnte, worauf für einen Augenblick verhältnismäßige Ruhe eintrat, bis der Offizier in die Reihen zurückgekehrt war. Ich war Ziemlich am Rande des Menschenknäuels, nahe den Soldaten,’ erzählt der Augenzeuge, ,und sah, wie drei kleine Maschinen vor die Front gefahren wurden, von denen ich wußte, daß es mechanische Kanonen waren. Ich schrie: Werft euch nieder, sie schießen! Aber kaum einer konnte sich niederwerfen, so fest war die Menge Zusammengekeilt. Ich hörte einen kurzen, scharfen Befehl, und der Gedanke zuckte mir durch den Kopf, wo ich die nächste Minute wohl sein würde? Und dann--es war, als hätte sich die Erde ge-

         öffnet und die Hölle wäre leibhaftig über uns gekommen. -- -- Die nun folgende Szene zu beschreiben hat keinen Zweck. Breite Gassen Waren in die dichte Masse gemäht. Tote und Sterbende bedeckten den Boden: Stöhnen, Kreischen, Klagen, Ausrufe des Schreckens und der Wut erfüllten die Luft, es schien, als gäbe es nur noch Mord und Tod auf der Welt.

         Diejenigen unserer Bewaffneten, die noch nicht tot oder verwundet waren, brachen in ein wildes Hurra aus und eröffneten ein lebhaftes Feuer auf die Soldaten. Ein paar Soldaten fielen, und ich sah, wie die Offiziere die Reihen auf und ab gingen und ihre Leute antrieben, nochmals Zu schießen; diese verharrten aber in finsterem Schweigen und ließen die Gewehrkolben sinken. Nur ein Sergeant lief Zur Maschinenkanone und fing an, sie in Gang Zu setzen: allein ein großer junger Mann, ein Offizier, eilte aus den Reihen hervor und Zerrte ihn am Kragen Zurück. Die Soldaten standen regungslos, und die entsetzte Menge eilte so schnell es ging [p. 98] aus dem Square. Später wurde mir gesagt, daß die Soldaten der Westseite ebenfalls gefeuert und sich an dem Gemetzel beteiligt hätten. Wie ich aus dem Square herauskam, weiß ich nicht. Ich war so voller Wut, Schrecken und Verzweiflung, daß ich den Boden nicht unter mir fühlte.’

         So erzählt unser Augenzeuge. Die Zahl der in einer Minute auf Seiten des Volkes Gefallenen war eine ungeheure) sie festzustellen, das heißt die Wahrheit Zu erfahren, war nicht leicht; sorgfältigen Schätzungen nach müssen es zwischen zwei- und dreitausend gewesen sein. Auf seilen der Soldaten waren sechs getötet und ein Dutzend verwundet.»

         Ich lauschte, vor Erregung zitternd. Die Augen des alten Mannes flammten und blitzten, und sein Gesicht leuchtete wie das eines Verzückten, während er erzählte, was ich mir so oft als wahrscheinliches Ereignis vorgestellt hatte. Doch es wunderte mich, daß er über ein bloßes Gemetzel so begeistert sein konnte, und ich sagte: «Wie schrecklich! Ich vermute, daß dieses Gemetzel der ganzen Revolution für jene Zeit ein Ende machte?»

         «Nein, nein,» rief er, «es war der Anfang der Revolution!»

         Der alte Hammond füllte sein und mein Glas und sagte, sich erhebend: «Trinken wir dieses Glas auf das Andenken jener, die dort starben, denn es würde zu lange dauern, wollte ich Ihnen sagen, wieviel wir ihnen schulden.»

         Ich trank, und sich wieder niedersetzend, fuhr der Alte fort:

         «Das Gemetzel auf dem Trafalgar Square war der Anfang des Bürgerkriegs, obgleich dieser wie alle derartigen weltumgestaltenden Ereignisse nur langsam eine bestimmte Form annahm und die Leute erst allmählich begriffen, in welch folgenschwerer Krisis sie sich befanden.

         So furchtbar das Gemetzel auch war, so gräßlich und überwältigend auch der erste Schrecken gewesen, sobald das Volk Zeit hatte, über das Geschehene nachzudenken, empfand es eher Zorn und Ingrimm als Furcht, trotzdem die militärische Organisation des Belagerungszustandes von dem talentvollen jungen General erbarmungslos durchgeführt wurde. Denn wenn auch die herrschenden Klassen, als sich am nächsten Morgen die Nachricht von dem Gemetzel verbreitete, von Angst und Grausen, ja selbst von Furcht erfüllt wurden, so begriff doch die Regierung mit ihren unmittelbaren Stützen, daß die Suppe nun eingebrockt war und auch ausgegessen werden muhte. Nichtsdestoweniger waren auch die reaktionärsten Zeitungen mit Ausnahme von zweien wie betäubt von der furchtbaren Nachricht und berichteten einfach die Tatsachen, ohne ein Urteil abzugeben. Die Ausnahmen waren: erstens ein sogenanntes ,liberales Blatt’--die Regierung war damals von [p. 99] dieser Farbe--, welches nach einer salbungsvollen Einleitung, in der es seine ungeteilte Sympathie für die Sache der Arbeiter beteuerte, mit heuchlerischem Pathos auseinandersetzte, daß in Zeiten revolutionärer Ausbrüche die Negierung verpflichtet sei, gerecht, aber auch fest zu sein, und daß die bei weitem schonendste und humanste Art des Vorgehens gegen die armen Nasenden, welche die Grundlagen der Gesellschaft angreifen (einer Gesellschaft, die sie arm und rasend gemacht hat), die sei, sie gleich totzuschießen. Damit seien sie endgültig beseitigt und die Gefahr weiterer Aufstände erheblich abgeschwächt.

         Die zweite Ausnahme war eine Zeitung, die man bisher für eine der heftigsten Gegnerinnen der Demokratie gehalten hatte, was sie in der Tat auch war. Der Redakteur war aber mannhaft genug, für sich selbst und nicht für seine Zeitung zu sprechen. In kurzen, einfachen, entrüsteten Worten forderte er das Volk auf, doch zu überlegen, was eine Gesellschaft wert sei, die durch die Niedermetzelung armer Bürger verteidigt werden müsse, und er verlangte von der Negierung, daß sie den Belagerungszustand aufhebe und den General und den Offizier, die auf das Volk hätten schießen lassen, des Mordes anklage. Er ging noch weiter und sagte, welches immer seine Ansicht über die Lehrsätze des Sozialismus sei, er würde sein Schicksal so lange mit dem des Volkes verknüpfen, bis die Negierung ihre Grausamkeit und ihr Unrecht wieder gutzumachen suche und sich bereit zeige, auf die Forderungen von Männern zu hören, die wüßten, was sie wollten, und die durch die Verkommenheit der Gesellschaft gezwungen seien, ihre Forderungen auf die eine oder die andere Weise durchzudrücken.

         Selbstverständlich wurde der Redakteur sofort durch die militärische Behörde verhaftet, seine unerschrockenen Worte waren aber schon in den Händen und Köpfen des Publikums. Sie brachten den tiefsten Eindruck hervor; ja der Eindruck war so groß, daß die Negierung nach einigem Schwanken den Belagerungszustand aufhob, zu gleicher Zeit freilich auch die militärische Organisation kräftigte und befestigte.

         Drei Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses waren auf dem Trafalgar Square getötet worden, die übrigen, der größere Teil, kehrten nach dem alten Versammlungsort zurück und erwarteten dort ruhig den Ausgang. Sie wurden am Montagmorgen verhaftet und würden auch sofort von dem General, der nur eine militärische Maschine war, erschossen worden sein, wenn die Negierung nicht vor der Verantwortlichkeit, Menschen zu töten, ohne ihnen den Prozeh gemacht zu haben, zurückgeschreckt wäre. Zuerst war die Rede davon, sie vor ein Ausnahmegericht zu stellen--oder vor eine ,Besondere Kommission von Richtern, wie es genannt wurde--, das [p. 100] heißt vor Männer, deren Geschäft es war, sie schuldig zu finden. In der Regierung hatte aber die Gluthitze der Leidenschaft inzwischen kalter Überlegung Platz gemacht, und die Gefangenen kamen vor das regelmäßige öffentliche Schwurgericht. Da wartete der Regierung ein neuer Schlag, denn trotzdem der Richter den Gerichtshof angewiesen hatte, die Gefangenen für schuldig zu befinden, wurden diese von den Geschworenen freigesprochen, und der Gerichtshof fügte seinem Wahrspruch noch eine feierliche Erklärung bei, in welcher das Vorgehen der Soldaten, in der eigentümlichen Sprache von damals, als -unnötig, unglücklich und übereilt’ verurteilt ward. Der Wohlfahrtsausschuß nahm seine Sitzungen wieder auf und war von nun an ein Vereinigungspunkt für das Volk, im Gegensatz zum Parlament. Die Negierung gewährte nach allen Richtungen hin freien Spielraum und tat, als wolle sie den Förderungen des Volkes nachgeben. Es bestand aber ein weitverbreitetes Komplott, an welchem die Führer der zwei sogenannten Oppositionsparteien in den parlamentarischen Parteikämpfen beteiligt waren. Es handelte sich um einen Staatsstreich. Der wohlmeinende Teil des Publikums hatte hiervon keine Ahnung, war überfroh und glaubte alle Gefahr eines Bürgerkriegs beseitigt. Der Sieg des Volkes wurde durch Umzüge und große Volksversammlungen in den Parks und an anderen Orten sowie durch sonstige Kundgebungen zum Andenken an das große Gemetzel in dem ganzen Lande gefeiert. Die Maßregeln zugunsten der Arbeiter, welche im Parlament durchgingen, wurden zwar von den höheren Klassen als ,verderblich revolutionär’ angesehen, reichten jedoch tatsächlich nicht aus, um dem Volke Nahrung und ein menschenwürdiges Dasein Zu verschaffen. Sie mußten durch ungeschriebene Verordnungen, die nicht durch das Gesetz geschützt waren, ergänzt werden. Obgleich die Negierung und das Parlament die Gerichte, die Armee und die -Gesellschaft’ zu ihrer Unterstützung hatten, so war dennoch der Wohlfahrtsausschuß eine Macht im Lande und vertrat tatsächlich die arbeitende Klasse. Er besserte sich wesentlich in den Tagen, die auf die Freisprechung seiner Mitglieder folgten. Die alten Mitglieder hatten wenig Geschick für die Verwaltung, wenn sie auch mit Ausnahme einiger Selbstlinge und Verräter ehrliche und entschlossene Männer waren, darunter viele mit bedeutenden Talenten anderer Art. Allein jetzt, wo die Zeit rasches Handeln verlangte, traten die Männer hervor, welche fähig waren, die Dinge und die Kräfte auf das richtige Ziel zu lenken. Ein Netz von Arbeiterorganisationen wurde schnell geschaffen, deren ausgesprochener einziger Zweck es war, das Schiff der Gesellschaft in den Hafen des Kommunismus zu steuern. Und da diese Organisationen auch die praktische Führung des gewöhnlichen Arbeits- [p. 101] Krieges und Klassenkampfes übernahmen, erlangten sie bald die Leitung und Vermittlung für alle Angelegenheiten der Arbeiter-Klasse: und die habsüchtigen Unternehmer befanden sich machtlos gegenüber dieser gewaltigen Arbeiterorganisation. Die Entscheidung war nicht hinauszuschieben. Der Ausschuß der Unternehmer-Klasse, das Parlament, mußte sich zu dem Entschluß aufraffen, entweder den Bürgerkrieg wieder zu beginnen und rechts und links schießen zu lassen--oder den Forderungen der Arbeiter, die sie beschäftigten, nachzugeben und immer höheren Lohn für immer kürzere Arbeitszeit zu zahlen. Freilich einen Verbündeten hatten die Arbeiter, und das war das rasche Zusammenbrechen des ganzen Weltmarktsystems. Der wirtschaftliche Auflösungsprozeß wurde durch die Logik der Tatsachen allen so klargemacht, daß die Mittelklassen, die, einen Augenblick verblüfft, die Regierung wegen des großen Gemetzels verdammt hatten, nun fast ausnahmslos umschwenkten und von der Regierung verlangten, daß sie sich um die bedrohten Interessen kümmern und der Tyrannei, dem ,Terroris-mus’ der sozialistischen Führer ein Ende machen solle.

         Unter diesem Drucke kam das reaktionäre Komplott--wahr-scheinlich noch ehe es reif war--zum Ausbruch. Allein diesmal war das Volk und waren seine Führer vorher gewarnt und die nötig erscheinenden Maßregeln wurden getroffen, noch ehe die Reaktionäre an der Arbeit waren.

         Die liberale Regierung wurde (augenscheinlich nach heimlichem Einverständnis) von den Konservativen geschlagen, obgleich die letzteren der Zahl nach in der Minderheit waren. Die wirklichen Volksvertreter im Unterhaus wußten sehr wohl, was das bedeutete, und nach einem Versuch, die Sache durch Abstimmungen im Hause der Gemeinen auszufechten, erhoben sie Verwahrung, verließen das Zaus und begaben sich sämtlich in den Wohlfahrtsausschuß. Und jetzt fing der Bürgerkrieg von neuem an.

         Der erste Akt desselben war aber nicht einer des bloßen Kampfes. Die neue Toryregierung beschloß zu handeln, wagte aber nicht, den Belagerungszustand zu erneuern; sie schickte deshalb eine Abteilung Soldaten und Polizei und ließ den ganzen Wohlfahrtsausschuß verhaften. Dieser leistete keinen Widerstand, obgleich er es hätte tun können, da er jetzt über eine beträchtliche Anzahl von Männern verfügte, die zum Äußersten bereit waren. Allein er wollte es erst mit einer Waffe versuchen, die er für wirksamer hielt als Straßenkämpfe.

         Die Mitglieder des Ausschusses gingen ruhig ins Gefängnis, ließen sie doch ihren Geist und ihre Organisation zurück. Sie verließen sich nicht auf eine sorgfältig zusammengesetzte, mit allen möglichen Befugnissen und Verrichtungen ausgestattete Zentral- [p. 102] stelle, sondern auf die breiten Massen des Volkes, die voll und ganz mit der Bewegung sympathisierten und durch eine große Anzahl kleiner Zentren mit sehr einfachen Verhaltungsregeln fest miteinander verbunden waren. Diese Verhaltungsregeln wurden nun zur Anwendung gebracht.

         Am nächsten Morgen, als die Führer der Reaktion sich vergnügt ins Fäustchen lachten beim Gedanken an die Wirkung, welche der Zeitungsbericht über ihren Staatsstreich auf das Publikum haben würde--erschien keine Zeitung. Erst gegen Mittag wurden hier und da einige Blätter von dem Format der Zeitungen aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, die von den Polizisten, Soldaten, Geschäftsführern und Preßkosaken angefertigt waren, in den Straßen verteilt. Gierig wurden sie ergriffen und gelesen; zu dieser späten Stunde war aber der größte Teil der Nachrichten veraltet, und jedermann war es klar, daß die allgemeine Arbeitseinstellung begonnen hatte. Die Eisenbahnen gingen nicht, die Telegraphendrähte wurden nicht bedient, Fleisch, Fische und grüne Waren, die auf den Markt gebracht waren, nichts wurde ausgepackt und alles verdarb. Die Tausende von Familien der Mittelklassen, die für jedes Mahl vollständig von den Arbeitern abhingen, machten verzweifelte Anstrengungen, um das Nötigste für den Tag zu beschaffen, und in den Kreisen derer, die keine Furcht vor dem Kommenden zu haben brauchten, hatte man sogar, wie mir gesagt wurde, seine Freude an diesem ,unerwarteten Picknick’ [Das Wort ist hier in dem Sinne gebraucht, daß jeder selbst für seine Bedürfnisse zu sorgen hat--wie bei einem Picknick, wo jeder sein Essen mitbringt]--ein Vorgeschmack der erhofften Tage, wo alle Arbeit nur Vergnügen ist.

         So verging der erste Tag. Gegen Abend schon wußte die Regierung nicht mehr, was sie machen sollte. Sie hatte nur ein Mittel, die Volksbewegung niederzuhalten, und das war die rohe Gewalt, aber sie hatte nichts vor sich, wogegen sie Soldaten und Polizei hätte verwenden können. Bewaffnete Haufen waren in den Straßen nicht zu sehen. Die Geschäftslokale der vereinigten Arbeiterorganisationen waren in Bureaus zur Unterstützung der aus der Arbeit Geschiedenen umgewandelt. Unter diesen Umständen wagten die Behörden nicht, die Beamten der Arbeiterorganisationen zu verhaften, um so weniger, als an jenem Abend auch sehr viele angesehene Bürger in diesem Bureau um Unterstützung nachgesucht und die Barmherzigkeit der Revolutionäre zur Beschaffung des Abendbrotes in Anspruch genommen hatten. Die Regierung zog wohl hier und da Polizei zusammen, verhielt sich aber die Nacht über ruhig und erwartete, daß der nächste Morgen irgendein Manifest der ,Rebellen’, wie man sie nannte, bringen und den erwünschten Vorwand zum Handeln darbieten würde. Sie wurde in [p. 103] ihrer Hoffnung getäuscht. Die gewöhnlichen Zeitungen gaben diesen Morgen den Kampf auf, und nur ein äußerst reaktionäres Blatt (der Tägliche Telegraph [The Daily Telegraph, ein gesinnungsloses, in allen Farben schillerndes «liberales» Reaktionsblatt] genannt), versuchte zu erscheinen und schmähte in wohlgeformten Sätzen die ,Rebellen’ wegen ihres ,Aberwitzes’ und ihrer ,Undankbarkeit’, daß sie ihrer -gemeinsamen Mutter, der englischen Nation, zum Besten einiger geldgierigen Agitatoren und der von ihnen getäuschten Toren, die Eingeweide herausreißen wollten’. Dagegen erschienen die sozialistischen Blätter ohne jede Einschränkung; sie waren schön gedruckt und gefüllt mit bewundernswerten klaren Aufsätzen über sozialistische Lehren und deren praktische Durchführung und frei von Übertreibung, Gehässigkeit und persönlichen Beleidigungen; sie wirkten inmitten der Schrecken und Qualen des Augenblicks wohltuend auf das Publikum wie die duftige Frische eines Maientags.

         Doch noch eine andere Art der ,Erziehung’ wirkte auf das Publikum mit unwiderstehlicher Gewalt und räumte manches Vorurteil aus den Köpfen. Die Regierungsleute, durch diese Art des Boykotts (das war damals der Ausdruck für Aushungerung) verblüfft und in Schrecken versetzt, waren in größter Aufregung und schwankten hin und her. Den einen Tag waren die Machthaber dafür, alles gehen zu lassen, bis ein neues Komplott ausgeheckt sei; den folgenden Tag wollten sie alle Mitglieder der Arbeiterausschüsse verhaften, und den dritten Tag waren sie auf dem Punkte, ihrem eifrigen Zungen General zu Befehl zu geben, daß er unter irgendeinem Vorwand ein neues Gemetzel veranstalten müsse. Als sich die Herren aber erinnerten, wie die Soldaten von Trafalgar Square über das von ihnen angerichtete Blutbad so entsetzt gewesen waren, daß man sie nicht zu einer zweiten Salve bewegen konnte, hatten sie nicht den Mut, ein zweites Gemetzel zu wagen.

         Der Arbeiterausschuß hatte sich erweitert und unterstützte eine große Anzahl Leute. Er hatte eine beträchtliche Menge Lebensmittel durch Männer, auf die er sich verlassen konnte, zusammengebracht. Eine ganze Anzahl wohlhabender Leute war nun gezwungen, Unterstützung bei den Arbeitern zu suchen. Und noch etwas Merkwürdiges ereignete sich: Banden von sogenannten besseren Leuten bewaffneten sich, zogen plündernd, raubend und stehlend durch die Straßen; sie schleppten kaltblütig alles Eß- und Tragbare, was ihnen anstand, aus den Läden weg, deren Besitzer gewagt hatten zu öffnen. Sie taten dies namentlich in der Oxfordstreet--damals eine große Straße mit Kaufläden aller Art. Zu dieser Zeit war die Negierung gerade in ihrer nachgiebigen Laune und hielt das für eine günstige Gelegenheit, zu zeigen, wie un- [p. 104] parteiisch sie in der Aufrechterhaltung der Ordnung sei. Sie schickte Polizei, welche die reichen, hungrigen Leute verhaften sollte. Diese setzten der Polizei tapferen Widerstand entgegen, und alle, bis auf drei, entwischten. Die Regierung gewann nicht den Ruf der Unparteilichkeit, den sie von ihrem Vorgehen erhofft hatte--sie vergaß, daß es keine Abendzeitungen gab. Die Nachricht von dem kleinen Scharmützel verbreitete sich zwar bald, aber die Tatsachen wurden ganz entstellt. Der Krawall wurde meist nur als eine Verzweiflungstat der hungernden Proletarier des East-End dargestellt, und jedermann hielt es nur für natürlich, daß die Negierung die Armen niederdrücke, wo und wie sie konnte.

         An jenem Abend empfing der gefangene Wohlfahrtsausschuß den Besuch sehr höflicher Leute, die angeblich warmen Anteil an ihnen nahmen und ihnen auseinandersetzten, was für eine selbstmörderische Politik sie eingeschlagen hätten und wie gefährlich dieses extreme Vorgehen für die Sache des Volkes sei. Einer der Gefangenen erzählte über diesen Besuch: ,Als wir dahintergekommen waren, daß die Negierung den Versuch gemacht hatte, durch Einzelverhör im Gefängnis an uns heranzukommen, machte es uns großes Vergnügen, zu vergleichen, wie wir die Freundlichkeit der ,hochintelligenten’ und gebildeten Personen, die uns aushorchen sollten, beantwortet hatten. Der eine lachte den Abgesandten einfach aus, der andere erzählte ihm lange, unglaubliche Geschichten, ein dritter schwieg trotzig, ein vierler sagte dem ,elenden Polizeispion’, er solle den Mund halten--und dies war alles, was sie von uns herausbekamen.’

         So verging der zweite Tag des großen Streiks. Allen Denkenden war es klar, daß der drille Tag eine Entscheidung bringen mußte; denn die Ungewißheit und das schlecht verhehlte Schreckenssystem konnten nicht andauern. Die herrschende Klasse und die Nicht-Politiker des Mittelstandes, die ihre Stärke und ihre Stütze ausgemacht hallen, glichen einer Schafherde, welcher der Hirte fehlt--sie wußten buchstäblich nicht, was sie machen sollten. Nur eines wünschten sie: die Nebellen zu veranlassen, daß sie irgend etwas taten.

         Am nächsten Morgen, am dritten Streiktag, als die Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses wieder vor den Magistrat geführt wurden, behandelte man sie mit äußerster Höflichkeit; ohne lange, alberne Redensarten entließ der Magistrat die Gefangenen, die an ihren Versammlungsort zurückkehrten und sofort zu einer Sitzung zusammentraten. Es war hohe Zeit. Denn an diesem dritten Tage waren die Volksmassen wirklich in Gärung.

         Hätte derartiges einige Jahre vorher sich zugetragen, wo die Arbeitgeber noch für die selbstverständlichen Beherrscher des Volkes galten und wo selbst der Ärmste und Unwissendste sich an sie als [p. 105] eine notwendige Stütze anlehnte, während er von ihnen geschoren ward--dann würde allerdings die ganze Gesellschaft in Trümmer gegangen sein. Allein die lange Reihe von Jahren, in denen die Arbeiter ihre Herren verachten gelernt, Halle den Arbeitern Selbstgefühl verliehen, und sie fingen nun an, den nicht gesetzlichen Führern, welche durch die Ereignisse in den Vordergrund gebracht waren, zu vertrauen.

         Die Wirkung der Freilassung des Ausschusses gab der Negierung Zeit zum Aufatmen, denn die Nachricht wurde von den Arbeitern mit der größten Freude aufgenommen, und auch die Reichen erblickten darin einen Aufschub des gänzlichen Zerfalls, den sie zu fürchten anfingen, eine Besorgnis, welche durch die Schwäche der Negierung genährt ward. Und für den Moment hatte die Schwäche in der Tat die Wirkung, den Auflösungsprozeß zu beschleunigen, den übrigens auch keine Energie und Tatkraft verhindert hätte.

         Die Negierung verlor keine Zeit, mit dem Wohlfahrtsausschutz in Verhandlung zu treten, denn sie konnte nur an die augenblickliche Gefahr denken. Sie schickte einen gehörig beglaubigten Abgesandten, um mit den Männern zu verhandeln, welche die Herrschaft über den Geist des Volkes erlangt hatten.

         Auf Einzelheiten des Waffenstillstandes--denn ein solcher war es--zwischen diesen hohen kontrahierenden Parteien: der Regierung des Großbritannischen Reiches auf der einen und den Arbeitern auf der anderen Seite--brauche ich nicht einzugehen. Das Ende war, daß alle bestimmt formulierten Forderungen des Volkes gewährt werden mußten. Jetzt wissen wir, daß die meisten dieser Forderungen nicht wert waren, aufgestellt oder verweigert zu werden. Damals wurden sie jedoch für sehr wichtig gehalten, denn sie waren Zeichen der Auflehnung gegen das elende Lebenssystem, das am Zusammenbrechen war. Eine Forderung war jedoch von der äußersten, brennendsten Bedeutung. Die Machthaber suchten ihr auszuweichen, mußten aber, da sie nicht mit Narren verhandelten, zuletzt nachgeben. Ich meine die Anerkennung und förmliche Legalisierung des Wohlfahrtsausschusses und aller Organisationen, die er unter seine Leitung genommen hatte. Es ist klar, daß dies zweierlei in sich schloß: erstens Amnestie für die ,Rebellen’, welche ohne einen bestimmten und klaren Akt des Bürgerkriegs jetzt nicht mehr angegriffen werden konnten; und zweitens die Fortsetzung der organisierten Revolution.»

         «Der Bürgerkrieg ging also weiter, ungeachtet alles dessen, was sich ereignet hatte?»

         «Ja natürlich,» sagte der alte Hammond. «In der Tat, es war gerade diese gesetzliche Anerkennung, die den Bürgerkrieg möglich machte. Der Kampf verlor dadurch den Charakter eines bloßen [p. 106] Gemetzels auf der einen Seite und den zäher Ausdauer und passiven Widerstandes mit Streiks auf der anderen.»

         «Können Sie mir sagen, in welcher Weise der Krieg geführt wurde?» fragte ich.

         «Ja,» erwiderte er, «wir haben Urkunden, die uns alles mitteilen, und das Wichtigste daraus kann ich Ihnen in wenigen Worten sagen. Wie ich Ihnen bereits erzählte, konnten die Reaktionäre sich nicht auf die Liniensoldaten verlassen; die Offiziere im ganzen genommen waren zu allem bereit, denn mit wenigen Ausnahmen waren dies die dümmsten Leute im Lande. Die Regierung mochte tun, was sie wollte, ein großer Teil der oberen und der Mittelklasse war entschlossen, eine Gegenrevolution ins Werk zu setzen, denn der Kommunismus, der jetzt sein Haupt erhob, schien ihnen ganz unerträglich. Banden von jungen Männern, wie die Marodeure (Plünderer) bei dem großen Streik, von denen ich Ihnen erzählte, bewaffneten sich, übten sich militärisch ein und suchten in den Straßen unter jedem beliebigen Borwand und bei jeder beliebigen Gelegenheit Streit mit dem Volke. Die Negierung half den Skandalmachern nicht und hinderte sie nicht, sie sah ruhig zu in der Hoffnung, daß irgend etwas sich daraus entwickeln würde. Diese ,Freunde der Ordnung’, wie sie genannt wurden, hatten anfänglich einigen Erfolg, wodurch sie kühner wurden; viele Offiziere der regulären Armee leisteten ihnen Vorschub, und durch die Vermittlung solcher Offiziere gelang es den raublustigen ,Ordnungsfreunden’, sich mit jeder Art von Kriegsmunition zu versehen. Ein Teil ihrer Taktik bestand darin, daß sie die großen Fabriken bewachten und besetzten--sie hatten zum Beispiel einmal den ganzen Ort Manchester, von dem ich vorhin sprach, in ihrem Besitz. Ein unregelmäßiger Krieg--Guerillakrieg hieß es, glaube ich--wurde mit wechselndem Erfolg im ganzen Lande geführt, bis die Negierung, die anfangs getan hatte, als merke sie nichts vom Kampfe--höchstens sprach sie von Aufruhr--, sich plötzlich für die ,Freunde der Ordnung’ erklärte und alles, was sie an regulären Truppen auftreiben konnte, mit den Banden vereinigte. Sie machte nun die verzweifeltsten Anstrengungen, um der ,Rebellen’, wie man die Arbeiter jetzt wieder nannte und wie sie sich selbst nannten, Herr zu werden.

         Es war zu spät. Jeder Gedanke an einen Frieden auf der Grundläge von Kompromissen war auf beiden Seiten aufgegeben. Das Ende mußte sein: entweder vollständige Sklaverei für alle mit Ausnahme der bevorzugten Klassen oder eine auf Gleichheit und Kommunismus beruhende Lebensordnung--das war nun auch dem Blödesten und Zaghaftesten klar. Die Trägheit, die Hoffnungslosigkeit, ja man kann sagen die Feigheit des letzten Jahrhunderts [p. 107] hatte dem leidenschaftlichen, unbeugsamen Heldenmut einer ausgesprochen revolutionären Zeit weichen müssen. Ich will nicht sagen, daß die Leute von damals das Leben, welches wir jetzt führen, voraussahen, aber im allgemeinen strebte man einem wesentlich ähnlichen Leben zu, und hinter dem verzweifelten Kampfe der Gegenwart sahen viele den Frieden, den er in Zukunft bringen sollte. Die Menschen jener Zeit, welche auf Seiten der Freiheit standen, waren, glaube ich, nicht unglücklich, obgleich sie zwischen Furcht und Hoffnung hin und her geworfen und häufig auch durch Zweifel und den Zwiespalt mit ihren Pflichten, die sich schwer damit vereinigen ließen, innerlich zerrissen wurden.»

         «Wie aber führte das Volk--ich meine die Revolutionäre--den Krieg? Welches waren die Elemente ihrer Erfolge?»

         Ich stellte diese Frage, weil ich gerne den alten Mann zu der wirklichen Geschichte zurückbringen und aus seiner träumerischen, bei seinem Alter so erklärlichen Stimmung herausreißen wollte.

         Er antwortete: «An Organisatoren und Führern war kein Mangel, denn der Kampf selbst entwickelte in einer Zeit, wo Männer von Seelenstärke alle Rücksichten auf die gewöhnlichen Anforderungen des Alltagslebens in den Wind schlagen mußten, die nötigen Talente aus der Mitte des Volkes heraus. In der Tat, nach allem, was ich gelesen und gehört habe, muß ich bezweifeln, daß ohne diesen augenscheinlich furchtbaren Bürgerkrieg die für die Verwaltung nötigen Talente sich unter den Arbeitern entwickelt hätten. Wie dem auch sei, der Krieg war da, und das Volk fand Führer, die denen der Reaktionäre mehr als gewachsen waren. Außerdem hatte man keine Schwierigkeiten in bezug auf das ,Rohmaterial’ für die Volksarmee, denn der revolutionäre Instinkt wirkte auf den gemeinen Mann in der Linienarmee so mächtig, daß der größte und jedenfalls der beste Teil zum Volke überging. Die Hauptursache des Erfolges war aber, daß die Arbeiter da, wo sie nicht unter Zwang waren, nicht für die Reaktionäre, sondern für die ,Rebellen’ arbeiteten. Und das war gut so.»

         Da Hammond seine Erzählung unterbrach, richtete ich die Frage an ihn: «Doch wie war der weitere Verlauf der Sache?»

         Nach einigem Zögern fuhr der Alte fort: «Die Reaktionäre konnten außerhalb der Bezirke, in denen sie allmächtig waren, keine Arbeit mehr verrichtet bekommen, und auch in diesen Bezirken wurden sie durch fortwährende Aufstände beunruhigt. Viele Tausende wurden mit der Zeit mürbe und unterwarfen sich den Nebellen, deren Zahl fortwährend anschwoll, bis es allen klar wurde, daß die Sache des Volkes, welche einst hoffnungslos geschienen, die siegreiche, und die Sache der Sklaverei und der Vorrechte die hoffnungslose Sache war.» [p. 108]

Der Anfang des neuen Lebens.

         «Nun wohl,» sagte ich, «also auf diese Weise wurden die Arbeiter aller Schwierigkeiten Herr. Waren die Leute mit der neuen Ordnung der Dinge zufrieden, als sie eintrat?»

         «Die Leute?» fragte Hammond. «Gewiß, alle mußten sich über den Frieden freuen, besonders als man fand--was jeder bald finden mußte--, daß man recht gut lebte. Selbst die, welche einstmals reich gewesen waren, konnten sich dieser Tatsache nicht verschließen. Und was die anbelangt, welche arm waren, so hatte sich ihre Lage trotz des Krieges, der ungefähr zwei Jahre dauerte, sehr wesentlich gebessert; und als endlich Friede wurde, machten sie in kurzer Zeit rasche Fortschritte auf der Bahn zu einer höheren Lebenshaltung. Die große Schwierigkeit bestand darin, daß die, welche einst arm waren, so wenig Begriff von den wirklichen Annehmlichkeiten des Lebens hatten, daß sie nicht genug Ansprüche machten. In ihrer verwünschten Bedürfnislosigkeit forderten sie nicht genug, wußten sie nicht genug von der neuen Ordnung der Dinge zu fordern. Es war vielleicht mehr ein Vorteil als ein Nachteil, daß die Notwendigkeit, den Wohlstand, welchen der Krieg zerstört hatte, wieder herzustellen, die Leute im Anfang zwang, fast so angestrengt zu arbeiten, wie sie es vor der Revolution hatten tun müssen. Alle Geschichtschreiber sind darin einig, daß in keinem Krieg so viele Güter und so viele Werkzeuge für die Herstellung der Güter zerstört worden sind als in diesem Bürgerkrieg.»

         «Und wie stand es mit dem Fortschritt nach den Kriegsjahren?» fragte ich; «können Sie mir einiges darüber mitteilen?»

         Darauf erwiderte er: «O, ich könnte Ihnen mit Leichtigkeit mehr erzählen, als Sie Zeit haben anzuhören; ich will Ihnen aber wenigstens eine der Hauptschwierigkeiten, der wir zu begegnen hatten, erwähnen.

         Als die Menschen nach dem Kriege wieder zur Ruhe kamen und als ihre Arbeit den Verlust wieder teilweise ersetzt hatte, der durch die Zerstörungen des Krieges verursacht worden war, schien eine Art von Enttäuschung sich unser zu bemächtigen und die Prophezeiungen einiger Reaktionäre der früheren Zeit schienen sich zu erfüllen, nämlich daß eine stumpfe Gleich- und Einförmigkeit, ein rein auf das Nützliche und Angenehme gerichtetes Phäakentum [Wohlleben, wie bei den Phäaken der griechischen Mythologie] das Ende unserer Bestrebungen und unseres Erfolges sein werde. Daß der unerläßliche ,Sporn des Antriebs zur Arbeit’: der Wettbewerb, jetzt weggefallen war, hatte auf die Erzeugung der für die Allgemeinheit nötigen Waren gar nicht störend eingewirkt-- [p. 109] wie aber, wenn der Wegfall der ,freien Konkurrenz’, wie man es nannte, die Menschen stumpf machte, indem ihnen zu viel Zeit zum Denken oder zu müßigen Träumereien gegeben wäre? Jedoch die dunkle Gewitterwolke drohte nur, und sie zog vorüber, ohne Schaden getan zu haben. Nach dem, was ich Ihnen vorhin erzählt habe, werden Sie wohl das Heilmittel gegen ein solches Mißgeschick erraten. Man muß nur bedenken, daß viele Waren, die ehemals verfertigt worden waren--Sklavenwaren für die Armen und verschwenderische Luxuswaren für die Reichen--, nicht mehr gemacht wurden.

         Kurz, das Heilmittel war die Produktion dessen, was man einst Kunst hieß, aber bei uns jetzt keinen Namen mehr hat, weil es ein untrennbares Teil der Arbeit jedes einzelnen Menschen ist.»

         «Was? Hatten die Menschen Zeit und Gelegenheit, die schönen Künste zu pflegen, inmitten des verzweifelten Kampfes für Leben und Freiheit, von dem Sie mir erzählten?»

         «Sie dürfen nicht voraussetzen,» meinte Hammond, «daß die neue Form der Kunst hauptsächlich auf das Gedächtnis der alten Kunst begründet war; übrigens war auch der Bürgerkrieg--so seltsam es klingen mag--der Kunst viel weniger gefährlich als andere Dinge, und so entwickelte sich, was von der Kunst in alter Form noch übrig war, während der letzten Zeit des Kampfes zu wundervoller Blüte, besonders die Tonkunst und die Dichtkunst.

         Die Kunst oder das Arbeitsvergnügen, die Arbeitslust, wie man das nennen sollte, wovon ich jetzt spreche, entstand von selbst, aus einer Art von Instinkt des Volkes, das nicht länger verzweifelt zu mühevoller und aufreibender Überanstrengung getrieben war und nun die Arbeit, welche es in der Hand hatte, so gut und so ausgezeichnet zu machen strebte als nur irgend möglich. Nachdem das so eine Zeitlang fortgegangen war, erwachte allmählich ein Sehnen nach Schönheit in dem Geist der Menschen; sie fingen an, die Gegenstände, die sie anfertigten, zu verzieren, anfänglich zwar noch ungeschickt und plump; nachdem sie sich aber einmal ernstlich an die Arbeit gemacht hatten, ging es immer besser. Alles dies wurde sehr unterstützt durch das Wegfallen des Schmutzes und Unrates, den unsere unmittelbaren Boreltern sich so ruhig gefallen ließen, und durch das gemütliche, jedoch nicht geistlose Landleben, welches nun, wie ich Ihnen schon erzählte, bei uns zur Gewohnheit wurde. Auf diese Weise und durch allmähliches Voranschreiten fanden wir mehr und mehr Vergnügen an unserer Arbeit, und dann wurden wir uns bald dieses Vergnügens bewußt; wir pflegten es und sorgten, daß wir zur Genüge hatten--damit war alles gewonnen, und wir waren glücklich. Und so möge es durch Jahrhunderte und Jahrhunderte hindurch bleiben!»

         [p. 110] Der alte Mann verfiel in träumerisches Sinnen, das, wie mir schien, nicht ohne Melancholie war: doch wollte ich ihn nicht unterbrechen. Plötzlich raffte er sich auf und sagte: «Wohlan, mein lieber Gast, hier kommen Dick und Klara, um Sie abzuholen, und das setzt meinem Erzählen ein Ziel, worüber Sie wohl nicht betrübt sein werden. Der lange Tag neigt sich seinem Ende zu, unk Sie werden eine angenehme Rückfahrt nach Hammersmith haben.»

Die Rückfahrt nach Hammersmith.

         Ich erwiderte nichts, weil ich nach einem so ernsten Gespräch nicht zu Worten leerer Höflichkeit aufgelegt war. Allerdings hätte ich mit dem alten Manne gerne noch weiter gesprochen--er verstand wenigstens etwas von den Anschauungen, in denen ich groß geworden, während ich für die jüngeren Leute trotz aller ihrer Freundlichkeit in der Tat ein Geschöpf von einem anderen Planeten war. Nichtsdestoweniger machte ich gute Miene zu dem Spiel, das ja gar nicht bös war, sondern mich bloß im Augenblick etwas verstimmte--ich lächelte dem jungen Paare so liebenswürdig zu, wie ich nur konnte, der alte Mann aber rief lustig aus: «Nun, meine Kinder, nehmt unseren Gast mit fort und tut für ihn, was ihr könnt! Es ist eure Aufgabe, ihm das Leben behaglich zu machen, so daß er körperlich wie geistig sich wohl fühlt; er war in keiner Weise so glücklich wie ihr. Leben Sie wohl, Gast!» Und er drückte mir warm die Hand.

         «Leben Sie wohl!» sagte ich. «Ich danke Ihnen vielmals für alles, was Sie mir erzählt haben, und werde Sie besuchen, sobald ich wieder nach London komme. Darf ich?»

         «Ja,» sagte er, «kommen Sie auf alle Fälle, wenn Sie irgend können.»

         «Es wird nicht so bald werden,» bemerkte Dick mit seiner fröhlichen Stimme; «denn wenn das Heu flußaufwärts eingeheimst ist, werde ich ihn zwischen der Heu- und Weizenernte ein wenig durch das Land führen, damit er sieht, wie unsere Freunde im Norden leben.»

         «Du nimmst mich aber mit, nicht wahr, Dick?» sagte Klara, ihre hübsche Hand auf seine Schulter legend.

         «Natürlich!» erwiderte Dick mit einem gewissen Stolz. «Wir werden es schon einrichten, daß du jeden Abend hübsch müde ins Bett geschickt wirst. Und mit gebräuntem Nacken und braunen Händen wirst du in deinem blütenweißen Kleide so hübsch aussehen, daß du gewiß bald etwas von deiner Hypochondrie verlierst. Wie dem auch sei, eine Woche lang Heuernte wird Wunder bewirken.»

         [p. 111] Das Mädchen wurde rot, aber nicht aus Scham, sondern vor Vergnügen, und der alte Mann sagte lachend:

         «Ich sehe, Gast, daß Sie es so behaglich haben werden, wie jemand nur wünschen kann, denn Sie brauchen nicht zu fürchten, daß beide Ihnen durch übergroße Dienstfertigkeit zur Last fallen; sie haben so viel miteinander zu tun, daß Sie sich gewiß viel selbst überlassen bleiben, und das ist meines Erachtens die größte Rücksicht und Freundschaft einem Gaste gegenüber. Diese Vögel in ihrem Neste lieben es, einen guten, zu ihnen passenden Freund zu haben, an den sie sich wenden können, um die Seligkeit der Liebe von Zeit zu Zeit mit dem ernsten und prosaischen Gefühl der Freundschaft abwechseln zu lassen. Außerdem lieben Dick und Klara zuzeiten eine kleine Unterhaltung, und wie Sie wissen, sprechen Liebende nur dann, wenn sie einen besonderen Grund haben, sonst kosen sie nur. Leben Sie wohl, Gast; seien Sie glücklich!»

         Klara ging zu dem alten Hammond, schlang ihren Arm um seinen Hals, küßte ihn herzlich und sagte: «Sie sind ein lieber, alter Mann, mögen Sie über mich scherzen, soviel Sie wollen. Bald werden wir uns wiedersehen. Seien Sie versichert, daß wir unseren Gast glücklich machen werden, obgleich einige Wahrheit in dem ist, was Sie sagen.»

         Wir schüttelten ihm darauf nochmals die Hände, verließen die Halle und gingen in den Kreuzgang und von da hinaus auf die Straße, wo unser munteres Rößlein, schon angespannt, uns erwartete.

         Es war gut versorgt--ein kleiner Bursche von etwa sieben Jahren hatte die Zügel in der Hand und sah ihm feierlich ins Gesicht; oben auf dem Pferde saß ein Mädchen von vielleicht vierzehn Jahren, das sein kleines, drei Jahre altes Schwesterchen vor sich hatte, während ein anderes Mädchen, das ein Jahr jünger sein mochte als der Junge, hinten hing. Die drei teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen Kirschen, die sie verspeisten, und zwischen unserem Pferde, das sie streichelten und liebkosten, und das alle ihre Zärtlichkeit mit freundlicher Herablassung aufnahm, aber die Ohren spitzte, als Dick erschien. Die Mädchen stiegen ruhig ab, und zu Klara eilend, sprangen sie fröhlich lachend an ihr herauf. Wir setzten uns in den Wagen, Dick zog die Zügel an, und fort ging’s.

         Unser Grauschimmel trabte ruhig zwischen den lieblichen Bäumen der Londoner Straßen, die Fluten von Wohlgeruch in die kühle Abendluft entsandten, denn es war gegen Sonnenuntergang.

         Wir konnten auf diesem ganzen Wege nur gemächlich und langsam vorankommen, weil so viele Menschen sich im Freien der Abendkühle erfreuten. Ich betrachtete mir die Leute im Vorbei- [p.112] fahren genau, und ich muß sagen, daß mein im düsteren Grau oder vielmehr Braun des neunzehnten Jahrhunderts entwickelter Geschmack geneigt war, den Farbenreichtum und Glanz der Kleidung zu verurteilen, was ich Klara auch zu sagen mich erkühnte. Sie schien überrascht und selbst etwas entrüstet zu sein.

         «Nun, was ist denn da auszusetzen? Die Leute haben keine schmutzige Arbeit, sie vergnügen sich an dem schönen Abend, und nichts ist da, was ihre Kleider verderben könnte. Gehen Sie doch! Sieht das alles nicht hübsch aus? Es ist doch kein übertriebener Aufputz.»

         Und in der Tat, sie hatte recht. Denn viele von den Leuten waren in nüchterne, wenn auch hübsche Farben gekleidet, deren Übereinstimmung ich vollendet fand, so daß ich bei näherem Zuschauen ganz entzückt war.

         Ich sagte also: «Ja, Sie haben recht. Wie kann aber jeder sich solch kostbare Kleidung erlauben? Sehen Sie, dort geht ein älterer Mann in einem dunkelgrauen Anzug, und ich kann von hier sehen, daß es ein sehr feiner, wollener Stoff und mit Seidenstickerei bedeckt ist.»

         Klara: «Er könnte ja schäbige Kleider tragen, wenn er Lust hätte--das heißt, wenn er nicht dächte, das Gefühl der anderen Leute dadurch zu verletzen.»

         Ich: «Aber bitte, sagen Sie mir, wie können Sie das erschwingen?»

         Kaum waren die Worte heraus, so bemerkte ich, daß ich wieder in meinen alten Fehler verfallen war und eine Dummheit gesagt hatte, denn ich sah, wie Dick sich vor Lachen schüttelte. Er sagte jedoch kein Wort, sondern überlieferte mich auf Gnade und Ungnade der schönen Klara, welche erwiderte:

         «Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Natürlich können wir es erschwingen, sonst würden wir es nicht tun. Es wäre für uns ein leichtes, zu sagen: wir wollen unsere Arbeit nur dazu verwenden, unsere Kleider bequem und zweckmäßig zu machen; allein hierbei wollen wir nicht stehenbleiben. Warum tadeln Sie uns? Glauben Sie etwa, wir darbten uns das Essen ab, um schöne Kleider tragen zu können? Oder ist es vielleicht unrecht, daß wir die Gewandhülle, mit der wir unseren Körper bedecken, ebenso schön haben wollen, wie unser Körper selbst ist? Gerade wie das Fell eines Rehes oder der Pelz einer Otter von Anfang an schön gewesen sind. Was finden Sie da unrecht?»

         Ich beugte mich vor dem Sturm und murmelte irgendeine Entschuldigung. Und in der Tat hätte ich mir denken sollen, daß ein Volk, welches im allgemeinen die Baukunst so liebt, auch verstehen mußte, sich selbst zu schmücken, um so mehr, als der Schnitt der [p. 113] Kleider, abgesehen von den Farben, sowohl hübsch als zweckmäßig war--die Formen verhüllend, ohne sie zu vermummen oder zu verunstalten.

         Klara war bald besänftigt, und während wir dem vorhin erwähnten Walde zufuhren, sagte sie zu Dick:

         «Ich will dir etwas sagen, Dick. Unser Verwandter, Hammond der Älteste, hat unseren Gast jetzt in seiner sonderbaren Tracht gesehen--ich dächte, wir sollten ihm für unsere morgende Reise etwas Anständigeres zum Anziehen aussuchen; tun wir es nicht, so werden wir alle möglichen Fragen über seine Kleider und woher sie stammen zu beantworten haben. Und», fügte sie schelmisch hinzu, «ist er selbst erst einmal hübsch gekleidet, dann wird er so leicht nicht mehr sich darüber aufhalten, daß wir uns ein freundliches Aussehen zu geben suchen.»

         «Ganz recht, Klara,» sagte Dick, «er soll alles haben, was du wünschest, das heißt, was er wünscht. Ich werde etwas für ihn aussuchen, ehe er morgen aufsteht.»

         Unter solchem Gespräch fuhren wir ruhig durch die balsamische Abendluft und kamen nach Hammersmith, wo wir von unseren Freunden herzlich empfangen wurden. Boffin, in neuem Anzug, bewillkommnete mich mit majestätischer Höflichkeit. Der Weber wollte mich ausholen und aufs genaueste erfahren, was der alle Hammond gesagt hatte, war aber sehr freundlich und munter, als Dick ihm abwinkte. Annie hoffte, daß ich einen angenehmen Tag verlebt habe und drückte mir die Hand so herzlich, daß ich einiges Bedauern empfand, als unsere Hände sich trennten. Die Wahrheit zu sagen: mir gefiel Annie besser als Klara, die immer etwas Zurückhaltendes und Abwehrendes hatte, während Annie so offen wie möglich war und an allem und jedermann um sie herum Vergnügen fand, ohne sich den geringsten Zwang anzutun.

         Diesen Abend hatten wir ein richtiges kleines Fest, teilweise mir zu Ehren und, wie ich vermutete, obgleich nichts gesagt worden war, auch zu Ehren von Dicks und Klaras Wiedervereinigung. Wir tranken vom besten Wein, die Halle war vom Duft der prachtvollsten und wohlriechendsten Sommerblumen erfüllt, und nach dem Abendbrot hatten wir Musik (Annie übertraf nach meinem Urteil alle anderen in bezug auf Wohlklang und Reinheit der Stimme wie auch in bezug auf Gefühl und Verständnis). Und schließlich kamen wir zum Geschichtenerzählen und sahen lauschend da, ohne ein anderes Licht als das des Mondes, der durch die schönen gotischen Schnörkelfenster hereinstrahlte, als gehörten wir einer längst vergangenen Zeit an, in der es nur wellig Bücher gab und das Lesen noch selten war. Hier will ich bemerken, daß meine Freunde, obgleich sie, wie man bemerkt haben wird, meistens [p. 114] etwas von Büchern zu sagen wußten, doch keine sonderlich großen Leser sein konnten, wenn man die Feinheit ihres Benehmens und die viele Muße bedenkt, welche sie augenscheinlich hatten. Wenn Dick ein Buch erwähnte, tat er es mit der Miene eines Mannes, der eine große Tat vollbracht hat, als wolle er sagen: «Seht, ich habe das gelesen!»

         Der Abend verging zu schnell für mich. Zum ersten Male in meinem Leben hatte ich eine Augenweide gehabt ohne das störende Bewußtsein der Disharmonie, ohne die Furcht vor nahendem Verfall, von der ich bisher immer ergriffen worden war, wenn ich Herrliche Kunstwerke der Vergangenheit und die liebliche Natur der Gegenwart genossen hatte--diese Natur und jene Kunst, beide das Ergebnis vieler Jahrhunderte und Jahrtausende der Überlieferung, welche die Menschen gezwungen hatte, die Kunst hervorzubringen, und die Natur, sich in die Formen der Jahrhunderte zu fügen.

         Hier konnte ich alles genießen ohne quälende Gedanken an die Ungerechtigkeit und die elende Sklavenarbeit, der ich meine Muße verdankte) an die Unwissenheit und Stumpfheit des Lebens, die mich die Geschichte der Vorzeit so hoch schätzen ließen; an die Tyrannei und den Kampf voller Furcht und Greuel, der meine Dichtung ausfüllte!

         Das einzige, was mir auf dem Herzen lastete, war beim Nahen der Schlafenszeit eine unbestimmte Angst, wo ich den nächsten Morgen erwachen würde. Ich unterdrückte sie aber, ging heiter zu Bett und war nach wenigen Augenblicken in traumlosem Schlaf.

Den Fluß aufwärts.

         Als ich an einem herrlichen, sonnigen Morgen erwachte, sprang ich aus dem Bett noch unter dem Eindruck der Besorgnis, die abends zuvor mein Gemüt überschattet hatte. Sie verschwand aber sofort, als ich mich in meinem kleinen Schlafzimmer umsah und an den Wänden die in zwar blassen, aber reinen Farben gemalten Bilder ansah, unter denen die mir nur zu gut bekannten Verse standen. Ich kleidete mich rasch an: der neue Anzug, der für mich bereit lag, war so hübsch, daß ich ordentlich in Verlegenheit kam, ich fühlte mich unsagbar wohlig und hatte das nie vergessene Wonnevorgefühl freier Tage, das ich seit meiner Jugend, seit jener glücklichen Zeit, wo ich zu den Sommerferien nach Hause eilte, nicht wieder empfunden hatte.

         Es schien mir noch sehr früh am Morgen zu sein. Als ich vom Korridor, wo mein Schlafzimmer war, nach dem Saal ging, trat mir Annie entgegen und gab mir einen Kuß als Zeichen der Freundschaft.

         [p. 116] «Gast, es freut mich, daß Sie früh auf sind,» rief sie, «an einem Junimorgen ist unsere Themse ein lieblicher Fluß. Und da Ihnen dieser Genuß nicht entgehen soll, so bin ich beauftragt, Ihnen draußen eine Tasse Milch und Brot zu geben und Sie zum Boot zu bringen, denn Dick und Klara sind schon dort.»

         Sie führte mich an der Hand hinaus auf die Terrasse über dem Fluß an ein zwischen Büschen verstecktes und von Bäumen beschattetes kleines Tischchen, wo meine Milch und mein Brot sich zu einem so leckeren Frühstück entwickelten, wie der verwöhnteste Gaumen es nur wünschen konnte; sie setzte sich zu mir, während ich atz. Nach wenigen Minuten kamen Dick und Klara, die letztere frisch wie der junge Tag und wundernett aussehend in einem hellseidenen, gestickten Kleide; Dick war ebenfalls sehr hübsch in gestickten weißen Flanell gekleidet.

         «Heute ist ein besonderer Tag,» sagte Dick, «ich werde Sie zur Heuernte führen. Diese ist im ganzen angenehmer als die Kornernte wegen des meist herrlichen Wetters, und wirklich, solange Sie nicht bei schönem Wetter auf dem Heufeld gearbeitet haben, können Sie nicht wissen, was angenehme Arbeit ist. Die Frauen und Mädchen sehen dabei so hübsch aus,» sagte er pfiffig, «so daß wir alles in allem betrachtet wohl recht haben, diese schone Zeit festlich zu begehen.»

         «Arbeiten die Frauen in seidenen Kleidern?» fragte ich lächelnd.

         Dick wollte mir eine ernsthafte Antwort geben, aber Klara legte ihm die Hand auf den Mund: «Nicht doch, Dick, er darf nicht zuviel belehrt werden. Laß es ihn selbst herausfinden, er braucht ja nicht lange zu warten.»

         «Ja,» sagte Annie, «mache deine Beschreibung nicht gar zu verlockend, sonst wird er enttäuscht, wenn der Vorhang aufgezogen ist. Doch nun ist es Zeit für euch, wenn ihr die Flut und den schönen Morgen genießen wollt. Leben Sie wohl, Gast.»

         Sie küßte mich in ihrer unbefangenen herzlichen Art und benahm mir dadurch beinahe die Lust zu dem Ausflug: ich mußte meine Gefühle aber zurückdrängen, da anzunehmen war, daß solch ein reizendes weibliches Wesen gewiß einen Geliebten ihres eigenen Alters haben würde.

          Wir stiegen die Stufen des Landungsplatzes hinab in ein zierliches Boot, das hübsch geschmückt war und groß genug, um uns und unseren Bedarf bequem fassen zu können. Gerade als wir einstiegen, kamen Boffin und der Weber, um uns abfahren zu sehen. Boffin hatte seinen Körper in einen einfachen und bequemen Arbeitsanzug gehüllt, den ein breitkrämpiger Hut krönte. Diesen nahm er ab, um uns mit seiner altspanischen Höflichkeit ein Lebewohl zuzuwinken. Dick stieß dann ab, ruderte kräftig--und [p. 117] Hammersmith mit seinen mächtigen Bäumen und schönen, am Wasser gelegenen Häusern entschwand bald unseren Augen.

         Beim Weiterfahren konnte ich nicht umhin, neben Dicks angedeutetes Bild von der Heuernte das Bild zu stellen, welches mir aus meiner Zeit in Erinnerung war. Namentlich die dabei beschäftigten Weiber erhoben sich vor mir, diese eckigen, plumpen, mageren, flachbrüstigen, häßlichen Gestalten, ohne Anmut der Bewegung oder des Gesichts, in ärmlichen Kaltunkleidern und abscheulichen Stroh schlapphüten, diese Vogelscheuchen, die lautlos und mechanisch ihre Rechen handhabten. Wie oft hat ein solcher Anblick mir die Lieblichkeit eines Junitags verdorben, wie oft hatte ich mich danach gesehnt, die Heufelder mit Männern und Frauen belebt zu sehen, die dem prachtreichen Überfluß des Sommers entsprächen, des Sommers mit seinem unendlichen Reichtum, seinem herrlichen Himmel und entzückenden Tönen und Düften. Aber nun war die Welt älter und weiser geworden, und ich sollte meine Hoffnung endlich erfüllt sehen.

Einer, der die alte Zeit lobt.

         So fuhren wir weiter, Dick ruderte gemächlich, Klara faß an meiner Seite und bewunderte feine männliche Schönheit und fein ehrliches, grundgutes Gesicht, und ich, ich dachte vermutlich an nichts. Als wir den Fluß weiter hinaufkamen, fand ich keinen Unterschied zwischen der Themse von heute und der Themse, an die ich mich noch erinnerte, denn abgesehen von der abscheulichen Geschmacklosigkeit der alten Londoner Cockneyvillen [Cockney--Spitzname des Stock-Londoners, des Londoner Philisters], in denen die Wohlhabenden: die Börsenmakler und ähnliche Leute, gewohnt und die früher die Schönheit der von Bäumen beschatteten Ufer verdorben hatten, war selbst damals der Anfang dieses Reviers der Themse immer noch hübsch. Und als wir durch das liebliche Grün hindurchglitten, da war mir, als kehre meine Jugend zurück und als beteiligte ich mich an einer der Wasserpartien, die mir so viele Freude gemacht zu einer Zeit, als ich mich noch zu glücklich fühlte, um an Unglück auf der Welt glauben zu können.

         Unser Mittagsmahl nahmen wir im Gästehaus von Hampton Court ein und fuhren nach der Rast einiger Stunden weiter.

         Ich machte einige schwache Versuche, die Ruder zu nehmen; Dick wies mich aber ab, offen gestanden gerade nicht zu meinem Bedauern, denn ich war durch die Freude an der herrlichen Gegend und meine eigenen Gedanken hinlänglich in Anspruch genommen. Was Dick betraf, so war es ganz in Ordnung, ihn rudern zu lassen, denn er war stark wie ein Pferd, und körperliche Anstrengung [p. 118] machte ihm das größte Vergnügen. Es kostete uns wirklich Mühe, ihn zum Anhalten zu bewegen, als wir in leuchtendem Mondschein bei Runnymede angekommen waren. Hier landeten wir und sahen uns nach einer Stelle um, wo wir unsere Zelte aufschlagen könnten. Ein alter Mann kam auf uns zu und fragte, guten Abend wünschend, ob wir Obdach für die Nacht hätten, und da er hörte, daß dies nicht der Fall war, bat er uns, zu ihm zu kommen. Nicht ungern nahmen wir seine Einladung an. Klara ergriff liebevoll feine Hand, wie sie es bei älteren Leuten zu tun pflegte, und machte, während wir unseres Weges gingen, einige allgemeine Bemerkungen über den schönen Tag. Der alte Mann blieb stehen, sah sie an und sagte: «Das Wetter gefällt Ihnen also wirklich?»

         «Ja,» sagte sie, offenbar erstaunt, «Ihnen nicht?»

         «Nun,» antwortete er, «vielleicht doch. Jedenfalls gefiel es mir so, als ich jünger war, jetzt aber wünschte ich es etwas kühler.»

         Sie sagte nichts und ging weiter, bis wir--es war inzwischen so ziemlich dunkel geworden--gerade am Fuße eines Hügels zu einer Hecke mit einem Pförtchen kamen, das der alle Mann öffnete. Wir traten in einen Garten und hatten vor uns ein kleines Haus, durch dessen Fensterchen uns Licht entgegenschimmerte. Selbst bei dem zweifelhaften Licht des Mondes und dem letzten Schein von Westen her konnten wir sehen, daß der Garten voller Blumen war; der Duft, den sie in der Abendkühle ausströmten, war so wunderbar lieblich, daß wir alle drei unwillkürlich stehen blieben und Klara ein süßes «Oh!» aushauchte wie ein Vogel, der anfangen will zu singen.

         «Was gibt’s?» fragte der alte Mann etwas grämlich, «hier ist kein Hund, oder sind Sie in einen Dorn getreten und haben sich den Fuß verletzt?»

         «Nein, nein, Nachbar,» sagte sie, «aber wie reizend, wie reizend ist es!»

         «Natürlich ist es ganz hübsch, was ist da zu bewundern?»

         Sie lachte glockenhell, und wir folgten ihrem Beispiel mit unseren rauhen Stimmen.

         «Ich will mit Ihnen nicht rechten,» meinte unser Wirt; «es ist nicht der Mühe wert. Kommen Sie herein und nehmen Sie Ihr Abendbrot.»

         Wir schritten über einen gepflasterten Fußweg zwischen blühenden Rosen geradeaus ins Haus, wo wir in ein sehr hübsches Zimmer geführt wurden, das getäfelt und mit reichem Schnitzwerk verziert war.

         Der Hauptschmuck aber war ein junges blondhaariges und grauäugiges Mädchen, das Gesicht, die Hände und die nackten Füße von der Sonne ganz braun gebrannt. Sie war sehr leicht und einfach gekleidet, jedoch mit Absicht und nicht aus Armut, wie ich [p. 119] sofort erkannte, obgleich dies die ersten Hüttenbewohner waren, denen ich begegnete. Das Mädchen lag auf einem Schaffell am Fenster, sprang aber bei unserem Eintreten rasch auf. Als sie die Gäste hinter dem alten Manne herannahen sah, klatschte sie vergnügt in die Hände, jubelte, und nachdem sie uns in die Mitte des Zimmers geleitet hatte, tanzte sie vor Freude über unseren Besuch um uns herum.

         «Wie,» sagte der alte Mann, «du freust dich, Ellen?»

         Das Mädchen tanzte zu ihm hin, schlang den Arm um feinen Nacken und sagte: «Ja, das tue ich, Großvater, und du solltest dich auch freuen!»

         «Ja, ja, ich freue mich auch, so gut ich kann. Gäste, bitte, setzen Sie sich!»

         Dies alles kam mir sonderbar vor, sonderbarer wohl noch meinen Freunden als mir. Als der Wirt und seine Enkelin einmal nicht im Zimmer waren, benutzte Dick schnell die Gelegenheit, mir zuzuflüstern: «Ein Mißvergnügter, es gibt deren noch immer einige. Ehedem sollen sie aber eine wahre Landplage gewesen fein.»

         Der alte Mann kam wieder herein, während Dick noch sprach, und fetzte sich neben uns mit einem Seufzer, der in der Tat darauf berechnet war, von uns gehört zu werden. Da aber gerade in diesem Augenblick das Mädchen die Speisen hereinbrachte, so kümmerten wir uns nicht weiter um den alten Brummbär; wir stillten unseren Hunger, der nicht gering war, und ich hatte meine Freude an der Anmut, mit welcher die Enkelin sich bewegte.

         Speisen und Getränke, obgleich etwas verschieden von dem, was wir in London hatten, waren gut. Der alte Mann jedoch betrachtete mißvergnügt die Hauptschüssel, auf der mehrere Barsche lagen, und sagte:

         «Hm, Barsch! Es tut mir leid, daß wir Ihnen nichts Besseres bieten können, meine Gäste. Es gab eine Zeit, wo wir ein gutes Stück Lachs von London für Sie hätten beschaffen können, allein die Zeiten sind eben schmal und schlecht geworden.»

         «Ja, aber du hättest auch jetzt Lachs haben können,» sagte das Mädchen kichernd, «wenn du gewußt hättest, daß sie kommen.»

         «Es ist unser Fehler, daß wir keinen Lachs mitbrachten,» sagte Dick gutgelaunt. «Wenn die Zeiten schlecht geworden sind, dann doch gewiß nicht die Barsche. Der Bursche hier in der Mitte muß gut zwei Pfund gewogen haben, als er feine schwarzen Streifen und roten Flossen den Elritzen dort zeigte. Und was den Lachs betrifft, so war mein Freund hier, der vom Ausland kommt, gestern morgen ganz erstaunt, als ich ihm sagte, daß es Massenhaft Lachse in Hammersmith gibt. Ich für mein Teil habe vom Schlechterwerden der Zeiten nichts gehört und nicht gemerkt.»

         [p. 120] Er sah etwas unmutig drein. Der alte Mann wendete sich zu mir und sagte sehr höflich: «Wohl, mein Herr, ich bin sehr glücklich, jemanden von jenseits des Wassers zu sehen, und ich bitte Sie, mir einige Fragen zu beantworten.»

         «Was wollen Sie wissen?» fragte ich.

         «Erstens--entschuldigen Sie mein Katechisieren--, gibt es in dem Lande, aus dem Sie kommen, noch Konkurrenz nach der alten Art?»

         «Ja, die ist dort die Regel.»

         Ich war nun begierig, welch’ neue Verwicklungen meine Antwort herbeiführen würde.

         «Erlauben Sie,» sagte der alte Bursche, «Frage Nummer zwei: Sind Sie infolgedessen nicht im allgemeinen freier, energischer--mit einem Worte gesünder und glücklicher als wir?»

         Ich lächelte. «Sie würden nicht so sprechen, wenn Sie nur irgendeinen Begriff von unserem Leben hätten. Mir ist, als lebten Sie im Himmel verglichen mit dem Leben in dem Lande, aus welchem ich komme.»

         «Im Himmel? Lieben Sie den Himmel?»

         «Ja,» erwiderte ich, wohl etwas ärgerlich, denn seine Art, mich zu befragen, fing an mir unangenehm zu werden.

         «Ich bin weit davon entfernt, Ihrer Meinung zu fein,» lenkte der alte Mann ein, «denn ich glaube, man kann mit dem Leben etwas Besseres anfangen, als im Himmel auf einer feuchten Wolke zu fitzen und Hymnen zu singen.»

         Ich ärgerte mich und bemerkte: «Nachbar, um kurz zu sein und keine Bilder zu gebrauchen, sage ich Ihnen: in dem Lande, aus welchem ich komme und wo die Konkurrenz, nach welcher Sie sich sehnen, noch die Herrschaft hat, sind die meisten Menschen sehr unglücklich, hier dagegen, so scheint es mir wenigstens, sind alle Menschen glücklich.»

         «Nehmen Sie es nicht für ungut,» erwiderte der Alte, «aber erlauben Sie mir zu fragen, ob Ihnen unser sogenanntes Glück gefällt?»

         Diese Fragen, die er mit so eigensinniger Zähigkeit fortsetzte, machten uns alle herzlich lachen, und der alte Mann lachte selbst heimlich mit. Nichtsdestoweniger war er in keiner Weise geschlagen und fuhr sogleich fort:

         «Nach allem, was ich höre, sollte ich denken, daß ein so hübsches Mädchen wie meine Ellen in früherer Zeit eine Dame geworden wäre und nicht wie jetzt sich von der Sonne verbrennen lassen muß. Was sagen Sie dazu?»

         Jetzt fiel Klara, die bisher geschwiegen hatte, in das Gespräch ein: «Ich glaube wirklich nicht, daß sie es besser gehabt hätte oder [p. 121] daß die Verhältnisse verbessert zu werden brauchen. Sehen Sie nicht, daß sie für dieses herrliche Wetter vorzüglich gekleidet ist? Und was den Sonnenbrand auf Ihren Heufeldern anbelangt, so hoffe ich auch etwas davon abzubekommen, wenn wir weiter stromaufwärts sind. Ich kann gerade etwas Sonne für meine bleiche Haut gebrauchen.»

         Dabei streifte sie den Ärmel in die Höhe und legte ihren Arm neben den Ellens, die ihr zur Seite faß. Offen gestanden war es für mich ergötzlich zu sehen, wie Klara sich als feine Stadtdame aufspielte. Tatsächlich war sie so kräftig gebaut und hatte eine so reine Haut, wie man es nur bei den Gesündesten finden kann.

         Dick streichelte schüchtern den prächtigen Arm und zog den Ärmel wieder herunter, während Klara bei der Berührung errötete. Der alte Mann sagte lächelnd: «Ich vermute, er gefällt Ihnen nicht?»

         Ellen küßte ihre neue Freundin, und eine Zeitlang saßen wir schweigend da, bis Ellen mit wohlklingender Stimme ein sanftes Lied anstimmte und uns alle entzückte, insbesondere auch den alten Sauertopf, der sie liebevoll anblickte. Später sangen auch die anderen jungen Leute, und schließlich führte uns Ellen in die kleinen Schlafzimmer, die so duftend, sauber und schmuck waren wie die Ideale der alten Dichter des Landlebens. Meine Besorgnis vom Abend zuvor, daß ich wieder in der alten elenden Welt erwachen würde, wo das Vergnügen schal ist und die Hoffnung halbe Furcht, war durch die Lust des Abends ganz verscheucht worden.

Der zweite Tag.

         Obgleich mich kein roher Lärm weckte, konnte ich den nächsten Morgen doch nicht lange im Bett liegen, wo die Welt so heiter und trotz der Klagen des alten Mannes auch so glücklich erwacht zu sein schien.

         Ich stand auf und fand, so früh es auch noch war, daß schon jemand sich geregt hatte, denn alles in dem kleinen Wohnzimmer war geordnet, schmuck und nett und der Tisch zum Frühstück gedeckt. Ich hörte und sah aber niemand im Hause, und so trat ich hinaus, und nachdem ich ein paarmal durch den üppigreichen Garten gegangen war, schlenderte ich über die Wiese. Ich bemerkte nun, daß noch vier Häuser von beinahe gleicher Form auf der Erhöhung am Flusse standen. Die Wiese, auf der ich ging, war noch nicht gemäht, aber eine Reihe von niedlichen Hürden trennte sie von einer anderen Wiese ab, auf der das Heu gebunden wurde, ganz in derselben Weise wie in meiner Jugend. Unwillkürlich trugen meine Füße mich dahin: ich wollte doch wissen, wie die [p. 122] Grasschnitter in dieser besseren und glücklicheren Zeit aussahen, und außerdem hoffte ich auch Ellen dort zu finden. Ich blickte über die Hürden hinweg und sah, daß ich mich am Ende der langen Reihe von Heumachern befand, die das Gras umwendeten und ausbreiteten. Die meisten waren junge Frauen und Mädchen, ähnlich gekleidet wie Ellen am letzten Abend, in leichte Wolle mit freundlicher Stickerei. Die Männer trugen weiße, in hellen Farben gestickte Flanellanzüge. Die buntgekleideten Schnitter und Schnitterinnen gaben der Wiese dadurch das Aussehen eines farbigen Tulpenbeets. Alle arbeiteten freiwillig, aber gut und stetig, obgleich es lebhaft zuging wie in einem Hain voller Stare im Herbst. Ein halbes Dutzend Männer und Frauen kamen zu mir, gaben mir die Hand und boten mir den Morgengruß, richteten einige Fragen an mich: woher? und wohin? wünschten mir dann viel Glück und gingen wieder an ihre Arbeit. Ellen war zu meiner großen Enttäuschung nicht unter ihnen, aber gleich darauf sah. ich eine leichte Gestalt von dem oberen Heufeld kommen und unserem Hause zugehen. Es war Ellen mit einem Korbe in der Hand. Ehe sie noch das Gartentor erreichte, kamen Dick und Klara heraus und zu mir, Ellen im Garten zurücklassend. Wir gingen plaudernd nach dem Boot, aus dem wir nur das herausgenommen hatten, was der Nachttau beschädigen konnte. Nachdem Dick alles wieder in Ordnung gebracht hatte, kehrten wir nach dem Hause zurück.

         Auf dem Wege nahm ich wahr, daß Klara den Abstand zwischen ihr, der Städterin, und der Sommerlandschaft bemerkt haben mußte, die wir alle so sehr bewunderten: sie hatte sich diesen Morgen ebenso einfach und leicht gekleidet wie Ellen und trug nur leichte Sandalen.

         Der alte Mann empfing uns mit freundlichem Gruße in feinem Wohnzimmer, wollte aber bald wieder anfangen, das Lob der guten alten Zeit zu singen. Doch wir konnten ihm nicht viel Gehör schenken. Es war schon spät, und der Tag versprach heiß zu werden. Wir mußten uns zur Abfahrt rüsten.

         So machten wir uns denn auf den Weg nach unserem Boot. Ellen war in Gedanken und zerstreut und der alte Mann freundlich und höflich, als wenn er den Eindruck, den die Schroffheit seiner Ansichten auf uns gemacht, mildern wolle. Klara war heiter und ungezwungen dabei, aber sie schien mir doch etwas gedrückt. Ihr war es sicher nicht unangenehm, daß der Abschied herannahte; ich glaubte zu bemerken, daß sie öfter scheu und verstohlen nach Ellen blickte und deren wilde, dabei aber doch anmutige Schönheit bewunderte.

         Wir stiegen in das Boot, und Dick machte sofort die Ruder frei, tauchte sie ins Wasser und durchfurchte leicht den durch [p. 124] Wasserpflanzen etwas bedeckten Strom. In der Mitte des Flusses wendete ich mich um und sah, als ich unserem Wirte mit der Hand zuwinkte, daß Ellen sich an seine Schulter gelehnt hatte und die gesunden, apfelroten Wangen des Alten streichelte. Schmerzlich traf mich der Gedanke, daß ich das herrliche Mädchen niemals wiedersehen würde.

         Ich bestand jetzt darauf, auch einmal die Nuder nehmen zu dürfen, und behielt sie denn auch einen großen Teil des Tages, woraus sich erklärt, daß wir erst sehr spät den von Dick bestimmten Ort erreichten.

         Klara war sehr zärtlich gegen Dick, wie ich von meinem Sitze aus bemerken konnte, er dagegen war so ungezwungen heiter und lustig wie immer. Ich freute mich darüber, denn ein Mann von seinem Temperament hätte ihre Zärtlichkeit nicht ohne Verlegenheit aufnehmen können, wenn er von der Zauberin unseres letzten Aufenthaltsortes auch nur ein wenig bestrickt gewesen wäre.

         Die Fahrt selbst zeigte nichts Außerordentliches, sie trug den gleichen anmutigen Charakter wie die vom vorigen Tage.

         Es war schon ziemlich spät in der Nacht, als Dick anhub: «Und nun lustig, Gast, wir sind nahe am Ende unserer heutigen Fahrt. Ich muß Sie um Entschuldigung bitten, daß ich an keinem der Häuser hier oder weiter unten haltgemacht habe, aber ein Freund von Klara und mir, der in einem sehr hübschen Hause auf den Wiesen von Maple Durham wohnt, hat uns ausdrücklich gebeten, ihn auf unserem Wege die Themse aufwärts zu besuchen, und ich dachte, daß das kleine Stückchen Nachtfahrt Ihnen nicht unangenehm sein würde.»

         Er hätte mich nicht aufzumuntern brauchen, denn ich war so guten Mutes wie nur möglich; wenn auch die Fremdheit des glücklichen und ruhigen Lebens, das ich um mich herum beobachtete, etwas Abspannendes hatte, so empfand ich doch eine tiefe Befriedigung, die so verschieden wie möglich von Erschlaffung war: ich fühlte mich in Wirklichkeit wie neugeboren.

         Wir landeten gleich darauf da, wo der Fluß, wie ich mich erinnerte, eine Biegung nach Norden zu machte, bei dem alten Hause der Blunts, rechts endlose Wiesen und links eine Reihe herrlicher alter Bäume, die ihre Äste über das Wasser ausstreckten.

         Als wir aus dem Boote stiegen, fragte ich Dick: «Gehen wir nach dem alten Haufe?»

         «Nein,» erwiderte er, «obgleich es in seinem ehrwürdigen grauen Aller noch sieht und bewohnt ist. Beiläufig habe ich bemerkt, daß Sie Ihre Themse noch gut kennen. Aber mein Freund Walter Allen, der mich eingeladen hat, wohnt in einem nicht sehr großen Hause, das erst kürzlich erbaut wurde. Diese Wiesen sind nämlich [p. 125] ganz besonders im Sommer so sehr besucht, daß es zu viele Zelte im Freien gab und die Gemeinden der Umgegend, denen das nicht ganz angenehm war, drei Häuser zwischen hier und Eaversham errichteten und ein großes noch weiter oben. Sehen Sie da unten die Lichter von Walter Allens Haus?»

         Wir gingen nun bei strahlendem Vollmondlicht über die Wiese und kamen bald zu dem Hause, das niedrig, mit einem geräumigen viereckigen Platze in der Mitte gebaut war, so daß es genug Sonnenschein hatte. Dicks Freund, Walter Allen, der an der Türe gewartet, nahm uns nach freundlicher Begrüßung, ohne überflüssige Worte zu machen, mit in die Halle. Wir fanden nur wenige Leute darin, weil einige der Bewohner beim Heumachen in der Nachbarschaft waren, andere, wie Walter uns sagte, auf den Wiesen, um die herrliche Mondnacht zu genießen.

         Dicks Freund sah wie ein Mann von ungefähr vierzig Jahren aus. Er war schlank, mit schwarzem Haar, freundlich und nachdenklich. Auf feinem Gesicht lag aber zu meinem Erstaunen ein Schatten von Schwermut, und er schien etwas zerstreut unserem Gespräch zuzuhören.

         Dick schaute ihn von Zeit zu Zeit an; er war offenbar etwas beunruhigt. Nach einer kurzen Pause sagte er: «Höre, alter Bursche, wenn irgend etwas los ist, wovon wir nichts wußten, als du uns schriebst, dann besser gleich heraus mit der Sprache! Sonst müssen wir denken, daß wir zu einer ungelegenen Zeit hergekommen und nicht erwünscht sind.»

         Walter wurde rot und schien mit Mühe die Tränen zurückzuhalten; endlich sagte er: «Natürlich ist jedermann hier sehr erfreut, dich, Dick, und deine Freunde hier zu sehen, wahr aber ist, daß es uns nicht zum besten geht, trotz des herrlichen Wetters und der prachtvollen Heuernte. Wir haben einen Todesfall gehabt.»

         «Nun, darüber muht du dich hinwegsetzen, das sind unvermeidliche Dinge.»

         «Ganz recht,» meinte Waller, «allein dies war ein gewaltsamer Tod, und er droht noch einen zweiten, vielleicht sogar einen dritten nach sich zu ziehen. Und wir sind gegenseitig etwas befangen und mißtrauisch geworden;--die Wahrheit zu sagen, das ist auch der Grund, warum heule abend so wenige hier sind.»

         «Erzähle uns die Geschichte, Malter, vielleicht verschwindet beim Erzählen deine Verstimmtheit.»

         «Ja, ich will es tun. Ich will die Geschichte ganz kurz erzählen, obgleich man sie lange ausspinnen könnte, wie es bei solchen Anlassen in den alten Romanen zu geschehen pflegte. Also hier ist ein reizendes Mädchen, welches wir alle gern haben und welches einige von uns noch mehr als nur gern haben. Sie fand natürlich [p. 126] an einem von uns größeren Gefallen als an den anderen. Und einer der anderen--seinen Namen will ich nicht nennen--wurde völlig vom Liebeswahnsinn ergriffen und machte sich durch sein Betragen so unangenehm, wie er nur konnte--nicht aus Bosheit, sondern von seiner Leidenschaft hingerissen--, so daß das Mädchen, welches ihn anfänglich ganz gut leiden konnte, obgleich sie ihn nicht lieble, nun eine wirkliche Abneigung gegen ihn bekam. Selbstverständlich gaben wir alle, die ihn kannten, und so auch ich, ihm den Rat, von hier wegzugehen, weil er sich seine Aussichten selbst immer mehr verdarb. Er wollte unseren wohlgemeinten und gewiß auch vernünftigen Rat aber nicht annehmen, und so sahen wir uns genötigt, ihm zu sagen, daß er gehen müsse, oder wir würden den Verkehr mit ihm abbrechen, denn sein persönlicher Kummer hatte ihn in einen solchen Gemütszustand versetzt, daß wir fühlten, wenn er nicht gehe, müßten wir gehen.

         Er nahm dies besser auf, als wir erwartet hatten, allein mit einem Male kam er durch irgend etwas, vielleicht durch eine Besprechung mit dem Mädchen oder durch einige hastige Worte des bevorzugten Liebhabers, ganz aus dem Gleichgewicht, er ergriff eine Axt und überfiel feinen Nebenbuhler, als niemand in der Nähe war. Bei dem Kampfe, der nun folgte, versetzte ihm der Angegriffene einen Schlag, der ihn tötete. Und nun ist der, welcher den unglücklichen Schlag geführt hat, so außer sich, daß er sich töten will; wenn er es tut, so fürchte ich, wird das Mädchen sich auch töten. Und dies alles konnten wir so wenig verhindern wie das Erdbeben vergangenes Jahr.»

         «Das ist eine recht schlimme Geschichte,» warf Dick ein, «aber der Mann ist tot und kann nicht mehr ins Leben zurückgebracht werden, und der Totschläger hat nicht böswillig gehandelt; ich kann daher nicht begreifen, warum er nicht bald darüber hinwegkommen sollte. Außerdem war es der Nichtige, der getötet wurde, und nicht der Falsche. Warum sollte ein Mann wegen eines unglücklichen Zufalles sein Leben lang sich Gewissensbisse machen? Und das Mädchen?»

         «Es scheint,» antwortete Walter, «daß die ganze Sache sie mehr mit Schrecken als mit Kummer erfüllt hat. Was du über den Mann sagst, ist wahr und sollte es sein; indes die Aufregung und Eifersucht, welche die Veranlassung zu dieser Tragödie waren, hat eine fieberhafte Stimmung in ihm erzeugt, der er sich noch nicht zu entziehen vermochte. Wir haben ihm geraten, auf einige Zeit fortzugehen, über die See, er ist jedoch in einem solchen Zustand, daß ich glaube, er geht nur, wenn jemand ihn begleitet, und ich vermute, daß mich das Los treffen wird, dies zu tun, und das ist gerade keine angenehme Aussicht für mich.»

         [p. 127] «O, du wirst schon Interesse daran gewinnen,» bemerkte Dick. «Natürlich muh er früher oder später die Geschichte von einem vernünftigen Standpunkt aus betrachten lernen.»

         «Hoffen wir das,» entgegnete Walter: «nachdem ich mein Herz erleichtert, wollen wir für heute nicht mehr von der Sache sprechen.»

         Ich hatte der Erzählung mit großem Erstaunen zugehört. Zunächst wunderte ich mich, daß man den Mann, der einen anderen getötet, nicht ins Gefängnis gefetzt hatte, bis bewiesen war, daß er nur im Falle der Notwehr gehandelt habe. Je mehr ich aber nachdachte, desto klarer wurde es mir, daß noch so viele Zeugenaussagen nichts anderes hätten feststellen können, als daß die beiden Gegner aufeinander erbittert gewesen wären, was man auch ohne Zeugenaussagen wußte. Ich konnte nicht umhin, mir zu sagen, daß die Gewissensbisse dieses Totschlägers dem, was der alte Hammond über die Art, wie dieses wunderbare Volk das sogenannte Verbrechen behandelt, eine kräftige Bestätigung gaben. Gewiß, die Gewissensbisse waren übertrieben, allein es war ganz klar: der Totschläger nahm alle Folgen seines Tuns auf sich und erwartete nicht von der Gesellschaft, daß sie ihn durch Bestrafung wieder reinwasche. Ich fürchtete nicht länger, daß die Heiligkeit des menschlichen Lebens bei meinen Freunden unter dem Mangel an Galgen und Gefängnis leiden könne.

         Der dritte Tag auf der Themse.

         Als wir am nächsten Morgen zum Boote gingen, konnte Malter den Unterhaltungsgegenstand des letzten Abends nicht ganz unerwähnt lassen, obgleich er mehr Hoffnung hatte als vorher. Er schien zu glauben, der unglückliche Totschläger könne, falls er durchaus nicht über die See gehen wollte, auf jeden Fall irgendwo in der Nachbarschaft ganz gut eine Zeitlang für sich leben, wenigstens hatte er ihm dies vorgeschlagen. Dick und auch mir erschien dieses Heilmittel etwas sonderbar; Dick sprach das auch aus:

         «Freund Walter, laß den Mann doch nicht über die Tragödie brüten, indem du ihn zur Einsamkeit verurteilst. Er wird nur in dem Gedanken bestärkt, daß er ein Verbrechen begangen habe, und kommt schließlich dazu, daß er sich selbst tötet.»

         Hierauf bemerkte Klara: «Wenn ich sagen soll, was ich von der Sache denke, so glaube ich, es wäre das beste, wenn man ihn jetzt seinen Kummer bis zur Neige auskosten läßt, dann wird er zuletzt sehen, wie wenig Grund er hat, sich des Lebens für unwürdig zu halten: später wird er dann glücklich leben. Daß er Selbstmord begehe, das fürchte ich nicht, denn nach allem, was Sie mir sagen, [p. 128] iebt er das Mädchen sehr, und um offen zu sprechen, solange seine Liebe nicht befriedigt ist, wird er sich so fest er nur kann ans Leben anklammern.»

         Walter blickte nachdenklich vor sich hin und sagte: «Wohlan denn, Sie können recht haben, vielleicht hätten wir alles weniger tragisch auffassen sollen, Sie sehen aber, Gast,» sagte er, sich zu mir wendend, «solche Dinge kommen so selten vor, daß, wenn sie einmal geschehen, wir von ihnen ganz in Anspruch genommen sind. übrigens verzeihen wir alle gerne unserem Freunde, daß er uns so unglücklich macht, weil er es aus Achtung vor dem menschlichen Leben und Glück tut.» Und zu Dick gewendet fuhr er fort: «Willst du mich stromaufwärts eine Strecke mitnehmen? Ich will mich nach einer abgelegenen Wohnung für den armen Burschen umsehen, da er es nun einmal so haben will; ich hörte, daß dort ein Eckchen ist, das sehr gut für ihn passen würde, auf den Dünen bei Streatley; wenn du mich dort ans Ufer setzen willst, werde ich den Hügel hinaufgehen und mir das Haus ansehen.»

         «Ist das betreffende Haus leer?» fragte ich.

         «Nein,» erwiderte Walter, «aber der Mann, der jetzt drin ist, wird ausziehen, sobald er hört, daß wir das Haus brauchen. Wir hoffen, daß die frische Luft der Dünen und die Einförmigkeit der Landschaft unserem Freunde gut tun wird.»

         «Und», fügte Klara schalkhaft lächelnd hinzu, «er wird nicht so weit von der Geliebten fein, daß sie nicht zusammenkommen könnten, wenn sie Lust haben, die nicht fehlen wird.»

         Unter diesem Gespräch kamen wir ans Boot, und bald waren wir mitten auf dem herrlichen, breiten Strom, Dick trieb das Boot pfeilschnell durch die windstille Flut des Sommermorgens.

         An einer Biegung des Flusses begegneten wir einem halben Dutzend Mädchen, die auf dem Rasen am Ufer spielten. Sie begrüßten uns freundlich--daß wir Reifende waren, hatten sie sofort gemerkt--, und wir hielten an, um einen Augenblick mit ihnen zu plaudern. Sie hatten eben gebadet und waren leicht gekleidet und barfuß. Die Mädchen hatten die Wiesen auf der Berkshireseite, wo das Heumachen im Gange war, übernommen und vertrieben sich die Zeit mit heiteren Scherzen, bis die Leute vom anderen Ufer mit einem Boote kamen, um sie abzuholen. Sie wollten uns durchaus ins Heu und zum Frühstück mitnehmen, doch Dick bestand auf feiner Absicht, den Heuschnitt weiter stromaufwärts zu beginnen, und er wollte nicht, daß mir der Genuß durch einen Vorgeschmack verdorben würde. Die Mädchen fügten sich, wenn auch ungern. Wie aus Rache richteten sie eine Menge Fragen an mich, über das Land, von dem ich komme, über die Art, wie man dort lebe usw., kurz, lauter Fragen, die ich nicht recht zu be- [p. 129] antworten wußte. Ich half mir, so gut es ging; was ich antwortete, war ihnen aber gewiß unverständlich. Ich bemerkte, daß diese hübschen Mädchen gleich jedermann, dem ich begegnete, sich gerne über die kleinen Einzelheiten des Lebens unterhielten. Sie sprachen indes über diese Dinge mit wirklichem, lebendigem Interesse. Auch fand ich, daß die Frauen ebensogut unterrichtet waren wie die Männer: sie kannten die Namen aller Blumen und deren Eigenschaften, wußten, wo und wie dieser oder jener Vogel oder Fisch lebt usw. Die Bildung, welche ich hier fand, änderte sehr wesentlich meine Ansichten über das Landleben. Früher pflegte man zu sagen, und im ganzen mit Recht, daß die Landleute außer dem Bereich ihrer Arbeit sehr wenig vom Lande wüßten; während hier die Leute über alles, was auf den Feldern, den Wäldern, im Wasser und auf den Dünen vorgeht, wohlunterrichtet waren.

         Bevor wir uns von den Mädchen trennten, sahen wir vom Berkshireufer ein Boot abstoßen. Dick frug die jungen Mädchen, ob es für sie zum Abholen bestimmt sei.

          «Gewiß,» antworteten Sie, «auf die anderen hätten wir lange warten können. Die haben das große Fahrzeug genommen, um Steine von oben zu holen.»

         «Wen meinen Sie denn mit,den anderen’?» fragte Dick.

         Worauf lachend ein älteres Mädchen erwiderte: «Sie gingen besser selbst hin und sähen sie sich an. Sehen Sie dort,» und sie zeigte auf einen nördlich von uns gelegenen Hügel, «merken Sie nicht, wie dort gebaut wird?»

          «Ja,» sagte Dick, «und eigentlich erstaunt mich das in dieser Jahreszeit; warum machen sie nicht mit Ihnen Heu?» ! Die Mädchen lachten alle laut auf, und noch ehe sie geendet, Metz das Berkshireboot an das Ufer, und die Mädchen hüpften hinein und nahmen Platz, während die neuen Ankömmlinge uns freundlich begrüßten.

         Bevor sie abfuhren, rief das Mädchen: «Entschuldigen Sie, Nachbar, unser Lachen, wir hatten eben einige freundschaftliche Meckereien mit den Bauleuten dort oben, und da wir keine Zeit haben, Ihnen das Nähere mitzuteilen, so fragen Sie am besten die Bauleute selbst, sie werden sich freuen, Sie zu sehen, wenn Sie sie nicht bei der Arbeit stören.»

         Alle lachten wieder und winkten uns ein freundliches Lebewohl zu, währenddessen ihr Boot, durch einige kräftige Ruderschläge in Bewegung gesetzt, sie hinüber nach dem anderen Ufer brachte.

         «Gehen wir zu ihnen!» schlug Klara vor. «Das heißt, wenn Sie nicht Eile haben, nach Streatley zu kommen, Walter!»

         [p. 130] «O nein,» antwortete Walter, «ich freue mich, daß ich eine Entschuldigung habe, etwas länger in Ihrer Gesellschaft verweilen zu können.»

         So befestigten wir unser Boot und stiegen den Hügel hinauf. Unterwegs fragte ich Dick, was das Lachen der Mädchen bedeutet habe.

         «Ich kann mir den Grund ganz gut denken,» beschied mich Dick, «einige von denen da aufwärts haben eine Arbeit, die sie in Anspruch nimmt, und sie gehen deshalb nicht zum Heumachen, was auch gar nichts schadet, weil für diese leichte schwere Arbeit Leute genug da sind. Da aber das Heumachen ein Fest ist, so werden die Bauleute von den Nachbarn ein bißchen geneckt.»

         «Ich sehe,» sagte ich, «es ist gerade, als wenn zu Dickens’ Zeit einige junge Leute so in ihre Arbeit vertieft gewesen wären, daß sie Weihnachten zu feiern vergaßen.»

         «Geradeso,» meinte Dick, «nur brauchen die Leute auch nicht einmal jung zu sein.»

         «Was aber meinten Sie mit ,leichter schwerer’ Arbeit?»

         Darauf antwortete Dick: «Gebrauchte ich den Ausdruck? Ich meinte Arbeit, welche die Muskeln erprobt und stärkt und uns angenehm für gesunden Schlaf ermüdet, sonst aber nicht anstrengend ist, kurz, Arbeit, die uns nicht erschöpft. Solche Arbeit ist immer angenehm, wenn man sie nicht im Übermaß treibt. Nur müssen Sie bedenken, daß richtiges Mähen einige Geschicklichkeit erfordert.»

         In solchem Gespräch erreichten wir das im Bau begriffene, nicht große Haus am Ende eines herrlichen Obstgartens, den eine alte Steinmauer umgab.

         «Ach ja,» sagte Dick, «ich erinnere mich, ein prächtiger Platz für ein Haus, auf dem einst ein Jammerhaus aus dem neunzehnten Jahrhundert stand. Ich bin froh, daß sie es abgerissen haben und ein neues bauen; es ist ganz von Stein, was in diesem Teil des Landes allerdings nicht nötig gewesen wäre. Doch mein Wort darauf, sie machen vortreffliche Arbeit.»

         Malter und Klara hatten unterdessen mit einem Steinhauer, der vielleicht vierzig Jahre alt war, eine Unterhaltung begonnen. Er hatte Hammer und Meißel in der Hand; in der Bauhütte und auf dem Gerüst arbeiteten noch etwa ein halbes Dutzend Männer und zwei Frauen, die Kittel trugen wie die Männer, während eine sehr hübsche Frau, die nicht mitarbeitete und einen geschmackvollen Anzug von blauer Leinwand trug, auf uns zukam.

         Die schöne Frau bewillkommnete uns und sagte lächelnd:

         «Ah, Sie haben sich herbemüht, um die hartnäckigen Verweigerer zu sehen; wohin gehen Sie zum Heumachen, Nachbar?»

         [p. 132] «Hinter Oxford,» erwiderte Dick, «die Ernte ist dort etwas spät. Wie sind Sie aber unter die Verweigerer geraten?»

         Lachend antwortete sie: «Ich bin die Glückliche, die nicht zu arbeiten braucht; ich diene Frau Philippa dort als Modell, wenn sie eins braucht, denn sie ist unsere beste Bildhauerin. Kommen Sie mit zu ihr.»

         Sie führte uns zur Türe des noch unfertigen Haufes, wo eine kleine Frau mit Hammer und Meißel an der Mauer arbeitete. Sie schien sehr vertieft in ihre Arbeit und wendete sich bei unserem Nahen nicht um; allein ein großes, noch mädchenhaft aussehendes Weib, das in der Nähe arbeitete, hatte sich schon umgewandt und blickte mit fröhlichen Augen auf Klara und Dick. Keines der anderen schenkte uns viel Aufmerksamkeit.

         Die blaugekleidete Frau legte ihre Hand auf die Schulter der Bildhauerin und sagte: «Nun, Philippa, wenn Sie Ihre Arbeit so eifrig verrichten wie jetzt, dann werden Sie bald keine mehr haben, und was wird dann aus Ihnen werden?»

         Die Bildhauerin drehte sich rasch um, sie zeigte uns das Gesicht einer Frau von etwa vierzig Jahren--so alt schien sie mir wenigstens zu sein--, und sagte ein bißchen ärgerlich, jedoch mit sanfter Stimme:

         «Sprich keinen Unsinn, Kate, und unterbreche mich nicht, wenn du es vermeiden kannst.» Sie hielt plötzlich inne, als sie uns sah, und bewillkommnete uns mit dem freundlichen Lächeln, das man überall für uns hatte. «Ich danke Ihnen, Nachbarn, daß Sie gekommen sind, uns zu besuchen; Sie werden mir aber erlauben, an meiner Arbeit fortzufahren, zumal wenn ich Ihnen sage, daß ich den ganzen April und Mai krank war und nicht arbeiten konnte. Die frische Luft, die Sonne und die Arbeit zusammen mit dem Gefühl, wieder gesund zu sein, das macht mir jede Stunde zu einem Hochgenuß. Also entschuldigen Sie, ich muß fortfahren mit meiner Beschäftigung.»

         Und sie kehrte zu ihrem Basrelief von Blumen und Figuren zurück, was sie jedoch nicht hinderte, zwischen den Hammerschlägen mit uns zu sprechen.

         «Sehen Sie, wir alle glauben, daß in dem ganzen oberen und unteren Flußgebiet dies der schönste Platz für ein Haus ist; er war aber bisher von einem unwürdigen Gebäude eingenommen, so daß wir uns entschlossen, alles wieder gutzumachen und das schönste Haus, das wir zustande bringen können, hier aufzurichten.»

         Und dann richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit wieder auf die Arbeit. Der Merkführer bemerkte es und wandte sich zu uns:

         «Ja, Nachbarn, so ist es; wir wollen eine besonders gute und schöne Arbeit tun; ein Basrelief von Blumen und von Menschen-[p. 133] und Tierbildern soll das Haus zieren; durch dieses und jenes sind wir in der Ausführung gehemmt worden, unter anderem durch Philippas Krankheit, obgleich wir auch ohne sie fertig geworden wären--»

         «Glauben Sie das wirklich?» brummte Philippa, von ihrer Arbeit aufsehend.

         «Jedenfalls ist sie unsere beste Bildhauerin, und es wäre von uns nicht freundlich gewesen, die Arbeit ohne sie zu beginnen. Sie sehen,» sagte er. Dick und mich anblickend, «daß wir wirklich nicht ins Heu gehen konnten, nicht wahr, Nachbarn? Bei diesem herrlichen Wetter kommen wir aber mit unserer Arbeit so rasch voran, daß wir acht bis zehn Tage für die Weizenernte herausschlagen werden. Kommen Sie dann zu den Feldern nordwestlich von hier, und Sie werden tüchtige Schnitter dort finden.»

         «Hurra, gut geschwätzt!» rief eine Stimme vom Gerüst über uns. «Unser Merkführer hält dies für leichtere Arbeit, als einen Stein auf den anderen zu setzen.»

         Dieser Ausfall rief ein allgemeines Gelächter hervor, in welches der Werkführer mit einstimmte. Wir sahen nun, wie ein Bursche einen Tisch in den Schatten des Steinschuppens brachte und dann die unvermeidliche große weidenumflochtene Flasche mit den hohen Gläsern Holle, worauf der Werkführer uns auf Steinblöcken Platz nehmen ließ mit den Worten:

         «Trinken Sie, Nachbarn, daß mein Geschwätz wahr werde, oder ich muß annehmen, daß Sie mir nicht glauben. Ihr da oben,» rief er denen auf dem Gerüst zu, «kommt ihr zu einem Glase herunter?»

         Drei Arbeiter kamen die Leiter heruntergelaufen, wie Leute mit guten «Baubeinen» es zu machen pflegen; die anderen antworteten nicht, mit Ausnahme des lustigen Bruders, wenn ich ihn so nennen darf, der uns, ohne sich umzuwenden, zurief:

         «Entschuldigt mich, Nachbarn, daß ich nicht hinunterkomme, ich muß fortfahren, meine Arbeit ist kein bloßes Zusehen wie die der Bummler da unten; schickt uns aber ein Glas herauf, daß wir auf die Gesundheit der Heuschnitter trinken können.»

          Selbstverständlich ging Philippa nicht von ihrer geliebten Arbeit weg; die andere Bildhauerin aber kam. Sie war, wie sich herausstellte, Philippas Tochter, ein großes, kräftiges Mädchen mit schwarzem Haar, einem Zigeunergesicht und merkwürdig feierlicher Art. Die übrigen traten zu uns und stießen mit uns an; auch der Mann auf dem Gerüst wendete sich uns zu und leerte sein Glas auf unsere Gesundheit. Die geschäftige kleine Frau am Tore wollte von nichts wissen; sie zuckte nur mit den Schultern, als ihre Tochter zu ihr kam und sie leise anstieß.

         [p. 134] Wir verabschiedeten uns nun mit einem Händedruck von den «hartnäckigen Verweigerern» und gingen den Abhang hinunter nach unserem Boot. Wir hatten nur wenige Schritte getan, so hörten wir auch schon das Klingen der Maurerkellen, sich mischend mit dem Summen der Bienen und Getriller der Lerchen über der kleinen Ebene von Basildon.

         Am Berkshireufer, inmitten all der Schönheiten von Streatley, stieg Walter aus, und wir drangen in das innere Land vor bis zum Fuße des Hügels von White Horse, und da der Gegensatz zwischen Land und Stadt nicht mehr bestand, so überkam mich ein Gefühl unaussprechlicher Wonne beim Anblick der bekannten und noch unveränderten Hügel von Berkshire.

         Wir blieben in Wallingford zu Mittag; alle Spuren von Armut und Unreinlichkeit waren aus den Straßen der alten Stadt verschwunden; viele häßliche Häuser waren abgerissen und dafür viele schöne neue erbaut worden. Doch wunderte es mich, daß die Stadt noch so aussah, wie ich sie in der Erinnerung hatte--tatsächlich sah sie so aus, wie sie damals hätte aussehen sollen.

         Bei Tische trafen wir einen alten, sehr aufgeweckten und geistvollen Mann, der in seiner ländlichen Art eine zweite Ausgabe des alten Hammond zu sein schien. Er besaß eine erstaunlich genaue Kenntnis der alten Geschichte des Landes von den Zeiten Alfreds bis zu den Tagen der Parlamentskriege, die sich, wie man weiß, zum Teil um Wallingford herum abspielten. Was mich jedoch am meisten interessierte, war, daß er über die Zeit des Überganges von dem alten in den jetzigen Zustand genau unterrichtet war und uns viel davon erzählte, besonders von dem Auszug des Volkes aus der Stadt auf das Land und von dem allmählichen Aufschwung des Volkes--wie die Stadtleute auf der einen und die Landbevölkerung auf der anderen Seite die Künste des Lebens, die ihnen abhanden gekommen waren, allmählich wiedereroberten. So vollständig hatte man jene Künste verloren, daß es, wie der alte Mann erzählte, nicht nur unmöglich war, einen Schreiner oder einen Schmied in einem Dorfe oder einem kleinen Landstädtchen zu finden, sondern daß auch die Leute an diesen Orten vergessen hatten, wie man Brot backt, und daß zum Beispiel nach Wallingford das Brot durch einen Frühzug zusammen mit den Zeitungen aus London gebracht werden mußte. Weiter erzählte er uns auch, daß die Stadtleute, die auf das Land kamen, die Kunst der Landwirtschaft dadurch erlernten, daß sie genau beobachteten, wie die Maschinen arbeiteten und durch die Maschinen [p. 135] einen Begriff von Handfertigkeit bekamen, denn damals wurde fast alle Feldarbeit von kunstvollen Maschinen verrichtet, die von den sie handhabenden Arbeitern gar nicht verstanden wurden. Gleichzeitig gaben die älteren unter den Arbeitern sich Mühe, die jüngeren zu unterrichten und ihnen nach und nach die vergessenen Kunstgriffe und Geschicklichkeiten beizubringen. Die Menschen hatten sich daran gewöhnt, alles durch Maschinen machen zu lassen) sie waren dadurch selbst Maschinen und unfähig geworden, die einfachste selbständige Arbeit zu verrichten. Zu allen, auch den kleinsten Arbeiten brauchte man Maschinen, so daß man von ihnen ganz abhängig war. Der alte Mann zeigte uns unter anderem den amtlichen Bericht über die Gemeinderatsverhandlungen eines gewissen Dorfes. Da konnte ich sehen, wie die Leute sich plagen mußten, um die gewöhnlichsten Sachen zu erledigen, um Dingen auf den Grund zu kommen, die früher jedem Kinde bekannt gewesen waren; zum Beispiel um das richtige Verhältnis von Alkali und Öl zur Bereitung von Waschseife zu finden, oder den Hitzegrad, den das Wasser haben muß, wenn man das Hammelfleisch hineintut usw. Der Ernst dieser Verhandlungen, verbunden mit der gänzlichen Abwesenheit jedes Parteigeistes, der in der früheren Epoche sicherlich zum Vorschein gekommen wäre, machte diese Berichte überaus unterhaltend und zugleich belehrend.

         Der alte Mann, er hieß Henry Morsum, führte uns, nachdem wir unser Mahl eingenommen und uns ausgeruht hatten, in eine große Halle, die eine bedeutende Sammlung von Fabrik- und Kunstgegenständen aus den letzten Tagen des Maschinenzeitalters bis in die neueste Zeit enthielt. Er ging alles im einzelnen mit uns durch und erklärte alles eingehend und mit großer Sorgfalt. Auch diese Gegenstände waren sehr interessant, weil sie den Abergang von der Maschinenarbeit zur Handarbeit in der ersten Zeit der neuen Epoche vor Augen führten. Natürlich konnte die Handarbeit sich nur sehr langsam vervollkommnen.

         «Sie werden sich erinnern,» sagte der greise Altertumsforscher, «daß die Handarbeit nicht die Frucht dessen war, was man gewohnlich materielle Not oder Notwendigkeit nennt) im Gegenteil, mit der Zeit hatten sich die Maschinen so verbessert, daß beinahe alle nötige Arbeit durch sie verrichtet werden konnte. Viele Leute glaubten damals, wie auch schon vorher, in allem Ernst, daß die Maschinen die Handarbeit ganz ersetzen würden. Und wirklich schien auch alles hierfür zu sprechen. Eine andere weniger logische Ansicht herrschte vor den Tagen der Freiheit unter den reichen Leuten und starb nach Beginn des neuen Zeitalters nicht so bald aus--und nach allem, was ich in Erfahrung gebracht, war sie damals ebenso natürlich, wie sie jetzt abgeschmackt ist--, nämlich die [p. 136] Ansicht: da das gewöhnliche Tagewerk der Welt von selbsttätigen Maschinen verrichtet werde, so könne der intelligentere Teil der Menschen sich nun ausschließlich der höheren Ausbildung in Kunst und Wissenschaft sowie dem Studium der Geschichte widmen. Es war merkwürdig--nicht wahr?--daß die Menschen das Bestreben nach vollständiger Gleichheit übersehen konnten, die wir jetzt als das wahre Band jeder glücklichen menschlichen Gesellschaft anerkennen.»

         Ich antwortete nichts, dachte aber um so mehr. Dick sah nachdenklich aus und sagte:

         «Merkwürdig, Nachbar? Ich weiß nicht, mein Urgroßvater meinte oft, das einzige Streben aller Menschen vor unserer Zeit sei dahin gegangen, der Arbeit zu entfliehen, oder sie hatten wenigstens geglaubt, daß dem so sei. So trug für sie die Arbeit, die das tägliche Leben ihnen aufzwang, mehr den Charakter der Arbeit als die Arbeit, welche sie sich selbst freiwillig wählten oder zu wählen glaubten.»

         «Sehr wahr,» stimmte Morsum ihm zu. «Wie dem auch sei, sie entdeckten bald ihren Irrtum und erkannten, daß nur Sklaven und Sklavenhalter einzig und allein von Maschinen leben können.»

         Hier fiel Klara eifrig ein: «War dieser Irrtum nicht die Folge des Sklavenlebens, das sie so lange geführt, eines Lebens, das alles Lebende und Nichtlebende--mit alleiniger Ausnahme des Menschengeschlechts--, das heißt die Natur, wie die Leute es nannten, von dem Menschengeschlecht trennte, so daß Mensch und Natur für die Menschen zwei ganz verschiedene Dinge waren? Und da die Leute so dachten, war es nur natürlich, daß sie versuchten, die Natur zu ihrer Sklavin zu machen--hielten sie doch die Natur für etwas außer ihnen Liegendes!»

         «Gewiß,» sagte Morsum, «die Leute wußten nicht, was sie tun sollten, bis sie fanden, daß die Abneigung gegen ein mechanisches Leben, die vor der großen Umwälzung bei Personen mit der Fähigkeit und Zeit zum Denken schon begonnen hatte, sich in aller Stille weiter und weiter verbreitete, bis endlich die Arbeit unter der Form von Vergnügen die mechanische Arbeit verdrängte, welche die Menschen einst wohl zu beschränken, aber niemals ganz los zu werden gehofft hatten, und die sich überdies auch ihrem ganzen Wesen nach gar nicht begrenzen lieh, wie mancher anfänglich gedacht hatte.»

         «Wann bekam diese neue Revolution feste Gestalt?» fragte ich weiter.

         «In den fünfzig Jahren, die zunächst auf die große Revolution folgten,» antwortete Morsum, «wurde sie erkennbar. Eine Maschine nach der anderen wurde außer Betrieb gesetzt mit der Be- [p. 137] gründung, daß sie keine Kunstwerke erzeugen könne, wie sie mehr und mehr verlangt wurden. Sehen Sie, hier sind Arbeiten aus jener Zeit--rohe und ungeschickte Handarbeit, aber doch dauerhaft und für den Gebrauch geeignet.»

         «Sehr merkwürdige Arbeiten,» sagte ich, aus den Altertümern, die er uns zeigte, ein Tongefäß herausnehmend, «es ist nicht die Arbeit von Wilden oder Barbaren, und doch tragen diese Sachen einen gewissen ,Haß gegen die Zivilisation’ zur Schau, wie man es einst zu nennen beliebte.»

         «Ja,» belehrte mich Morsum, «Sie dürfen hier keine Feinheit und Zartheit der Ausführung erwarten; damals konnte man diese Arbeit nur von einem, wenn auch nicht gesetzlich, doch tatsächlich zum Sklaven gemachten Menschen verfertigt bekommen. Jetzt aber»--und damit führte er mich etwas weiter, auf die Gegenstände zeigend--, «jetzt haben wir die Kunst der Handarbeit gelernt und der höchsten Verfeinerung der Arbeit die Freiheit der Phantasie und des Gedankens hinzugefügt.»

         Ich schaute hin und sah mit Bewunderung die Zierlichkeit und Schönheit der Arbeiten von Menschen, die endlich gelernt hatten, das Leben als ein Vergnügen und die Befriedigung der gewöhnlichen Bedürfnisse der Menschen als eine auch für den Besten geeignete Arbeit zu betrachten. Ich schwieg, einen Augenblick sinnend, und die Frage sprang mir dann auf die Zunge:

         «Was wird nach dieser Zeit kommen?»

         Der alte Mann erwiderte lachend: «Ich weiß es nicht: mit dem, was kommt, werden wir uns befassen, wenn es da ist.»

         «Inzwischen», sagte Dick, «haben wir uns mit der Aufgabe zu befassen, wie der Nest unseres Tages möglichst auszunützen ist. Verlieren wir keine Zeit--hinaus auf die Straße und hinunter an den Strand! Wollen Sie ein wenig mitkommen, Nachbar? Unser Freund ist auf Ihre Geschichten ganz versessen.»

         «Ich will bis nach Oxford mitfahren. Ich brauche ein paar Bücher aus der Bodleianischen Bibliothek [Eine der berühmtesten in England]. Ich nehme an, Sie werden in der alten Stadt schlafen?»

         «Nein,» sagte Dick, «wir gehen höher hinauf, die Heumahd wartet dort auf uns, wie Sie wissen.»

         Morsum nickte. Dann verabschiedeten wir uns, und wir drei gingen zusammen auf die Straße und stiegen etwas hinter der Stadtbrücke in das Boot. Aber gerade als Dick die Ruder einsetzte, wurde der Bug eines anderen Bootes durch den niedrigen Brückenbogen sichtbar. Beim ersten Blicke sah man, daß es ein sehr schmuckes und kleines Fahrzeug war, von lebhaft grüner Farbe und mit Blumen zierlich und kunstvoll bemalt. Als das [p. 138] Boot unter der Brücke hervorkam, erhob sich in ihm eine Gestalt so heiter und lieblich wie das Boot selbst. Es war ein schlankes Mädchen in hellblauem Seidengewand, das in dem Zugwind der Brücke flatterte. Ich glaubte die Gestalt zu kennen, und wirklich, als sie den Kopf umwandte und ihr reizendes Gesicht zeigte, sah ich mit Freude, daß es niemand anders war als die Fee des Zaubergartens von Runnymede--Ellen.

         Wir hielten an, sie zu empfangen. Dick rief ihr einen herzlichen «Guten Morgen!» zu. Ich versuchte so lustig zu sein wie Dick, es gelang mir aber nicht. Ellens prächtiges, sonnengebräuntes Antlitz wurde durch ihr Erröten noch dunkler, als sie ihr Boot an das unsrige anlegte mit den Worten:

         «Sie sehen, Nachbarn, ich hegte einige Zweifel, ob Sie alle drei nach Runnymede zurückkommen und dort Aufenthalt nehmen würden. Und dann weiß ich nicht, ob wir nicht in acht oder vierzehn Tagen abwesend sind--mein Vater möchte einen Bruder im Norden besuchen, und ich will ihn nicht allein reisen lassen. So dachte ich Sie nie wieder zu sehen, und das war mir drückend--und deshalb kam ich Ihnen nach.»

         «Das freut uns alle recht sehr,» sagte Dick. «Was Klara und mich betrifft, so dürfen Sie versichert sein, daß wir noch einmal zu Ihnen gekommen wären--und auch ein zweites Mal, wenn wir Sie das erstemal nicht gefunden hätten. Aber, liebe Nachbarin, Sie sind ja allein in Ihrem Boot und haben kräftig gerudert--Sie ruhen sich gewiß gern etwas aus. Also teilen wir unsere Gesellschaft in zwei Hälften.»

         «Ja,» antwortete Ellen, «ich dachte mir schon, daß Sie das tun würden und brachte deshalb ein Steuerruder mit. Bitte, wollen Sie mir helfen, es einzuhängen?»

         Darauf stieß sie ihr Boot an unserer Seite entlang, bis sie das Steuer Dicks Hand nahe gebracht hatte. Er kniete in unserem Boot nieder und sie in dem ihrigen, und es folgten die üblichen Hantierungen, bis das Nuder an den Haken befestigt war.

         Während die zwei herrlichen, jungen Gesichter sich über das Steuer beugten, schienen sie mir sehr nahe zusammenzukommen, und obgleich es nur einen Augenblick dauerte, so durchzuckte mich doch ein Gefühl der Unruhe.

         Klara saß auf ihrem Platze und sah sich nicht um; doch jetzt sagte sie mit einem leisen Anflug von Schmerz in ihrer Stimme:

         «Wie wollen wir uns teilen? Willst du nicht in Ellens Boot gehen, Dick, weil du, ohne daß ich unseren Gast beleidigen will, der bessere Ruderer bist?»

         Dick stand auf und sagte, die Hand auf ihre Schulter legend: «Nein, nein, lassen wir den Gast versuchen, was er kann, er muß [p. 139] sich jetzt als Ruderer üben. Außerdem haben wir keine Eile, wir gehen nicht weit über Oxford hinaus, und selbst wenn die Nacht hereinbräche, so hätten wir den Mondschein, der uns genügendes Licht gewähren würde.»

         «Übrigens,» bemerkte ich, «kann ich mit meinem Nudern schon etwas mehr tun als nur verhindern, daß das Boot den Strom Hinuntergetrieben wird.»

         Alle lachten, als wäre das ein guter Spaß gewesen, und Ellens glockenreine Stimme klang mir aus dem fröhlichen Lachen hervor wie die lieblichste Musik.

         Um kurz zu sein, ich sprang lustig in Ellens Boot, nahm die Nuder und ging mit Macht an die Arbeit, um mich ein wenig zu zeigen. Denn--wozu es verschweigen?--mir schien, daß selbst diese glückliche Welt noch glücklicher dadurch würde, daß ich dem herrlichen Mädchen so nahe saß, obgleich sie, wie Ich gestehen muß, von allen Personen, die ich in der neuen Welt gesehen hatte, mir die fremdartigste war, am wenigsten ähnlich dem, was ich erwartet hätte.

         Die Sonne ging unter, als wir bei Oseney in die Nähe von Oxford kamen. Soweit man vom Fluß aus sehen konnte, fehlte natürlich keiner der Türme und Pfeiler der einst von dem reichen und scheingelehrten Faulenzertum so schwer heimgesuchten Stadt; allein die Wiesen ringsum, die zu meiner Zeit so arg verwahrlost waren, hatten ein prächtiges, üppiges Aussehen gewonnen.

         Eine Stunde weiter stromaufwärts kamen wir bei Mondschein wieder an eine kleine Stadt, wo wir in einem ziemlich menschenleeren Hause schliefen, dessen Bewohner fast alle auf den Heufeldern in Zellen übernachteten.

         Das Ende der Fahrt.

         Am nächsten Morgen brachen wir vor sechs Uhr auf, da wir immer noch zehn Stunden von unserem Ziele entfernt waren und Dick gerne vor einbrechender Dämmerung dort sein wollte. Die Fahrt war angenehm, wenn auch für die, welche die obere Themse nicht kennen, wenig darüber zu sagen ist. Ellen und ich waren wieder zusammen in ihrem Boote, obgleich Dick mich in das seine haben wollte und die beiden Frauen in das «grüne Spielzeug». Ellen gab dies jedoch nicht zu, sondern machte Anspruch auf mich als die interessanteste Person der Gesellschaft. «Nachdem wir so weit gekommen sind, will ich nicht jemanden zur Gesellschaft haben, der immer an eine andere Person denkt; der Gast ist die einzige Person, die mich ordentlich unterhalten kann. Ich meine das wirklich so,» sagte sie, sich nach mir umwendend, «ich habe das nicht nur aus Höflichkeit gesagt.»

         [p. 140] Klara errötete und sah sehr glücklich aus; ich dachte daran, wie sie Ellen fast gefürchtet hatte. Und ich, ich fühlte mich wieder jung, und wunderbare Hoffnungen meiner Jugend mischten sich mit der Freude an der Gegenwart, sie fast zerstörend und mich etwas wie Schmerz empfinden lassend.

         Als wir durch die Schlangenkrümmungen des nun rasch sich verengenden Flusses hinfuhren, sagte Ellen: «Wie mir dieser schmale Fluß gefällt, mir, die ich nur an die große Wasserfläche gewöhnt bin! Es scheint beinahe, als ob wir an jeder Windung anhalten müßten. Ehe der heutige Abend kommt, wird es mir klar geworden sein, was für ein kleines Land unser England ist, da wir so schnell an das Ende seines größten Flusses gelangen können.»

         «Die Themse ist nicht groß, aber schön.»

         «Ja, finden Sie es nicht auch schwer, sich in die Zeit zu versetzen, in der dieses schöne Land von seinem Volke so behandelt wurde, als wäre es eine häßliche Wüstenei--ohne Rücksicht auf seine liebliche Anmut, die der Pflege bedurfte--, ohne Acht auf den Wechsel der Jahreszeiten mit seinen stets neuen Wonnen, die Verschiedenheit des Bodens und auf alle sonstigen Reize unseres Heimatlandes. Wie konnten die Leute so grausam gegen sich selbst sein?»

         «Und gegeneinander,» fügte ich hinzu, und einem plötzlichen Entschluß nachgebend, fuhr ich fort: «Liebe Nachbarin, ich will Ihnen offen sagen, daß ich mich leicht in diese schlechte Zeit versetzen kann, weil ich selber ein Teil von ihr war. Ich sehe, daß Sie etwas Derartiges gedacht haben, und ich bin überzeugt, daß Sie mir glauben werden, was ich Ihnen sage; ich brauche Ihnen also nichts zu verhehlen.»

         Sie schwieg einige Augenblicke und antwortete dann: «Mein Freund, Sie haben richtig erraten, und ich will gestehen, daß ich Ihnen von Runnymede aus gefolgt bin, um einige Fragen an Sie zu richten: denn ich sah, daß Sie nicht zu uns gehörten. Dies interessierte mich und gefiel mir, und ich wünschte Sie so glücklich wie möglich zu machen. Offengestanden, es war einige Gefahr dabei,» sagte sie errötend, «ich meine in bezug auf Dick und Klara, denn jetzt, da wir so gute Freunde sind, kann ich sagen, daß selbst unter uns, wo es so viele schöne Frauen gibt, ich öfters den Männern verhängnisvoll geworden bin. Das war einer der Gründe, warum ich mit meinem Vater allein in Runnymede wohnte. Es half jedoch nichts, die Leute kamen uns dorthin nach--der Ort ist doch keine Einöde--, und man scheint mich um so anziehender zu finden, weil wir allein leben, und man hat ganze Geschichten über mich erzählt. Doch genug davon. Heute abend oder morgen früh werde ich Ihnen einen Vorschlag machen, dessen Annahme mir selber lieb fein und Ihnen, denke ich, nicht wehe tun wird.»

         [p. 141] Ich fiel ihr eifrig ins Wort und sagte, daß ich alles auf der Welt für sie zu tun bereit fei. Und in der Tat, trotz meiner Jahre und den allzu sichtbaren Spuren derselben--obgleich das Gefühl der Jugendlichkeit, wie ich hoffen will, keine vorübergehende Empfindung war--fühlte ich mich unsagbar glücklich in der Gesellschaft dieses entzückenden Mädchens, und ich war geneigt, ihre Bekenntnisse für mehr zu halten, als sie vielleicht waren.

         Sie lachte, blickte mich aber sehr freundlich an.

         «Nun, für den Augenblick,» sagte sie, «wollen wir es dabei belassen, denn ich will mir das neue Land, durch das wir kommen, genau betrachten. Ich hatte keine Vorstellung von den Reizen dieser Gegend. Die Kleinheit der Maßverhältnisse, die Kürze der Windungen des Flusses und der rasche Wechsel der Ufer--das gibt einem das Gefühl, als komme man zu etwas Außergewöhnlichem, zu einem Abenteuer, was ich auf einem größeren Flusse niemals in diesem Maße empfunden habe.»

         Ich schaute entzückt zu ihr auf, denn in ihrer Stimme, die gerade das aussprach, was ich dachte, schien Zärtlichkeit gegen mich zu liegen. Sie begegnete meinen Blicken, und unter der dunklen Haut errötend, erwiderte sie: «Mein Freund, ich muß Ihnen sagen, daß mein Vater, wenn er in diesem Sommer die Themse verläßt, mich an einen Ort nahe dem Römerwall bei Cumberland mitnehmen wird. Dieser Ausflug ist mein Lebewohl an den Süden. Ich ziehe nun nicht gern von einem Orte zum anderen: man gewöhnt sich so hübsch an alle Einzelheiten der Gegend um uns herum--sie wächst mit dem eigenen Leben so harmonisch und glücklich zusammen, daß es stets Schmerz macht, wenn man sich davon trennen muß. Aber in dem Lande, aus dem Sie kommen, gilt eine solche Anschauung wohl für kleinlich und langweilig, und vielleicht bekommen Sie deshalb eine schlechte Meinung von mir?»

         Sie lächelte mich holdselig an, und ich beeilte mich, ihr zu antworten:

         «O nein, in der Tat, Sie sprechen nur meine Gedanken aus. Ich hatte jedoch kaum erwartet, daß Sie so sprechen würden. Aus allem, was ich höre, geht mir hervor, daß man hier in Ihrem Lande den Aufenthaltsort sehr oft wechselt.»

         «Nun ja,» erwiderte sie, «die Leute können sich frei bewegen, allein mit Ausnahme von Vergnügungsreisen--besonders zur Zeit der Heuernte, wie es jetzt der Fall--glaube ich nicht, daß die Leute ihren Aufenthaltsort wechseln. Ich gebe zu, daß auch ich nicht die Gewohnheit habe, immer zu Hause zu bleiben, wie ich es ja jetzt beweise, und ich möchte sehr gerne mit Ihnen durch den ganzen Westen gehen--und an nichts denken,» fügte sie mit bezauberndem Lächeln hinzu.

         [p. 142] Um meine Gefühle zu verbergen, griff ich kräftig in die Nuder; das Boot schoß pfeilschnell vorwärts.

         Trotz meiner lebhaften Zuneigung zu Ellen und trotz der in mir aufsteigenden Sorge, wohin sie mich führen würde, konnte ich doch nicht umhin, den Fluh und seine Ufer mit großem Interesse zu beobachten--um so mehr, als ich sah, daß auch sie das wechselnde Bild mit nicht ermüdendem Anteil in sich aufnahm. Sie betrachtete jedes Fleckchen des blumigen Ufers, jeden gurgelnden Wirbel der silbernen und goldenen Flut mit derselben wonnigen Lust, wie ich mich erinnerte, es einst getan zu haben; wie ich es jetzt wieder tat in dieser merkwürdig veränderten Welt mit all ihren Wundern. Ellen schien die lebhafteste Freude an meinem Vergnügen zu haben. Und ich, ich konnte mich nicht satt sehen an der liebevollen Pflege, die dem prächtigen Flusse und seinen freundlichen Ufern überall zuteil geworden, wie alles auf Schönheit und frohen, heiteren Lebensgenuß abzielte, so daß auch das Nützliche den Stempel der Schönheit trug.

         Endlich gelangten wir an eine Krümmung des Flusses, wo auf der einen Seite neben einem Saumpfad ein ziemlich hohes Ufer hinter dichtem, flüsterndem Schilfrohr hervorwinkte; und auf der anderen Seile ein noch höheres Ufer, ganz bedeckt mit Weiden, deren Zweige in den Strom herabhingen, und mit majestätischen Ulmen, welche die Weiden überragten. Wir sahen jetzt helle Gestalten sich hin und her bewegen, als wenn sie etwas suchten, was in der Tat auch der Fall war, und wir, das heißt Dick und seine Begleiterin, wir waren es, was sie suchten. Dick legte seine Nuder hin, und ich folgte seinem Beispiel. Er stieß einen Freudenruf aus, der vielstimmig beantwortet wurde--es waren ungefähr ein Dutzend Männer, Frauen und Kinder dort versammelt. Eine große hübsche Frau mit schwarzem, wallendem Haar und tiefliegenden grauen Augen kam heran, drückte uns freundlich die Hand und sagte:

         «Mein Freund Dick, wir hätten beinahe auf Sie warten müssen! Warum haben Sie uns nicht überrascht? Sie konnten recht gut einen Tag früher kommen!»

         «Oh,» antwortete Dick mit einer kaum merklichen Kopfbewegung nach unserem Boote hin, «wir wollten nicht zu rasch hinauffahren, es gibt hier für die, welche noch nicht da waren, sehr viel zu sehen.»

         «Das ist wahr,» sagte die stattliche Dame mit einem freundlichen Blicke auf uns. «Aber jetzt kommen Sie sofort ans Ufer, Dick, und auch Sie, liebe Nachbarin, hier ist eine freie Stelle in dem Schilf und gerade um die Ecke herum ein guter Landungsplatz. Wir können Ihre Sachen hinauftragen oder einen der Jungen damit beauftragen.»

         [p. 143] «Nein, nein,» sagte Dick, «es geht leichter zu Wasser. Außerdem möchte ich meinen Freund hier an den richtigen Platz bringen, von wo aus er schnell zum alten Bauernhaus gelangen kann, das er sehen muß. Wir wollen bis zur Furt fahren: Sie können vom Ufer aus mit uns plaudern, während wir rudern.»

         Er zog seine Nuder durch das Wasser, und weiter ging’s; wir machten eine scharfe Wendung nordwärts. Eine Ulmenpflanzung zeigte uns an, daß ein Zaus in der Nähe sein müsse, wenn ich auch vergeblich nach den Mauern ausschaute. Während wir ruderten, sprachen die Leute am Ufer mit uns, und ihre freundlichen Stimmen vermischten sich mit dem Rufe des Kuckucks, dem melodisch kräftigen Schlage der Amsel und dem unermüdlichen Lockruf des Wachtelkönigs. Und von dem Mähfeld entsandten uns der blühende Klee und das balsamische Gras würzige Duftwellen.

         In wenigen Minuten hatten wir die Bucht durchschnitten und unser Boot auf einen schneeweißen Strand von Kalksteinkies getrieben: wir stiegen ans Land in die Arme unserer Freunde vom oberen Fluß. Die Fahrt war beendet.

         Ich machte mich von der fröhlichen Menge los, stieg zu dem Fahrweg auf, der einige Fuß über dem Wasser den Fluß entlang lief, und blickte um mich. Der Fluß strömte durch eine breite Wiese, der das nun reifende Gras einen braungrauen Farbenton verlieh: hinter der Wiese konnte ich zu meiner Linken die Giebel eines Baues sehen, und zwar da, wo die Schleuse sein mußte, zu der, wie es schien, jetzt eine Mühle gehörte. Ein Waldrücken begrenzte die Flußebene im Süden und Südosten, woher wir gekommen waren: ihm zu Füßen und auf seinem Abhang lagen mehrere niedrige Häuser. Ich wandte mich nun ein wenig rechts, und durch die Hagedornbüsche und die langen Schößlinge der wilden Rosen konnte ich das weite Blachfeld überschauen, das sich vor mir ausdehnte, bis eine Hügelreihe mit grünen Schaftriften den Blick aufhielt. Die Ulmenzweige vor mir verbargen noch, was alles an Häusern hier sein konnte; nur zur Rechten des Fahrwegs bemerkte ich hier und da einige einfache graue Gebäude.

         Hier blieb ich in träumerischer Stimmung stehen und rieb mir die Augen, als ob ich nicht ganz wach wäre und halb und halb erwartete, daß die lustige, buntgekleidete Schar hübscher Männer und Frauen in zwei oder drei dünnbeinige, verkrüppelte Männer und zerlumpte, hohläugige, häßliche Frauen sich verwandeln müßte, wie sie einstmals den Boden dieses Landes mit ihren schweren genagelten Schuhen Tag für Tag, Sommer und Winter, Frühling und Herbst, Jahr für Jahr traten, schwer, gedrückt, hoffnungslos. Aber keine Verwandlung vollzog sich, und mein Herz schwoll vor Freude, als ich an all die schönen ehrwürdig-grauen Dörfer dachte, [p. 144] die sich von dem Flusse nach der Ebene zum Hochland zogen und die ich mir so gut vorstellen konnte und die alle jetzt von diesen glücklichen, liebenswürdigen Menschen bewohnt waren, welche den falschen Mammon weggeworfen und wirklichen Reichtum erlangt hatten.

Ein altes Haus unter neuen Menschen.

         Als ich so dastand, trennte Ellen sich von unseren glücklichen Freunden, die noch am Strande waren, und kam herauf zu mir. Sie ergriff meine Hand und sagte sanft: «Nehmen Sie mich sofort mit, wir brauchen nicht auf die anderen zu warten: ich möchte lieber gleich gehen.»

         Ich wollte sagen, daß ich den Weg gar nicht kenne und daß die Flußanwohner uns führen sollten, aber halb unwillkürlich bewegten sich meine Füße auf der ihnen bekannten Straße fort. Der ebene Weg führte uns auf ein kleines Feld, das auf der einen Seite von einem toten Arm des Flusses begrenzt war. Rechts sahen wir mehrere kleine Häuser, neue und alte, und vor uns eine Scheune von grauem Stein und eine stellenweise mit Efeu überwachsene Mauer, über der einige graue Giebeldächer sich zeigten. Die Dorfstraße führte nach dem seichten Ende des besagten Fluß-armes. Wir kreuzten die Straße, und unwillkürlich drückte ich die Klinke des Mauerpförtchens auf, und wir befanden uns auf einem gepflasterten Fußweg zu dem alten Hause, zu welchem mich das Schicksal so merkwürdig in dieser neuen Welt der Menschen gebracht hatte.

         Meine Begleiterin stieß einen Ruf freudiger Überraschung aus, und ich konnte mich darüber nicht wundern, denn der Garten zwischen der Mauer und dem Haus war ganz erfüllt von dem Duft der Juniblumen; die Rosen hingen bündelweise aneinandergedrängt da in jener köstlichen Überfülle, die in wohlgepflegten kleinen Gärten zu finden ist und beim ersten Anblick in dem Beschauer das Gefühl der Schönheit erweckt. Die Amseln schlugen in ihren hellsten und schmelzendsten Glockentönen, die Tauben girrten auf dem Dachfirst, die Krähen schwatzten und zankten sich hoch über uns in den Zweigen der mächtigen Ulmen, und die Mauerschwalben schossen mit klagendem Laut um die Giebel herum. Und für all diese Schönheit des Mittsommers war das alte Haus wohl der geeignete Wächter und Hüter.

         Wieder einmal gab Ellen meinen Gedanken Ausdruck, indem sie sagte: «Ja, Freund, das ist’s, was ich sehen wollte. Dieses vielgieblige alte Haus, das die einfachen Landleute längstvergangener Zeit gebaut haben, ohne sich zu kümmern um all den Lärm der Städte und der Höfe, es ist noch heute anziehend und lieblich, und [p. 145] alle Schönheit und Pracht, welche wir in späteren Tagen geschaffen, tun seinem Reiz keinen Abbruch. Ich begreife, daß unsere Freunde es sorgfältig pflegen und viel darauf halten. Mir ist, als hätte es auf diese glückliche Zeit gewartet und in feinem Schoße die aufgesammelten Krumen von Glück aus einer wirren und stürmischen Vergangenheit sorgsam bewahrt.»

         Sie führte mich dicht an das Haus, legte ihren schöngeformten, sonnegebräunten Arm auf die mit Moos und Flechten bewachsene Mauer, als wollte sie dieselbe umarmen, und rief aus: «Oh, wie liebe ich die Erde, die Jahreszeiten, Sonnenschein und Regen und alles, was dazu gehört, und alles, was daraus entsteht!»

         Ich konnte ihr nicht antworten, überhaupt kein Wort sagen. Ihr Jubel und ihre Begeisterung waren so lebhaft und so hinreißend, ihre Schönheit, so zart und doch so kraftvoll und gesund, brachte ihre Begeisterung zu so vollendetem Ausdruck, daß jedes hinzugefügte Wort unnütz und ein Gemeinplatz gewesen wäre. Ich fürchtete, die anderen würden plötzlich kommen und den Zauber brechen, in dem sie mich gebannt hielt; aber wir standen eine Zeit-lang unter dem großen Giebeldach, ohne daß jemand nahte. In einiger Entfernung hörte ich fröhliche Stimmen und wußte, daß die Freunde jetzt den Fluß entlang nach der großen Wiese hinter dem Hause gingen.

         Wir traten etwas zurück und sahen hinauf nach dem Hause. Türen und Fenster waren offen, um die balsamische, sonnengeläuterte Luft einzulassen. Von den oberen Fenstergesimsen hingen Blumengewinde zu Ehren des Festes herab, ein Zeichen, daß die anderen unsere Liebe zu dem alten Hause teilten.

         «Kommen Sie herein,» sagte Ellen, «ich will hoffen, daß im Innern noch alles unverändert ist, ich glaube es aber nicht. Kommen Sie, wir müssen sofort zu den anderen zurückkehren. Sie sind in die Zelte gegangen, denn sicher haben sie Zelte für die Heuschnitter aufgeschlagen, das Haus kann nicht ein Zehntel der Leute beherbergen.»

         Sie geleitete mich zur Haustür und murmelte kaum hörbar vor sich hin: «Die Erde und was auf der Erde wächst und das Leben der Erde--oh! könnte ich nur aussprechen und kundtun, wie ich sie liebe!»

         Wir traten ein und begegneten keiner Seele, als wir ein Zimmer nach dem anderen durchwanderten, von der rosengeschmückten Vorhalle an bis hinauf zu den seltsamen winkligen Stäbchen--unter den mächtigen Dachbalken, wo früher die Hirten und Feldarbeiter des Ritterguts geschlafen hatten, jetzt aber, den kleinen Betten und den nutz- und wertlosen, in Unordnung herumliegenden Dingen: verwelkten Blumen, Vogelfedern, Schalen von Specht- [p. 146] eiern und »dergleichen mehr nach zu urteilen, augenscheinlich Kinder einquartiert waren.

         überall waren nur die notwendigsten Möbel, und diese von den einfachsten Formen. Die große Vorliebe für Schmuck, die ich sonst bei diesem Volke bemerkt hatte, schien hier dem Gefühl gewichen zu sein, daß das Haus selbst mit seinen Beziehungen und Überlieferungen der Schmuck des Landlebens sei, inmitten dessen es als ein Überbleibsel aus alter Zeit gestrandet war, und daß es neu zu schmücken nur bedeutet hätte, ihm seinen Wert, als einem Stück natürlicher Schönheit, zu nehmen. Wir ließen uns zuletzt in einem Zimmer über der Mauer nieder, an welche Ellen sich mit solchem Behagen angeschmiegt hatte. Die Wände waren noch mit den alten Tapeten bekleidet, die keine künstlerischen Ansprüche machen konnten, durch das Alter jedoch einen angenehmen Ton bekommen hatten, der sehr gut zu der Ruhe des Hauses stimmte und durch auffallende Pracht schlecht ersetzt worden wäre. Während wir dasaßen, richtete ich einige vom Augenblick eingegebene Fragen an Ellen, hörte jedoch kaum auf ihre Antworten und versank in Schweigen, fast alles vergessend, was mich umgab, mir nur noch bewußt, daß ich in dem alten Zimmer mich befand und daß die Tauben von den Dächern heruntergirrten.

         Meine Gedanken kehrten mir nach wenigen Minuten zurück--ich glaube nicht, daß es länger war, obgleich mir damals in meinem wachen Traume die Zeit viel länger erschien, während ich Ellen vor mir sitzen sah, strahlend von Schönheit und Lebenslust und um so frischer und blühender, weil sie von der verblaßten Tapete mit ihren toten Farben und Bildern sich abhob. Sie sah mich mit ihren blitzenden Augen an, als wollte sie mir ins tiefste Innere schauen, und sagte: «Sie beschäftigen sich wieder mit dem Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart, nicht wahr?»

         «Ja,» erwiderte ich. «Ich dachte darüber nach, was aus Ihnen, bei Ihren Fähigkeiten, Ihrer Intelligenz, verbunden mit Ihrer Liebe zum Vergnügen und Ihrem Zorn über unvernünftige Einschränkung, in jener vergangenen Zeit wohl geworden wäre. Und selbst jetzt, nachdem alles schon längst erreicht ist, wendet das Herz sich mir herum bei dem Gedanken an die entsetzliche Vergeudung von Leben, die so viele, viele Jahre gedauert hat.»

         «So viele, viele Jahrhunderte,» sagte sie ernst.

         «Das ist wahr, nur zu wahr,» stimmte ich bei und verfiel wieder in Schweigen.

         Sie erhob sich: «Kommen Sie, ich darf Sie nicht sobald wieder Ihren Träumen überlassen. Müssen wir Sie verlieren, so möchte ich doch, daß Sie alles sehen, was Sie sehen können, bevor Sie zurückgehen.»

         [p. 147] «Mich verlieren?» fragte ich, «zurückgehen? Will ich nicht mit Ihnen hinauf nach dem Norden gehen? Was wollen Sie damit sagen?»

         Sie lächelte fast traurig. «Nicht jetzt, wir wollen jetzt nicht davon sprechen. Woran dachten Sie gerade eben?»

         Zögernd erwiderte ich: «Ich sagte zu mir selbst: Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart? Hätte ich nicht richtiger sagen müssen: Gegensatz zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen blinder Verzweiflung und Hoffnung?»

         «Ich wußte es,» sagte sie. Darauf meine Hand ergreifend, fuhr sie erregt fort: «Kommen Sie, solange es noch Zeit ist!» Und sie führte mich aus dem Zimmer. Während wir die Treppe hinab und durch eine kleine Seitentür der Vorhalle in den Garten gingen, sagte sie mit einer ruhigen Stimme, die ihre Erregtheit vergessen machen sollte: «Kommen Sie, wir wollen uns den anderen anschließen, ehe sie herkommen, um uns zu suchen. Lassen Sie mich Ihnen sagen, mein Freund, daß Sie nur zu geneigt sind, in träumerisches Nachdenken zu verfallen, zweifellos weil Sie an unser Leben der Ruhe mit Tatkraft, der Arbeit, welche Vergnügen, und des Vergnügens, welches Arbeit ist, noch nicht gewohnt sind.»

         Sie hielt etwas ein, und als wir wieder in dem lieblichen Garten waren, fuhr sie fort: «Mein Freund, Sie wollten wissen, was aus mir geworden wäre, wenn ich zu jener Zeit der Wirrnisse und der Unterdrückung gelebt hätte. Ich glaube, daß ich die Geschichte genug studiert habe, um dies zu wissen. Ich wäre eine der Armen gewesen, denn mein Vater war, als er noch arbeitete, nur ein einfacher Landmann. Wohlan, ich hätte das nicht ertragen können, deshalb wäre meine Schönheit, mein Witz und mein Verstand (sie sagte das ohne zimperliches Erröten falscher Scham) an reiche Männer verkauft worden, und mein Leben wäre in der Tat vergeudet gewesen. Ich weiß, daß mir keine Mahl, keine freie Verfügung über mein Leben geblieben wäre und daß ich von den Reichen niemals ein Vergnügen erkauft oder auch nur Gelegenheit zum Handeln erlangt hätte, wodurch mir eine echt menschliche Anregung geworden wäre. Ich wäre auf die eine oder andere Art zugrunde gegangen, entweder an Armut oder an Überfluß.»

         «So ist’s in der Tat,» erwiderte ich.

         Sie wollte noch etwas sagen, als ein kleines Pfortchen am Zaun, das auf ein kleines, von Ulmen beschattetes Feld führte, geöffnet wurde und Dick mit fröhlichem Übermut eiligen Schrittes herankam und im Nu zwischen uns stand, jedem von uns eine Hand auf die Schulter legend mit den Worten: «Nun, Nachbarn, was sagen Sie zu dem alten Hause? Ist es in seiner Art nicht ein [p. 148] Schmuckkästchen? Kommt jetzt aber mit, es ist Zeit für das Mittagsmahl. Vielleicht möchten Sie, Gast, vorher ein Schwimmbad nehmen, ehe wir uns zu Tische setzen, ich glaube, das Fest wird ziemlich lange dauern.»

         «O ja,» antwortete ich, «ein Bad wäre mir sehr angenehm.» «Also verabschiede ich mich für den Augenblick, Nachbarin Ellen,» sagte Dick. «Hier kommt Klara, die Sie begleiten wird; sie ist unter den hiesigen Freunden wohl mehr zu Hause als Sie.» Inzwischen war Klara herangetreten. Ich folgte Dick, nachdem ich noch einen Blick auf Ellen geworfen hatte, einen traurig sehnsuchtsvollen Blick. Und um die Wahrheit zu sagen, ich zweifelte, ob ich sie je wiedersehen würde.

Der Anfang des Festes--das Ende.

         Dick führte mich fort nach dem kleinen Felde, das mit hübschen buntfarbigen, in Reihen geordneten Zelten bedeckt war, um welche herum Männer, Frauen und Kinder saßen oder gelagert waren, alle vergnügt und in bester Laune, in richtiger Feiertagsstimmung.

         «Sie meinen wohl, daß wir mit unserer Zahl keinen sonderlichen Staat machen können?» sagte Dick. «Sie müssen aber bedenken, daß wir morgen mehr sein werden. Bei dem Heumachen ist für viele Platz, die sonst nicht besonders geschickt zur Feldarbeit sind. Und viele führen eine sitzende Lebensweise, und es wäre sehr unfreundlich, wollte man sie des Vergnügens der Heuernte berauben. Es sind dies meist Männer der Wissenschaft, eifrige Kopfarbeiter, und so kommt es, daß die geübten Arbeiter mit Ausnahme der nötigen Mäher und Aufseher beim Heumachen zurücktreten und sich etwas ausruhen, was sehr gut für sie ist, einerlei, ob es ihnen gefällt oder nicht. Manchmal gehen sie auch woanders hin, wie ich es jetzt hier gemacht habe. Sie sehen, daß die Männer der Wissenschaft, die Geschichtschreiber und Gelehrten, nicht eher verlangt werden, als bis wir mitten im Binden sind, was erst übermorgen sein wird.»

         Nun gingen wir aus dem kleinen Felde auf einem gepflasterten Wege über die Wiese und von da links auf einem schmalen Pfade durch das der Sense harrende hohe und üppige Gras, bis wir hinter dem Wehr und der Mühle an den Fluß kamen. Hier hatten wir ein köstliches Schwimmbad in dem breiten Wasser über der Schleuse, wo der Fluß, weil durch das Wehr gestaut, viel größer erschien, als er in Wirklichkeit war.

         «Nun sind wir in der geeigneten Stimmung für das Mittagessen,» sagte Dick, als wir uns wieder angekleidet hatten und durch das Gras zurückgingen. «Von allen fröhlichen Mahlen, die wir [p. 149] im Jahre haben, ist dieses gewiß das fröhlichste, selbst die Kornernte nicht ausgenommen, denn mit ihr gehen auch die Tage wieder abwärts, und man kann sich trotz aller Lustigkeit des Gedankens an die kommenden trüben Tage, an die Stoppelfelder und leeren Gärten nicht erwehren. Und dann ist im Herbst auch die Zeit, wo man an den Tod erinnert wird.»

         «Wie sonderbar Sie von etwas sprechen, das sich beständig wiederholt und demgemäß etwas Alltägliches ist wie der Wechsel der Jahreszeiten,» sagte ich in der Tat waren diese Leute in solchen Dingen wie die Kinder, bekundeten ein nach meinen Begriffen übertriebenes Interesse für das Wetter, für schöne Tage, dunkle oder helle Nächte und dergleichen.

         «Sonderbar?» fragte er. «Ist es eigentümlich, an dem Jahr mit seinem Gewinn und seinen Verlusten warmen Anteil zu nehmen?»

         «Jedenfalls aber müßte,» erwiderte ich, «wenn Sie den Verlauf des Jahres als ein schönes und interessantes Drama betrachten, der Winter mit seiner Mühe und Härte Ihnen ebenso interessant und angenehm sein wie diese herrliche Pracht des Sommers.»

         «Und ist er das nicht?» rief Dick warm aus. «Ich kann ihn nur nicht so betrachten, als ob ich im Theater säße, dem Spiele zusähe, ohne selber teil daran zu nehmen. Es ist schwer», und er lächelte, «für einen Mann wie ich, der ich kein Schriftgelehrter bin, mich so deutlich zu erklären, wie es die liebe Ellen tun würde; aber ich meine, daß ich ein Teil des Ganzen bin und deshalb sowohl alle Freuden wie alle Schmerzen auch in meiner Person empfinde. Niemand anders tut dies für mich, damit ich bloß zu essen, zu trinken und zu schlafen brauche, ich mutz selbst meine Zeit dazu verwenden und tätig sein.»

         Ich sah hieraus, daß Dick in seiner Art wie Ellen in der ihren die Erde leidenschaftlich liebte, was in der früheren Zeit, soweit ich sie kannte, nur bei wenigen der Fall war, während unter den sogenannten gebildeten Leuten ein sauertöpfisches Gefühl der Verachtung für das wechselnde Schauspiel des Jahres sowohl wie für das Leben der Erde und den Anteil der Menschen an ihm vorherrschte. Hielt man es doch in jenen Tagen für poetisch und feinsinnig, das Leben mehr als etwas zu betrachten, das man erdulden muß, anstatt als etwas, dessen man sich erfreut.

         Solche Gedanken beschäftigten mich, bis ich durch Dicks Lachen wieder auf das Heufeld zurückgerufen ward. «Eins kommt mir sonderbar vor,» sagte er, «das ist, daß ich mich über den Winter und seine Armut inmitten des Sommers und seines Überflusses beunruhige. Wäre mir der Gedanke nicht schon früher gekommen, so hätte ich denken können, er wäre durch Sie hervorgerufen. Sie hätten einen bösen Einfluß auf mich ausgeübt. Doch Sie begreifen,» [p. 150] lenkte er plötzlich ein, «es ist nur ein Scherz, Sie müssen es sich nicht zu Herzen nehmen.»

         «Schon recht,» erwiderte ich, «ich nehme es mir auch nicht zu Herzen.» Doch fühlte ich mich bei seinen Worten etwas unbehaglich.

         Wir überschritten den gepflasterten Weg, wandten uns aber nicht dem Hause zu, sondern bogen in einen Fußpfad neben einem Weizenfeld, das in Blüte stand. Ich fragte: «Wir speisen also nicht in dem alten Hause oder dem Garten? Ich sehe, daß die sonst vorhandenen Häuser meistens sehr klein sind.»

         «Ja, Sie haben recht,» sagte Dick, «in dieser Gegend sind sie sehr klein; es sind noch so viele Leute vorhanden, die einen großen Teil des Jahres in diesen kleinen abgesonderten Häuschen wohnen. Was das Mahl betrifft, so haben wir unser Fest in der Kirche. Sie ist gleichfalls klein, aber sie wird uns alle fassen.»

         Ein Mittagsmahl in der Kirche war etwas Neues für mich, und ich dachte an die Kirchenschenken des Mittelalters. Wir gelangten jetzt auf die Straße, die durch das Dorf führte. Dick sah sich um, und da er nur zwei kleine dahinschlendernde Gruppen bemerkte, sagte er: «Es scheint, daß wir etwas spät kommen, sie sind alle vorangegangen, allein sie werden auf Sie, als den Gast der Gäste, gewiß warten, weil Sie von so weit herkommen.»

         Er beschleunigte seine Schritte, ich natürlich auch, und bald hatten wir eine kleine Lindenallee erreicht, die zur Kirche führte, aus deren geöffnetem Tor der Klang fröhlicher Stimmen und heiteres Lachen uns entgegentönte. «Ja,» sagte Dick, «das ist wenigstens der kühlste Platz heute abend. Kommen Sie mit, man wird sich freuen, Sie zu sehen.»

         Mir ward etwas beklommen. Trotz meines Bades schien mir die Luft schwüler und drückender als an irgendeinem unserer Reisetage.

         Wir traten in die Kirche. Es war ein einfaches, kleines Gebäude mit nur einem Längsschiff, einem Chor und einem für einen so kleinen Bau ziemlich geräumigen Querschiff, die Fenster fast alle in dem reizenden Stil des vierzehnten Jahrhunderts. Kein moderner Schmuck war an den Wänden bemerkbar; sie sahen aus wie am Tage, nachdem die Puritaner die mittelalterlichen Heiligen und Heiligengeschichten weiß überstrichen hatten. Trotzdem war die Kirche für diese Festtage freundlich mit Blumengewinden verziert, die von Bogen zu Bogen sich wiegten, und mit großen Vasen voll Blumen, die rundherum am Boden standen; und unter dem Westfenster hingen zwei gekreuzte Sensen, deren blank-geschliffene Klingen aus den sie umschlingenden Blumen hervorglänzten. Der beste Schmuck der Kirche waren aber die vielen [p. 151] schönen, glücklich aussehenden Männer und Frauen, die sich an dem Tische niedergelassen hatten und mit ihren heiteren Gesichtern und dem üppigen Haar über den freundlichen Feiertagskleidern einem «Tulpenbeet in der Sonne» glichen, wie der persische Dichter sich ausdrückt. Obgleich die Kirche klein war, bot sie doch Raum genug, denn auch eine kleine Kirche ist schon ein großes Haus, und an diesem Abend brauchte man noch keine Tische in das Kreuzschiff zu setzen; freilich, den nächsten Tag wird man wohl noch einmal so viel Plätze brauchen, wenn die Gelehrten von Oxford kommen, um ihr bescheidenes Maß von Arbeit zur Heuernte beizutragen.

         Ich stand auf der Schwelle mit dem erwartungsvollen Lächeln eines Mannes, der im Begriff ist, sich an dem Fest zu beteiligen, das für ihn ganz neue Genüsse darzubieten hatte. Dick, der neben mir stand, sah sich in der Gesellschaft mit einer Miene um, die besagte, daß er sich hier zu Hause fühle. Mir gegenüber standen Klara und Ellen. Sie lächelten, ihre lieblichen Gesichter waren jedoch dem Nachbar an ihrer Seite zugewandt, mit dem sie auch sprachen; mich schienen sie nicht zu bemerken. Ich wandte mich zu Dick, erwartend, daß er mich voranführen werde, und er wandte mir auch sein Gesicht zu; allein seltsam; so heiter und fröhlich er lächelte wie immer--er beantwortete nicht meinen Blick--, Dick schien meine Gegenwart gar nicht zu beachten, und ich bemerkte, daß niemand von der Gesellschaft nach mir sah.

         Ein heftiger Schmerz durchzuckte mich, als wenn ein lang erwarteles Unglück sich plötzlich erfüllt hätte. Dick ging etwas weiter vor, ohne mir ein Wort zu sagen. Ich war keine zehn Schritte von den Frauen entfernt, die, obgleich sie nur kurze Zeit meine Gefährtinnen gewesen, doch, wie ich hoffte, meine Freundinnen geworden waren. Klara wandte mir ihr Gesicht nun voll zu, doch auch sie schien mich nicht zu sehen, trotzdem ich ihre Augen durch einen fragenden und flehenden Blick auf mich zu lenken suchte. Nun schaute ich nach Ellen, sie schien mich einen Moment zu erkennen, ihr strahlendes Gesicht wandte sich aber sofort traurig ab und schüttelte den Kopf mit einem trüben Blick. Ich fühlte mich unbeschreiblich elend und verlassen. Eine Minute zögerte ich noch, dann drehte ich mich um und ging zurück durch die Vorhalle und die Lindenallee auf die Straße, während die Amseln aus den Büschen über mir mit der Vollkraft ihrer melodischen Stimmen in den heißen Juniabend hineinsangen.

         Noch einmal wandte ich unwillkürlich das Gesicht nach dem alten Hause an der Furt; als ich aber um die Ecke bog, begegnete ich einer Gestalt, die in grellem Gegensatz zu den vergnügten, schönen Menschen stand, die ich in der Kirche zurückgelassen hatte. Es war [p. 152] ein alter Mann. Sein Gesicht war gefurcht, häßlich und schmutzig, die Augen matt und triefend; der Körper gebeugt, die Beine dünn, krumm und schlotterig, der Gang schleppend und kraftlos; die Kleider ein Gemisch von Schmutz und Lumpen, das mir nur zu wohlbekannt war. Als ich vorüberging, griff er grüßend und unter-würfig an seinen Hut.

         Voll Widerwillen und Ekel eilte ich vorüber, dem Flusse und dem Ende des Dorfes zu, allein plötzlich war es, als ob eine schwarze Wolke auf mich zurollte wie ein gräßliches Traumbild aus meinen Kinderjahren, und eine Zeitlang wußte ich weiter nichts, als daß ich im Dunkeln war und nicht sagen konnte, ob ich ging, saß oder lag.

* * *

         Ich lag in meinem Bett, in meinem Hause, in dem schmutzigen Hammersmith, und dachte über alles nach. Ich versuchte mir klar darüber zu werden, ob mich nicht die Verzweiflung überwältigen werde, wenn ich fände, daß ich nur geträumt hätte; und sonderbar, ich fand, daß ich gar nicht so verzweifelt war.

         War es ein Traum? Und wenn es einer war, warum hatte ich die ganze Zeit das Bewußtsein, dieses neue Leben zu sehen, zu genießen--als ein Zuschauer, der noch in den Vorurteilen, den Befürchtungen und dem Mißtrauen dieser Periode des Kampfes und des Zweifels befangen ist?

         Obgleich die Freunde jener Zeit für mich so wirklich, so persönlich waren, so halte ich doch die ganze Zeit das Gefühl gehabt, daß ich unter ihnen eigentlich nichts zu tun hatte, daß der Augenblick kommen müsse, wo sie mich verstoßen und das aussprechen würden, was Ellens letzter trauriger Blick zu sagen schien:

         «Nein, es geht nicht, du kannst keiner der Unsrigen sein, du gehörst so vollständig dem Elend der Vergangenheit an, daß selbst unser Glück dich ermüden würde. Gehe zurück, du hast uns nun gesehen, und deine äußeren Augen haben gelernt, daß trotz aller unfehlbaren Lehrsätze deiner Tage doch noch eine Zeit des Glückes für die Welt in Aussicht ist--eine Zeit, die kommen wird, wenn es nur noch Menschen und keine Herren und Knechte mehr gibt--nicht früher. Gehe deshalb wieder zurück, und solange du lebst, ringe mit all deiner Kraft für die Gleichheit der Menschen und schichte Stein auf Stein zu dem großen Bau der Genossenschaft des Friedens und des Glückes.»

         Ja, so soll es sein! Und wenn andere die neue Welt sehen können, wie ich sie gesehen habe, dann kann man, was ich erlebte, eher ein Gesicht nennen als einen Traum.